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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-04-26 · 17 (26.4.1901) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
17 (26.4.1901)
Date
1901-04-26
Page
– (sequence 14)
Language
German
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--»«'--»»-»-n«'..-» gsaffwaia Seite LS8 Dr. Vwch's Wochenschrlst. Nr. 17 ist eine wissenschaftliche Beilage beigegeben: Die ältesten Phasen in der Entwicklung der jüdischen Predigt, von Dr. S. Maybaum. Magdeburg. (Berwaltungsbericht.) Der Vorstand der hiesigen Gemeinde hat den die Jahre 1897 bis 1900 umfassenden Berwaltungsbericht herausgegeben. Die Entwicklung des Etats, dessen Hauptziffern mitgetheilt sind, zeigt die Entwicklung der Gemeinde. Herr Rabbiner Dr. Rahmer hat dem Berichte eine kurze Geschichte der Gemeindereligionsschule beigegeben, die jetzt 68 Jahre alt ist. Feuilletmr. Ismael. Psychologische Skizze von Janina Beaudouin de Courtenay. Autorisirte Uebersetzung aus dem Polnischen von Malwina Blumberg. V. Also bin ich Jude. So will ich denn ein rechtschaffener Jude sein. Vor Allem will ich versuchen, mich meiner Abstammung nicht zu schämen: ich will kein Renegat sein. Trotz der Beschwörungen, des verzweifelten Widerstandes meiner Mutter, trotz ihrer Versicherungen, daß das Geheimniß nie enthüllt werden könne, reiße ich die fremde, so fest anliegende Maske von meinem Gesicht. »Fürchte nichts", sagte ich mit der bei mir so neuen, weder aus sie. noch auf mich Rücksicht nehmenden Grausamkeit. »Die letzten Tage über wird mein Verhalten ganz „correct" sein. Ich werde. — um Dir die Beschämung zu ersparen, — bis zum Verlassen der Stadt die Rolle eines Aristokraten beibehalten, dann jedoch wird meine Spur sich in der Legende verlieren. Sich schämen, Jude zu sein, — das wäre doch gar zu »jüdisch!" schloß ich mit ironischem Lachen. Die Trennung von meiner Mutter und von dem Glücke, das ich ihr verdankte, zu beschreiben, übersteigt meine Kräfte, obgleich es keine Trennung für. immer war, da ich diese treueste Freundin bis zu ihrem in ziemlich hohen Alter erfolgten Tode hin und wieder sehen und umarmen durfte. Auch war ich späterhin nicht mehr so grausam, wie in den ersten Augenblicken der erbitterten Verzweiflung. Mein ganzes Herz legte ich ihr beim Abschied zu Füßen. Bon einer anderen Trennung jedoch kann ich jetzt mit größerer Ruhe sprechen, und zwar von derjenigen mit meiner geliebten und »liebenden" Braut. Als ich vor ihr stand, gährte in meinem Inneren noch der grausame Kampf zwischen meinem einstigen »Ich" das verwundet, beschämt und von seinem Gegner getreten, den Platz verlassen mußte, und diesem Gegner, der, trotzdem er gehaßt wurde, siegesbewußt in meine Seele drang. Dieser neue Herrscher schien mir noch so fremd und so ... . schrecklich! Ich erkläre also meiner Braut, wer ich bin; ich wiederhole es ihr; ein, zwei, drei Mal. Ich spreche ernst, deutlich, überzeugend. Aber sie lacht und lacht in einemfort . . . Ihr Lachen entnervt mich; mir wird unwohl. Nichtsdestoweniger hört sie nicht auf über diesen Scherz ihres »geliebten Walter's" sich zu amüsiren. Ihr Lachen klingt anmuthig, entzückend! »Du bist ein so hübscher, interessanter Jude, daß ich bereit wäre, die königliche Pracht des auserwählten Volkes mit Dir zu theilen, und meine Stirn mit den Dornen zu schmücken, mtt denen die christlichen Barbaren es übersäen!" »Du hast's gesagt", erwiderte ich mit trauriger Stimme. »Ich bin gekommen, Dich zu fragen, ob Du diese Dornen mit mir theilen willst, denn von einer königlichen Pracht ist nicht die Rede..." Und nun erzählte ich ihr mit der größten Genauigkeit Alles, was mir jene Frau unter unsäglichen Schmerzen gesagt hatte. Und in ihren erbleichten Zügen lese ich den Widerschein der Qual, die mich durchwühlte, als ich meine Abstammung erfuhr. Sie ergreift die Lehne des Sessels, bebt an allen Gliedern und mechanisch, fast bewußtlos flüstern ihre Lippen: »Das kann nicht sein! kann nicht sein!" Empört und gereizt spreche ich mit noch größerem Nachdruck, wiederhole die Epitheta, die »meinen Eltern" anhasten. Aber ich wundere mich nicht über meineBraut und verdamme sie auch nicht. Im Gegentheil. Ich begreife sie, und-doch fühle ich, wie eine dumpfe Wuth mir die Brust schwellen macht. Und doch weiß ich, daß mich das Mädchen liebt. Tief und wahr. ,,Er! . . . ein Jude?!" Als sie endlich zu hören und zu sprechen im Stande ist, frage ich sie, ob ihr diese Entdeckung eine so große, widerliche Last scheint, daß es ihr, als meiner Frau, nicht möglich wäre, dieselbe zu ertragen? »O denke nur nicht", erwiderte sie flammenden Antlitzes, »denke nur nicht etwa, daß ich . . . die Juden ... so verachte!" Verwirrt hält sie inne; der Blick, den sie auf mich heftet, ist erschrocken, fast fremd. Ich fühle, daß sie schon den »Juden" in mir steht. Auch versetzt mir ihre Antwort einen Stich bis tief ins Herz hinein. Solch eine Empfindung hatte ich, als man mich unrichtiger Weise des Judenthums beschuldigte. Aber zu der B schämung und Beleidigung kommt etwas hinzu. Ich fühle mich gekränkt ... als Jude. Nicht ohne Ironie erwidere ich: »Ich beschuldige Sie dessen nicht, da Sie doch gehört haben müssen, daß es unter den Juden auch Ausnahmen gibt. Ich z. B. kann doch nicht plötzlich ein anderer geworden sein, weil ich seit einigen Tagen von meiner Abstammung Kenntniß erhalten habe. Die Erziehung und die Lebensbedingungen", fügte ich,mit strenger, tonloser Stimme hinzu, gleichzeitig in Gedanken die plötzliche Aenderung meiner Ansicht constatirend, »machen die Juden zu dem, was sie größtentheils sind. Ich hingegen wurde unter den gleichen Bedingungen erzogen wie Du . . . wie unsere, ,b. h. wie »Eure" Lanze Welt. Folglich muß ich Euch ähnlich sein." Aber ihre Liebe war ein besserer Anwalt als Alles, was ich hätte sagen können. Beide Arme plötzlich um meinen Hals schlingend, schmiegte sie sich an mich mit so rührender Zärtlichkeit, als wollte sie mich für den kurzen Augenblick der Schwäche, für das Unrecht, das sie mir in Gedanken vielleicht gethan haben mochte, entschädigen. Stolz und glücklich drückte ich sie an mein Herz und sagte mit inniger Dankbarkeit. »Ich verstehe, Theuerste, Dein peinliches Erstaunen und den Augenblick des Kampfes, aber ich war Deiner so sicher..." Ern Glücksgefühl, das ich seit jener verhängnißvollen Stunde zum ersten Male empfand, klang in meiner Stimme wieder. Meine Braut erhob ihre thränenumflorten, unendliche Liebe ausdrückenden Augen zu mir empor. »Solch' ein Jude! Aber so nichts, gar nichts Jüdisches ist in Dir! Die Jünger des Herrn mochten wohl solche Aehnlichkeit mit ihren Stammes genossen haben wie Du, mein Liebster, Einziger! Kann man solchem Manne entsagen?" Sie sprach mit der Uebertreibung und Verblendung einer grenzenlos liebenden Frau. Nach einer Weile jedoch fügte sie leiser hinzu: »Ich danke Dir, Theuerster, für Dein Vertrauen. Brauche ich Dir erst zu wiederholen und zu schwören, daß ich — ebenso wie Deine Mutter, — Dein Geheimniß niemals und Niemandem verrathen werde? ..." »Du wirst mein Geheimniß nicht verrathen?" rief ich, mich ihrer Umarmung entreißend. Ich traute meinen Ohren kaum. »Wie? Du glaubst wirklich, daß ich meine Abstammung verbergen, daß ich so nichtswürdig sein könnte, Euch Eurer Vorrechte zu berauben? Niemals, niemals! Ich würde den Namen eines Feigling verdienen, wenn ich äußerer Güter halber meinem Selbst entsagen sollte! Beweisen will ich der Welt, daß ich ebenso viel werth bin, wie ihr Christen von Geburt. Muthig erhebe ich meine Stirn, auf der das Zeichen Israels ruht!" »Aber um Gottes Willen, hör auf! Denke erst reiflich nach! Welch wahnsinnigen Schritt hast Du vor? So willst Du Allem entsagen, was bis nun . . . unser Beider Leben war? . . . Wie sie Alle das beurtheilen werden, — weißt Du doch selber? Und warum? wofür? Qual und Erniedrigung für uns Beide würden das einzige Ergebniß davon sein! Um Gottes Willen, sei nicht hartnäckig! Habe Mitleid mit Dir und mir! Habe Mitleid! Mitleid!" Sie war verzweifelt; bald flehte sie, bald sprach sie überzeugend, mit Empörung. Die hastigen, ihren brennenden Lippen mit Leidenschaft sich entringenden Worte verriethen die ganze Liebe, die sie für mich als Christin empfand, gleichzeitig aber auch die grenzenlose traditionelle Verachtung und den tiefen Widerwillen, den ihr die Juden, — meine Mitbrüder, — einflößten.

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