Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 17 (26.4.1901)
- Date
- 1901-04-26
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021385-3021403--10808-3035309- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 17 Br. Vwch's Wochenschrift. Sette AS der Mensch, der immer fürchtet", „das ist die Art der Frommen. Selbst wenn Gott ihnen die Zusage gibt, hören sie nie auf, zu fürchten". Der Sinn ist, daß die Gerechten nicht in einen Zustand stumpfen Vertrauens gerathen sollen, als ob sie nichts mehr zu thun hätten, oder als ob selbst für die Besten unter ihnen keine Gefahr vorhanden wäre, ein Opfer der Versuchung und Sünde zu werden. Damit ist nicht gesagt, daß die Gerechten in einer beständigen Furcht vor Gottes Gericht leben sollen. Anderwärts citirt der Mldrasch den Vers: „Vertraue dem Herrn und thue Gutes" und er bemerkt: „Es ist wie mit einem Marktaufseher, der umherging, um die Gewichte zu erproben. Der Eine sah ihn und verbarg sich. Der Aufseher sagte: „Warum verbirgst du dich? Führe richtige Gewichte, und fürchte nicht. So heißt es: „Thue Gutes und vertraue Gott." Obwohl uns Weber derartige Stellen nicht ansührt, so ist kein Grund zu der Annahme vorhanden, daß solche Stellen nicht existiren. *) Aber Weber würde sagen: „Kann denn ein Mensch behaupten, er habe Gutes gethan?" Es ist wahr, daß die Rabbinen einige sehr starke Stellen über die beständigen Angriffe des Yetzer- Ha-Ra haben. Auf keine Tugend legen sie größeres Gewicht als auf die Keuschheit, aber wie die meisten orientalischen Völker glaubten sie, daß es keine Tugend gebe, die zu erwerben dem Menschen schwerer fiele. Aber hält es nicht auch der Christ für nöthig, zu beten: „Führe uns nicht in Versuchung und erlöse uns von dem Uebel?" Nach welcher Seite die unglücklichen Rabbinen sich neigen, immer fallen die Theologen über sie her: So sagt Weber: „Der Jude lebte in beständiger Furcht dessen, was ihm nach dem Tode zustoßen könnte." Und er führt als Beweis die folgende Stelle aus dem Midrasch an : „Als R. Jochanan im Sterben lag, sprach er: Begrabt mich weder in schwarzen, noch in weißen Gewändern, sondern in grauen, so daß ich, wenn ich zwischen Frommen zu stehen habe, nicht beschämt werde, und wenn ich zwischen den Gottlosen zu stehen habe, ich keinen beschäme." Unmittelbar auf die Geschichte von Jochanan folgt eine andere von R. Joschua. Als R. Joschua im Sterben lag, sagte er zu seinen Schülern: „Begrabt mich in weißen Gewändern, weil ich mich meiner Thaten nicht schäme und ich würdig bin, die Gegenwart meines Schöpfers zu genießen." Weber citirt diese Geschichte nicht, sie entspricht, seinem Zwecke nicht, aber es würde mich nicht überraschen, wenn ein anderer paulinischer Theologe sie angeführt hätte, um den Stolz und die Selbstgerecbtigkeit jener unerträglichen Rabbinen und Pharisäer zu beweisen?) (Fortsetzung folgt.) Correspondenzen. Wien. Der Statthalter von Niederösterreich Graf Kielmansegg hat an den Vorstand der israel. Cultusgemeinde Wien nachstehende Zuschrift gerichtet: „Unterm 21. April 1501 ist das Decret weiland Seiner Majestät Kaiser Maximilian I. erflossen, mit welchem die „Regierung der n.-ö. Lande" ins Leben gerufen und organisirt worden ist. Am 21. April 1901 begeht demnach die niederösterreichische Landesstelle die Feier ihres vierhundertjährigen Bestandes. Ich habe diesen bedeutsamen Tag nicht verstreichen taffen wollen, ohne denselben durch die Schaffung eines bleibenden Gedenkzeichens, zugleich eines Sinnbildes dynastischer Huldigung besonders hervorzuheben, und für die Erinnerung auch späterer Generationen dauernd festzuhalten. In diesem Sinne habe ich von Künstlerhand eine Erinnerungs-Plaquette aus Erz anfertigen taffen, von welcher ich ein Exemplar dem geehrten Vorstande hiemit zu übersenden mich beehre." Der Präsident der Cultusgemeinde hat, wie er in der am 23. d. M. stattgefundenen Plenarsitzung des Cultusvorstandes zur Kenntniß brachte, an diesem Tage in Begleitung des ersten Bice-Präsidenten beim Herrn Statthalter vorgesprochen, um dem Chef der Landesstelle Sr. Excellenz dem Herrn Statthalter die Glückwünsche der Cultusgemeinde aus diesem Anlaffe, sowie den Dank für die übersendete Erinnerungs-Plaquette zum Ausdrucke zu bringen. 0 Weber p. 284. Yalkut deuteronomuiu § 892. 2) Weber pag. 384. Bereschit Rabba § 96. § 100. Wünsche's Uebersetzungen pag. 475—501. Die von Künstlerhand angefertigte Erinnerungs-Plaquette wird über Vorschlag des Präsidenten laut Borstandsbeschluß der Bibliothek einverleibt. Wien. Wir müffen uns heute mit der Person des Wiener Correspondenten der „Kölnischen Zeitung", Herrn Dr. Johannes Meißner, beschäftigen. Wahrlich keine beneidenswerthe Thätigkeit! Allein wir wollen die sonderbare Berichterstattung dieses Mannes an dieser Stelle ein wenig unter die Lupe setzen. Herr Dr. Johannes Meißner, der einstmalen in der „Deutschen Zeitung" das Feuilleton redigirte, mußte zu jenen Zeiten sicherlich seinen im Busen schlummernden antisemitischen Gefühlen Gewalt anthun. Eines Tages wurde er zum Wiener Correspondenten der „Kölnischen Zeitung" bestellt und wider sein besseres Wissen — buchstäblich genommen — genöthigt, in „Politik zu machen". Nun konnte er seinen, bei einem Mitgliede der „Concordia" etwas seltsam anmuthenden, antisemitischen, oder wenigstens antisemitelnden Allüren freien Lauf lassen. Er thut dies, indem er an paffender, manchmal auch an unpassender Stelle mit Vorliebe das Wort „jüdisch" anwendet. Um nur von den vielen Beispielen eines hervorzuheben. Jüngst berichtete Doctor Johannes Meißner die Ernennung der neuen Herrenhausmitglieder und sprach dort von dem „deutsch-jüdischen Philologen Dr. Theodor Gomperz." Was soll sich der Leser in Deutschland und überall dort, wo dieses verbreitete rheinische Blatt gelesen wird, darunter denken? Etwa, daß an der Wiener Universität eine Lehrkanzel für deutsch-jüdische Philologie existirt? Und daß Professor Gomperz der Vertreter dieses Faches ist? Nichts von all dem. Herrn Dr. Meißner ist es lediglich nur darum zu thun urbi et ordi zu bekunden, daß Gomperz Jude ist. Und in einer solchen Schreibweise wird von Theodor Gomperz, einem der erleuchtetsten Geister unseres Vaterlandes, gesprochen, von Gomperz, dessen Name in der wissenschaftlichen Welt wie ein weithin leuchtender Stern glänzt, von Gomperz, dessen Name in England nie anders denn mit der größten Hochachtung genannt wird! . . . Daß Doctor Meißner nie anders als von „der jüdischen Presse" Wiens spricht, sei nur nebenbei erwähnt. Es muß eigentlich Wunder nehmen, daß die Leitung der „Köln. Zeitung" einen derartigen Ton duldet, umsomehr als dieses Blatt in specifisch jüdischen Fragen eine vorurtheilsfeindliche, geradezu vornehme Haltung bekundet hat. Wien. Einer mehrseitigen Anregung folgend, hat der Vorstand der „Ghewra-Kadischa“ eine Neueinrichtung getroffen, die überall sympathisch ausgenommen werden dürfte. Es wurde in den letzten Jahren die bedauerliche Wahrnehmung gemacht, daß auch bei jüdischen Leichenbegängnissen, entgegen den Traditionen, welche die einfache, prunklose Bestattung gebieten, die Widmungen von Kranz- und Blumenspenden überhandnehmen. Die „Ghenra-Ladischa" hat nun veranlaßt, daß — ohne der freien Entschließung jedes Einzelnen irgendwie vorgreifen zu wollen — in jedem Trauerhause ein würdig ausgestattetes Buch aufgelegt wird, worin die Freunde der Familie an Stelle der Kranz- und Blumenspenden den äquivalenten Betrag für wohlthätige Zwecke einschreiben können. Noch vor 30 Jahren hat man in Wien, auch bei christlichen Leichenbegängnissen, es abgelehnt, diese aus Frankreich importirte Sitte, besser Unsitte des Kranzspendens einzubürgern. Als vor Jahren sich eine Agitation entwickelte, lieber die nothleidenden Vereine zu unterstützen, als die kaum den Tag überdauernden Blumen zu gebrauchen, da war es nur die Genossenschaft der Ziergärtner, die mit aller Macht dagegen demonstrirte. Wir Juden haben wahrlich kein Interesse daran, dieser Genossenschaft zuliebe eine Unsitte nachzuahmen, die vorgeschrittene Gemeinden in Deutschland, Böhmen und Ungarn längst abgeschafft haben. Allen human gesinnten Glaubensbrüdern und Schwestern bleibt es überlassen, dieser Anregung im gegebenen Falle zu entsprechen und für dieselbe Propaganda zu machen. Wien. (Krankenunterstützungs- und Humanitätsverein „Gomle Chesed“ (Wohlthätigkeit aus Pietät). Sonntag den 20. d. M. fand im Sitzungssaale der israelitischen Cultusgemeinde die 35. Generalversammlung des Zweitältesten Humanitätsvereines „Gomle Chesed“ unter dem Vorsitze seines Präsidenten B. K a n i tz statt. Derselbe richtete folgende Ansprache an die Versammlung: „Indem wir uns gestatten, über die Vereinsthätigkeit während des letzten Jahres zu berichten, mag zunächst darauf verwiesen werden, daß im Allgemeinen die Ungunst der Verhältnisse nicht spurlos an uns vorüberging, wovon insbesondere die erheblichen Rückstände in den Leistungen der ordentlichen Mitglieder Zeugniß oblegen. Die Ziffern der Bilanz svrechen ja in dieser Hinsicht eine deutliche Sprache und es