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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-04-26 · 17 (26.4.1901) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
17 (26.4.1901)
Date
1901-04-26
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Dr. Vloch's WochenschrW. Str. 17 Seite 293 kündet.') Sie wußten sehr wohl, daß vor Gottes Augen sowohl, als vor denjenigen der Menschen ein auffallender Unterschied in der Werthschätzung verschiedener Gebote bestehen müffe. Es ist wahr, daß man Allen gehorchen muß und gegen keines murren dars, aber es ist auch wahr, daß die Moralgesetze, welche iu dem berühmten „Du sollst lieben Deinen Nächsten wie Dich selbst" gipfeln, als alle anderen an Wichtigkeit weit überragend, betrachtet wurden. Die talmudische Ethik ist erhaben und zart. Wieder kann Ihnen sogar Weber zeigen, daß die Rabbinen wohl im Stande waren, zu unterscheiden zwischen äußerlicher That und innerer Andacht, zwischen Absicht und Handlung. Während sie anerkennen, „daß es etwas Anderes ist, versucht zu werden, und etwas Anderes, zu fallen", so verurteilen sie doch von einem anderen Standpunkte den unreinen Gedanken mehr, als die unreine That, während die Absicht, Recht zu thu», wenn auch durch forc6 majeure behindert, gleich der Ausführung zählt. Noch meinen sie wirklich, daß Gott nach einer harten, mechanischen Methode und nach keiner anderen urtheilt. Hauptsächlich ist das in ihren Geschichten über reuige Sünder ersichtlich. Nicht selten kommt der Satz vor: „Biele erben das himmlische Reich in einer Stunde, während Manche ein ganzes Leben dazu brauchen." Was aber, kann man fragen, soll man zu jenen Seiten und Stellen bei Weber sagen, worin er zeigt, daß das Leben des frommen Juden in dauernden Schrecken, in beständiger Furcht vor Strafen, welche ihn auf Erden und nach dem Tode erreichen könnten, verstreicht?^) Weber konnte zu diesen Schlüffen nur dadurch gelangen, daß er theils die Aufmerksamkeit auf bestimmte Stellen concentrirte und andere gänzlich vernachlässigte, theils den Sinn jener Stellen übertrieb und mißdeutete. Die rabbinische Literatur enthält fast jede denkbare Auffaffung. Man muß fragen: welches ist die gewöhnliche Ansicht, welches ist die vorherrschende oder vorwiegende Meinung. Jüdische Apologeten machen ihrerseits denselben Fehler, wie Weber. Zum Beispiel können Sie eine Anzahl von Aussprüchen sammeln, welche beweisen sollen, daß die rabbinische Literatur Duldsamkeit und Universalismus lehrt. Diese Aussprüche sind in verschiedenen Auszügen zusammengestellt worden, und sie haben ihre Schuldigkeit bei mancher Predigt und Controverse gethan. Aber die Wahrheit ist, daß die Rabbinen nicht duldsamer als Athanasius, waren, und sie bevölkerten das Gehinnom ebenso dicht mit ihren Feinden, wie Dante das Inferno mit den seinigen. Die vorherrschende Ansicht in der rabbinischen Literatur, soweit sie ihre Beziehung zu Gott betrifft, ist nicht die der Furcht, sondern der Freude, nicht des, Zweifels, sondern des Glaubens. Die größere Gefahr lag in d'er entgegengesetzten Richtung und gegen diese mußten die Rabbinen öfters predigen. In der That kann man in der rabbinischen Literatur eine ganze Ernte des Aberglaubens einsammeln, aber Weber macht zu viel Wesens davon. Der Talmud und Midrasch sind eine Fundgrube der Religion und des Gesetzes, aber auch des Folklore und des Aberglaubens. Die Welt war für die gewöhnlichen Juden ebenso voller Dämonen, Feen und Geister, wie für die gewöhnlichen Christen. Die Juden, welche ein sich sehr leicht affimrlirendes Volk sind, griffen den Aberglauben auf, wohin sie auch kamen. In Wirklichkeit haftet er aber dem Judenthum ebenso wenig fest an, als dem Christenthum. Was Weber sagt, „daß der Jude sich allseits vom Bösen, dem Tode und der Macht der Dämonen umgeben glaubte", so daß „beständige Furcht sein Theil war", ist nichts Anderes als eine Verleumdung. Wieder sage ich: Lesen Sie die Behelfe! Die meisten von Weber's Citaten stammen aus den Büchern, welche Wünsche, auch ein christlicher Gelehrter, aber ganz anderer Art. übersetzt hat. Diejenigen, welche die 5000 Seiten von Wünsche's Uebersetzungen lesen wollen, werden, wie ich glaube, zu einem ganz anderen Schluffe als Weber kommen. Sie werden vielleicht eher geneigt sein, zu denken, daß die Juden allzu sicher waren, daß sie die Seligkeit „der künftigen Welt" erben würden. Weber führt Stellen an, um zu beweisen, daß die Juden den Tod fürchteten. Für eine Nation von Märtyrern ist das für den Anfang ziemlich stark. Aber laffen Sie uns die Sache etwas genauer ins Auge fassen. Es sei mir gestattet, bei dieser Gelegenheit die Bemerkung zu machen, daß die Rabbinen an der Autorität des Alten .* *) Schechter „The Law and Recent Criticism S. Q. R. vol. III. July 1891. p. p. 754-756. *) Weber p. p. 248—250, 256-259, 281, 288, 335—337. Testamentes genug hatten. Leider war — in Folge der vorurtheilsvollen und thörichten Haltung, welche sie aller übrigen Literatur und besonders derjenigen der Griechen gegenüber einnahmen — die Bibel ihr einziges Buch. Und sie — die Bibel — war vollkommen wahr, gut und göttlich. Um ganz sicher zu gehen, konnte man sie auslegen, und sie machten davon tüchtig Gebrauch. Im Ganzen lesen sie eine Menge schöner und reiner Religion hinein. Aber einige ihrer niedrigeren und unreineren Elemente konnten nicht weggedeutet werden. Unter diesen befand sich die vorherrschende Lehre, daß Unglück Schlechtigkeit bedeute und der Tod die Strafe für die Sünde sei. Wie wir gesehen haben, wurde diese Doctrin häufig gemildert und abgeändert. Unglück oder Leiden wurde oft als verborgener Segen betrachtet. Es war eine Prüfung, eine Strafe, eine Reinigung, eine irdische Andeutung per eontrariarn der himmlischen Seligkeit. Aber die schlechte Seite der Doctrin wurde nicht ganz überwunden. So sagt man uns, daß bestimmte Sünden durch Hunger, andere durch Pest u. s. w. geahndet würden. Es wird die falsche und schreckliche Doctrin aufgestellt, daß „wegen dreier (rein ritueller) Uebertretungen die Frauen im Kindbett sterben", und ich schäme mich, es zu sagen, daß dieser fürchterliche Unsinn die jüdische Liturgie bis auf den heutigen Tag entehrt und beschmutzt.') Nun wird in der Genesis angedeutet, daß der Tod die Strafe für Adams Sünde war, in den Psalmen wird beständig ein Gebet für die Lebensdauer zum Himmel gesandt, und im Pentateuch wird ein langes Leben oft als Lohn gerechten Handelns betrachtet. Die Rabbinen konnten unter diesen Umständen — obgleich durch den Glauben an ein künftiges Leben ihr religiöser Schwerpunkt vollständig verändert worden war, nicht ganz den Inhalt der Lehre, daß der Tod irgendwie eine Strafe sei, abschütteln. Allerdings war die Doctrin für sie viel mehr theoretisch als praktisch und ihre Ueberzeugung. daß dem Tode des Gerechten oder Reuigen .schließlich die Seligkeit des Jenseits folge, mußte einen ungeheuren Unterschied in ihrer wirklichen, wahren Stellung dem irdischen Leben und seinem unvermeidlichen Ende gegenüber machen. Es ist wahr, daß man vom Todesengel als von einem Feinde spricht, aber es ist auch wahr, daß in anderen Stellen des Todes als eines „besonderen Gutes" Erwähnung geschieht, weil er von der Mühsal 'zur Ruhe, von Sorge zur Freude führt. Dieselben Rabbinen, welche die hübsche Legende von dem Sträuben des Moses, aus dem Leben zu scheiden, ehe er Palästina betrat, erzählen, und von seinem langen Zwiegespräche mit Gott und dem Engel des Todes berichten, erfanden auch die Auffaffung des „Neschika", dem Kusse, durch welchen die Seelen der Gerechten ihrer Körper ledig werden. Weshalb fürchteten die Juden, nach Webers Ansicht, den Tod? Weil sie, wie die Antwort lautet, das Gericht, welches über sie gehalten werden würde,^fürchteten. Ihre ängstliche Besorgniß während des ganzen Lebens, ob sie das Gesetz erfüllt hätten, gipfelte in der Furcht vor ihrem Schicksal nach dem Tode. Z. B. sagt Weber: „Die beständige Furcht vor dem Tode ließ keine Freude am Leben aufkommen." Als Beweis citirt er eine Stelle aus Tanchuma, welche wie folgt lautet: „Gott hat gesagt: der Tod läßt es nicht zu, daß der Mensch sich dieser Welt freue, aber im Jenseits soll der Tod für ewig verschlungen sein." Der Zusammenhang beweist klar, daß der Sinn ist: „Die Traurigkeit des Lebens und seine Vergänglichkeit lassen keine Freude auf Erden zu, aber in der ewigen Sicherheit des künftigen Lebens wird die Freude unendlich sein!" Die Stelle wiederholt nur die conventionelle Redensart, daß im Vergleiche mit jener künftigen Existenz, welche das Los jedes tugendhaften und reuigen Israeliten sein wird, das gegenwärtige Leben ein düsteres und kummervolles ist. Mit einigen anderen Stellen hat Weber kaum mehr Erfolg?) Sein Hauptzweck war natürlich, zu zeigen, daß kein Glaube, keine Zuversicht in Gott, keine Sicherheit der Erlösung, keine „Heilsgewißheit" vorhanden war. Diese Anschuldigung würde, wenn sie nachweisbar wäre, eine Lichtfluth über die Epistel an die Römer ausgießen. Aber die Wahrheit ist die, daß die Rabbinen bemüht waren, die rechte Mitte zwischen leichter Sicherheit und nutzloser Furcht zu beobachten. Es heißt z. B. im Midrasch: „Der Gerechte darf, so lange er auf Erden weilt, kein Selbstvertrauen haben." Oder an einer anderen Stelle, in der der Satz aus den „Sprüchen" citirt wird: „Glücklich ist ') Autoristrtes Gebetbuch pg. 121. 2) Weber pg, 336.

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