Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 17 (26.4.1901)
- Date
- 1901-04-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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«gaiawarj Sette 286 Vr. Bwch's Wochenschrift» Nr. 17 schwunghaft betriebene Agitation. Die antisemitische Presse jubelt und die Göltiu der Menschlichkeit verhüllt trauernd ihr Haupt. Der Spruch des höchsten Tribunals beendigt die Poluaer Affaire nicht, er verschärft und verewigt sie. Und das ist begreiflich! Denn Gerechtigkeit ist nicht gleichbedeutend mit Buchstabenweisheit, sondern Gerechtigkeit heißt Wahrheit! Die Wahrheit aber ist in falschen Richtungen gesucht und daher auch nicht gefunden worden! Sie zu suchen und womöglich zu finden, bleibt jedem ehrlichen Menschen unbenommen! Vom Jahrmarkt des Lebens. Die umstrittenen Ohrfeigen. Das »Deutsche Volksblatt" verkündet unter Jubel und feiert die Ohrfeigen, welche Herr K. H. Wolf bei einer antisemitischen Wählerversammlung in Währing bekommen haben soll, wie einen großen anttsemttischen Sieg. Es ist ein wahres Wunder, daß von der christlich-socialen Parteileitung noch kein Freudenbankett im Rathskeüer aus diesem Anlasse angesagt wurde. In einer ausführlichen Darstellung gibt das »Deutsche Volksblatt" in seiner Sonntagsnummer dem Gefühl des Stolzes und der Freude über die Prügel Ausdruck, die Abgeordneter Wolf bekommen habe. Als Kronzeugen werden die Gemeinderäthe Wesselsky und Urban geführt. Das heißt, eigentlich sagt nur Herr Urban, daß er selbst Zeuge der bewußten Prügel gewesen. Der Gemeinderath Wesselsky hat es nur wieder selbst vom Gemeinderath Urban gehört. Diese billige Vermehrung nothwendiger Zeugenaussagen ist naiv, wenn sie nicht ein bischen blöd ist. »Lassen wrr diese Herren — sagt das »Deutsche Bolksblatt" — selbst chre Erlebnlfse erzählen." Und dann erzählt Herr Wesselsky das »Erlebmß", daß der G-meinderath Urban erzählt hätte, Wolf habe Schläge bekommen. — In der »Ostdeutschen Rundschau" veröffentlicht der Abgeordnete Wolf eine Darstellung der Geschichte, nach welcher natürlich von einer ihm gegebenen Ohrfeige oder dergleichen keine Rede sein könne. Den respectiven Parteigängern bleibt es also nach wie vor unbenommen, zu glauben, daß Abgeordneter Wolf geprügelt oder daß er nicht geprügelt wurde. Wir für unseren Theil gönnen die Ohrfeigen, die Herr Wolf bekommen haben soll, dem Herrn Bergani vom Herzen. Warum soll der Mann nicht auch einmal ein Vergnügen haben? Das »Deutsche Bolksblatt" sagt: »Die Christlich- Socialen wollten sich eben über die zum Saale führende Stiege hinunter auf die Gaffe begeben, als ihnen Abgeordneter Wolf, der zur Versammlung kam, begegnete und sie angeblich mit den Worten: »Clericale Buben!" provocirte. Die Christlich-Socialen, ohnehin noch erbittert über die scandalösen Vorgänge, die sich in der Versammlung abspielten, ließen sich diese Beschimpfung nicht ein zwettes Mal sagen. Sie fielen über Wolf her und t r a ctirteu ihn mit Schlägen und Ohrfeigen so lange, bis zahlreiche »Alldeutsche" Wolf zu Hllfe eilten und ihn aus den Hände« der Ersteren befreiten. Leichenblaß und zitternd am ganzen Leibe, wurde Wolf von seinen Getreuen dann in den Borsaal des Bersammlungslocales geleitet und daselbst gelabt." Die »Deutsche Zeitung" berichtet: »Als K. H. Wolf beim »Wilden Mann" vorfuhr und den Wagen verließ, wurde er, wie man uns von verläßlicher Sette mittheilt, von einigen Männern geohrfeigt, so daß er flüchten mußte. Stürmische Pfui-Rufe schollen ihm nach. Polizeiorgane erschienen zwar am Platz, aber erst, als K. H. Wolf bereits verschwunden war." Herr Wolf bestreitet entschieden die Ohrfeige, fügt aber hinzu: »Zn künftigen Fällen" werde er sich mit einer »BertheidigungSwaffe" austtisten und diese »rücksichtslos in Anwendung bringen". — Hiemtt sei die Sache für Herrn Wolf abgethan. Zur modernen Geschichte der Blutlüge. Freitag am 12. d. M. ging die Bäuerin Maria Jvorka ans Plavnica bei Belovar mit chxem 5jährigen Knaben zum Einkauf nach Belovar. Auf dem Wege traf sie einen ihr bekannten Bauern aus dem Dorfe, dem sie das Kind auf einige Stunden anvertraute, welches durch seine Unvorsichtigkeit in Verlust gerochen war. Das Kind war nämlich auf die Landstraße gegangen, wo es der Gastwirth Ivan Pavwio aus Stefanje gefunden hatte, und dasselbe, anstatt gleich hier aus die Polizei zu bringen, auf seinem Wagen zu sich nach Hause (etwa 2 Stunden Fußweg von Belovar entfernt) nahm, wo er das Kind volle 6 Tage großmüthiger Weise beherbergte und, wie er selbst angab, bei der dortigen Polizei sofort gemeldet hatte. Trotz all dem und der regen Thätigkeit der Polizeiorgane, ward bis Donnerstag den 18. d. M. die Spur des Kindes nicht gefunden, und einige antisemitische Hetzer, darunter auch ein Geistlicher aus einem benachbarten Dorfe, erfaßten sogleich die günstige Gelegenheit, ein ganz frischgebackenes Ritualmärchen zu fabriciren, und konnte es leicht zu Ausschreitungen kommen, wenn nicht glücklicher Weise Donnerstag Früh die Kunde von dem Aufenthalte des jugendlichen, unfreiwilligen Zechers in jenem Gasthause hier eingettoffen wäre, denn die rauflustige Schaar des Pöbels glaubte schon, die reichen Juden plündern zu dürfen, und mehrere alte Weiber wollten schon beschwören, das Kind bei dem Juden W. gesehen zu haben, was sogar die Milch- und Waschweiber auch bezeugten und infolge dessen die hiesige Polizei es wagte, ohne jede competente Anordnung eine Hausdurchsuchung daselbst vorzunehmen. Nun wurde gegen die Hetzer bei der hiesigen Staatsanwaltschaft die Anzeige erstattet, und Dank der loyalen Gesinnung der Spitzen unserer Behörden wurde verordnet, in den Kirchen, sowie in sämmtlichen Schulen in der Umgebung Belovars dieses Märchen auf das Nachdrücklichste zu dementiren; auch in Militärkreisen wurde den Soldaten eine jede derartige böswillige Aeußerung in- und außerhalb der Kasernen bei viertägiger strenger Arreststrafe verboten. F. Langsame Gerechtigkeit. Die Beleidigungsklagen gegen die »Staatsbürgerzeitung" anläßlich der Konitzer Vorgänge, 27 an der Zahl, von der Polizeiverwaltung in Könitz, von der Gerichtsbehörde und von verschiedenen Polizeibeamten anhängig gemacht, sind zu einer Strafsache vereinigt worden, die innerhalb Monatsfrist zur Verhandlung koinmen soll. So sind sie Alle. Herr Johannes Krüdecke, seinem Amt nach Obersecretär der Staatsanwaltschaft in Kottbus und Jnspector des dortigen Gerichtsgefängnisses, seiner Herzeusneigung und inneren Befähigung nach Vorsitzender der antisemitischen »Reformpartei" an seinem Wohnort, kurz, ein Mann nach dem antisemitischen Katechismus, unter dessen Protectorat jüngst Herr Llebermann von Sonnenberg über den Mord in Konrtz gesprochen, hat selbst Hand an sich gelegt. Vorher hatte er eine Anzahl Unterschlagungen begangen. Abbs Paul Guärin. In Chateaux-Roux wurde der Christlich-Sociale Abbe Paul G u e r i n, apostolischer Pcotonotar und päpstlicher Kämmerer, unter der Beschuldigung, die Verbrechen des Betruges, der Veruntreuung und des Bertrauensmißbrauches verübt zu haben, verhaftet. Die Schadensziffer erreichte die enorme Höhe von vier bis fünf Millionen Francs. Abbä Gusrin hat seiner Clientel, die sich aus den frömmsten Kreisen recrutirte, Actien von gar nicht existirenden Minen angehängt. Ueberdies unternahm er Häuser- und Güterspeculationen. Sein Hauptgeschäft war, den frommen Leuten, welche in seine Stellung Vertrauen hatten, Häuser oder Landgüter gegen Leibrenten abzukaufcn. Alle diese Leute sind ruinirt. Desgleichen sind fromme Damen, welchen er Ersparnisse abnahm, um ihnen dafür werthlöse Minenactien zu geben, sowie Geistliche und Klöster schwer geschädigt. Gusrin ist 70 Jahre alt. Er gab das Werk: „vietionnaire des dictionnaires“ heraus, für welches er eine Subskription einleitete; dann übersetzte er Milton's »Verlorenes Paradies" und ließ überdies 17 Bände erscheinen: „Les petits BoUandistes“, dann einen Wahlkatechismus, Monographien über die christliche Ehe, über die Jungfrau von Orleans, über den heiligen Joseph rc. Die Kosten des Dictionnaires beliefen sich auf zwei Millionen Francs.