Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 16 (19.4.1901)
- Date
- 1901-04-19
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021385-3021402--10797-3035297- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
ummernm -itr. 16 „O ja!" erwiderte sie nach einer Weile mit traurigem Lächeln, „wie gern übernähme ich jetzt die Rolle der Tochter Pharaos, wenn ich Dich wenigstens auf kurze Zeit aus diesem modernen Korbe mit Dampfkessel fortnehmen und bei mir behalten könnte!" „Du würdest mich in solchem Falle ein zweites Mal retten aber ich bin kein Moses, ja, nichtmal der einfachste aller Juden! Und doch" — fuhr ich fort, um sie in ihren traurigen Gedanken em wenig zu zerstreuen — „muß es ein wunderbares Gefühl fein, zu diesem edlen, auserwählten Volke zu gehören. Nun, wenn auch meine Abstammung keine jüdische, so tröste ich mich damit, daß wenigstens meine Züge den Stempel Israels tragen. Denkst Du, wie ärgerlich Du warst, als ich auf dem Costümsest in der Gesandtschaft als Uriel Acosta erschien. Arm in Arm mit der schönen Gräfin, welche die Judith vorstellte? Und doch fanden Alle, ich sei ein ganz großartiger Acosta gewesen." „Du hast überhaupt einen schönen, orientalischen Typus", sagte meme Mutter, „nur ist er idealisirter und zarter . . Obgleich man auch unter den Juden sehr schöne imposante Gestalten findet." „Besten Dank, Mütterchen, für die schmeichelhafte Meinung, doch will ich keineswegs behaupten, daß diese Schönheit mich sehr freut . . . Besonders nicht der Mißverständnisse halber, deren Ursache sie öfters war .... Indessen hoffe ich, daß von ethischer Seite diese Aehnlichkeit nicht existirt. Geiz, Arroganz und Feigheit gehören, glaube ich, nicht zu meinen Fehlern ... Nun, die Fähigkeiten von Uriel und Spinoza, die ließe ich mir zur Nolh noch gefallen!" „Deinen Scherzen", unterbrach meine Mutter mit einem Eifer, der mir ganz unbegründet schien, „liegt ein Gedanke zu Grunde, den ich auf's Tiefste verabscheue!.Du scheinst allen Ernstes zu glauben, daß die Juden einem verfluchten Stamme angehüren, daß sie alle Fehler der Menschheit in ihrem Blute haben, und daß diese Fehler unabhängig von staatlichen und geschichtlichen Bedingungen immer auftrelen müssen! Du siehst nicht, daß sie em Ausfluß der Verfolgung» der Heimatlosigkeit» der Inquisition und des Elends find, ein Ausfluß ihrer unglücklichen Lage, die sie, angesichts von Feinden, welche sie allerwärrs umgeben, zum ewigen „Sichvertheidlgen" zwingt! Du glaubst, es sei die Schuld ihres „gifligen Blutes" und ihres „gelben Körpers", nne der finstere Volksaberglaube sich ausdrückl!" „Aber, Mütterchen, Du irrst, wenn Du glaubst, daß ich einen besonderen Haß gegen die Juden empfinde! Und wie ich sehe, nimmst Du Dir meine vermeintliche Judophovie sehr zu Herzen! Aber glaube mir doch, ich bitte, daß ich oen Juden nicht im Geringsten etwas Böses wünsche! Gestalte mir nur in aller Ruhe zu bemerken, daß mir Deine Ansicht in entgegengesetzter Richtung übertrieben scheint . . . Jedem Volke wirft man verschiedene Fehler vor. Die Juden — ich gestehe es — werden in dieser Beziehung reichlicher bedacht, als andere. Es ist aber auch unleugbar, daß ihre Fehler zahlreicher und häßlicher sind, als die der übrigen Völker. Niemand sagt,, daß sie dumm oder stumpfsinnig sind, aber Habgier und Hinterlist wirft man ihnen nicht mit Unrecht vor. Warum sollen wir uns ihrer nervösen Äengsttlchkeit, ihrem MaleriaUsmus gegenüber so verhalten; als wenn diese Fehler gar nicht da wären? Warum sollen wir nicht einsehen, oatz ihre Auffassung vom wahren Inhalt des Daseins eme der unseren diametral entgegengesetzle ist? Ich verkenne keineswegs, daß die ewigen Verfolgungen alles Unreine, was in der jüdischen Volksseele fchlummerre, gesteigert und an die Oberfläche gebracht haben, aber nicht minder wahr ist es, daß es schon früher in ihnen existirte und daß der Haß, der alle Völker gegen diesen unglücklichen Stamm erfüllt, exu berechtigter ist. Glaube übrigens, nicht, liebe Mama, daß ich nur wiederhole, was ich von Anderen hörte. Ich habe Manches über die Juden gelesen und auch selber über sie nachgedacht. Vor Kurzem erst fiel mir ein Satz t>( der Bibel aus, der ftch auch auf die Gegenwart anwenden ließe: „Je mehr die Egypler das Volk Israels drückten, umso zahlreicher vermehrte es sich, so daß die Egypter eingeengt waren durch die Söhne Israels." Sie waren verfolgt und gequält, vermehrten sich nichtsdestoweniger in erschreckender Weise, und machten trotzdem keinen Versuch, ihre Freiheit mit dem Schwerte in der Hand zu erobern, was doch das Ideal aller Völker des Alterthums bildete .... Sie warteten aus Wunder, auf Moses — ängstliche Feiglinge! Die Makkabäer sind Ausnahmserfcheinungen m ihrer Geschichte — indeffen an Wunder verrichtenden Simsons und Davids, an Seite 283 hinterlistigen Judiths war wahrlich kein Mangel vorhanden. Nicht des eisernen Schwertes bedienten sie sich als Waffe, sie kämpften vorzugsweise mit dem Golde der Bestechung und der Schönheit hinterlistiger Frauen!" „Aber so urtheile doch nicht so oberflächlich! Erinnere Dich doch lieber daran, daß sie ein ruhiges, Handel treibendes Volk waren, das schon damals einen Widerwillen gegen Blutvergießen empfand, indcß wir erst am Schluffe des XIX. Jahrhunderts so weit gelangt sind." „Entschuldige Mütterchen, aber ohne schon von der Bibel zu reden, aus deren Blättern wir doch so häufiz blutige Thaten oes Verraths und Hasses verzeichnet finden, so will ich nur der Phönicier und Karlhager erwähnen, die doch ebenfalls ruhige, Handel treibende Völker waren, und nichtsdestoweniger mit der Waffe in der Hand den Heldentod für ihre Freiheit starben." „Und Jerusalem?" -Da berührst Du die Frage des religiösen Fanatismus. Es ist dies die schreckliche, eine steinerne Regungslosigkeit besitzende Kraft der finsteren Masse, an welcher alle humanen, christlichen Grundsätze wie an einer undurchdringlichen Mauer zerschellen; dieser Fanatismus trennt sie von allen Völkern, die bewußt oder unbewußt dem christlichen Ideal sich zu l ähern suchen . . . Was hätten sie werden töimeu, wenn sie mit derselben riesengroßen Ausdauer und Leidenschaft an Christus und seine Lehre hätten glauben wollen." „Oder sage vielmehr, wie hätten sie werden können, wenn wir nach Christi Gebot mit ihnen verfahren wären! Aber warum huldigen wir dem göttlichen Galiläer, der ihrem Volke entstammte, nicht mit dem gleichen Fanatismus, wie sie ihrem düsteren, rachsüchtigen Jehova? Glaubst du. daß sie auch dann den Sünden ihrer Race und ihrem unversöhnlichen Haffe gegen uns und unseren göttlichen Meister treu geblieben wären?" „Ich vertheidige uns ja nicht, Theuerste __ Es ist wahr, daß wir sehr oft unmenschlich mit ihnen verfahren, und im besten Falle, mit verächtlicher Passivität, wie Zuschauer eines geschmacklosen Dramas. Ich suche mir nur über den Ursprung des Widerwillens zwischen dem einen Volke des Alten und so vielen Völkern des Neuen Testaments klar zu werden. Und da will ich denn die Bedeutung des Raeentypus, der Vererbung und der Eigenart nicht übersehen, die so hartnäckig aufreckt erhalten wird, wie einstens die Mauern des Tempels zu Jerusalem. Diese Eigenart eben ist es, die unsere vielleicht, sündigen, jedenfalls aber ganz anders gearteten Seelen so erfolgreich abstößt!" „Nein! nein! und abermals nein! Das ist nicht wahr! Race, Vererbungstheorien, das find wiffenschaftlich sein wollende Träumereien und Phantasien. Zu lange schon beugten, wir uns vor diesen Autoritäten. Es ist wahrlich schon an der Zeit, ihr Joch abzuschütteln und zu erkennen, daß die Daseins- und Erzlehungsbedingungen einen bedeutend wichtigeren Factor bilden. Sehen wir doch rm Leben so viele Beispiele, die dies bestätigen." „So viele? Darüber gehen die Ansichten denn doch, sehr auseinander. Am verbrettetsten ist die Meinung, daß der scheinbar vollkommen affimilirte Jude früher oder später seine Abstammung verrathen muß. Ausnahmen kommen übrigens überall vor. Ich spreche nur von der Gesammtheit. Du erwähntest vorhin Beispiele. Und doch bin ich neugierig, ob Du mir wenigstens eines anführen könntest.... selbstverständlich gilt nur ein solches, welches unmittelbar und unausgesetzt von Dir beobachtet wurde..." „Glaube mir" rief meine Mutter, vor Erregung an allön Gliedern bebend, „das Beispiel, das Du verlangst, ich könnte es Dir nennen!" „Gut, Mütterchen, das freut mich aufrichtig. Aber warum regt dich denn das so auf?" fügte ich hinzu, ihre Hände küssend. „Lassen wir den Streit, ich sehe, daß Dich das Thema peinlich berührt. Wenn Du willst, so nenne mir zum Schluß Dein Beispiel und ich erkläre mich besiegt. Du hälft die Waffe in der Handl" Auf diese Weise versuchte ich es dem Gespräch ein Ende zu machen. Ich glaubte» die Mutter würde einen beliebigen Namen nennen, worauf ich selbstverständlich erklären wollte, ich sei überzeugt, und dann würden wir über Anderes plaudern. Erwartungsvoll blickte ich in ihre Augen, und .... in höchstem Schreck senkte ich die Lider. Sie sah ganz verändert aus. In ihren Zügen malten sich Verwirrung und Angst, ihre Wangen bedeckte so brennende Schamrörhe, daß sich auch meiner die größte Verwirrung bemächtigte .... Vr. Blocht Wochenschrift