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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-04-19 · 16 (19.4.1901) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
16 (19.4.1901)
Date
1901-04-19
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 16 Sette 375 Pr. Bloch's rechten Handlungen willen bringen wir unsere Bitten vor Dein Angesicht, sdndern Deiner GnaVenfülle wegen. Was sind wir? Was ist unser Leben? Was ist unsere Frömmigkeit? Was unsere Gerechtigkeit? Was unser Nutzen? Was unsere Stärke? Was können wir vor Dir o Herr, unser Gott und dem Gotte unserer Bäter sagen? Sindnicht alle Mächtigen wie nichts vor Dir, die berühmten Menschen, als wären sie nie gewesen, die Weisen als ob sie ohne Wissen, die Menschen von Verstand, als ob sie ohne Urtheil wären?" ‘) Es scheint nicht viel Stolz odet Betonung eigenen Verdienstes in diesem Gebete zu sein! Es sind viele Stellen über göttliche Gnade in der rabbinischen Literatur vorhanden und selbst der ehrliche Weber ist gezwungen, einige davon zu citiren. Er will sie natürlich abschwächen, soviel er kann. So macht der Nidraseh einen seiner unübersetzbaren, grammatischen Scherze über ein Wort in Zacharias (IX, 9) und bemerkt: „Selbst wenn keine guten Werke in Eueren Händen sind, wird Gott Euch um seiner selbst willen retten." Worauf Weber feierlich bemerkt, daß „die Gnade nur ein kaute de mieux ist; Gott fragt erst: „Ist Verdienst da?"^) Aber der Niäraseh macht keine so feinen Unterschiede. Er ist einfach und unsystematisch. Wo kein „Gesetz" ist. wird Gott durch die „Gnade" wirken, wie er es in der That durch Generationen zwischen der Schöpfung und der Befreiung aus Egypten gethan, denn sie hatten keine guten Werke, durch die sie „leben" konnten. Aber mit der Offenbarung auf dem Sinai gab Gott Israel den Vorzug des Gesetzes — das Privilegium, würdig durch die Erfüllung seiner Gebote zu werden. Dieses große Privilegium ist an sich allein ein Act der Gnade und kann niemals ein Gefühl des Stolzes und der Unabhängigkeit Gott gegenüber erzeugen. Es gibt keine Tugend, auf welche der Talmud größeren Nachdruck legt, als auf die Demuth, keine Untugend, gegen welche er heftiger spricht, als den Stolz. Von Gott selbst sagt man, er sei demüthig, und sogar in der Demuth findet der Mensch iu Gott sein Vorbild und Beispiel. Obgleich Gott den Menschen für seine guten Thalen belohnen will und sein Los im Diesseits und Jenseits zum Theil von ihm selbst abhängig macht, so berechtigt dies nicht zum Stolz, und der Rabbi würde mit dem Dichter übereinstimmen, daß es „Verdienst" zwischen Mensch und Mensch, aber nicht zwischen dem Menschen und dir o Herr gibt! „Derjenige, in welchem der Geist des Stolzes wohnt, ist so schlimm wie ein Götzendiener." „Der Mensch mag von Gott lernen, denn Gott ließ seine Sehechinah ruhen auf Sinai, und nicht auf den höheren Bergen, und er vermied die größeren Bäume und ließ seine Schechinah ruhen in dem Dornbusch." „Die Demüthigen werden von der Schrift betrachtet, als ob sie die sämmtlichen Opfer des Gesetzes dargebracht hätten."* 2 3) Diesen Aussprüchen gleichen die meisten Aeußerungen der Rabbinen über Demuth und Stolz. Sind dies aber Aussprüche von Menschen, die viel von ihren eigenen Leistungen hielten? Die Rabbinen waren weit davon entfernt, dem schlechten Impuls — dem Yetzer Ha-Ra — eine zu unbedeutende Stelle einzuräumen. Obgleich es möglich lst, durch ernstes Bestreben, durch Gebet und Hilfe Gottes über Die Verlockungen und Versuchungen des Bösen zu triumphiren, so ist die Aufgabe doch schwer. Sie bedarf beständiger Wachsamkeit; der Mensch muß immer auf der Hut sein, um die Versuchungen der Sünde, wie sie aufsteigen, zu ersticken. Im Ganzen gibt Weber einen unbefangenen Bericht über den Yetzer Ha-Ra in der rabbinischen Literatur. Sein Hauptfehler scheint zu sein, daß er die Hilfe Gottes, welche den Menschen nach der rabbinischen Theorie, zu Theil wird, ignorirt und daß er die allgemeine rabbinifche Geistesrichtung in zu dunklen und düsteren Farben schildert. Das siebente Capitel des Römerbriefes hält er sich auch zu beständig vor Augen. Die Regel des Gesetzes und die Hilfe des Geistes schließen einander nicht aus. „Was die Gerechten auch thun mögen", heißt es in Tenchuma „sie thun es mit Hilfe des heiligen Geistes". Es ist auch nicht wahr, wenn man sagt, daß Gottes Beistand nur ungewöhnlicher Frömmigkeit zu Theil wird. Die allgemeine Lehre ist genau ausgedrückt in dem Satze: „Demjenigen, welcher rein sein will, wird geholfen, daß er rein sei; für denjenigen ‘) Authorized Daily Prayer—Book of the „German and Polish“ congregations of the British Empire edit by Singer (Eyre and Spottish woode) pag. 7 Auf dieses Gebet bezieht sich der Bab. Talmud Ioma 87 b. Die Entstehungszeit ist spätestens das zweite Jahrhundert Nach Christi. 2) Weber, S. 304. 3) Sota 4 b, 5 a, 5 b. Wünsche, Die haggadischen Bestandtheile V. 1.. S. 343, 345, 347. Wochenschrift. welcher sich beflecken , will, ist die Thür geöffnet.") Wenn an die Hilfe Gottes nicht geglaubt würde, welchen Nutzen und Zweck hätten jene häufigen Gebete in der Liturgie um Leitung und Hilfe: „O! bringe uns nicht in die Macht der Sünde oder Versuchung; laß den Yetzer Ha-Ra nicht Gewalt über uns gewinnen; laß uns dem guten Yetzer und guten Thaten anhängen; unterdrücke unseren Yetzer, so daß er dir dienstbar fei.-2) Welches auch immer der geheimnißvolle Proceß sein mag, durch welchen, wie die meisten gläubigen Menschen annehmen, Gott uns zur Frömmigkeit verhilft, ob sie es die Gabe seines Geistes oder wie sonst nennen, die Rabbinen glaubten daran und sie wurden getröstet und gestärkt durch diesen Glauben. Weshalb Paulus sich nicht auf diesen zu seiner Zeit herrschenden Glauben beruft, ist eine der vielen Schwierigkeiten, die seine Schriften verursachen. Die Frage der Furcht muß jedoch etwas näher betrachtet werden.-Ich will nicht die Mängel einer auf dem Gesetze beruhenden Religion unbeachtet lassen. Es ist Gefahr vorhanden, daß die Geradheit des Urtheils in die Brüche geht und die Einheit, der Tugend sich in der Vielheit einzelner Gesetzesnormen verliert. Es würde nicht unwahrscheinlich sein, daß die Schlichtheit eines edlen Charakters bald verletzt oder nie erreicht werden könnte. Das Leben und der Charakter dürfen nicht in Atome zerlegt werden. Der verstorbene Master of Ballial hat gesagt: „Seltsam wie es auch erscheinen mag. ist es nichtsdestoweniger wahr: die Zweifel über unwichtige Gegenstände schließen immer ein Aufgeben der Pflicht in größeren und wichtigeren Dingen in sich. Ein zartes Gewissen ist den Kämpfen des Lebens nicht gewachsen. Im ersten Moment scheint es, daß, wenn man sich um kleinere Pflichten kümmert, die großen sich um sich selbst kümmern müßten. Aber das ist nicht die Lehre, welche uns die Erfahrung gibt. In unserer moralischen sowohl als in unserer physischen Natur sind wir Wesen mit begrenztev Lebensdauer, nur eines gewissen Grades der Spannung fähig, immer geneigt, Krankheit oder Zerrüttung zu erleiden, in einem Theile überangestrengt, im anderen geschwächt zu werden. Niemand kann seinen Geist angestrengt auf einen unbedeutenden Scrupel richten, oder in einer excentrischen Einbildung aufgehen, ohne daß die großen Principien der Wahrheit und Gerechtigkeit ihn unbewußt verlassen. Er hat das Leben durch ein Mikroskop betrachtet und kann es nicht im großen Maßstabe auffaffen. Die moralischen Proportionen der Dinge entgehen ihm; die Frage des Neumondes oder Sabbaths hat die Stelle des Fleißes und der Ehrlichkeit eingenommen." Zweifellos find rabbinifche Juden gelegentlich einigen dieser Fallen und Uebeln ausgesetzt. (Fortsetzung folgt.) Correspondenzen. Aus der Sitzung des Borstandes der israelitischen Cultusgemeinde vom 14. April 1901. halb 11 Uhr Bormittags, unter dem Vorsitze des Präsidenten Herrn Commercialrathes Klinger. Aus dem Einlaufe wird zur Kenntniß gebracht: Eine Zuschrift des Magistrates, betreffend die Ablehnung des Ansuchens des Cultusvorstandes um Errichtung von Gräbern vor den Gehölzen der Gruppen 5d und 6 gegenüber der Ceremonienhalle der israelitischen Abtheilung des Centralfriedhofes. (Wird der Friedhof-Section abgetreten.) An Spenden sind einqelaufen: Bon Frau Nanette Mautner für den Erhaltungsfond des israelitischen Altersversorgungshauses . . . . K 1000.— Bon Herrn S. Heit als Aequivalent für eine Bethausspende für verschiedene Wohlthätigkeits- Anstalten ..„ 400.— Bon Herren Dr. Moriz und Siegfried Landau und Frau Adele Peter anläßlich des Ablebens ihrer Mutter für Arme.„ 400.— Bon Herrn Leopold Kern für Mnzzoth an Arme „ 200.— Anonymus durch Herrn kaiserl. Rath Dr. Lieben anläßlich des Ablebens eines Beamten, für Arme . „ 200.— Anonymus für Arme .„ 30.— Ch. anläßlich der christlichen Osterfeiertage für jüdische Arme . . . ... . . . „ 20.— *) Doma 38 b fin. 39 a. Wünsche, Die haggadischen Bestandtheile I, S. 367, 368 *) Authorized Prayer-Book p. 7.

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