Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 16 (19.4.1901)
- Date
- 1901-04-19
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 274 Vr. BImtz's WochvnfthrM stabe steht im Gegensätze zum lebenspendenden Geiste. Dieser Geist kann nur dem Gläubigen zu Theil werden, der die sühnende Kraft des Todes Christi glaubensvoll hinnimmt. Die Auffaffung des Gesetzes als eine Last ist kaum paulin isch. Er ist manchmal geneigt, die Ceremonialvorschriften als zu einer längst überwundenen Elementarstufe der Religion gehörig, zu betrachten. Der Israelit ist unter dem Gesetze in einem Zustande der Knechtschaft. und der Christ, welcher sich durch Zeiten, Jahreszeiten und Tage belästigen und plagen läßt, erkennt thörichter Weise die geistige Freiheit, welche Christus ihm gegeben hat, nicht an. Aber die Vorstellung, daß das bloße Gewicht und die Zahl der Ceremonialgesetze einen schweren Verdruß und eine verhängnißvolle Last bilden, kann kaum aus den sechs ursprünglichen Episteln construirt werden. Des Paulus Einwendungen gegen das Gesetz stehen immer in Beziehung zu seinem eigenen theoretischen oder theologischen System, sie entwickeln sich aus seinem eigenen Bewußtsein heraus. Die zweite Anschuldigung — der Selbstgerechtigkeit und des Stolzes — wird auch nur theilweise durch Paulus klargelegt. Hier aber kommt der Apostel der Wahrheit weit näher, denn der Jude, welcher gegen Gott demüthig war, machte sich des Stolzes gegen den Heiden schuldig. Particularismus war die große Schwäche und der Fehler der rabbinischen Religion, obgleich sie von Eigenschaften begleitet wurde, die nur zu allgemein in den herkömmlichen Schilderungen des Judenthums übersehen oder abgeleugnet werden. Die Anschuldigung der bequemen, äußerlichen Conformität und der Selbstgerechtigkeit stammt jedoch nicht von Paulus. Ihm ist das Gesetz fast immer ein Ganzes. Nicht durch ihn erhalten wir das Bild des stolzen Pharisäers, der die leichten Aufgaben des Gesetzes erfüllt und die wichtigen vernachläsiigt oder Übertritt. Um Vas zu erfahren, müssen Sie sich an die Evangelien halten und, glauben Sie mir wenn es auch seltsam klingt — an die rabbiuische Literatur selbst.*) Aber noch ein Mal: kann das Gesetz erfüllt werden? Wird vom Menschen erwartet, daß er es erfüllt? Die rabbinische Antwort ist einfach. Sie geht vielleicht nicht tief genug, um einen consequenten Theoretiker zu befriedigen; sie ist mit Schwierigkeiten verknüpft, wenn Sie tiefer eindringen wollen; aber sie ist praktisch, sie wirkt. Es ist eine Antwort, der das alltägliche Leben zu entsprechen scheint. Gott hat dem Menschen Fähigkeiten gegeben, mit deren Hilfe er bis zu einem beträchtlichen Grade des Gesetz erfüllen kann. Es gibt gute Menschen, sogar Heilige. Das ist eine Thatsache, es war eine Thatsache in den Tagen des Apostel Paulus, und es blieb eine Thatsache in allen Generationen, die ihm folgten. Da Gott dem Menschen die Kraft gegeben hat, das Gesetz zu erfüllen, erwartet man auch, daß er es thue. Gott bestraft das Mißlingen, er belohnt den Erfolg. Aber Gott hat den Menschen so geschaffen, daß er nicht nur Kräfte besitzt — gottgegebene Kräfte — durch welche er das Gesetz erfüllen kann, er besitzt auch Impulse, Neigungen, Wünsche, die ihn veranlassen, das Gesetz zu übertteten und ungehorsam zu sein. Dies ist der bekannte »^etrer Ha-Ra", der böse Trieb, übereinstimmend mit des Paulus »Gesetz der Sünde, welches in den Gliedern ist". Aber Gott hat wohl beachtet — wenigstens so weit Israel in Betracht kommt — daß das "ketrer Ha-Ra nicht einen unbedingten oder unvermeidlichen Triumph feiere. Er hilft den Guten in ihrem Kampfe gegen das Böse. Er hält sie aufrecht durch. seinen Geist, durch seine Gegenwart, durch das Versprechen der Auferstehung und des künftigen Lebens. Und wenn von Zeit zu Zeit die Menschen fehlen, straucheln oder sündigen — denn der Heiligen sind wenige — selbst dann verläßt Gott sie nicht. Er schasst Mittel, wodurch ihre Sünde vergeben wird, und noch beste»- Mittel, wodurch sie selbst zur Redlichkeit und Frömmigkeit zurückgeführt werden. Denn die beste Gabe Gottes ist die Reue. Dieser Abriß der rabbinischen Lehre mag vielleicht genügen. um zu zeigen, daß der paulimsche Gegensatz von Werken und Glauben und von Verdienst und Gnade auf die rabbinische Religion unanwendbar ist. Das rabbinische Judenthum ist ein unsystematisches Gemisch von Werken und Glauben, von Gnade und Verdienst. Sie können Stellen finden über den Glauben, welche sein Lob singen ganz in der Paulinischen Art, aber kein rabbinischer Jude, der diese Stellen liest, würde darin irgend etwas Seltsames, noch mit der vorherrschenden Lehre, daß der Mensch nach seinen Werken gerichtet werden soll. Unvereinbares findet». Der Mensch kann nicht lange die vielseitigen Ansprüche ') Talmud, Sota 22 b. Wünsche, Die haggadischen Bestandtheile rc. II, l. pag.297, >98. Jlt. 16 seiner Natur vernachlässigen. Cone zeigt in bewunderungswürdiger Weise, wie die Werke immer und immer wieder/ selbst im Paulus aufschießen, und so ist es — nur viel natürlicher und nicht erstaunlich — mit dem Glauben der Rabbinen. »Um des Glaubens willen", wie es in der Mechilta heißt, »ruhte der heilige. Geist auf Israel, und sie sangen das Lied an den Wassern des Rothen Meeres. Abraham, unser Vater, ward dieser und der künftigen Welt nur um seines Glaubens willen theilhaftig. Jeder der— wenn auch nur ein Gebot — gläubig auf sich nimmt/ ist würdig, daß der heilige Geist auf ihm ruht"?) Natürlich versucht Weber die jüdische Auffaffung zu verkleinern, indem er sie eine »Leistung" nennt, aber nennen Sie es, mit welchem Namen Sie wollen, es bedeutet ganz einfach ein absolutes Vertrauen in die Güte und Weisheit Gottes. Glaube und Vertrauen werden abwechselnd gebraucht. Wie es z. B. im Midrasch heißt, daß wer immer auf Gott vertraut, würdig ist, wie er zu werden, oder daß Joseph nur ein Mal sein Vertrauen in Gott verlor (und der Mangel an Vertrauen brachte ihm noch zwei Jahre mehr im Gefängniß ein), als er den Oberkellermeister bat, sich seiner zu erinnern und nicht glaubte, daß Gott allein genüge für seine Befreiung.2) Führt der Mensch nun das Gesetz durch sein eigenes Verdienst aus und begehrt er seine Belohnung von Gott von Rechtswegen und nicht durch die Gnade? Ja und nein. Es ist eine traurige Antwort, aber wenn Sie mich auf drei Worte beschränken, kann wahrheitsgemäß keine andere gegeben werden. Lassen Sie mich Paulus als Parallele anführen. Nach seimr Lehre kann es keine Frage über Verdienst zwischen Gott und dem Menschen geben. Die Parteien sind nicht gleich und unabhängig. Wenn Sie nicht und bis Sie nicht an die erlösende Kraft von Christi Kreuzestod glauben, können Sie weder gut sein durch Erfüllung .des Gesetzes, noch würde Ihnen die Erfüllung des Gesetzes überhaupt dazu verhelfen, gut zu sein. Denn die bloße Thatsache, daß Sie es selbst und durch eigenen Willen erfüllt haben, würde die Erfüllung alles ethischen und religiösen Werthes berauben. Aber nachdem der Glaubensact durchgeführt wurde und der Tod Christi in Ihnen jene geheimnißvolle Gnade und Kraft' bewirkt hat, bleibt doch, obwohl Sie theoretisch nicht mehr sündigen würden, in praktischer Hinsicht der alte Sauerteig noch wirksam. Es gibt Unterschiede zwischen Gläubigen und Gläubigen, und, während der Eine ein Heiliger sein kann, mag der Andere etwas sein, was einem Sünder sehr ähnlich ist. Ueber das Ergebniß von des Menschen Thun nach Annahme des Christenthums-urtheilt allein Gott, und es scheint fast, daß es selbst Christen geben kann, für welche Verdammniß, nicht aber ewiges Heil bereit sein wird. Nun also, das Gesetz , ist der jüdische Christus. Es wurde in reiner Gnade gegeben und nur mit Hilfe des Gesetzes kann der Mensch seinen Weg zum Himmel finden. . Gott hat Israel das Gesetz gegeben, damit Israel sich die. Sporen verdiene. Sie können deshalb nicht von der Unabhängigkeit des Menschen sprechen. Das Gesetz bildet die Sprossen der Leiter, die Gott aufgestellt hat, damit der Mensch sie erklimme. Aber weil Gott Israel liebt und weil sein eigener Ruhm in dem Lobe, welches Israel ihm spendet, enthalten ist, deshalb sagt er: »Verdient was Ihr könnt durch Euere eigene Kraft-und meine Hilfe und was dann noch fehlt, werde ich gewähren." Sie werden bei Weber viel über die-richtige Auffassung von „Sechut“ oder »Verdienst" finden. Aber es muß mit der äußersten Vorsicht gelesen und ausgenommen werden. Es ist durchaus mit dem Wunsche und in der Absicht geschrieben, den Gegensatz zwischen dem rabbinischen Verdienste und der paülinischen Gnade zu vergrößern. Ich kann leider den GegWstand nicht eingehend behandeln, denn er würde einen Vorträg'für sich beanspruchen. Ohne genaueres Eingehen kann der Stoff nicht befriedigend erklärt werden. Das erste Moment, welches man festhalten mutz, ist, daß es keine Gleichheit der Beziehungen gibt. Das ist Weber'S Hauptirrthum. Wenn der Mensch, sich Verdienst erwerben kann, so vermag er es nur zu thun,. weil Gott ihm das Gesetz , gegeben hat, mit Hilfe dessen er. es erlangen kann. Der Väter freut sich, wenn das Kind seinen Willen ausführt. Aber die Belohnungen, die der Vater gibt, repräsentiren keinen Handel, noch darf das Kind dem Vater? gegenüber- Stolz bekunden. Die wahre und echte rabbinische Ansicht wird in folgendem Gebete, welches jeder orthodoxe Jude noch .täglich wiederholt, gegeben: »Herr aller Welten, nicht um unserer ge- ') Mechilta 43 b. Cap. Weber, pag. 304, 308. > 2) Bereschit Rabba, Wimsche's Uebersetzung S. 435; Debarim Rabba V. Wimsche's Uebeisetzung S. 69.