Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 16 (19.4.1901)
- Date
- 1901-04-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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»rn.c :it ramnfir'ir, Nr. 16 Dr. Vloch's Wochrn-ÄMr. Sette 373 tritt in Beziehung zu ihm, denn er fühlt, daß die Schechina — die Gegenwart Gottes — ihm nahe und um ihn ist. Wie oft lesen wir bei den christlichen Theologen, daß das Gesetz äußerlich sei. Es ist, als ob ein Zuchtmeister von Außen befiehlt, es sagt: »Du sollst" oder: »Du sollst nicht", aber es gewährt keine innere Kraft, diese zum Gebrauche fix und fertigen Gebote, diesen kalten, strengen, Schrecken einflößenden Anordnungen, zu gehorchen. Es ward in der That von Gott gegeben, aber von einem erhabenen, düsteren und starren Gott, einem Gesetzgeber und Richter, nicht von einem Vater oder Freund. Ob Sie mir wohl, im Gegensätze zu den Theologen, glauben werden, daß die ganze Geschichte von dem strengen Richter und starren Gesetzgeber eine Erdichtung, ein Popanz ist? Gott ist den Rabbinen sicherlich sowohl Gesetzgeber als Richter, und sogar der paulinische Christ erkennt, daß es so etwas wie Gerechtigkeit und Gericht gibt, sowohl in dieser, als in jener Welt. Aber wie kann man den Gesetzgeber streng und grausam nennen, der Gesetze zum Besten seiner Geschöpfe gibt, der unermüdlich in seiner Liebe zu ihnen ist, der sie bemitleidet in ihrem Kummer und bei dem kleinsten Anschein der Reue sich beeilt, ihnen die Sünden zu vergeben? Nun, das ist die raöbinische Auffassung von Gott, und endlose Stellen in der rabbinischen Literatur sind voll von Beweisen dafür. Wie können Sie das Gesetz äußerlich nennen, von dem man glaubt, daß es der Wille Gottes ist und wie Gott selbst, vollkommen weise und durchaus gut? Es ist ebensowenig äußerlich wie das Moralgesetz für die Philosophen. Sogar Dr. Cone, der gewöhnlich so gerecht und ehrlich ist, scheint zu glauben, daß ein Gesetzgeber und Richter nicht auch gnädig und voller Liebe sein kann. Holtzmann fühlt sich in seiner bewundernswerthen Abhandlung über die Theologie des Paulus verpflichtet, von „einem knechtischen Dienste unter dem Joche des Gesetzes" zu sprechen.l) „Knechtischer Dienst!" Worin liegt die Knechtschaft, wenn man Gott dient? Es scheint mir fast eine Beleidigung für den gesunden Menschenverstand, daß ich erst beweisen muß, wie ein solcher freiwillig beobachteter Dienst nicht Sclaverei, sondern Freiheit bedeutet. Aber weil Paulus es sagt, deshalb muß es so sein. Obgleich die ganze rabbinische Literatur eine ungeheuere Verneinung solcher Supposition ist, obgleich die Hypothesen, worauf das rabbinische Judenthum beruht, — daß Gott unendlich gut ist, daß er Israel liebt, daß er Israel sein Gesetz aus Liebe gegeben hat; daß Israel, indem es an diese göttliche Lehre glaubt, im Dienste Gottes sein größtes Privilegium findet; daß da- Gesetz ursprünglich zu freier Annahme angeboten, und freiwillig angenommen wurde, und daß dieses freie Angebot und diese freie Annahme sich von Geschlecht zu Geschlecht fortsetzte, obgleich alle diese Hypothesen absolut unvereinbar mit der Voraussetzung der Knechtschaft sind, obgleich es bis heute Tausende von pharisäischen Juden gibt, die unter dem Gesetze leben und darin keine Dienstbarkeit finden, gilt dies Alles für nichts. Man sollte meinen, daß die Geschichte zeigen wollte, wie vorsichtig wir sein müffen, indem wir als buchstäbliche Wahrheit annehmen, was der Mann, welcher zu einem anderen Glauben übergegangen ist oder eine große, religiöse Erschütterung durchgemacht hat, über die Religion, welche er verworfen hat, oder über seinen eigenen Zustand vor seiner Bekehrung sagt, aber wo das Judenthum ins Spiel kommt, hat die Geschichte keine Stimme oder Belehrung für den paulinischen Theologen. Das Gesetz nimmt für den Rabbinen in vielen Beziehungen denselben Platz ein, wie Jesus Christus für den christlichen Gläubigen. Lassen Sie mich den „knechtischen Dienst" als Illustration benützen. Nach der rabbinischen Lehre wird durch das Gesetz die Freiheit erworben. Anspielend auf das Wort Charuth (eingegraben) in dem Satze: »Und die Schrift war die Schrift Gottes, eingegraben auf den Tafeln", bemerkt ein Rabbiner: „Lies nicht Charuth, sondern Cheruth (das hebräische Wort für Freiheit), denn Keiner ist frei, als Derjenige, welcher sich mit dem Studium der Thora befaßt." Oder: »Jeder, der sich selbst mit der Thora beschäftigt, ist ein fteier Mann." Oder: »Glücklich bist Du o Land, wenn Dein König ein freier Mann ist. Und wann befindet sich ein Land in diesem beneidenswerthen Falle? Wenn sein König sich mit dem Gesetze beschäftigt, denn es gibt keinen freien Mann als den, welcher sich mit dem Gesetze befaßt." Und weiter: „Als das Gesetz in die Welt kam, brachte es die Freiheit mit". ') Holtzmann, Lehrbuch, der neutestamentlichen Theologie,, II., p. 137. Orello Cone „Paul": Der Mensch, der Missionar und der Lehrer. (1898.) p. 348. Bei jeder großen Religion ist die Frage: Wollt Ihr sie auslegen und abschätzen nach ihren Idealen und Erfolgen, oder nach ihren Fehlern und Mißerfolgen? Wollt Ihr sie nach ihren Sündern oder Heiligen beurtheilen? Aber wenn es sich darum handelt, den Apostel Paulus ins Licht zu setzen, werden keine derartigen Fragen über das rabbinische Judenthum gestellt. Nach Kanonikus Gore, von dem ich noch mehr zu sagen haben werde, scheint dieses eine Fülle von „Hohlheit, Fäulniß, Stolz, Stillstand, Conventionalismus und Heuchelei" gewesen zu sein, das ist eine nette Zusammenstellung, besonders wenn sie nur so beiläufig erwähnt wird und, so weit als ich zu beurtheilen vermag, nicht das Resultat geduldiger und ernster Erforschung der originalen Grundschriften. Das rabbinische Judentum hat keine Ideale der Vortrefflichkeit, die Dunkelheit, welche Jesus und Paulus in hellerem Lichte erscheinen lassen soll, darf daher nicht vermindert werden. Aber wäre es nicht ehrlicher, sich gegen das rabbinische Judenthum so zu verhalten, wie gegen den Katholicismus und C rlvinismus? Mit anderen Worten sich nicht ausschließlich auf die Werke der Convertiten und Feinde zu verlassen, um Euch darnach ein Urtheil zu bilden über diese großen Religionen und über die Männer, welche unter ihrer Herrschaft lebten, sondern solche Autoritäten wohl nicht zu vernachlässigen, zunächst aber ihre eigenen Literaturen zu studiren, und diese zu Eueren Hauptquellen und Hauptbeweismitteln zu machen? Welches find dort die Ideale? Welchefind die Fehler jener Ideale? Wie weit lebten die wirklichen Männer und Frauen diesen Idealen nach? Wie weit wurden sie Opfer der Fehler? Können Sie wirklich glauben, daß das rabbinische Judenthum dem Schwerte und dem Scheiterhaufen Märtyrer zu Hunderten und Tausenden liefern, und doch nur eine „Masse von Stolz, Stillstand, Conventionalismus, Heuchelei, moralischer Hohlheit und Fäulniß" sein konnte? Haben die Juden nie irgendwelche moralischen und religiösen Tugenden gehabt? Wenn dem so war, woher erlangten sie dieselben sonst, als durch das Gesetz? Oder kam irgend eine wunderbare Besserung über sie nach den Tagen des Apostel Paulus? Und wenn es der Fall war, wie kamen sie anders dazu als durch das Gesetz? Oder war es durch den Anblick der christlichen Duldsamkeit oder christlichen Liebe? D.is Gesetz ist also, wie der weise und freisinnige Doctor Taylor sagt, „rine Freiheitsurkunde" *) das ist das Ideal. Aber kann das Gesetz erfüllt werden? Und was schließt der Versuch der Erfüllung in sich? Ich zweifle nicht, daß Ihnen die beiden | großen — und meiner Ansicht nach einander widersprechenden 1 — Anschuldigungen, die gewöhnlich gegen das Gesetz vorgebracht \ werden, bekannt sind. Die erste ist, daß das Gesetz als Ganzes 1 unfähig der Erfüllung ist. Mißerfolg ruft Verzweiflung hervor. j Die Unzahl seiner Gesetzesbestimmungen — hier denken wir Haupt- | sächlich an die rituelle' Seite — ist eine unerträgliche Bürde. i Es gibt Gesetze zur Linken, zur Rechten und in der Front, die f ihre Befehle und Drohungen mit Donnerstimme kundgeben. Fort- | während fürchtet Ihr, ob Ihrnicht unabsichtlich ein Gebot überj treten oder zu erfüllen verabsäumtet. Die zweite Anschuldigung | ist, daß das Gesetz Stolz verursache. Ihr seid stolz auf seinen j bloßen Besitz, und eine oberflächliche äußere Gleichförmigkeit kann [ sehr wohl bei „innerer Hohlheit und Fäulniß" bestehen. Manche Schriftsteller betonen die erste Anschuldigung andere die zweite.! So vertritt Weber die Ansicht, daß das Leben im Judenthum | ein beständiger Schrecken war. Kanonikus Gore hingegen besteht hauptsächlich auf der Selbstgerechtigkeit und dem Stolz. Das Klügste, was man thun kann, ist, gleichzeitig auf beiden Sesseln ] zu sitzen, wie Holtzmann, der tapfer die Pharisäer einerseits der; „Selbstzufriedenheit" bezichtigt und andererseits der „Friedlosigkeit des Gewissens". Es mag angebracht sein, zu fragen, wie weit Paulus selbst verantwortlich ist für diese Anschuldigungen, und in welcher j Form er es ist. Aufmerksames Lesen wird zeigen — wie icy j schon angeführt — wie verschieden seine Stellung zum Gesetze j von der des Jesus in den synoptischen Evangelien ist. Die erste An- > schuldigung ist paulinisch, aber mit einem Unterschied. Das be-! rühmte siebente Capitel des Römerbriefes hat mit den Berordj nungen für die Moral, nicht für das Ceremoniell, zu thun. Es j handelt sich darum, daß das Gesetz, welches äußerlich befiehlt { und das Bewußtsein der Sünde gibt und erhöht, keine innere Kraft gewährt, mit deren Hilfe der Mensch seinen sündigen Be-; gierden und Neigungen widersiehen, sie unterdrücken und so das f Rechte thun oder das Böse vermeiden kann. Der todte Buch-; *) Taylor, C. Sayiays of the Jewish Fathars (i. e. Abot) | zweite Ausgabe. Anmerkung zu UI, 8.. S. 46. *