Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 16 (19.4.1901)
- Date
- 1901-04-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Rr. 16 Dx. Vloch's Wochenschrift. DrNe 271 etliche Zweifler oder Gegner gegeben haben, welche Bedenken trugen, ob mau denn das geeignete Material finden werde,, wo man die Ausbildung besorgen werde, ob die Kosten nicht die Kräfte weit übersteigen werden. Aber weder die Berliner noch die Frankfurter ließen sich von diesen Angstmeiern ins Bockshorn jagen. Sie wußten, daß man überhaupt nichts durchführen könne, wenn man den Pessimisten Gehör schenkt und solchen Einflüsterungen nachgibt — und sie — gaben nicht nach. Sie waren sich auch vollkommen klar darüber, daß die Ausbildung jüdischer Pflegerinnen nothwendig ist, nothwendig um der Kranken willen, nothwendig wegen der Familien, nothwendig wegen der Armen, nothwendig wegen der Spitaler, nothwendig wegen der jüdischen Frauen und Mädchen, und so bildeten sie denn die Schwestern aus. Auf ihr Werk zurückblickend, müssen sie jene seelische Freude empfinden, die das Gelingen eines guten und nützlichen Werkes mit sich bringt. Das Gelingen aber läßt sich nach jeder Richtung hin constatiren. Es haben sich Schwestern in genügender Zahl gemeldet, ihr Ausbildung ist eine vollkommene, ihr Verhalten ein tadelloses und, die Kosten überschreiten das erwartete Maß nicht. Daß dieser Erfolg erzielt wurde, ist dem Zusammenwirken mehrerer Elemente zu verdanken. Die jüdische Bevölkerung war opferwillig, die Leiter gingen mit frohem Math ans Werk, und die Erkenntniß, daß es sich um die Befriedigung ein s unabweislichen Bedürfnisses handle, war Reichen und Armen so zum Bewußtsein gekommen, daß jeder nach seinen Kräften beitrug, um die Errichtung und Erhaltungeiner solchen Pflegerinnen-Anstalt zu ermöglichen. 'Reben der 20.000 Mark-Spende figurirt — in idealem Sinne ganz gleichwerthig — die 2 Mark-Spende und durch freudiges Zusammenwirken wurde nach verhältnißmäßig kurzem Zeitraum ein Fond von 200.000 Mark aufgebracht, mit Hilfe dessen man an die Errichtung seiner eigenen Anstalt schreiten wird. Vorerst sind die Schwestern in Frankfurt ä. M. in einem sehr bescheidenen Heim untergebracht. Es ist eben der Anfang ein kleiner. Dem rr esen geschieht dadurch kein Abbruch. Die Opferwilligkeit hat sich auch auf die Beschaffung eines Pensionsfonds erstreckt, der bereits über l 16.000 Mark verfügt und die Vereinsmitglieder haben im vergangenen Jahre für die Vereinszwecke 6800 Mark beigesteuert und damit ihre stete Theilnahme und Fürsorge bekundet. Die Schwestern bringen aber auch ein anständiges Sümmchen ein. Für die von ihnen geleisteten Dienste sind an 12.000 Mark eingeflossen, während 14.000 Mark für sie verwendet wurden. Bei einer Gesammteinnahme von 22.363 Mark wurden nur 17.000 Mark ausgegeben und 5000 Mark zur Verfügung, gehalten. Man kann'aus diesen Ziffern entnehmen, daß die. Sache nicht gar so unerschwinglich kostspielig ist, wie gewisse Zweifler behaupten wollten. Man muß eben nur wollen, dann gehts. Die Berliner und Frankfurter haben den guten Willen gehabt und sie haben das Ziel erreicht. Wenn es in Wien nicht gehen sollte, dann fehlt es entweder an der Erkenntniß der Nothwendigkeit, oder an gutem Willen, oder an Beidem. - A. W i e n e r. Zur Bade- und Sommersrischensaison. Wien, im April 1901. Seit Beginn der antisemitischen Aera sind vielfach auch die Badeorte und Sommerfrffchen von der häßlichen Strömung ergriffen worden. Des Sommers über, wenn die Juden kommen und ihr schönes Geld bringen, ist man entweder erheuchelt judenfreundlich oder latent antisemitisch. Im Winter dagegen, namentlich bei Festen und bei den Wahlen in die öffentlichen. Körperschaften läßt man der verhaltenen, antisemitischen Gesinnung nach Herzenslust freien Lauf. Da beeilt sich Groß und Klein, den antisemitischen Matadoren ihre Reverenz zu machen und sie zu den höchsten Vertrauensposten zu erheben. Nicht einmal die Ortshonoratioren, die sogenannte Intelligenz, die Lehrer u. s. w., von denen angenommen werden könnte, daß sie sich, schon ihres Bildungsgrades wegen einigermaßen Zwang auferlegen sollten, haben die Zurückhaltung, mit dem Mob im Chorus der Judenhetze einzustimmen. Im Gegentheile gerade sie find es, die sich in der Regel an die Spitze stellen, wenn es gilt, gegen die Juden eine Philippica zu richten. Ein Freund unseres Blattes, dessen Vertrauenswürdigkeit außer Frage steht, macht uns auf die Zustände aufmerksam, wie sie sich in letzter Zeit in Johannisbad, im Trautenauer Bezirke gelegen, heraus gebildet haben. Johannisbad in einer Mulde des schönen Riesengebirges eingebettet und hart an der preußisch-schlesischen Grenze gelegen, wird jährlich von nahezu 3000 Curgästen und Sommerftischlern besucht. Zu diesen stellen Breslauer und Berliner Juden nahezu neunzig Percent, die meist sehr wohlhabend sind, eine behagliche Lebensweise führen und verhältnißmäßig großen Aufwand machen, daher nicht nur den Curort Johannisbad selbst, sondern auch dem ganzen Landbezirk Trautenau reichlichen Erwerb zuwenden. Nun soll es aber bei den Anfangs heurigen Jahres stattgefundenen Reichsrathswahlen des Städte- und Landbezirkes Trautenau förmliche antisemitische Jubelfeste gegeben haben. Der frühere Abgeordnete Dr. Roser, der den Trautenauer Bezirk dreißig Jahre hindurch in würdiger Weise vertreten hatte, fiel bei den Wahlen durch und an seinerstatt wurde ein antisemitischer Kampf- Hahn gewählt. Das Beispiel von Johannisbad ist nicht vereinzelt und gilt als allgemeine Regel — es ist sozusagen in Oesterreich typisch geworden. — Wenn die reichsdeutschen Glaubensgenoffen diesen beschämenden Zuständen nähertreten werden, dürften sie nicht ermangeln, auf eine Remedur bedacht zu sein. Denn sie haben mehr als wir österreichischen Juden das Herz am rechten Flecke und lieben es entschieden nicht, eine Natter an ihrem Busen zu nähren. Es braucht nur einmal ein Exempel statuirt zu werden und die in ihrem Lebensnerv betroffene Trautenauer Bevölkerung dürfte dann den Herren Wolf, Kaspar und Herzog kaum mehr Gefolgschaft zu leisten gewillt sein. Eduard Beer. General Mereier und seine Freunde. Gleichsam als Einleitung der anscheinend geplanten neuen Dreyfus-Campagne bringt die französische Halbmonatsschrift »La Revue Blanche" eine umfangreiche Geschichte der Dreyfus-Affaire, deren erste Seiten sich mit dem seinerzeit viel besprochenen Fall Turpin und mit der Rolle, die General Mercier damals gespielt, beschäftigen. Wir finden da folgende Stilblüthen seiner »intimen Freunde": Ro chefort nennt ihn im »Jntransigeant" »Zahme Ente, Schnüffler, Idiot, Trottel, alte Lederhose, Zinnsoldat", Drumont schreibt in der »Libre Parole": »Mercier weiß sehr gut, daß die scandalöse Unterstützung, die er so lange dem Spion Tripon angedeihen ließ, sich nur durch schmutzige Unterrockgeschichten erklären läßt" und Paul de Cassagnac läßt sich in der »Autorite" folgendermaßen aus: »Der General Mercier müßte von seinem Platz heruntergejagt werden; man hätte das auch längst gethan, wenn wir eine unabhängige und patriotische Deputirtenkammer hätten." — Das find dieselben Rochefort, Drumont, Caffagnac, die denselben General Mercier in den Senat entsandt haben. — Den Hauptschlag gegen Mercier und Consorten zu führen, sind die Memoiren Dreyfus' bestimmt, die am 1. Mai in allen Weltsprachen gleichzeitig e-- scheinen werden. Schon jetzt rüsten sich Blatter vom Schlage der »Patrie", diese Memoiren im Voraus zu discreditiren. indem sie, um. eine nationale Entrüstung heraufzubeschwören, darauf Hinweisen, daß gerade in Deutschland diese Memoiren mit besonderer Spannung erwartet werden. Dergleichen Manöver, die allzu deutlich die große Besorgntß vor den kommenden Enthüllungen verrathen, dürften heute aber schwerlich mehr verfangen. In der rumänischen Antisemitenliga scheint der »mammonistische Geist" geradezu verheerende Verwüstungen angerichtet zu haben. Das Organ der Jassyer Antisemiten »Ecoul Moldowei" berichtet, daß der Bureauchef im rumänischen Unterrichtsministerium N. S. Dumitrescu in gleichzeitiger Eigenschaft als Präsident, Caffierer und Secretär des geheimen Bukarester Antisemitenvereines 150.000 Francs eincasfirt habe, von denen er für sich 1000 Francs monatlich als Redaeteur der »Apararea Nationala", 800 Francs als Gehalt für seinen Bruder als Administrator der Druckerei und noch verschiedene andere Gehälter für eine Anzahl seiner Verwandten ausgesetzt habe. Das antisemitische Blatt berichtet ferner, daß aus den Monatsbefträgen der Mitglieder, sowie aus dem Jahresabonnement der »Apararea Nationala" im Laufe von 1 f ü