Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 15 (12.4.1901)
- Date
- 1901-04-12
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021385-3021401--10780-3035279- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
911. 15 Dr. Vloch's WochrnschrM. Sette 267 Auch ich war in dieser Beziehung weder enterbt noch benachtheiligt worden. Bon frühester Kindheit riefen meine Züge mit lauter Stimme: „Das ist ein Sohn Israels!" Diese äußeren, mit dem Laufe der Zeit immer deutlicher hervortretenden Kennzeichen waren die unmittelbare Ursache, die mich mit der „jüdischen Frage" in Berührung brachte. Eines Tages — ich mochte etwa zehn Jahre alt sein — strich meine Mutter liebkosend über mein dichtes, schwarzes Haar, als sie Plötzlich, als habe sie einen heftigen Schmerz empfunden, ihre Hand in die Höhe hob. In ihren zarten Zügen malten sich Schreck und Widerwillen. „Ich muß Dir das Haar gleich abschneiden", sagte sie, ohne mich anzusehen. „Aber Mamachen, mein Haar ist ja noch ganz kurz", erwiderte ich voller Erstaunen über ihren Gesichtsausdruck und die eigenthümliche Hast ihrer Sprache. „Warum willst Du das aber selber thun? Schick' mich doch lieber zum Friseur." Ohne zu antworten, begann sie, verwirrt und verlegen, mir das Haar dicht an der Kopfhaut wegzuschneiden. Mechanisch griff ich nach einem der kurzen Strähne und bemerkte zum ersteümate, daß sie glanzlos waren und sich in häßliche, krause Löckchen ringelten. „Mamachen", rief ich und blickte auf meine Mutter, wie sie es vorhin auf mich gethan hatte, mit Schreck und Widerwillen, „sieh nur dieses abscheuliche Haar! Als wenn ich ein Mohr oder ein Jude wäre! Jetzt weiß ich, warum Du es so kurz schneidest . . . und warum Du es selber thust! .... Du liebst mich .... und es beschämt Dich für Dein Kind .... Wieso aber, wieso ist diese Ekel erregende Wolle auf meinen Kopf gekommen?" Meine Mutter suchte ihre Verwirrung zu beherrschen und erwiderte rasch: „Was Du auch für Einfälle hast! Solches Haar sieht man sehr häufig, aber ich liebe es, wenn Knaben es kurz geschoren tragen. Die langen Locken sind prätentiös." „Du ^willst mich trösten, Mamachen! Aber mein Haar ist doch ganz anders. Die langen Locken sind schön und glänzend, und das da sieht aus wie dicke Schafwolle. Ganz so, wie bei den widerlichen Judenbengeln." Wieder streifte mich ein eigenthümlicher Blick meiner Mutter und ihr Gesicht wurde von einer flammenden Gluth überströmt. „Ich bitte Dich, mein Kind, sprich nie so verächtlich von irgend einem Volke! Ich verbiete es Dir. Mohren, Zigeuner, Juden — Alle sind sie Menschen gleich uns, und wie wir, so haben auch sie ihre Fehler und Eigenschaften!" „Zürne mir nicht, Mamachen!" rief ich, „aber ich gestehe es Dir offen, weder Neger, noch Zigeuner, noch Rothhauie sind mir im geringsten widerwärtig . . . Nur Juden mag ich nicht und sie ilößen mir einen förmlichen Ekel ein!" „Schweig! Ich gestatte nicht, so zu reden!" rief meine Mutter zornig und mit so bebender Stimme, daß ich förmlich erstarrte. „Du hast kein Recht, so zu sprechen und kennst sie ja auch gar nicht, Du .... Du böses Kind! . . . . Haben sie Dir denn je etwas Schlimmes gethan? ... Du wiederholst wie ein dummer Papagei den Unsinn, den Du von Anderen gehört hast!" Noch nie hatte ich von meiner Mutter so scharfe, zornige Worte, gehört. Meine Augen füllten sich mit Thränen, meine Wangen brannten, mein Herz, pochte fast hörbar. Ohne meine Erregung zu bemerken, trat meine Mutter, beide Hände an ihre Schläfen drückend, raschen Schrittes auf die Thür zu. „Mamachen, was ist das? Warum, Mamachen?" rief ich und . stürzte ihr nach. Auf der Schwelle blieb sie stehen, umschlang mich mit ihren Armen und küßte mich mit großer Innigkeit. Vereint flössen unsere Thränen. „Niemals", flüsterte sie, „niemals sollst Du so über sie reden. Mein theures Kind! Es thut mir gar zu wehe!" Ich begriff, daß meine Bemerkung sie schmerzlich berührt hatte und von diesem Tage vermied ich instinctiv alle diesen Punkt berührenden Gespräche. Indessen tauchte bei meinem Eintritt in die Schule die „Frage" abermals auf. Auf der Schwelle des Gymnasiums wäre der Welt und mir gegenüber mein Jncognito fast enthüllt worden. Ich hatte das Examen zur dritten Classe bestanden und als ich in Gesellschaft anderer Schüler den Corridor betrat, hörte ich dicht hinter'«ür ein fast laut geführtes Gespräch: „Ein gescheidter Judenjunge! Er antwortete vorzüglich! Wenn es so weiter geht, wird er erster Schüler sein." „Kein Wunder! Ein reicher Kerl! Die Gymnasialprofessore.i selber bereiteten ihn zum Examen vor. Wenn man mit mir so. gebüffelt hätte, würde ich auch so gut bestanden haben!" „Wie heißt er? Wahrscheinlich Goldenberg, Löwensohn oder etwas Derartiges?" Ich empfand einen scharfen Stich im Herzen. Die Worte schmerzten um so mehr, als der „Schimpf" meiner Ansicht nach ein so unverdienter war. Hastig wandte ich mich um: „Sie irren, meine Herren," sagte ich mit dem Gleichmuth eines zum Zweikampfe aufgeforderten Weltmannes, „ich bin kein Jude und weder „sohn" noch „berg" lautet die Endsilbe meines Namens. Ein Christ bin ich wie Ihr Alle, und mein Name hat wahrlich keinen minder guten Klang cfts die Eurigen. Oberflächliche Urtheile führen häufig ad absurdum!" fügte ich verächtlich hinzu. Die Collegen ließen mich von da ab in Ruhe, aber Tags darauf, bevor der Unterricht begann, wartete meiner abermals eine Ueberraschung. Ich hatte mich ein wenig verspätet und stand nun verlegen vor der Thür, hinter welcher feierlicher, das Studienjahr einweihender Gesang ertönte, als einer der Classenaufseher, der eben auf den Corridor hinaustrat, meiner ansichtig wurde und streng fragte: „Was thust Du hier? Mir scheint, Du bist einer von den neuen?" „Ja, Herr." „Warum bist Du nicht unten, bei „Eurem" Gottesdienst?" „Ich habe mich verspätet und weiß nicht, ob ich jetzt hineingehen darf. Auch weiß ich nicht, wo unsere Classe betet." „Alle Classen beten zusammen. Komm, ich werde Dich hinführen." Ich begriff seine Antwort nicht, betrachtete bedeutsamen Blickes die Thür, hinter welcher der Chorgesang der Schüler erklang, folgte jedoch meinem Führer. Wir stiegen die Treppen hinab und gelangten in einen hohen, düsteren Flur. Bor einer Thüre blieb der Classenaufseher stehen, öffnete dieselbe, schob mich -hinein, zog sich jedoch sofort wieder zurück. Beim Widerhall unserer Schritte wandten sich uns mehrere Gesichter zu, die — ohne Ausnahme — ein ausgesprochen jüdisches Gepräge trugen. In der Mitte des Zimmers stand ein Mann mit einem langen, schwarzen Rocke und las mit eintöniger Stimme aus ecnem großen Buche. Jetzt war ich schrecklich zornig. Ich eilte dem Aufseher nach und rief mit lauter, Empörung ausdrückender Stimme: „Herr! Ich bin ein Christ und Sie führen mich zun, jüdischen Gottesdienst!" In meinen Augen glänzten Thränen. „So?" sagte der Classenaufseher, nach dem ich meimn imponirenden Namen genannt hatte. „Ach, dann bitte ich um Entschuldigung, bitte vielmals um Entschuldigung ... Ich bin etwas kurzsichtig . . . und dann hat mich auch der. . . südliche Typus ein wenig getäuscht . . . Jetzt, in der Nähe, sehe ich, daß. . . Sie eher den Eindruck von einem Grusen machen", entschuldigte sich der Claffenaufseher, indem er seine Verwirrung unter einem freundlichen Ton zu verbergen suchte. Meine Mutter, durchdrungen von der Wichtigkeit dieses Abschnittes in meinem Aeben, überschüttete mich mit Beweisen ihrer Liebe und Güte; ich empfand es nicht; mein erster Erfolg in der Schule freute mich nicht. Der Umstand, daß man mich zweimal für einen Juden gehalten hatte, sowie die Ironie und Späße trübten mir die ersten Eindrücke. Ich verschwieg diese scheinbar geringfügigen Ereignisse meiner Mutter; wußte ich doch, daß sie meine Empörung und Traurigkeit streng tadele und gleichzeitig — gegen ihre Grundsätze — sich etwas sehr, sehr zu Herzen nehmen würde. Nach Hause zurückgekehrt, benützte ich einen Augenblick des Alleinseins und begann mich aufmerksam im Spiegel zu betrachten. Ich erschrack. Ja . . . mein ovales Gesicht, das gar nicht mehr einem Kindergesicht glich, die bleiche Gesichtsfarbe, die schwarzen, blitzenden, tiefliegenden und dicht beschatteten Augen waren ganz verschieden von Allen, die mich umgaben, besonders diese eigenthümlichen, glühendheißen Augen waren so gar nicht europäisch. Die lange schmale Nase mit der nicht großen, aber charakteristischen Biegung, die schmalen Lippen, um die jetzt ein