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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-04-12 · 15 (12.4.1901) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
15 (12.4.1901)
Date
1901-04-12
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Sk. 15 Dr. Bloch's Wochenschrift. Sette 263 des an Agnes Hruza verübten Mordes hingestellt. Dr. Bruno Wille ist, wie noch erinnerlich sein dürfte, derjenige, dessen Verhaftung und Aburtheilung in Graz wegen eines dort gehaltenen freidenkerischen Vortrages seinerzeit so großes Aufsehen erregt hat. Wien. Ein sehr notabler Gast, Geheimrath Professor Dr. Hermann Cohen von der Marburger Universität, hielt Sonntag am 31. v. M.. von der Gesellschaft für Sammlung und Conservirung von Kunst- und historischen Denkmälern des Judenthums eingeladen, im Festsaale des Oesterreichischen Ingenieur- und Architektenvereines einen Vortrag über den „Styl der Propheten". Dem berühmten Gelehrten kam man augenscheinlich mit gespannter Erwartung entgegen und dieselbe wurde keineswegs getäuscht. Geheimrath Hermann Cohen ist das anerkannte Haupt der deutschen Neu-Kantianer und ihm nicht zum wenigsten hat es die Philosophie zu danken, daß sie einen Theil ihrer früheren akademischen Geltung in Deutschland zurückzugewinnen im Begriffe ist. Der nicht ganz mittelgroße Mann mit dem kurzgeschorenen, weißen Haupthaar und der blauen Brille, vom Ansehen älter als er ist, betrat schüchtern die Tribüne, aber die Schüchternheit verschwand sofort, als er über die Blätter des Manuscripts hinweg ausdrucksvoll und eindringlich die ersten wohlgefügten Sätze des anderthalbstündigen Vortrages gesprochen hatte, der bis zum Schluffe durch den fefselnden Reiz der Gedanken wie der Diction die Aufmerksamkeit ununterbrochen gefangen hielt. Stürmischer Beifall lohnte die gelehrten Ausführungen des Redners, welchem namens des Vorstandes der Präsident desselben. Herr Baurath Stiaßny, den herzlichsten Dank in kurzer Ansprache zum Ausdruck brachte. Lembera. (Verein „Chanoch Lanaa r".) Der Unterricht im Winter 1899/1900 umfaßte 26 Wochen mit 12 freien Schultagen, der Unterricht während des Sommers nur die Zeit vom 1. Mai bis 8. Juli mit nur 48 Schultagen. Am Ende des Winter- Unternchtes fand eine öffentliche Prüfung unter großer Beteiligung statt, bei welcher der Vice-Obmann des Cultnsvorstandes Herr Doctor S. Schaff den Schülern lobende Anerkennung aussprach. Während der Ferien fand ein Feriencurs von zwei Stunden täglich statt, der nur eine einmalige Unterbrechung erlitt durch einen Ausflug nach Brzuchowice unter Leitung des Herrn P. M. Primost. Frequenz: Im October 1699 inscribirten sich 91 Schüler, im Mai 1900 63. Im laufenden Wintersemester besuchten 63 Knaben die „Cbanoch Lanaar". Schulgeld: 23 von 91 Schülern konnten wegen guter Leistungen ganz befreit werden, 19 Schülern wurde nach einmaliger Einzahlung der Taxe von drei Kronen die weitere Zahlung erlassen. Einigen wurde das Schulgeld zur Hälfte ermäßigt, die übrigen zahlen sechs Kronen vierteljährig. Das vorwaltende Princip ist, daß unbemittelte Schüler nur dann befreit werden, wenn Fleiß und Benehmen zu keinem Tadel Anlaß geben, beim Eintritt in die Schule muß jeder mindestens den Betrag für ein halbes Quartal mit drei Kronen entrichten, beim Beginn eines neuen Semesters werden nur Vorzugsschüler von der Taxe befreit. So erklären sich die Schwankungen in den Schulgeldeinnahmen. Der Gesundheitszustand der Schüler war im Allgemeinen em günstiger, nur wenige mußten längere Zeit aus Krankheitsursache dem Unterrichte fern bleiben. Jedoch sahen wir mit tiefem Schmerze und aufrichtigem Bedauern einen zu den besten Hoffnungen berechtigenden Knaben durch Tod infolge Blinddarmentzündung däbingehen. Jacob Lipsker, der älteste Sohn seiner Eltern, ein Schüler des II. Gymnasiums war wegen seiner glänzenden Anlagen, außerordentlichen Fleißes und musterhaften Benehmens eine Zierde und ein Stolz der Schule, ein Liebling seiner Mitschüler. Lehrer und Mitschüler werden ihm stets ein liebevolles Andenken bewahren. Möge diese Anerkennung die tiefbetrübten Eltern trösten. Als ziffermäßiges Resultat der bisherigen Arbeit erscheint die Thatsache. daß im laufenden Wintersemester die zwei höchsten Elasten von zusammen 20 Schülern, von denen 15 ihre eigentliche Ausbildung der „Ehanoch Lanaar" verdanken, im Stande sind, die ganze Bibel im Urtexte mit Verständniß zu lesen, ein leichtes Hebräisch zu sprechen, neuhebräische Werke zu lesen, einen Ueberblick über die jüdische Geschichte haben und die Fähigkeit besitzen, talmudischem Anfangsunterrichte zu folgen. Kojelem, 3. April. Die Redaction der „Oesterreichischen Wochenschrift" erhielt leider verspätet folgende Zeilen: Leopold und Rosa Kaufmann zu ihrer goldenen Hochzeit am 8. April 1901. Nicht nur den großen Persönlichkeiten selbst, sondern auch denen, die sie hervorgebracht, gebührt der Dank der Mit- und Nachwelt. Wie der Gärtner die junge Pflanze sorgfältig pflegt und hütet und ihr den fruchtbaren Boden schafft, auf dem sie sich entwickeln und entfalten soll, so gaben auch die Eltern dem jungen, empfänglichen Kinde gar viele seiner später hervortretenden Charaktereigenschaften und vor Allem zumeist auch seine Geistesrichtung die sich in dem ganzen Leben des herangereiften Mannes wiederspiegelt und in ihren ersten Anfängen auf das Elternhaus zurückgeht. Und wenn ich nun jetzt einen unserer Größten ins Auge fasse, den leider der Wissenschaft so früh' entrissenen David Kaufmann, so gehe ich dabei von jener Anschauung aus, daß der Dank, den die Nachwelt den großen Persönlichkeiten zollt, nicht zum geringsten Theile auch deren Eltern gebührt. Wenn auch die Liebe und Dankbarkeit keiner Gelegenheit bedürfen, um sich zu äußern und zu bethätigen, so werden sie doch andererseits gern eine jede Veranlassung wahrnehmen, um wiederum ihre Empfindungen und Gefühle zu erkennen zu geben. Das Fest der goldenen Hochzeit, das die Eltern Kaufmann's in diesen Tagen begehen, gibt darum auch mir die erwünschte Veranlaffung, aufs Neue meine Liebe und Dankbarkeit ihnen gegenüber zu zeigen. Beseelt von den lautersten Grundsätzen, begeistert für ihren Glauben und jedes ideale Streben, edel und gut in jeder Beziehung, waren und bleiben sie Vorbilder ihrer Familie. — Freilich! Schatten der Trauer mischen sich in die Freude; denn der große Sohn, der dem Feste erst die, rechte Weihe verliehen hätte, ist nicht mehr. Sein Tod ist eines von jenen rätselhaften, tragischen Verhängnissen der Vorsehung, die gerade oft die größten Männer in der Blütezeit ihrer Schaffenskraft dahinrafft. — Ich glaube, ich kann keinen besseren Wunsch dem Jubelpaare zu seinem Feste aussprechen, als daß ich wünsche, daß aus den Früchten, die ihr Lebensbaum gezeitigt, neue Samen bertzorgehen.mögen,, die sich mächtig weiter entwickeln und neue Früchte Hervorbringen! Möge auch die Sonne des Friedens fortan an ihrem Lebensabend bis zu ungezählten Jahren leuchten! Stehe ich persönlich dem verehrten Jubelpaare sehr nahe, so glaube ich doch, mich mit allen Lesern Ihres geschätzten Blattes in Uebereinstimmung zu finden, wenn ich dem greisen Paare hiermit ein herzliches „Glückauf!" entgegenrufe. Felix. München. Am 27. v. M. beschloß der hiesige „Verein für jüdische Geschichte und Literatur" sein diesjähriges Wintervrogramm mit einem Discuffionsabend. Herr Dr. Werner hielt über das Thema „Bilder aus der Vergangenheit unserer Vorfahren" einen Bortrag, welcher das Leben und die Schicksale der Juden Deutschlands in den verflossenen Jahrhunderten vor und nach den Kreuzzügen behandelte. Bevor durch Letztere Fanatismus und Zerstörungswut losgelaffen worden waren, ist das Leben der Juden in Deutschland vielfach ein gut erträgliches gewesen; in Köln sehe man z. B. heute noch den alten Rathhausthurm gerade an der Ecke der Judengasse, ein Zeichen für das einträchtige Zusammenleben beider Confessionen. Durch prächtige farbenreiche Bilder zeigt Redner, in welch' großartiger und zielbewußter Weise von den damaligen Juden die Kindererziehung betätigt. wie hierdurch das Fundament unserer Glaubensburg gestützt und gefestigt wurde. Nur so konnten Geschlechter heranreifen, welche die Glaubensinnigkeit durch freudige Hingabe ihres Lebens besiegelten, so daß der große Rabbi Mei'r von Rothenburg den Ausspruch that: „Daß die Juden für ihren Glauben sterben, ist ihre Pflicht; wunderbar jedoch ist. daß sie es freudig thun". Dabei seien unsere Ahnen niemals Kopfhänger und Pessimisten gewesen, vielmehr bewiesen sie große Freude und viel Verständniß für das Leben, wie z. B. das Vorhandensein von Tanzhäusern in alten Zeiten durch Documente nachgewiesen ist; ferner wurden von den Juden jener Tage manche Spiele sehr gerne gepflegt. Redner schildert, wie die alten Juden sowohl ihre religiösen Feste, wie auch Hochzeiten und andere Familienfeste in sinniger Weise und von romantischem Zauber umwoben zu feiern verstanden. Falsch sei die viel verbreitete Annahme, die deutschen Juden jener Zeiten hätten nur Geldhandel betrieben. Es gab vielmehr immer auch Schneider. Schuhmacher und sonstige Handwerker unter den Juden, sogar Schneider-Synagogen und Schuhmacher-Synagogen sollen, nach überlieferten Erzählungen, existirt haben. Viele Juden betrieben auch Weinhandel und die für diesen Handel notwendigen Geschäftsreisen dienten gleichzeitig der Verbreitung und Verpflanzung der Thorakenntniß. Zum Schluß zeigte Redner auch ein Schattenbild, nämlich den nicht gerade vereinzelten Aberglauben jener Zeiten, welcher sich zum Theil noch bis auf unsere Tage erhalten hat und sogar gerade in solchen Kreisen, die sonst sehr „aufgeklärt" sein wollen, gepflegt wird. Redner wünscht, daß sich das heutige Judenthum von solchen Verirrungen fern halte und lieber die vielen nachahmenswerthen Beispiele der Vorfahren beherzige, damit, wie in jenen alten Zeiten, auch ein Bileam von heute mit seiner Absicht,' das jüdische Volk zu verfluchen, zu Schanden werde und gleich dem

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