Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 15 (12.4.1901)
- Date
- 1901-04-12
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 15 Br. BlvÄr's Wochrnschrifk. Sette 261 welches sind die Vortheile des Gesetzes auf Erden? Welches ist sein gegenwärtiger Lohn? O dieses Schreckgespenst des Lohnes! Deutsche Theologen sind gewöhnt, die „Lohnsucht" als das Hauptmotiv der jüdischen Religion zu betrachten. Lohnsucht, das Suchen, die Gier nach Lohn. Es ist schwer, sich eine grausamere Verunglimpfung vorzustellen. Weil Paulus erklärt, daß Vernichtung das Los aller Derjenigen sein wird, die Christum verwerfen, und ewiges Heil das Los Derjenigen, welche gläubig das Opfer seines Todes annehmen, ist deshalb Lohnsucht das Motiv der Bekenner? Macht es Euere Religion gewinnsüchtig und knechtisch, weil Ihr glaubt, daß nach dem Tode ein Unterschied gemacht wird zwischen den Gläubigen und Ungläubigen, oder zwischen dem Heiligen und dem Sünder? Nein, selbst wenn Ihr glaubt, daß Gott die Welt so geordnet hat, daß ehrlich am längsten währt — und für die Juden ist das feit den Tagen des Apostel Paulus bis heute immer sehr schwer faßlich gewesen — dient Ihr deswegen Gott um des Lohnes willen? Muß wahre und reine Religion von jeder Art des Elends auf Erden und im Jenseits begleitet sein? Immer und immer wieder sprechen jüdische Lehrer von dem Lohne für Befolgung des Gesetzes, aber häufig sagen fie ihren Schülern, daß der Beweggrund für die Beobachtung desselben nicht in dem Wunsche, den Lohn zu erreichen, liegen darf. Jüdische Gelehrte haben das immer von Neuem nachgewiesen, aber die Theologen kehren sich nicht daran. „Um seiner selbst willen" muß das Gesetz beobachtet werden; der echte Israelit sollte sich der Gebote mehr als der Belohnung für Beobachtung derselben freuen. Und wie sonderbar manche der Belohnungen sind! Obwohl die jüdischen Lehrer ernstlich der Meinung waren, daß die Erde gut sei und daß Gott den Menschen geschaffen habe, darauf glücklich zu sein, sich des ihm gewordenen Theiles zu freuen, waren sie nicht blind für ihr eigenes und ihrer Zeitgenoffen Los. (Fortsetzung folgt.) Correspondenzen. XV, Generalversammlung der Oesterreichisch- Jsraelitischen Union. Bei ungewöhnlich zahlreicher Betheiligung fand am 2. d. M. im Restaurant Khuner die diesjährige Generalversammlung der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union" statt. Präsident kais. Rath Ruziöka eröffnete dieselbe mit herzlicher Begrüßung der Gäste und bringt ein Entschuldigungsschreiben des Oberrabbiners Dr. Güdemann zur Verlesuung, in welchem es heißt: „Ich habe die „Union" Mitbegründer, sie mit ins Leben eingefübrt, sie vertheidigt und beschützt. Jetzt freue ich mich, daß sie allein stehen und gehen kann, Erfolge erzielt und Anerkennung findet. Ich wünsche vom Herzen, daß die „Union" immer weitere Kreise unserer Gemeinde intereffire und erwärme und zu werkthätiger Theilnahme veranlasse. Lästigkeit und Gleichgiltigkeit sind allerdings vorhanden. Es kommt mir manchmal so vor, als ob unsere Gemeinde aus lauter alten Leuten bestünde, unter denen ich mit meinen 66 Jahren der einzige Jüngling bin. Sie sind alle sehr ehrenwerth, haben aber wenig Temperament und dafür zu reichliche Vorsicht. Hoffentlich bringt der Frühling in der Natur und das allmälige Wiedererwachen des Sinnes für Freiheit. Wahrheit und Recht neuesBertrauen, neues Leben, neuen Kampfesm u t h in die Mitglieder unserer Gemeinde, wozu die „Union" sich gratuliren könnte, denn sie hat es an diesen Tugenden nie fehlen lassen." (Lebhafter Beifall.) Der Präsident erstattet nunmehr den allgemeinen Rechenschaftsbericht, dem wir folgende Stellen entnehmen : Die Jahreszahl 1900 darf die „Oesterreichisch-Jsraelitische Union" als einen Markstein in ihrer Entwicklung betrachten. Die Ziele des Vereines wurden weiter gesteckt, der Vorstand hat seine Aufgaben von einem höheren Gesichtspunkte aus erfaßt, aus unserer „Union" hat er wirklich das zu machen gesucht, was ihr Titel besagt: eine Oesterreichisch-Jsraelitische Union? Redner verweist auf die durch zahlreiche Reisen des Bureauleiiers notwendig gewordene Erweiterung des Bureaus, in welchem die Stelle eines zweiten Secretärs geschaffen wurde. Die Corre spondenz weist einen Einlauf von 570 und einen Ausgang von 562 Stücken aus; 1619 Briese wurden in Sachen des Actionsprogrammes, 17.719 Briefe anläßlich der Wanderversammlungen und 6526 für die Zwecke des Kalenders, insgesammt somit 26.996 Stuck versendet. In 12 Comitßfitzungen, 7 Berathungen des Executivcomitäs und 21 Borstandsfitzungen wurden die Bereinsagenden ihrer Erledigung zugeführt. Für einen auserwählten Kreis unserer Mitglieder und ihrer Damen wurden unsere Vortragsabende zum Sammelpunkte. Es sprachen Abgeordneter Doctor Julius Ofner über „Kinderraub in Galizien", Dr. M. L. Stern über „Häckel's Welträthsel", Adolf Gelber über „Dreihundert Jahre Shylock-Schimpf", Abgeordneter Dr. Julius Ofner über „Die Reichsrathswahlen", Dr. Israel T a g l i ch t über „Die ältesten jüdischen Volksschulen", Heinrich Glücksmann über den „Antisemitenhammer", Abgeordneter Dr. Ferdinand Krona weiter über „Confeffion und Staatsbürgerrecht", Dr. Armand K a m i n k a über „Philo und das hellenische Judenthum" und Baurath Wilhelm S t i a ß n y über „Das jüdische Museum für historische Denkmäler." Redner berührt die Stellungnahme des Vereines zu den Cultuswahlen und den Reichsrathswahlen und gibt sodann weiters ein Bild der umfassenden Organisationsth ätigkeit, welche mittelst der vom Leiter des Rechtsschutzbureaus veranstalteten Wanderversammlungen entwickelt wurde. Solche Wanderversammlungen fanden in 51 Cultusgemeinden Böhmens und Mährens, in 7 Cultusgemeinden Niederösterreichs, ferner je eine in Linz und Graz und 11 in Wien im U., IX. und X. Bezirke statt. Das ist erst der Beginn unserer intensiven Arbeit zur Organisation der gesammten Judenschaft. Die Resultate dieser Agitationsaction finden in folgenden Ziffern ihren Ausdruck: Bei der XIV. Generalversammlung hatten wir einen Stand von 1279 Mitgliedern, 120 mußten gestrichen werden, es verblieben sonach 1159 Mitglieder. Am 31. December 1900 erreichte der Stand die Zahl von 1727 und am 31. März 1901 die Zahl von 3477 Mitgliedern, wovon sich 1761 in Wien und 1681 in der Provinz befinden. (Lebhafter Beifall.) Wir besitzen u. A. dermalen in Pilsen 136, in Graz 91, in Budweis 91, in Teplitz 69, in Floridsdorf 67, in Jglau 62,' in Baden 58, in Brüx 42, in Leipa und Reichenberg je 41, in Linz, Pardubitz und Leitmeritz je 40 und weiters in 126 Provinzstädten Mitglieder und ständige Vertrauensmänner. (Beifall.) Durch die letzteren gelangt jede Rechtsverletzung sofort zu unserer Kenntniß. Mit der Erweiterung des Vereines mußte für ein Bindeglied zwischen uns und unseren Mitgliedern gesorgt werden. Unsere Monatsschrift erfüllt diese Aufgabe und wir streben mit aller Sorgfalt ihre Ausgestaltung an. Dem Redacteur, Herrn Fleischer, stehen als Redactionscomits zur Seite die Herren Professor Dr. E h r m a n n, Sigmund Mayer und Dr. Bloch. Der von unserem Ehrenmitgliede Docenten Doctor Grünfeld in dankenswerther Weise redigirte Kalender erreichte eine Auflage von 5000 Exemplaren. Neben den vielen rückhaltlosen Anerkennungen, welche diese Schöpfung der „Union" findet, muß die beklagenswerthe Erscheinung erwähnt werden, daß 1138 Exemplare weder bezahlt noch zurückgeschickt wurden (Bewegung). Von unserem Anerbieten, das Heimatsrecht unseren Glaubeusgenoffen unentgeltlich durchzuführen, haben bisher 203 Bewerber Gebrauch gemacht. eine Zahl, die hinter den gehegten Erwartungen noch weit zurückbleibt. Redner erwähnt ferner die Bemühungen zur Schaffung eines jüdischen Bereinshauses, gedenkt der traurigen und fteudigen Anläffe im Bereinsleben und der Veränderungen im Vorstände. Der letztere bedauert den Rücktritt des Bieepräfidenten, Herrn Landesgerichtsrathes Dr. Jacob K o h n und des Schriftführers Herrn Dr. Elias. Die Bemühungen, die beiden Herren zur Beibehaltung ihrer Mandate zu bestimmen, blieben erfolglos. Der Verein ist beiden Herren fiir ihre unermüdliche, erfolgreiche, langjährige Thätigkeit zu besonderem Dank verpflichtet, und der Vorstand stellt die Bitte, dieser dankbaren Anerkennung durch die Generalversammlung Ausdruck zu geben. (Geschieht durch Erheben von den Sitzen.) Der Präsident schließt seinen Bericht mit folgenden Worten: „Hat das abgelaufene Jahr uns einige Erfolge gebracht, so find sie doch klein gegenüber jenen, die wir noch er-