Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 15 (12.4.1901)
- Date
- 1901-04-12
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Gerte 260 BWEs WochrnPIgM Nr. 15 Sie ein einseitiges, gekünsteltes System von trockenen, theologischen Ansichten. Sie dürften im Jrrthum sein, wenn sie glauben, daß ich diesen Punkt zu ausführlich behandle. Er ist von größerer Wichtigkeit, als es bei flüchtiger Betrachtung scheint. P a u l u s ist nach meinen Angaben systematischer als die Rabbinen. Jllustriren Sie das und seine Folgen durch die juridischen Elemente in den Episteln. Wenn Paulus systematischer in seiner Theologie ist, so ist er auch mehr juridisch. Nun werden Sie aber immer , in den Compendien sehen, daß die juridischen Elemente in den paulinischen Lehren diejenigen sind, welche er dem Judenthum verdankt. Juridisch ist überdies ein sehr bequemes Wort. Es ist fast so gut wie gesetzlich. Es bedeutet soviel als — transitorisch-nüchtern, hart, irreligiös, unmoralisch. Dieses Element also, welches in Paulus juridisch ist und daher all diese schrecklichen Dinge in sich begreift, ist das jüdische Element — das Element, welches er von G a m a l i e l und den Pharisäern geerbt. Das was bleibt, ist hellenisch, christlich, original. Aber die Wahrheit ist, daß Paulus in seinen Dogmen über das Gesetz viel juridischer ist als die Rabbinen. Moderne, christliche Gelehrte, mit einzelnen, achtungswerthen Ausnahmen, vernachlässigen die nicht juridischen Elemente, während sie die juridischen verstärken und übertreiben. Es ist bequemer und dramatischer, es zu thun, aber die Frage ist: Sollte sogar die Geschichte von Religionen geschrieben werden, um malerische Momente und Contrafte zu finden? Der Wunsch arbeitet unbewußt. Paulus darf nicht verantwortlich gemacht werden für irgend welche Fehler, die Ueberreste alten - Sauerteigs sein mögen. Glauben Sie nicht, daß ich die Fehler des Paulus vergrößern, noch seinen großen Beitrag zur Entwicklung wahrer Religion verkleinern oder herabsetzen möchte. Ich verlange nur, daß wir das Spiel ehrlich zu Ende führen. Ob wir P a u l u s oder die R a b b i n e n kritisiren, muffen wir immer darauf achten, daß wir oberhalb des Gürtels treffen. Dieser Warnung bedarf man ebensowohl für jüdische wie für christliche Theologen. Und doch sollte man meinen, daß sie ganz überflüffig sei. Denn, es ist ja gewiß, daß wir — Juden sowohl wie Christen — eine höhere Stufe erreicht haben und reinere Luft athmen. Es sind nicht nur viele Wohnungen in Gottes Hans, sondern es gibt auch viele Seftenpsade, auf welchen sie zu erreichen sind. Paulus konnte nicht verstehen, daß jene starren Rabbinen unterwegs waren, noch sie daß er es war und Jeder von ihnen muß ungeheuer erstaunt gewesen sein, den Andern zu treffen. Aber für uns sind ja solche Mißverständnisse und Ueberraschungen langst überwunden. Indem ich das Gesetz heute zum Angelpunkte meiner Beobachtungen mache, werde ich weder ungerecht gegen die Rabbinen, noch gegen Paulus sein. Denn wie Weber richtig sieht und be. stätigt, ist das Gesetz der Mittelpunkt der jüdischen Religion, Alles strahlt vom Gesetze aus und von ihm hängt Alles ab. In anderer Art und aus anderen Ursachen können Sie das Gesetz auch zum Mittelpunfte für die Paulinische Religion machen. Im Widerspruch und Widerstreit gegen das Gesetz erreicht der Apostel die grundlegenden Vorschläge für seine Theologie. Gott und Christus, das göttliche System der Erlösung, menschliche Moral, Vergangenheit und Gegenwart find alle mit dem Gesetze verknüpft, so daß man sagen kann, das Gesetz sei im umgekehrten Sinne ebenso wichtig in Paulus' Religionssystem wie im Judenthum der Rabbinen. Was wäre die Epistel an die Römer ohne das Gesetz? Und obgleich das Gesetz nur beiläufig Platz darin fand, ist seine Bedeutung ungeheuer. Wir müffen der fragmentarischen Kürzeder menschlichen Geschichte in der paulinischen Auffaffung eingedenk sein. Da ist zunächst die Periode zwischen Adam und Abraham, deren Facten gering an Zahl sind, dann die Periode von Abraham bis Moses und diejenige von Moses bis Christus. Mit Christus war das Ende der Welt nahe. Obgleich das Gesetz nur mit Moses erschien, war die dritte Periode menschlicher Geschichte aktueller und lebensvoller, als die zweite und erste. Was war also die rabbinische Auffaffung vom Gesetze und von dem durch das Gesetz bedingten Berhältniß Israels zu Gott, die wir zur Zeit Paulus als gewöhnlich und verbreitet voraussetzen dürfen? Der Einfachheit hillber will ich hier annehmen, daß das hebräische Wort „Thora" die sünf Bücher Moses umfaßt, obgleich in Wirklichkeit „Thora" einen wefteren Sinn und wefterreichende Bedeutung besaß. Aber für unseren gegenwärtigen Zweck wird die Gleichwerthigkeit keinen Schaden anrichten. Ferner müffen wir uns noch die Worte: »rabbinische Auffaffung des Gesetzes" einprägen. Wie weit der hellenistische Judaismus von jener Auffassung abweicht und inwieweit Paulus vor seiner Bekehrung ein hellenistischer Jude war, wollen wir hier nicht untersuchen. Gott hat also in seiner vollkommenen Weisheit und Güte Israel das Gesetz gegeben, um der göttlichen Herrlichkeit willen und zu Israels Wohl. Es ist der gute Gott, der es gegeben, der Gott, welcher nicht nur gut, sondern auch barmherzig ist, der Gott, desien Herrlichkeit eng verknüpft ist mit den Schicksalen Israels. Mit der Gabe war keine Täuschung, keine „arrlere-pensöe" oder geistiger Vorbehalt verbunden. Gott sagte nicht das Eine, während er das Andere meinte. Wenn er sagte, daß das Gesetz Israels Weisheit, Israels Ehre, Israels Gut sein sollte, meinte er, was er sagte. Auch sagte er es nicht mit dem unausgesprochenen Gedanken: „Ja, das Gesetz ist alles das, wenn Ihr es befolgt, aber Ihr könnt es nie befolgen und Ihr sollt es auch gar nicht." Er gab es mit Aufrichtigkeit, nicht mit List. Das Gesetz ist der Wille Gottes, der Ausdruck seiner Weisheit. Der Mensch kann, wenn er nach Kräften das Seinige leistet, theils durch jene Fähigkeiten, die ihm von Gott verliehen und theils mit der besonderen Hilfe Gottes des guten Gottes Willen thun. Es ist wahr, daß Gott ihn schwach geschaffen; es ist währ, daß Gott in ihm — weshalb wiffen wir nicht genau — zwei Impulse geschaffen, einen zum Guten und einem zum Bösen, und es ist wahr, daß der Mensch nie die Jahre seiner Pilgerschaft auf Erden vollendet, ohne von Zeit zu Zeit dem niedrigeren Impulse nachzugeben und einige von den Gesetzen des guten Gottes zu brechen. Aber Gott ist gnädig und barmherzig, und obgleich er bestraft und belohnt, so ist doch kein Grund zur Verzweiflung vorhanden. Vielleicht war der Kampf, die Sünde zu vermeiden, das Gute zu thun und selbst gut zu sein von Gott zu dem Ende beabsichtigt, um Israel desto würdiger für die zweite Stufe zu machen, für das Leben nach dem Tode, welches Gott in seiner unendlichen Güte und Barmherzigkeit ihm bereitet. Die Gebote des Gesetzes sind nothwendiger Weise gut, denn sie sind von der unendlichen Weisheit und Güte gegeben und sind ihr direkter Ausfluß. Wir selbst können die Weisheit und Vortrefflichkeit vieler dieser Gesetze sehen. Einige von ihnen mögen wir für größer als die anderen halten, aber Gott hat uns selbst diejenigen genannt, auf welche er das größte Gewicht legt. Aber alle Gesetze sind sein, und es ist nicht an uns, zu kritteln, wo wir in unserer beschränkten Weisheit sehr wahrscheinlich unfähig sind, zu verstehen. Denn die Gesetze sind der Wille Gottes unseres Vaters im Himmel, und diesen Willen, der uns so klar und gnädig enthüllt wurde, zu ergründen und zu erfüllen, ist gleichzeitig unsere höchste Pflicht und Freude. Das ist in flüchtigsten Umriffen die rabbinische Auffaffung des Gesetzes. Das war die Auffaffung in den Tagen des Paulus; d a s, bitte ich Sie zu merken, ist die Auffassung manches schlichten, jüdischen Gläubigen noch bis zur Stunde. Es ist vielleicht in manchen Beziehungen eine zu leichte und kindliche Auffaffung der Religion, aber wenn sie richtig ist, d. h. wenn mein Bild getroffen ist, können Sie sich schon vorstellen, wie unerklärlich dem gewöhnlichen Juden des Paulus Angriff erscheinen muß. Und wenn Paulus unerklärlich erscheint, so sind es jene sorgfältig ausgearbeiteten Schreckbilder des Gesetzes noch viel mehr, ja sie erscheinen geradezu absurd, mit künstlichem Schrecken von der Hand christlicher Theologen umkleidet. Die Skizze von der rabbinische» Auffaffung muß jetzt näher ausgeführt werden, das Gesetz wurde zu Israels Wohl, zu seinem Vortheile gegeben. In welchem Sinne sagen wir hier Wohl, Nutzen oder Vortheil? In jedem möglichen Sinne könnte die Antwort sein. Die verschiedenen Bedeutungen drängen einander in der rabbinische» Literatur, und gewiß sind sie nicht alle in vollkommener Uebereinstimmung mit einander. Die erste und größte von ihnen ist zweifellos die, daß Israel durch das Gesetz das ewige Leben erhält. Das künftige Leben ist der Lohn für eine treue Beobachtung des Gesetzes auf Erden. Aber treue Beobachtung ist weit davon entfernt, vollständige Beobachtung, zu heißen, und wir können sogar so weit gehen, zu behaupten, daß die Segnungen und die Wirksamkeit des Gesetzes in einer oder der anderen Art fast jedem Israeliten das künftige Leben sichern. Ich setze diese Wohlthat voran, weil, obgleich das Mottv und die Hoffnung von den letzten Dingen in der rabbinischen Literatur weniger auffallend, als in der apokalyptischen hervortritt — sie in mancher Hinsicht jene ebenso sehr durchdringen und beherrschen, wie die Briefe des Apostel Paulus. Aber