Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-04-12 · 15 (12.4.1901) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
15 (12.4.1901)
Date
1901-04-12
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021385-3021401--10769-3035268
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

©ette 256 Moch's WochrnschrM Rr. 35 erkleckliche Zahl ehemaliger Anhänger der deutsch-fortschrittlichen Idee genau paffen. Der Mangel an Popularität, die Gefahr, sie, wenn man sie besitzt, zu verlieren, oder wenn man sie nicht besitzt, sie vielleicht niemals erringen zu können, gelten vielfach als das Aergste, was einem der Eintagspolitiker in Oesterreich in dieser an Schlagworten so reichen Zeit begegnen kann. Die Popularität wird heute in Oesterreich rasch gewonnen, sie kann aber auch sehr schnell verloren gehen. Am leichtesten wird sie natürlich erobert, wenn man ohne viel Umschweife sich je nach der Gunst der Verhältnisse »von Fall zu Fall" jener Partei anschließt, welche gerade den Beifall der Menge hat. Noch niemals ist so ohne alle Scheu, lediglich um der Erhaltung des lieben, mitunter herzlich unbedeutenden Jchs halber, Verrath an den einmal beschworenen politischen Ueberzeugungen begangen worden, wie jetzt, und gerade die deutsche Fortschrittspartei weiß, wie gesagt, ein Liedchen davon zu singen. Man kann diese Erscheinung gewiß als eine Folge der tief gesunkenen öffentlichen Moral in diesem Staate auffaffen, die sich bedauerlicherweise auch darin zeigt, daß sich nicht nur Leute finden, welche ihre Partei aus hohler Eitelkeit oder purem Eigennutz verlassen, sondern daß es auch eine Presse gibt, welche dieses Ueberläuferthum noch in Schutz nimmt und die neuen „Principien" für den Renegaten construirt. Auf diese Weise ist beispielsweise neben dem christlichsocialen und dem alldeutschen auch ein fortschrittlicher, mehr theoretischer Antisemitismus entdeckt worden, der angeblich zu dem Liberalismus vorzüglich paßt und den sich die deutsche Fortschrittspartei eigentlich zulegen müßte, wenn sie den Concurrenzkampf mit dem Radicalismus nach der Ansicht gewisser Blätter erfolgreich bestehen wollte. Die politische Haltlosigkeit und Erbärmlichkeit ist durch diese und ähnliche Projekte einer nebelhaften »Umformung" unserer Parteiverhältniffe in der letzten Zeit geradezu, prämiirt worden, und thatsächlich ist es einigen ..Politikern" gelungen, sich auf diese anrüchige Weise noch eine Weile im Sattel, beziehungsweise im Besitze ihres Mandatcs zu erhalten." ' Wie das Christenthum den Juden sich präsentirt. Am 26. März verbreitete sich in Smyrna das Gerücht, daß ein sechzehnjähriger Grieche, der im Handelshause Lenophonas & Comp, angestellt und bereits seit mehreren Tagen abgängig war, von den Juden zu rituellen Zwecken gemordet worden sei. Tags daraus begannen überall Massenansammlungen, und von mehreren Seiten wurden an armen Juden verübte Thätlichkeiten gemeldet. Dank dem energischen Eingreifen des Generalgouverneurs Kiamil Pascha und des Polizeipräsidenten wurde ein Ueberfall des Judenviertels seitens der griechischen Elemente verhindert. Das griechische und das Judenviertel wurden militärisch besetzt, starke Militärpatrouillen unter Anführung von Polizeicommissären durchstreiften alle Straßen der Stadt, und alle Geschäfte mußten schon Nachmittags geschlossen werden. Am 28. stieg die Aufregung und die Griechen erstürmten die griechische St. Photineekirche, erkletterten den Glockenthurm und begannen Sturm zu läuten. In Folge dessen strömte von allen Seiten bewaffnetes Volk zusammen, und das türkische Militär, welches die ganze Zeit hindurch eine musterhafte Haltung eingenommen hatte, schritt mtt aufgepflanztem Bajonnet energisch ein, bei welcher Gelegenheit 15 Griechen verwundet wurden, von denen einer gestorben ist. Die erregte Menge begann gegen den griechischen Erzbischof Drohungen und Schimpfworts auszustoßen, weil er nicht genug energisch gegen die Juden vorgegangen sei, und zwangen ihn, den jungen Mann beim Generalgouverneur zu reclamiren. Bei vielen jüdischen Notabeln, welche im Frankenviertel und am Quai wohnen, wurden die Fenster eingeschlagen. Die Polizei hat viele Verhaftungen vorgenommen, zumeist Fleischhauergesellen und sonst verdächtige Bursche. Da gelang es Mittags der Polizei, den Jungen in Gesellschaft eines seiner Freunde in einem Vororte ausfindig zu machen. Er gab an, nach einem Streite mtt seinem Bruder den Entschluß gefaßt zu haben, sich einige vergnügte Tage zu bereiten. Die Mutter, die davon Kenntniß hatte, verschwieg dies und streute das Gerücht aus, die Juden hätten ihr Kind umgebracht. Man schätzte die Zahl der angesammelt gewesenen Menge, welche beschlossen hatte, das Judenviertel zu stürmen, auf 10.000. Die ottomanische Botschaft publicirt die nachfolgende officielle Darstellung der dortigen Vorgänge: „Am Freitag den 26. März ist ein junger Grieche aus Tscheschme «ach einem Strette mtt seiner Mutter aus der väterlichen Behausung in Smyrna verschwunden. Griechen der untersten Bevölkerungsschichte glaubten, daß die Israeliten denselben entführt hätten, griffen alle jene Juden an, denen sie in den Straßen begegneten, und veranstalteten durch zwei Tage lärmende Demonstrationen im Hofe der Residenz des Metropoliten. Dank den von den kaiserlichen Behörden ergriffenen Maßregeln blieben diese Manifestationen ohne Folgen, und nachdem das Kind mittlerweile aus Tscheschme, wohin es sich begeben hatte, nach Smyrna zurückgekehrt und den Manifestanten öffentlich gezeigt worden war, zerstreuten sich die Ruhestörer, ohne daß sich ein weiterer Zwischenfall ereignet hätte." Von M. Leon Marillier einem der berühmtesten ftanzösischen Philosophen der Gegenwart, bringt unter dem Titel „Die Mission der zwanzigsten Jahrhunderts^' eine Sonntagsnummer des „Temps" eine Darstellung über die Entwicklung des Katholicismus, Protestantismus und des Judenthums in diesem Jahrhundert. Für die jüdischen Leser ist besonders die Bedeutung des Judenthums von Interesse, die ihm der illustre Gelehrte für dieses Jahrhundert zuerkennt. Die diesbezüglichen Aeußerungen mögen daher im Wortlaute folgen: „Ich frage mich," heißt es im „Temps," „ob wir nicht bald die langsame, unbewußte Schöpfung einer Art Laienreligion, die weder katholisch, noch protestantisch ist, deren Kern in einer Verdichtung jüdischer Ideen besteht, erleben werden. Der Jude hegt, ganz im Gegensatz zu der evangelischen Anschauung, diese merkwürdige Ansicht, das Reich Gottes sei von dieser Welt. Denn Gerechtigkeit hier unterl verwirklichen, heißendem Göttlichen dienen. Das beste Mittel, dies zu erreichen, ist, sich Rechenschaft geben von der Umgebung, in der man lebt. Gerechtigkeit durch die Wissenschaft und durch die Pflege der Humanität, das ist die Quintessenz der jüdisch-liberalen Vorstellung. Lassen Sie mich Ihnen eine prachtvolle und oft citirte Stelle vorlesen, in der James Darmsteter die Propheten Israels wachruft, deren Genie wieder aufersteht und sich verbreiten wird über das neue Jahrhundert." „Es hat wenig zu sagen, daß sie im Namen Gottes gesprochen haben, während das moderne Zeitalter im NameU des humanen Gedankens spricht, denn ihr Gott war nur die Apotheose der menschlichen Selee, nur ihr inneres Gefühl in den Himmel überttagen. Sie liebten, was wir lieben, und ihr Ideal hat weder der Vernunft, noch dem Gefühl Eintrag gethan. Sie haben einen Gott in den Himmel eingesetzt, der weder Altäre, noch Sühnopfer, noch Gesänge will; vielmehr „daß das Recht hervorbreche wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein unversiegbarer Fluß". Dadurch, daß sie an die Gerechtigkeit glaubten, haben sie ihre Verwirklichung in der Geschichte angebahnt. Sie hatten einen Schrei des Mitleids für alle Unglücklichen, der Rache für alle Unterdrücker, des Friedens und der Verbrüderung für alle Völker. Sie sagten nicht zum Menschen: „Die Welt taugt nichts, sie sagten ihm, die Welt ist gut, und auch Du, sei gut, sei gerecht, sei rein." Sie sagten zum Reichen: „Du darfst nicht dem Arbeiter seinen Lohn vorenthalten." Zum Richter: „Du sollst strafen, ohne zu erniedrigen." Zum Weisen: „Du bist verantwortlich für die Seele des Volkes." Sie haben Manchen gelehrt, für das Recht, ohne Hoffnung auf Lohn, zu leben und zu sterben. Endlich haben sie zur Zukunft hin, über alle Gewitter der Gegenwart hinaus, den Friedensbogen einer unermeßlichen Hoffnung gespannt; eine Vision, strahlend von der herrlichsten Humanität, ganz befreit von dem Bösen und von dem Tod, welche weder Kriege, noch ungerechte Richter kennen wird, wo dann die göttliche Wissenschaft die Erde erfüllen wird, wie die Wasser den Boden des Meeres bedecken, wo die Mütter nicht mehr Kinder gebären für einen plötzlichen Tod. Träume der Seher, heute Träume der Weisen!" „Dieser prophetische und prattische Positivismus wird wahrscheinlich demnächst eine beträchtliche Rolle spielen. Aus dem antiken Judenthum entstanden bereits das Christenthum und der Islam, und wahrscheinlich werden wir einen neuen, blühenden, lebenskräftigen Zweig entstehen sehen. Das ganze liberale Judenthum zielt jetzt nach dieser Richtung, die ich Ihnen sage. Alle anderen Religionen bewahren einen dogmatischen Rückstand: Das Judenthum ist nur noch das Bekenntniß des Göttlichen und der Gerechtigkeit. Die Humanität wird deshalb nicht jüdisch werden, aber was ich Ihnen voraus verkünde, wird ein wichtiger Factor sein, der sowohl auf den Protestantismus, indem er ihn specialisirt und befestigt, als auch auf den Katholicismus, indem er ihn bis zu einem gewiffen Punkte seines Mysticismus entkleidet und ihn menschlicher macht und mehr dem Leben der That zukehrt, einwirken wird. Gegenwärtig ist der Haß der religiösen Parteien viel heftiger, als vor einigen Jahren, aber der Haß der wirklich frommen Männer ist verschwunden, die Einigkeit unter ihnen ist größer als je, es gibt eine Einigkeit der Seele unter den religiösen Menschen. Unter der augenscheinlichen Zwietracht der religiösen Politik entsteht ein ausgleichender Glaube und eine ausgedehnte Gemeinschaft ftommer Seelen, die gefeit gegen diese Welt und überzeugt find, daß es die Hauptsache ist, den Menschen Gutes zu thun. Es ist ein Widerspruch zwischen der Religion und der religiösen Polittk. Die ftommen Seelen haben einen Abscheu vor dem politisch-religiösen Misch-Masch. Es ist ein Gegensatz zwischen der Vereinigung der Herzen, welche

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.