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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-04-12 · 15 (12.4.1901) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
15 (12.4.1901)
Date
1901-04-12
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Vr. Blvch's Wochenschrift Seite 355 Nr. 15 einziges Wort und Alles ist verloren!" Sie gehorchte, sie sprach nur mit ihrer Mutter ohne den Widerspruch zu bemerken, der darin lag, daß du Paty ganz bestimmt behauptete, ihr Gatte sei des abscheulichen Verbrechens schuldig, und daß ihr Schweigen ihn trotzdem zu retten vermöchte, dann entfernte er sich, das Monocle im Auge, mit tänzelnden Schritten. Sie brach in einen Thränenstrom aus. Wenn aber das Stubenmädchen eintrat, oder die Amme mit dem kleinen Mädchen auf dem Arm, oder der kleine Pierre, der sich über die Abwesenheit seines Papas wunderte, dann trocknete sie sich die Augen, unterdrückte ihre Thränen und lächelte .... Eine tragikomische Episode der Dreyfus-Affaire war die berühmte und berüchtigte „historische Nacht", welche die Generale Mercier und Boisdeffre erfunden hatten, um der öffentlichen Meinung den letzten Zweifel am Verrath zu rauben. Als die Blätter sich um dem Bordereau und dessen angeblichem Urheber zu befassen begannen, ließen die Dreibund-Mächte auf das Kategorischeste erklären, daß ihre diplomatischen Vertreter von Dreyfus niemals Briefe erhalten hätten. Die französische Presse bezeichnte diese Erklärungen als Lügen und ihr Ton wurde namentlich gegen Deutschland so animos, daß Botschafter Graf Münster sich genöthigt sah, beim Präsidenten der Republik, Casimir-Perier, Schritte zu thun. Es wurde eine beschwichtigende Note veröffentlicht, welche in der officiösen „Agence Havas" erschien und nicht geringes Aufsehen machte. Damals erfanden Die' genannten Generale jene historische Nacht im Elysße, wo Mercier angeblich mit dem Präsidenten und dem Ministerpräsidenten vier Stunden verbrachte, um das Ergebniß des Dcpeschenwechsels zwischen dem deutschen Kaiser und dem Grafen Münster abzuwarten, enies Depeschenwechsels, welcher den Ausbruch des Krieges zur Folge haben konnte. Die ganze riesig anfgebauschte Darstellung Mercier's über die „historische Nacht", in welcher Frankreich Mgeblich nur zwei Schrille vom Krieg entfernt war, hat sich als erfunden und erlogen erwiesen, und Reinach bringt Beweise dafür, daß jene nächtliche Zusammenkunft gar nicht stattfinden konnte. Als das ganze lustige Gebäude des Schuldbeweises zusammeuzubrechen drohte, die durch sensationelle Zeitungsartikel aufs höchst erregte öffentliche Meinung aber einen entscheidenden Schritt gebieterische heischte, da suchte Htznry die fehlenden directen Jndicien durch indirekte, aus dem Privatleben Dreyfus geschöpfte zu ersetzen. Trotz des musterhaften Lebenswandels des Delinquenten fiel es der gewissenlosen Untersuchung nicht schwer, solche zu beschaffen. Ist doch der Name Dreyfus ein ziemlich verbreiteter und nichts war leichter,'als ihn.mit verschiedenen socialen Lastern m Verbindung zu bringen. Henry ließ es sich angelegen sein, den Nachweis dessen zu führen, daß das Hauptmotiv des Verbrechens des Beschuldigten die Weiber und das Spiel seien. Nicht weniger als drei Frauen, darunter zwei aur der Welt der Galanterie, waren es, mit welchen Dreyfus beständige Beziehungen pflegen sollte, von flüchtigen Bekanntschaften ganz abgesehen; außerdem wuroe Dreyfus, den man niemals in irgend einem Elub spielen sah, als Habitus aller Spielhöllen hlngestellt. Gusnee, der Agent Henry's, der in -Kaffeehäusern, auf den Boulevards rc. allen Klatsch über Dreyfus sammelt, gab im Proceffe vor dem Caffationshof selbst zu, daß die von ihm eingeholten Erkundigungen sich wohl auf wen immer als den Angeklagten - beziehen könnten — aber Dreyfus mußte angeschwärzt werden. Guönäe gab an, daß Dreyfus Habitus von wenigstens vier Spielhöllen sei, und zwar von so berüchtigten, daß zwei von ihnen behördlich gesperrt werden mußten, daß er mit Wucherern liirt sei, daß er aus dem Washington-Club, wo sein Credit erschöpft war, iu den Betting-Club überging, wo sein Spiel Verdacht erregte; daß die Familie seiner Frau riesige Summen für ihn bezahlt habe. „Als eine der Freundinnen der Frau Hadamard (der Schwiegermutter Dreyfus') dieser sagte, sie solle ihrer Tochter rathen, sich von ihrem Gatten scheiden zu lassen, weil er im Cercle 30.000 Francs verloren habe, erhielt sie — so sagte der Agent vor Gericht aus — zur Antwort: „Wegen 20.000 Francs sich scheiden lassen! Ah, wir haben für den Capitän schon ganz andere Summen bezahlt!" Dann hieß es, Dreyfus habe eine Frau mit Mitgift geheiratet, welche viel auf Toiletten ausgebe. Diesen absolut nicht bewiesenen Angaben gegenüber stellte die Polizei amtlich fest, daß eine Verwirnmg der Namen stattgefuuden habe und daß der Capitän Dreyfus in den Spielclubs vollständig unbekannt sei. Der Polizeipräfect stellte diese Note Henry zu, doch ist dieselbe aus den Acten verschwunden . . . Henry hatte von Gusnee auch einen Bericht über die Frauen verlangt, welche Dreyfus besucht haben sollte, und Gusnee war nicht in Verlegenheit. Er erfuhr „aus den Angaben anderer Frauen, die er nicht nennen könne", Zusammenkünfte Dreyfus bei der „Frau eines englischen Juden" mit einem deutschen Officier, „der dem Spion den Vorwurf machte, er stelle zu große Forderungen, und ihm mit einer Anzeige drohte"; der Angeklagte, hieß es weiter, habe intime Beziehungen zu mehreren Frauen der Halbwelt. Auch diese Angaben wurden von der Polizei kategorisch widerlegt; aber auch von dieser Note war im Dossier keine Spur; sie hat eben weder Mercier, noch Henry gepaßt . . . Erschütternd ist der Bericht Reinach's über das letzte Wiedersehen Dreyfus mit seiner Frau vor seiner Ueberführung nach der Teufelsinsel. „Am 21. Februar sah sie ihn zum letzten Mal. Sie flehte den Direktor an, ihr zu gestatten, daß sie ihrem Gatten die Hand drücke. Er hatte seine Instruction- Während sie Demjenigen, der sich ins lebenslängliche Exil begab, die Hand drückte, konnte sie ihm irgend ein kabbalistisches^Zeichen machen. Er schlug ihr die Bitte ab. Sie, der man dieHändehinterdenRückengebundenhatte, bat, ihren Mann küssen zu dürfen. Picqus verweigerte auch dies in brutaler Weise. Der Elende wußte, daß Dreyfus noch am selben Abend eingeschifft werden sollte. Er sagte weder Dreyfus noch seiner Frau etwas davon. Sie kehrte nach Paris zurück, beruhigt durch dieses Schweigen, diese Unmenschlichkeit. mit der Gewißheit, nächste Woche wiederkehren und den geliebten Mann ins Bagno begleiten zu können. Dreyfus, gleichfalls beruhigt, wurde in seine Zelle abgeführt und sofort schrieb er an Jene, die ihn eben verlassen, einen von Zärtlichkeit überströmenden Brief, in welchem er ihr versprach, allen Leiden gegenüber stark zu bleiben. „Ich ftage mich, wie ein Mensch, der sich wirklich gegen die Ehre vergangen, weiter leben könne." Kaum hatte er diesen Brief geschrieben, als man ihn brüsk verständigte, daß er sich zur Abreise bereit machen solle. Wohin? Er wußte es nicht. Selbst der Ort seiner Deportation war ihm verheimlicht worden. Er wurde wieder entkleidet und auf eine specielle Ordre de? Minister für Marine und Colonien hin durchsucht. Man war erstaunt, nichts Verdächtiges bei ihm zu finden. Dann wurde er zwischen Wächtern auf den Quai geführt und auf einer Goelette eingeschifft, die ihn in finsterer Nacht nach der Rhede der Insel Aix brachte. Die Kälte war entsetzlich, vierzehn Grad unter Null. Das Schiff „Ville-de-Saint-Nazare" war für den Transport bestimmt. Dreyfus wurde in eine vergitterte Zelle gesperrt. Eine Hängematte wurde ihm zugeworfen und man ließ ihn ohne Nahrung Seine Kräfte waren erschöpft. Er fiel schluchzend in einen Winkel, seine Frau beim Namen rufend. Wäre sie von seiner Abreise verständigt gewesen, sie wäre geblieben. Mit einem letzten Blick hätte sie dem schwerfälligen Schiffe gefolgt, das ihn nach dem Bagno entführte. So trennten sich diese Beiden gleich unschuldigen menschlichen Geschöpfe am 21. Februar ib95, mehr als ein Jahrhundert nach der französischen Revolution und der Abschaffung der Tortur." Damit schließt Reinach's Buch. * * * Vom Jahrmarkt des Lebens. Affrmilationsblüthen. Wir erhalten folgende Zuschrift: Herr Redacteur! Es wird Sie gewiß interessiren. zu erfahren, daß die beiden jüdisch-nationalen Verbindungen „Kadimah" und „Unitas" es zur Wahrung der Ehre und zur Pflege des Gedankens an das einheitliche und einige jüdische Volk für gut finden, wegen einer Lappalie eine Serie von Säbelschlägereien durchzuführen. Zehn Partien find bereits auf diesem zwischen „Bundesbrüdern" gewiß besonders geeigneten Wege durchgekämpft worden und es folgt noch eine weitere Reihe, da alle Versuch?, einem derartigen, jeder Moral und Vernunft widersprechenden Gebühren Einhalt zu thun, mit der Begründung zurückgewiesen wurden, es sei dies eine interne (!) Angelegenheit, die'der Ö ffentlichkeit ohnedies nicht zu Ohreu komme. Ich glaube, daß Sie, geehrter Herr Doctor, in oiese Angelegenheit ein weiug hineinleuchten sollten. Hochachtungsvoll H. R. Antisemiten unter sich. Das „Deutsche Bolksblatt" widmet den Alldeutschen folgende Begrüßung: „Es ist gewiß bedauerlich, daß in einer deutschen Parier die politische Lumperei sozusagen zum Principe geworden ist, allein man beffert nichts damit, wenn man diese Lumperei duldet! Sie muß bekämpft werden und an den Pranger müffen die Charlatane gestellt werden, die den deutschen Namen schänden". Wie wäre es, wenn die Alldeutschen die gleichen Liebenswürdigkeiten ihren christlich-socialen antisemitischen, nationalen Bundesgenoffen, die sich als Deutsche zu Handlangern der Ultramontanen hergeben, an den Kops werfen würden? Ist denn ein Unterschied zwischen Beiden? Politische Feigheit. Der böhmische Landtagsabgeordnete Dr. E p p i n g e r hat kürzlich in einer Versammlung als charakteristisches Merkmal unserer an dunklen Momenten so reichen Zeit die politische Feigheit hervorgehoben und betont, daß heute Biele, welche im öffentlichen Leben stehen, „sich von ihrer Partei, oft gegen ihre Ueberzeugung, nur aus dem Grunde lossagen, weil die Ideen, die sie bisher als gut anerkannten und hochhielten, nicht mehr populär sind". Anknüpfend an diese Rede schreibt die „Reichenberger Zettung": „Es soll hier nicht untersucht werden, gegen welche Elemente sich diese allgemein gehaltenen Worte zuerst richten, aber man wird es wohl sagen dürfen, daß sie auf eine

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