Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 15 (12.4.1901)
- Date
- 1901-04-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021385-3021401--10767-3035266- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Sette 254 Vr° Vlvch^ au ebeu derselben Stelle auf, wo sie die Quacksalber mit Natioualismus verstrichen zu haben glaubten. Ob sie nun Tauseude eiukerkern oder administrativ verschicken oder in die Armee stecken, ob sie mit Huftritten und Kosakenpeitschen die Menschen, die sich nicht wie Zwänglinge wollen behandelnlassen, erschlagen, sie treiben doch die Empörung aus dem Geiste der Nation nicht mehr aus. Die Empörung richtet sich gegen die Gewalt, und da der Nationalismus nichts anderes ist, als eine Gewaltmaßregel, die alle Menschenrechte mit Füßen tritt, so ist jede Regung des Menschenrechtes auch gegen den Nationalismus gerichtet. Was sie auch in Rußland jetzt versuchen mögen, um die Herrschaft der „Autorität" wiederherzustelleu, es wird vergeblich sein. In jedem Volke, auch wenn es noch so sehr mißleitet wird, steckt ein Rest von Rechtsgefühl, und je mehr man das Recht verletzt, desto mehr facht man diesen letzten Funken zu mächtigen Flammen an. Wenn auch anfangs nur wenige opferfreudige, todesmuthige Männer und Frauen sich finden, welche sich der Gewalt widersetzen — ihre Existenz allein ist nicht blos Bürgschaft des Vorhandenseins edler Empfindung, sondern auch Gewähr dafür, daß der künstlich gezüchtete Nationalismus nicht im Stande war, das Rechtsgefühl ganz zu unterdrücken, also auch nicht im Stande sein wird, die Volksseele dauernd zu knechten. Allerdings ist nicht ausgeschlossen, daß die Reaction jetzt wieder ihrer Wuth die Zügel schießen lassen wird, aber ebensowenig wie vor zwanzig Jahren wird sie auch jetzt das Ziel erreichen, und so wie vor zwanzig Jahren die Bevölkerung chre Sympathien für die Unglücklichen nicht verhehlte, die als Opfer ihres Kampfes gegen die Tyrannei fallen mußten, so gibt sich auch jetzt wieder Mitgefühl für jene schwärmerischen Jünglinge kund, die selbst den Hungertod nicht fürchten und ihr Leben preisgeben, um gegen die Ungerechtigkeit zu protestircn. Der Bankerott des russischen Nationalismus wird durch diese Thatsache kund, aber noch durch eine andere. Vor zwanzig Jahren konnte mau das eigene Volk noch belügen und die „jüdischen Verführer" als die Urheber der Attentate verleumderisch hinstellen, well es auch einige Juden unter den Nchllisteu gab. Heute kann man diese Lüge nicht mehr wiederholen. Es ist das „reine" Russenthum, das sich gegen Ungerechtigkeiten aufbäumt, und all die verübten Unthaten müssen daher auf „nationales" Conto gesetzt werden. A. Wiener. Wie die „Affaire" gemacht wurde. Aus Reinach's Geschichte des Dreyfus-Processes. Das von uns beretts besprochene Buch Joseph Reinach's ist trotz seiner streng — wir möchten sagen — wissenschaftlichen Form so reich an spannenden Details, es ist so fesselnd und ergreifend, daß eine Zeitung es getrost in der Romanrubrik fortsetzungsweise veröffentlichen könnte. Wenn man es liest, so muß man staunen, wie die öffentliche Meinung Frankreichs angesichts der Fülle der gegen die Schuld Dreyfus' sprechenden notorischen Thatsachen an den Verrath glauben konnte. Denn sie glaubte an ihn felsenfest, sonst wäre der geradezu unmenschliche Haß, der dem Unglücklichen nachgetragen wurde, einfach unfaßbar. Schauderekregend sind die Aussprüche dieses Hasses, zu welchen selbst iMelligente, gebildete Leute sich hinreißen ließen; wimmetten doch die Spalten der Blätter damals mit Vorschlägenwie der Verräther bestraft werden solle, und ein Vorschlag klang barbarischer, grausamer als der andere. Ein Blatt erinnerte an eine kurz vorher stattgehabte Hinrichtung in China, wo dem Delinquenten die Zunge ausgeriffen, die Augen ausgestochen und eine Menge analoger Atrocüies zugefügt wurden, ehe der Henker ihn vollends tödtete — und diese Strafe sollte, so meinte der menschenfreundliche Einsender, für Dreyfus gut genug sein! Welche Strafe verdienten erst Jene, die einen Unschuldigen durch die verwerflichsten Mittel zum Geständniffe eines nicht begangenen Verbrechens nöthigen wollten, und als dies nicht gelang, als die mtt großer Mühe, mit Fälschungen und Unterstellungen aufgebrachten fragwürdigen Jndicienbeweise sich als unzureichend erwiesen, ein „geheimes Dossier" fabrizirten, welches das gehörig bearbeitet und voreingenommene Mllitärgericht zur Fällung des Schuldspruchs veranlaßte! Recht bezeichnend ftir die Art, wie die Herren Henry, du Paty et con8orte8, die Leiter der famosen Untersuchung, vorgingen, ist. WochenfttzrM Nr. is was uns Reinach über die Besuche du Paty's bei Frau Dreyfus berichtet. Alle zwei bis drei Tage sprach er bei ihr vor. Voller Angst erwartete sie ihn und, getäuscht von seinen schönen Manieren, gab sie die Hoffnungen nicht auf, ihn rühren zu können, damit er ihr die Erlaubmß ertheile, ihren Gatten, wenn auch vor Zeugen, zu sehen, ihm zu schreiben, wenigsten einige Aufklärung über 'das schreckliche Geheimniß zu erhalten. Er verweigerte ihr Alles, indem er sich auf seine Instruction, auf die Befehle des Ministers berief, doch bekräftigte er dafür umso lauter die Schuld des Gefangenen, „die auf seiner tiefen Ueberzeugung gegründet sei". Rücksichtslos äußerte er sich über ihn: Er sei ein Eiender, ein Feigling und hauptsächlich der denkbar größte.Duckmäuser, der ein doppeltes Leben führte, von dem seine Frau, seine Angehörigen nur den ehrenvollen Theil gekannt hätten; der andere Theil sei abscheulich gewesen. Als die Hausdurchsuchung gar nichts Verdächtiges ergeben hatte, nicht einmal ein Schnitzel .Papier, das bloßstellende Bestehungen angedeutet hätte, war dies ein neuer Beweis seines Verbrechens und seiner Verschmitztheit. Seine Klugheit hätte gewacht, sie habe Alles zerstört oder Alles versteckt. Es gebe keinen fürchterlicheren Missethäter. Seine Wächter hatten sich - für ihn mit ihrem Kopfe verantwortlich gemacht. „Wenn ich sein Wächter wäre, hätte ich so sehr Furcht, daß er mir entwischen könnte, daß ich mich quer über seine Schwelle legen würde; ich würde seinen Schlaf ausspioniren." * Dann wieder legte du Paty eine Miene der Theilnahme an: „Ich hätte Alles auf der Welt hingegeben, um nicht die Hand auf einen meiner Kameraden legen zu müssen!" Ein anderesmal sagte er mit melodramatischer Stimme und Geste: „Madame, denken Sie an die eiserne Maske!" Die Unglückliche, von zarter Gesundheit, kaum fünfundzwanzig Jahre alt, war von Schmerz und Schrecken ganz gebrochen. Sie hatte die militärische Begeisterung ihres Gatten, seinen Glauben an die Armee, seine Achtung vor den Vorgesetzten getheilt; diese Jüdin besaß die Religion der Vaterlandsliebe, der Liebe zu Frankreich, einer so tiefen Liebe, daß -nie, nicht einmal im Laufe der übermenschlichen Prüfungen, der wilden Stürme, welche ihren Namen und denjenigen ihrer Kinder mit Koth bespritzten, während ihr Gatte, verflucht von einem ganzen Volke, auf einem verlorenen Felsen am anderen Ende der Welt hinsiechte, me ein Wort des Zornes oder der Bitterkeit gegen das ungerechte Vaterland über ihre Lippen kam. Die zwei kleinen.Wesen, -die in der heiligen Unkenntnlß des Dramas belassen wurden, wird stie andächtig in der Anbetung Frankreichs erziehen. Ehe .sie die.Vorzüge ihres Gatten im Glücke, seinen Muth im Unglücke gekannt hatte, hatte sie, die Kaufmannstochter, i.,n wegen seiner Uniform und seines Degens liebgewonnen. Und nun, welch ein Conflict in dieser armen Seele! Jene, an die ihr Gatte blind glaubte, zeihen ihn eines so schrecklichen Verbrechens, daß sie cs nicht einmal zu nennen wußten. Was sollte sie glauben? Was sollte sie denken? Sie wagte nicht einmal einen Zweifel. Kein Verdacht streifte sie mit beschmutzendem Flügel. Ihr Glaube an den Vater ihrer Kinder blieb unerschüttert. Sie wehrt sich gegen die. geheimnißvollen Belege mit unüberwindlicher Energie. Sie betheuert du Paty die Rechtschaffenheit, die Loyalität ihres Gatten,, seine exaltixte Vaterlandsliebe, seine hohe Auffassung von der Pflicht, die materielle Unmöglichkeit, daß eine niedrige, verbrecherische Thal von ihm begangen werden konnte. Sie discutirt, sie zwingt sich, über das Unbekannte zu raisonniren. „Er .geht ja nur mit mir zusammen aus; ich weiß, was er in jedem. einzelnen Augenblick gemacht hat." — „Es bedarf so geringer Zeit", erwidert.du Pary, um das zu thun!" Am Tage der Hausdurchsuchung hatten du Paty und Cochefett die Briefe, welche Dreyfus als Bräutigam geschrieben, von der Beschlagnahme ausgenommen; sie hatten sie. bei. der Frau gelassen. Später verlangte sie du Paty zurück, , um in, ihneneine .gewisse Briefform zu suchen, die er anderswo nicht gefunden hatte. Er wählte sich einige derselben aus und hatte den Muth, sie . mit sich zu nehmen. Eines Tages verhörte er sie in Gegenwart Gribelin's über die Enttäuschung, welche Dreyfus bei seinem. Austritte aus der Kriegsschule empfunden hatte, als ihm die antisemitische Leidenschaft eines Mitgliedes der Prüfungscommisston einen niedrigeren Rang anwies, als ihm gebührt hätte. Sie kannte den Fall und ließ .sich ohne Schwierigkeiten über denselben aus. In seinem Berichte läßt er sie dann sagen, „daß Dreyfus ganz krank von dieser Enttäuschung. gewesen sei, daß diese ihn wie ein Alp bedrückte, daß er fortwährend litt, daß er wiederholt sagte: Es ist wirklich der Mühe werth, in dieser Armee zu arbeiten, in der man, was immer man auch thut, nicht nach seinem.Verdienste vorwärts kommt!" Dies wäre also der Beweggrund des Verbrechens, und die Frau selbst ist es, die ihn liefert! Ein anderesmal, ungefähr eine Woche nach der Verhaftung, kommt er „mit einer besonders triumphirenden Miene". Gleich darauf erklärt er: „Ich habe den absoluten Beweis seiner Schuld in meiner Tasche." Was für ein Beweis ist dies, der inzwischen verschwundeu ist? Sie fleht ihn an, sich zu erklären. Und sie betheuert die Unschuld ihres Gatten. 2M anderen Gelegenheiten, da er sich eben nur der frommen Lügen enthielt, erzählte er ihr, daß ihr Mann sehr krank sei. Ein einziges Mal, nach zwanzig Tagen, übergab er ihr ein Billet, welches er Dreyfus zu schreiben erlaubt hatte: „Ich versichere Dich meiner Ehre und meiner Liebe." Sie las die Karte hundertmal und näßte sie mit ihren Thränen. Ueberhaupt gebot er ihr stets Schweigen,' dies sei die einzige Aussicht auf Rettung, sonst drohten die ärgsten Katastrophen: Mn