Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 15 (12.4.1901)
- Date
- 1901-04-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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ih. 15 Jahrgang XV11L Dr. Bloch’s milhi Centrslorgkln für die gefsmmten Interessen des Iudenthums. -W. A. ft. Pofisparcalsen-Aml Clearing-Verkehr Nr. 810.976. Lrd^ction und Administration: Wien IX/I, Verggage Nr. 39. Xalopkon Nr. 14.847. Wien, 12. LprU 1901. Erscheint jeden Freitag. -- Brief-Adresse: Wien, IX/1» Derggafse SS. Tclenramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift» Wie». Sezugsprris flir Vryrrreirii: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 56 Heller. Für'» Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Anzeigen: Die4mal gespaltene Petitzeile 24 Heller. Inhalt. Leitartikel: Der Bankerott des russischen Nationalismus. — 'Wie die „Affaire" gemacht wurde. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Assimilationsblüthen. Antisemiten unter sich. Politische Feigheit. Wie das Christenthum den Juden sich präsentirt. Von M. Leon Marillier. Zur Methodik des hebräischen Unterrichtes. Der sechzigste Geburtstag des Architekten Max Fleischer. Die geplante Organisation der jüdischen Verbände in Deutschland. Zur Regelung des Wanderbettels. — Das rabbinische Judenthum und die Briefe des Apostel Paulus. — Correspondenzen: XV. Generalversammlung der Oesterreichisch-Jsraelitischen Union. Zu den Polna-Processen. Wien, Kojetein, München, Würzburg, Odessa, Petersburg, Wittebsk, London. — Vermischtes: Wien, Lemberg, Holleschau, Budapest, Datschitz, Czernowitz, Walkersdorf am Kamp, Sassin, Berlin, Stettin, Wilna. — Feuilleton: Jsmael. — Briefkasten. — Inserate. Der Bankerott des russischen Nationalismus. Die Ernennung des Generals Wannowsky zum russischen Unterrichtsminister und das an ihn gerichtete Handschreiben Kaiser NicolausII. lenken die öffentliches Aufmerksamkeit auf den Bankerott des russischen Nationalimus Wer auch nur ein geringes historisches Gedächtniß besitzt, wird durch die jetzigen Vorgänge ganz unwillkürlich an das Ende der Siebziger- und den Beginn der Achtziger-Jahre erinnert. Die unselige That des Studenten Karpowitsch — erinnert sie nicht an den Schuß der Wera Saffulitsch auf den General Trepow, den Polizeimeister von St.- Petersburg, der einen Gefangenen mißhandelt hatte? Und das Attentat auf den übermächtigenProcurator des heiligen Synods, Pobjedonoszew, den echte Russen Bjedonoszew, den Leidbringer nennen, ist er nicht ein Widerspiel der Attentate auf den allmächtigen Dictator Loris Melikow. Die Gerüchte verstummen auch nicht, daß auf den Minister.des Innern, Sipjapin, ein Attentat verübt worden sei und selbst das Leben des Czaren soll bedroht gewesen sein, wiewohl man doch Nikolaus II. nachrühmt, er sei mildherzig und wohlwollend. Und nicht minder in den Demonstrationen vor der Kasankathedrale auf dem Newskiprospect treten uns die großen Studentenkundgebungen vor Augen, die an derselben Stelle vor mehr als zwanzig Jahren stattgefunden haben. Zu jener Zeit begann der Nationalismus in Rußland seine brutalen Formen anzunehmen, die unter Kaiser Alexander III. ihren Höhepunkt erreichten. Rückkehr zum Russenthum war die Panacee, die als unfehlbares Heilmittel von den Moskauer und den St. Petersburger falschen Propheten, von Katkow und Pobjedonoszew, anempfohlen wurde, und dieser Rückkehr zum Russenthum wurde durch die empörendsten Judenverfolgungen, durch die scheußlichsten Orgien der Volkswuth, der die Regierenden keine Zügel anlegten, durch eine Gewaltgesetzgebung sondergleichen, durch eine barbarische Einschränkung des Fremdenverkehrs und des Fremdenbesitzes Ausdruck gegeben. Das „Russenthum" siegte auf ganzer Linie. Angeblich war - jede Regung verschwunden, welche vorher das geknutete Volk zum Widerstande aufgestachelt hatte, der Nihilismus war nicht blos durch Galgen und Rad vernichtet, sondern durch das Nationalbewußtsein förmlich mit der Wurzel ausgetilgt, und nun hätten ja die Nationalisten in dem Milieu, das sie neu geschaffen haben, das Ideal des Reiches finden müssen, nun hätten ja die Segnungen des Panrussismus sich zeigen, das durch Juden und Deutsche nicht verunreinigte Volksthum seine schönsten Blüthen zur Entfaltung bringen müssen. Aber was zeigte sich Auch die Regierung des allernationalistischen Czaren Alexander III., der „Fremden" und „Andersgläubigen" gegenüber die allerheftigste Intoleranz hatte walten lassen und den „russischen Gedanken" wie kein Anderer zur Herrschaft gebracht hat, war nicht frei von Attentaten und die Kirche in Bmki, die aus Anlaß seiner glücklichen Errettung und zum Andenken an die Opfer, die statt seiner dort gefallen sind, errichtet wurde, ist ein Wahrzeichen, nicht nur der schützenden Hand des Schicksals, sondern auch der Thatsache, daß der so viel gepriesene Nationalismus nicht im Stande war, solche Ereignisse zu verhindern. Keine andere Lehre aber kann man aus den Geschehnissen schöpfen, die sich in letzter Zeit vollzogen haben. Nach Außen hin mag ein kräftiges Volksbewußtsein imponiren, auch in Bezug auf Volksbildung hat die Pflege der Nationalität ihre volle Berechtigung, und wir anerkennen auch im vollen Umfange die Nothwendigkeit, jeden Angriff auf das Volksthum zurückzuweisen. Aber der Schutz der eigenen Nationalität schließt den Angriff auf eine andere nicht in sich und das edle und berechtigte Nationalgefühl hat nichts gem^n mit seiner verzerrten und ins Gemeine herabgezogenen Abart, dem Nationalismus. Wir haben erlebt, in wie kläglicher Weise der Nationalismus in Frankreich, der Mord und Meineid, Lüge und Heuchelei, Verstellung und Verfolgung zu seinen Bundesgenossen gemacht hat, dennoch sein Spiel verloren hat, und keinen andern Erfolg hat diese Völkerkrankheit in Rußland gezeitigt. Mit dem Nationalismus konnte man wohl eine Zeitlang die erregten Gemüther beschäftigen, um ihre Aufmerksamkeit von dem wahren Grund des Uebels abzulenken, allein eine Heilung des Körpers konnte man nicht herbeiführen und die alte Wunde bricht