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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-04-05 · 14 (5.4.1901) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
14 (5.4.1901)
Date
1901-04-05
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 14 Ar. Bloch's WvchrnfchrrN. Sette 247 dem Gottesdienste beizuwohnen, und daß wir, der Borstand der Cultusgemeinde, indem wir über diese Thatsache gleichmüthig hinweggehen, dem religiösen Jndifferentismus in die Hände arbeiten und unsere Pflicht verletzen. Es wird demnach beantragt: 1. Es sei die Errichtung eines monumentalen Tempels in der Inneren Stadt als nächste und dringendste Unternehmung der Cultusgemeinde zu beschließen. 2. Für diesen Tempel ist der Fassungsraum des Leopoldstädter Tempels in Aussicht.zu nehmen. 3. Es ist ins Auge zu fassen» daß, wenn thunlich. in Verbindung mit diesem Tempel ein der Cultusgemeinde würdiges, die nothwendigen Berathungs- und Kanzleiräume enthaltendes Administrationsgebäude errichtet werde. 4. Das Baucomite wird beauftragt, binnen vi r Wochen zu berichten, welche Bauplätze in der Inneren Stadt für obige Zwecke zur Verfügung stehen und welche Summe die Anschaffung derselben beanspruchen würde. Soweit der Antrag des Bicepräsidenten Dr. Alfred Stern, und wir dürfen hinzufügen, daß dieser Antrag nicht verfehlen dürfte, in den weitesten Kreisen des Wiener" Judenrhums Befriedigung und Zustimmung zu erwecken. Wir erinnern an die Hinderniffe, welche dem Tempelbau in der Josef st a d t von Seiten unserer Gegner muthwilliger Weise bereitet wurden. Es ist eine traurige Thatsache, daß man dem Tempelbaucomitö in der Josefstadt die Erwerbung eines geeigneten Bauplatzes für ein jüdisches Gotteshaus geradezuunmöglich gemacht hat. Diesem Vorgehen gegenüber, welches keiner weiteren Charakterisirnug bedarf, gibt es nur eine einzige würdige Antwort: Der Antrag Stern! Die Errichtung eines monumentalen Tempels in der Inneren Stadt! Dieser Antrag kommt einenr unleugbaren längst empfundenen Bedürfniß entgegen uud der neugewählte Cultusvorstand könnte seine Wirksamkeit mit keiner herrlicheren Aufgabe inauguriren. Der Versuch, an die Lösung dieser großen Aufgabe ernstlich heranzutreten, ist das schönste Zeugniß seiner Schaffensfreudigkeit und seiner Schaffenskraft, und mit der Ausführung des Werkes würde er seiner eigenen Thätigkeit ein herrliches Monument errichten. Tempelweihe in Meran. Das-Judenthum sollte sich beim Antisemitismus bedanken. Von Jndifferentismus angefressen, welkte in den oberen Schichten unserer Religionsgesellschaft der Glaube hin und seine Betätigung schrumpfte immer mehr zusammen. Da brach der Antisemitismus in roher, polternder Weise hervor und wirkte wie ein Stahlbad auf das etwas degenerirte Judenthum, das sich strammer als je aufrichtete, fester als je zusammenrückte und bewußter als je den Angriffen seines fast bis zum Kannibalismus verwilderten Feindes, in dessen Reihen „zu Hyänen gewordene Weiber" sogar kämpften, gegenüber stellte. Die früher so häufigen Desertionen hörten auf, da sie in der socialen Stellung der Flüchtlinge nichts mehr änderten, und das nationale Bewußtsein hatte den Effect einer militärischen Disciplin für die Defensiostellung der Juden. Männer, die bereits ihre Herkunft vergessen, junge Leute, die jede Ueberlieferung bespöttelten, sind ganz eifrige Juden geworden, Frauen sogar hat das vielfach erlittene Unrecht ihres Volkes auf die Wälle gerufen, von denen die nationale Fahne weht. Ohne diesen plumpen Antisemitismus wäre es nicht möglich geworden, hier im bigotten Tirol, wo jeder dritte Mensch Mönch oder Geistlicher ist, einen jüdischen Tempel zu erbauen, der kürzlich in feierlicher Weise seine Weihe erhielt. Bis jetzt wurden die Andachten in einer Stube des Königswarter'schen Asyls oder in einem von Fisch und Braten durchdufteten Speisezimmer einer rituellen Restauration abgehalten. Nun entstand. Dank einem kleinen Consortium von Männern, die sich, so fortschrittlich sie immerhin sind, mit dem Judenthume identificiren, in Untermais, dem alten römischen Maja, dort wo lange bevor die ersten Strahlen des Christenthums das Morgenland rötheten, die Heere des römischen Weltreiches, unter Tiberius, Straßen, Befestigungen und Tempel anlegten, ein elegantes Gotteshaus, in welchem der alte Adonay seine nach Meran pilgernden, meist schwer belasteten Kinder empfangen, ihre Beschwerden und Wünsche anhören und nun im schönen Curorte gewissermaßen das Bürgerrecht genießen wird. Eine Tempelweihe in Meran! Wenn man sich der schönen Zeiten erinnert, wo die vereinzelten jüdischen Curgäste die verborgensten, entlegensten Winkel aufzusuchen pflegten — der Zeiten, wo die jüdischen Reisenden in Linz und Innsbruck nicht übernachten durften — wo für jüdische Marktbesucher in Graz ein eigenes Paßbureau bestand — wo ein mit achtzehn Kreuzern Convetttionsmüilze täglicher Apanage bestallter Polizeidiurnist jeden Juden per Er ansprach und die politischen Beamten unterster Rangordnung sich der jüdischen Gemeindevorstände zu allerhand Missionen bedienten — so muß man sich sagen, daß die Zeit, trotz Lueger, Schneider und ähnliche.! Ehrengestalten der umnachteten Gegenwart, doch nicht stille gestanden und daß sämmtliche Jesuiten und Liguorianer mit ihren breitkrämpigen Hüten die Sonne nicht ganz verhüllen können! Das Verdienst, den Tempelbau ermöglicht und durchgeführt zu haben, gebührt dem Curatorium der Königswarterstiftung — es sind dies die Herren Sanitätsrath Dr. Hausmann, Banquier Stransky — dem praktischen Arzte Dr. Koref und Adolf Werl. Sie haben die sich selbst gestellte Aufgabe in eminenter Weise vollführt. Es ist ein einfacher Bau, Außen und Innen ohne Prunk, aber ernst und würdig gehalten, zweckmäßig eingerichtet und mit reichem elektrischen Lichte versehen. Was noch hie und da fehlen wird, dürfte bald von wohlhabenden Curgästen Merans zusammengetragen werden. So hat unmittelbar nach der Einweihung das Mitglied des Wiener Gemeindevorsta wes, Herr Salo Cohn, sich erboten, gottesdienstliche Gegenstände, die ihm seitens der Tempelverwaltung als erforderlich bezeichnet werden, als Spende zu beschaffen. Die Einweihung selbst war sehr solenn und wohnten derselben ein zahlreiches Publicum, Vertreter der Gemeinden Meran und Untermais, der Curcommission, der politischen und Gerichtsbehörden, der evangelischen Gemeinde bei. Nach dem der Präsident Stransky die Versammlung begrüßt und der Canror Mah towu vorgetragen, zündete der Landesrabbiner für Tirol Herr Dr. Tänzer die ewige Lampe an unb begleitete diese Handlung durch eine sehr hübsche Ansprache über Licht und Aufklärung. Auf Psalm 30 folgte die Festpredigt. Ich muß dem Hohenemser Rabbiner, der in noch jugendlichem Alter steht, nachsagen, daß er, obschon er über den Antisemitismus unserer Zeit und die Schwierigkeiten sprach, mit denen wir zu kämpfen haben, es tactvoll verstanden, die Zustimmung des ganzen interconfeffionellen Publicums, ungeteilten Beifall zu gewinnen. Ein von Herrn Dr. Tänzer verfaßtes, der Gelegenheit angepaßtes Kaisergebet nebst Choral schloß die sehr würdige, sür Meran bedeutungsvolle Feier, und nun steht dem gläubigen Sinn der Juden, die hier wohnen oder hieher pilgern, ein Gotteshaus offen, in dem sie vor ihrem Schöpfer ihre Schmerzen ausweinen, ihre Wünsche Vorbringen, ihre Wiedergesundung ausjubeln können. Leo Herzberg-Fränkel. Lemberg. Die Leniberger hiesige Cultusgemeinde, die galizische Judenschaft und das ganze Land haben einen schweren Verlust erlitten. Der von Jedermann hochgeachtete, verdiente Landtagsabgeordnete, Gemeinderath und Cultusvorsteher Doetor Bernhard G o l d m a n n, ein Schwiegersohn des seligen Rabbiners Löwenstein, ist am 24. März nach längerem Leiden verschieden und am 26. unter imposanter Betheiligung der gesammten Bevölkerung zu Grabe getragen worden. Der Verblichene besaß eine wahrhaft ideale Lebensauffassung, begeisterte sich seit seiner Jugendzeit für die polnisch-patriotische Idee, machte als Jüngling in seiner ruffischen Heimat die polnische Erhebung der Sechziger- Jahre mit, büßte seinen Patriotismus mit längerer Deportation nach Sibirien. In späteren Jahren erwarb er in Heidelberg die Doctorwürde und ließ sich dann hier nieder, allwo er durch mehrere Jahrzehnte eine überaus ehrenvolle und fruchtbringende Wirksamkeit im Interesse der Stadt und der »jüdischen Cultusgemeinde entfaltete. Er bekleidete die höchsten Ehrenstellen, die seine Mitbürger zu vergeben hatten, gehörte den meisten humanitären Institutionen als Ausschußmitglied an, wobei er seine Pflichten bis hart an sein Ende mit mustergiltiger Genauigkeit erfüllte. Als Cultusvorsteher hat er insbesondere der Reform und Ausgestaltung der religiösen Jugenderziehung sein Augenmerk zugewendet. Das L-ichenbegängniß gestaltete sich zu einem wahren Kidusch haschem. Die vornehmste christliche und Mische Gesellschaft folgte dem Sarge dieses verdienten Mannes, u. A. Bürgermeister Dr. Malachomski mit dem Gemeinderath, viele Abgeordnete, der israelitische. Culrusrath mit dem Bicepräses Dr. Schaff, Delegationen der polnischen und jüdischen Vereine: unzählige Kränze, darunter solche vom Landesausschuß, Gemeinderath rc. schmückten die Bahre. Von den meisten öffentlichen Gebäuden wehten Trauerfahnen. Den Zug eröffneten die jüdischen Schulen und die Waisenzöglinge. Die nationale Capelle „Harmonia" intonirte Trauerweisen. Es wurden nicht

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