Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 14 (5.4.1901)
- Date
- 1901-04-05
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 246 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 14 Speyer zum Reichstag und erlangte am 3. April 1544 ein kaiserliches Privilegium, worin alle Gerechtsame der Juden bestätigt und vor der Blutbeschuldigung gewarnt wurde. Alsbald wurden die Gefangenen in Freiheit gesetzt. Im Juli 1544 übernahm es Joselmann, die Juden zu einer Beisteuer für den Krieg gegen Frankreich zu bewegen. 1546 auf dem Reichstag zu Regensburg, wo es zum Bruch zwischen Katholiken und Protestanten kam, erschien Joselmann und erlangte ein kaiserliches Edict, wonach für die Juden der Landfrieden allgemein in Kraft bleiben sollte. Der Kaiser erließ Schutzbriefe, aber die spanischen Soldaten respectirten sie nicht. Namentlich in Baiern hatten die Juden viel zu leiden. Joselmann ruhte nicht eher, bis vom Kaiser der Befehl erging, daß jeder Officier in seinem Heer oder denen seiner Verbündeten, der es wagte, einen Juden oder eine Jüdin zu beleidigen, zu mißhandeln oder zu berauben, sofort mit dem Tode bestraft werden sollte. Die Juden zeigten sich durch Lieferung von Proviant dankbar und beteten in Frankfurt Morgens und Abends für den Kaiser, als er auf dem Kriegszug war. Als die Niederländer hier eingezogen und die Stadt beschießen wollten, bewirkte Joselmann durch Zahlung von 500 Goldgnlden, daß die Stadt geschont und ihre Religion geschützt wurde. Der Schmalkaldische Krieg war beendet, auf dem Reichstag zu Augsburg 1548 huldigte Alles dem Kaiser; auch Joselmann erschien und erhielt 1550 wiederum ein für die Juden günstiges Privileg. Auch für sich und seine Familie hatte er am 28. Februar 1548 einen Schutzbrief erhalten. 1551, im harten Winter, unternahm der siebzigjährige Greis eine Reise nach Augsburg, um dort zu Gunsten der Juden von Württemberg vorstellig zu werden, welche Herzog Christoph ouszutreiben gestattete. In Rottweil war damals das Reichskammergericht, bei welchem die Juden Recht zu suchen hatten. Der Kaiser stellte den Juden das gewünschte Mandat aus. und Joselmann reiste nach Stuttgart, woselbst die Erlaubnis zur Durchreise mit sogenanntem lebendigem und schriftlichem Geleite gegeben wurde. Zugleich tagte in Frankfurt eine Versammlung von Rabbinern und Vorständen, welche Joselmann bevollmächtigte, mit Albrecht von Bayern wegen des Judengeleites zu unterhandeln, und die Unterhandlung hatte unter der Bedingung des schriftlichen Geleites das gewünschte Resultat. Ein Attenstück von 1551 trägt seine hebräische Unterschrift; dies ist das letzte officielle Document von ihm, das wir besitzen. Wie lang er noch gelebt hat, wann und wo er gestorben und begraben ist, wiffen wir nicht genau. Ziemlich sicher ist jedoch, daß er 1556, 78 Jahre alt, starb. Seine Söhne waren Jacob in Roöheim, Gerson in Türkheim und Moses in Frankfurt, eine Tochter war in Rosheim verheiratet. Ein Sohn des Moses, Elias, war Rabbiner in Fulda, Hanau, Mainz. Friedberg und Worms; er schrieb einen Commentar zum Sohar (Adderetb Elijahu). In Frankfurt und im Elsaß leben heute noch Nachkommen des großen Schtadtlan, eines Mannes, der Leben, Gesundheit und Vermögen jederzeit einsetzte, wenn es galt, seine Glaubensgenossen vor Unterdrückung und Ungerechtigkeit zu schütze«. Correspondenzen. Aus der Plenarsitzung des Cultusvorstandes vom 31. März 1901 unter dem Vorsitze des I. Vieepr äsidenten Dr. Alfred Stern. An Spenden sind eingelaufen: Von Herrn Wilhelm Kuffner zur Errichtung einer Bettstiftung im Siechenhause auf den Namen Wilhelm und Camilla Kuffuer anläßlich der Vermählung seiner Tochter . K 12.000.— Bon Frau Amalia Haber anläßlich des Todestages ihres s ligm Gatten Herrn Hermann Haber zur Vertheilung an arme ich werkranke Glaubensgenossen.k 1000.— Von Herrn Moriz Edlen von Kuffner anläßlich des Jahrzütstages des seligen Herrn Ignaz Edlen von Kuffner für jüdische Arme des XVI. und XVII. Bezirkes . . . . K 280 — Bon Herrn Dr. Alfred Stern für Arme . . K 110.— Vom „Neuen Wiener Tagblatt" für die Brigittenauer Schulküche.. . ‘. . . . K 2.— Bon Herrn Samuel Hummel, Zimmer-Thermometer für das Altersversorgungshaus. Von Frau Dorothea Braun und Frau S'donie Wolf geb. Braun zum Andenken an den seligen Herrn Hermann Braun durch Herrn Bethausvorsteher Julius Wolf ein Sefer-Thora sammt vollständiger Ausstattung. Zu Beginn der Sitzung begrüßt der Präsident Herrn Architekten Cultusvorsteher Fleischer anläßlich seines 60. Geburtstages in herzlichen Worten. Der Präsident theilt mit, daß das Vertretercollegium und ebenso das Curatorium der Baron Rothschild'schen Künstlerstiftung, dessen Mitglied Herr Fleischer ist, ebenso der Bethausvorstand bei demselben erschienen und daß er, Dr. Stern, namens der erstgenannten beiden Corporationen dem Jubilar die herzlichsten Wünsche zum Ausdruck gebracht habe. Er sei überzeugt, daß das Plenum des Vorstandes sich diesen Wünschen anschließe. (Allgemeine lebhafte Zustimmung.) Cullusvorsteher Eltbogen erbittet sich das Wort und erklärt, daß er sich mtt Bezug auf die in der letzten Plenarsitzung von dem Präsidenten vorgebrachten allgemeinen Bemerkungen zu nachstehender Erklärung veranlaßt sehe: Er habe auf diese Bemerkungen deshalb nicht sofort reagirt, weil es ihm ferne lag, sie auf seine Person zu beziehen. Um aber Mißverständnissen vorzubeugen. erkläre er ausdrücklich, daß er die in einem jüdischen Blatte gegen ein Vorstandsmitglied erschienenen Artikel weder veranlaßt, noch inspirirt habe. Er bittet, die Versicherung cntgegenzunehmen, daß er im Cultusvorstande getreu seiner hei der Constituirung abgegebenen Erklärung nur im Vereine mit allen anderen Vorstehern unter Verwerthung seiner Erfahrungen auf dem Gebiete des jüdischen Gemeindewesens und nicht anders wirken wolle. Vice-Präsident Dr. Stern und Genossen stellen anläßlich des 75jährigen Bestandes des Tempels in der Seitenstetteiigosse einen Antrag betreffs Errichtung eines Tempels it der Inneren Stadt. Es wird der Wunsch ausgesprochen, den Gegenstand auf die Tagesordnung einer der nächsten Plenar-Sitzungen zu stellen. Sohin wird eine Anzahl von Personalien erledigt. Bau eines monumentalen Tempels in der Innern Stadt Wien. Der am Schluffe des vorstehenden Communiques erwähnte Antrag des ersten Vicepräsidenten Dr. Alfred Stern und Genossen, hat, wie wir erfahren, folgenden Wortlaut: Airtrag von Dr. Alfred Stern und Genossen, gestellt in der Plenarsitzung des Vor st an des der israelitischen Cultusgemeinde in Wien am 31. März 1901. Am 2. Nissan d. I., das ist am 22. März, waren es 75 Jahre, seitdem der Stadttempel eröffnet wurde. In einer abschüssigen Seitengasse des abseits liegenden Kienmarktes wurde das jüdische Gotteshaus gebaut, welches sich aus Rücksichten auf die Staatsreligion bescheiden hinter den nüchternen Mauern eines Zinshauses verbergen mußte. Aus der damals in Wien befindlichen „Judenschaft" tu einer Anzahl von kaum 2000Tolerirten und Schutzjuden hat sich im Laufe dieser 75 Jahre eine Cultusgemeinde von 150.000 Juden entwickelt. Dem Opfersinn ihrer Mitglieder danken wir, daß allenthalben in dem Gebiete dieser Gemeinde Wohlthätigkeits- und gemeinnützige Institutionen errichtet wurden; leider ist aber gerade hinsichtlich jener Institution, welche die wesentlichste Auf' gäbe der Cultusgemeinde bildet, nämlich der Einrichtung des Gottesdienstes, der Errichtung von Stätten, die der Gottesverehrung gewidmet sind, die Gemeinde sehr rückständig geblieben, indem während dieser 75 Jahre von ihr nur ein Bethaus, der Tempel im zweiten Bezirke, gebaut und selbst dieser bezüglich seiner inneren Gestaltung erst in den letzten Jahren vollendet wurde. Durch die Opferwilligkeit einzelner Gemeindegenossen gebildete Privatvereine konnten den sich fühlbarmachenden Bedürfnissen nur nothdürftig abhelfen. Es mangelt in unserer Stadt in dem von Zehntausenden Juden bewohnten eisten Bezirke an einem Gotteshause, welches durch seine Größe, durch Ausführung und Lage erkennen ließe, daß es das Gotteshaus der Gesammtgemeinde vorstellt. Wollen Sie, geehrte Herren, sich vor Augen halten, daß wir eine „Cultus"-Gemeinde zu leiten haben, daß derCultus, der Gottesdienst, unsere erste/ und wenn die Mittel zu weiteren Zwecken nicht ausreichen, unsere einzige Aufgabe ist, für die wir zu sorgen haben; übersehen wir nicht, daß es ein Unrecht ist, wenn dem überwiegenden Theile der zahlreichen, nicht blos für den Gemeindehaushalt wichtigen Judenschaft der Inneren Stadt geradezu die Möglichkeit fehlt, an den hohen Feiertagen