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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-04-05 · 14 (5.4.1901) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
14 (5.4.1901)
Date
1901-04-05
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 14 Vr. Blvch's Wochenschrift, Sette 243 für umfangreiche, philosophische Allegorien benützte. Der wahre Werth des Gesetzes liegt für ihn nicht in dem, was es ausspricht, sondern in dem, was es verbirgtnicht in seinem buchstäblichen, sondern in seinem geheimen, inneren Sinne. Nichtsdestoweniger war Philo ein strenggläubiger Jude. Aber es gab Leute, die weiter gingen als er und die er streng verurtheilt. „Es gibt Menschen", sagt er, „die, wenn sie die geistige Bedeutung des Gesetzes gefunden haben, glauben, daß sie den Buchstaben nicht zu achten haben und nicht länger die Verordnungen zu halten brauchen." Der hellenistische Judeismus mag mehr als einen Geistestypus erzeugt haben und es mag Pauliner vor Paulus gegeben haben. Aber in den Irrgarten dieses dunklen und strittigen Gegenstandes kann ich mich nicht wagen?) Dazu gebricht es mir an Wissen wie an Zeit. Viertens wäre zu nennen das Judenthum — das rabbinische Judenthum — das uns unmittelbar angeht. Nun möchte ich nicht behaupten, daß nur ein Viertel von Paulus jüdisch oder auf Rechnung des Judenthums zu setzen ist. Solche arithmetische Berechnungen wären augenscheinlich absurd. Aber es ist wahr, daß Vieles im Paulus ist, was mit dem Judenthum zu thun hat, aber durch das Judenthum nicht zu erklären ist. Ich bitte mich nicht mißzuverstehen. Ich gebe Ihnen nur meine persönliche Ansicht, und alle großen, christlichen Theologen würden sagen, daß ich in hoffnungslosem, kindischen Jrrthum befangen bin. Sie würden Ihnen sagen, daß ich durch Vorurtheil verblendet und ganz unfähig bin, die Thatsachen des Falles zu sehen und zu schätzen. So ist Alles, was ich sagen kann: Bewahren Sie sich offenen Kopf, und — wenn der Gegenstand Sie interessirt und Sie Französisch und Deutsch verstehen — lesen Sie die wörtlichen Uebersetzungen. Sie werden sich furchtbar dabei langweilen (da die Form derselben gewöhnlich abstoßend und ihr Inhalt häufig sehr langweilig ist) aber ich denke, Sie werden es sich dann überlegen, ehe Sie das Urtheil der Theologen über das Verhältniß des Apostel Paulus zur jüdischen Religion annehmen. Als meine eigene individuelle Ansicht wiederhole ich also, daß viel in Paulus enthalten ist, was sich zwar mit dem Judeuthum befaßt, aber durch das Judenthum nicht zu erklären ist. Paulus wurde von Wellhausen der große Pathologe des Judentyums genannt?) Ich wage die Behauptung, daß er gerade das nicht war. Der Jesus der synoptischen Evangelien war ein Kritiker und Pathologe des Judenthums. Seine Kritiken beruhten auf wirklichen Erscheinungen: sie sind Fleisch und Blut. Es gibt, wie ich bemerken will, Parallelen und Illustrationen davon in der rabbinischen Literatur. Jesus legte den Finger in wirkliche Wunden, auf wirtliche Gefahren, Beschränkungen und Mängel. Aber der Verfasser des Briefes an die Römer kämpft meistentheils gegen den Wind. Er stellt eingebildete Uebel dar und vernichtet sie mit herrlicher Beredsamkeit und bewunderungswürdiger Rhetorik. Seine Auffassung des Gesetzes — und darum dreht sich, wie wir Alle übereinstimmen, Alles — entspricht nicht der Wirklichkeit. Die Juden müssen die kleinen Abhandlungen von Jesus sehr wohl verstanden haben. Selbst wenn sie dieselben übertrieben fanden — und in der Form, in welcher wir sie besitzen, sind sie es vielleicht — würden sie doch sehr wohl verstanden haben, was er gemeint hat. Die falschen Pharisäer — von denen der Talmud gleich Jesus spricht — wußten wohl, wo der Schuh drückte. Aber Paulus' Kritiken des Gesetzes würden von einem jüdischen Leser wie Wasser vom Rücken einer Ente abgeglitten sein. Sie berühren nicht den Kern. Lassen Sie uns einen Augenblick die wahren Uebel und Gebrechen betrachten, welche Jesus in der Religion seiner Zeit fand und tadelte. Es waren vor Allem drei — nämlich 1. daß man das Ritual an die Stelle der Moral setzte, 2. die Selbstgerechtigkeit oder der Stolz, 3. eine gewisse irregeleitete Intelligenz. Wenn Sie verschiedene Stellen aus den Römer- oder Korintherbriefen im Gedächtniß haben, mag es Ihnen lächerlich erscheinen, wenn ich zu sagen wage, daß Paulus zu all' diesen Uebeln keine dauernde oder wesentliche Beziehung hatte. Uno doch hat die moderne Exegese die Thatsache sestgestellt. daß des Paulus' Angriff auf das Gesetz nicht zwischen dessen moralischen und ceremoniellen Elementen unterscheidet. Nirgends bringt er in Verbindung mit seinen umfassenden Argumentationen über die Unwirksamkeit des Gesetzes die Anklage gegen die Juden 1) Vergl. M. Friedländer: Zur Entstehung des Christenthums 1894) und der vorchristliche Gnosticismus (1898.) 2) Prolegomena zur Geschichte Israels (5. Ausgabe) p. 430. oder die Pharisäer vor, daß sie blos die rituellen Verordnungen befolgen, aber die moralischen vernachlässigen. Das Gesetz ist die Stärke der Sünde, nicht weil es eine Anzahl rein ritueller Verordnungen enthält, sondern weil es Gesetz ist und Alles, was das Gesetz in sich schließt, enthält. Andererseits ist — obgleich Paulus so viel gegen Prahlerei zu sagen hat — das, was er tadelt, jn Wirklichkeit ganz verschieden von den praktischen und alltäglichen Uebeln, die von Jesus in so edler Weise gegeißelt werden. Viele seiner Bemerkungen über „Prahlerei" sind gegen die Anmaßungen und Handlungen seiner jüdisch-christlichen Gegner gerichtet, deren Thatsächlichkeit wir dahingestellt sein lassen, aber wo sie gegen die Juden gerichtet sind, erscheinen sie viel mehr theoretisch als praktisch. Sie beziehen sich nicht auf die schlechten Charaktere lebender Menschen. Prahlern von Fleisch und Blut, sondern aus das theoretische Prahlen, welches nach der Paulinischen Theorie — unvermeidlich jeden Versuch begleitet, Rechtfertigung durch die Werke des Gesetzes zu finden. Paulus hat es vorwiegend mit dem theologischen Gegensatz zwischen menschlichem Verdienst und göttlicher Gnade, nicht mit einer wirklichen Gesellschaft von Menschen zu thun. Was die Intelligenz betrifft, so gab es ein hervorstechendes, intelligentes Element im rabbinischen Judenthum; es bildete sowohl einen Vorzug wie einen Mangel, eine Stärke und eine Schwäche. Jesus kritisirt es vom Gesichtspunkte seiner Schwäche, seiner wirklichen Schwäche, die im Leben seiner Zeitgenoffen sich geltend machte. Aber Paulus' Geringschätzung von Weisheit und Kenntnissen entspringt anderen Ursachen und führt zu verschiedenen Folgerungen. Er spielt theilweise auf Kämpfe innerhalb christlicher Grenzen an und theilweise auf den alten theoretischen Gegensatz zwischen menschlicher Leistung und göttlicher Gnade. Daher kommt es, daß die Fehler des rabbinischen Judenthums mit einer riesigen Ausnahme (die meine Regel bestätigt) wenig durch Paulus illustrirt werden. Um ihn zu erklären, oder um eine starke Folie für ihn zu schaffen, mit der verglichen sein Glanz „wie ein Stern in dunkelster Nacht" um so vornehmer strahlen sollte, waren die Commentatoren und Theologen deshalb genöthigt, eine rabbinische Religion ihrer eigenen Factur aufzustellen, welche die Moral zu beweisen und ihre Erzählung auszuschmücken geeignet war. Jede große Religion hat die Fehler ihrer Vorzüge. Es mag schwer sein, sie in unserer eigenen Religion zu erkennen, aber jedenfalls können wir sie leicht in den Glaubensbekenntnissen unserer Nächsten entdecken. Solche Mängel sind ganz klar sowohl im Protestantismus als im Katholicismus zu sehen. Solche Fehler gab und gibt es noch im rabbinischen Judenthum. Aber während diese Gebrechen die Aussprüche und Predigten Jesus erklären und illustriren, ist dies bei den Episteln des Apostel Paulus nur zum Theile der Fall. Diesen gewagten Satz sollte ich beweisen. Aus Mangel an Zeit kann ich nicht viel mehr thun, als Behauptungen aufftellen, bei mehr Muße könnte die Aufgabe gelöst werden. Hier muß ich zwei Vorbehalte machen. 1. Wenn meine These richtig ist, so würden die Räthsel und Schwierigkeiten in den Episteln des Apostel Paulus sicher zahlreicher werden. Aber es folgt daraus nicht nothwendiger Weise, daß die These falsch ist. Die Wahrheit ist oft verwickelt und schwer zu erkennen. 2. Darf man mich nicht dahin verstehen, daß ich meine, die paulinischen Episteln als Ganzes könnten nicht in hundertfacher Hinsicht durch Bezugnahme auf die rabbinische Literatur und Religion beleuchtet und aufgehellt werden. Es ist klar, daß sich in der paulinischen Theologie viele Elemente befinden, auf welche der rabbinische Judeismus das schärfste Licht wirft. Der Monotheismus des Apostel Paulus, seine Benützung des Alten Testaments, seine Auffaffung des Messias, seine Lehre von Engeln und Teufeln, die hervorragende Stellung, welche in seinem System die Lehre von den letzten Dingen eiunimmt — alle diese und viele andere intereffante Punkte stehen im engen Zusammenhänge mit analogen Lehren in der rabbinischen Religion. Gerade weil diese Punkte klarer und bestimmter sind, werde ich in diesem Vortrage nichts über sie sagen. Ich habe sowohl meine als Ihre Aufmerksamkeit auf die rabbinische Lehre vom Gesetze zu concentriren und die Frage zu behandeln, ob dieselbe die Auffaffung des Paulus, daß es die Stärke der Sünde sei, erkläre oder nicht erkläre. Es ist möglich, daß Einer oder der Andere von den hier Anwesenden einige von den deutschen oder franzöfischeu Uebersetzungen der rabbinischen Literatur, oder Weber's hervorragendes Werk über „Jüdische Theologie" lesen. Darf ich zwei War-

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