Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 14 (5.4.1901)
- Date
- 1901-04-05
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3021385-3021400--10754-3035252- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Sette L4L Dr. Bloch's WochrnfchrW. Rr. 1t Der andere Vortrag, mit welchem der meinige sehr stark, wenn auch nicht ganz, übereinstimmt, würde heißen: „Der jüdische Hintergrund in den Episteln des Apostel Paulus/ Ich dachte, Sie wünschten Umfassenderes, oder möchten jedenfalls, ich solle den Gegenstand von einem etwas anderen Gesichtspunkte betrachten. Ich werde nicht im Einzelnen untersuchen, wie groß der jüdische Hintergrund sein mag. Auch das würde eine lange, mehr für ein Buch als eine Vorlesung geeignete Besprechung erfordern. Ich werde nicht fragen, obwohl die Frage von großer Wichtigkeit ist und weder erschöpfend noch befriedigend beantwortet ist, wie weit Paulus sein Judenthum und speciell sein rabbinisches Judenthum übertrieb, wenn es seinem Zwecke und seiner Rhetorik dienlich war. Noch werde ich fragen — obwohl der Gegenstand von größtem Interesse ist — wie viel mehr das Paulinische Judenthum dem hellenistischen Judenthum Philo's als dem rabbinischen Judenthum Hillel's, Gamaliels oder Mba's nachgebildet war. Ich habe die sechs mittleren Episteln zu nehmen, wie ich sie finde, und ohne Discussion der früheren Einflüße, welche ihrer Abfassung vorausgingen, ihre allgemeine Beziehung zur rabbinischen Religion der damaligen Zeit zu betrachten. „Die rabbinische Religion der damaligen Zeit" lautete mein Satz! Es ist klar, daß wir diese betrachten müssen, aber ach! wo sind die Quellen, wo ist das Material? Kurz gesagt, es gibt zwei Arten literarischer Werke, welche hier förderlich wären. Die erste Art besteht aus Büchern, von denen die meisten oder viele ursprünglich hebräisch geschrieben waren, welche aber jetzt nur in äthiopischer, griechischer, lateinischer oder anderer Uebersetzung vorhanden sind. Diese Bücher umfassen Dasjenige, was als apokalyptische Literatur bekannt ist, wovon Daniel im Alten Testamente das Urbild und die Offenbarung Johannes im Neuen Testamente das berühmteste und allgemein bekannte Beispiel ist. Diese apokalyptische Literatur kann aus Gründen — die ich fitzt unerörtert laffen will — nur mit großer Sorgfalt und Vorsicht benützt werden, wenn es sich um die rabbinische Religion handelt?) Die andere Art der Literatur, aus welcher unsere Kenntniß der jüdischen Religion richtiger Weise geschöpft werden darf, ist die rabbinische und besteht aus vielen Bänden des Talmuds und den Midraschim. Nichtsdestoweniger ist diese Literatur nicht, wie viele Leute glauben, unzugänglich. Ein beträchtlicher Theil gerade jener Abschnitte derselben, welche den directesten Einfluß auf die rabbinische Religion als Ganzes haben, ist ins Deutsche und Französische übersetzt worden. Und wenn gewisse hervorragende Gelehrte häufigeren, ausgedehnteren und unparteiischen Gebrauch von diesen bescheidenen aber nützlichen Behelfen machten, würden sie — wie ich glaube — weniger Jrrthümer betreffs der rabbinischen Literatur begehen, als es jetzt leider der Fall ist. Dies ist jedoch nur ein Wink und "vielleicht ein unhöflicher, nebenbei gesagt. Ein wichtiger Punkt, den ich hervorzuheben habe, ist, daß, obgleich die Literatur über Talmud und Midrasch von ungeheuerer Ausdehnung ist, die Daten sehr zweifelhaft und verwirrt sind. Vieles davon wurde nicht allein niedergeschrieben, sondern sogar gesagt und versaßt lange nach dem Tode des Apostel Paulus. Besonders für das erste Jahrhundert sind nur wenig zuverlässige Quellen vorhanden. Von Gamaliel, dem berühmten Lehrer des Paulus, wissen wir kaum etwas, denn seine Thätigkeit verschmilzt mit derjenigen von Hillel's Schule?) Der größte Theil des talmudischen Materials gehört dem dritten, vierten und fünften Jahrhundert der christlichen Aera an. Nichtsdestoweniger können wir mit Vorsicht und Bedachtsamkeit sehr wohl diese letzten falsch datirten Quellen als Material für unseren Stoff benützen, und zwar aus folgenden Gründen: Die Hauptelemente der rabbinischen Literatur erlitten wenig Veränderung vom Jahre 50—500 n. Ehr. Vor Allem wurde die centrale Stellung des Gesetzes nicht erschüttert oder verändert. Wenn die Religion um das Jahr 50 nomistisch genannt werden kann, so ist sie es gewiß nicht weniger um 500. Die Bildungsperiode war schon vorüber im Zeitalter des Apostel Paulus. Während man zu den seltsamsten Resultaten gelangen würde, wenn man das Christenthum des ersten Jahrhunderts nach der Literatur des fünften und sechsten schildern wollte, braucht man die gleichen, unangenehmen Folgen bei Benützung des jüdischen *) Vergl. Schechter „Lome ^.sxeets of Babbinie Theologv J. Q. B.“ voL VI p. p. 407, 406 (Juli 1894.) 2) Betreffs Gamaliel kann der Leser Graetz' Geschichte der Juden zu Hilfe nehmen, Hamburger's Real-Encyklopädie des Talmud, Hasting's Lible Dictionary 2c. Materials nicht zu fürchten. Christliche Gelehrte der Gegenwart pflegen scharf zu unterscheiden zwischen der jüdischen Religion vor und nach dem Makkabäer-Aufstande. Da die Psalmen jetzt gewöhnlich dem Zeitalter nach Nehemias zugeschrieben werden und diese heiligen lyrischen Dichtungen kaum die schrecklichen Folgen des Legalismus aufweisen, so sagt man meistens, daß aller Mangel an Moral und alle Irreligiosität der rabbinischen Religion erst nach dem Tode Judas des Makkabäers zu blühen und zu gedeihen begonnen habe. Sie standen in voller Blüthe um das Jahr 50 n. Chr., aber ich habe nie bei irgend einem deutschen Theologen gelesen, daß sich zwischen 50 und 500 irgend welcher Fortschritt vollzogen habe. Und darin stimme ich vollkommen mit den Theologen überein. Die allgemeinen Wirkungen des Gesetzes, sowohl zum Guten als zum Bösen, waren (mit einer einzigen Ausnahme) die gleichen im Jahre 500, wie um das Jahr 50. In beiden Richtungen, wenn man davon überhaupt sprechen kann, ist es als wahrscheinlich und richtig anzunehmen, daß, während jene Wirkungen in einer späteren Zeit verschärft und mehr ausgeprägt wurden, ihr eigentlicher Charakter und ihre Tendenz im Laufe der Jahrhunderte unverändert blieben. Wenn ich das Material, auf Grund dessen manche christliche Gelehrten ein so einseitiges Bild des Gesetzes und seiner Wirkungen bieten, meinerseits benütze, um zu zeigen, was ich für die richtigere und mehr geschichtliche, wenn auch weniger malerische und harmonische Auffassung halte, so kann man mich deswegen vernünftiger Weise nicht zur Rechenschaft ziehen. Was man in der einen Richtung verwenden kann, darf man auch in der anderen Richtung verwenden. Ich habe nicht etwa die Absicht, eine Stunde , lang Apologetik zu treiben. Gott bewahre! Ich werde offen die Beschränkungen, Gefahren und Mängel der rabbinischen Religion anerkennen, gerade,wie ich offen die Größe und Wahrheit der religiösen Belehrung des Apostel Paulus zugestehen werde. Worin ich mich aber von den meisten Rednern und Schriftstellern, welche diesen Gegenstand behandeln, Juden wie Christen, unterscheide, ist, daß ich die erwähnte Charakteristik für beide Theile meines Stoffes anwende. Ich erkenne die Größe und die Wahrheit in den religiösen Lehren der Rabbinen an, und — wenn Sie englische Duldung zeigen wollen, indem Sie solchen Worten lauschen — die Beschränkung, Gefahren und Mängel in der Doctrin des Apostel Paulus. Lassen Sie mich hier, ehe ich näher auf meinen Stoff eingehe, sagen, daß Paulus für mich heute jene 6 Episteln bedeutet, deren Echtheit von der großen Allgemeinheit der Gelehrten anerkannt wird?) Ich will nicht discutiren, ob die übrigen Episteln (oder die Reden in der Apostelgeschichte) echt sind oder nicht. Diejenigen, welche annehmen, daß sie es sind, gestehen die Authenticität der mittleren 6 nicht minder zu, und diese 6 enthalten genug Material oder bieten vielmehr genug Anregung zu Betrachtungen und Schwierigkeiten für unseren heutigen Zweck. In dem Verfasser jener sechs Episteln sind vier Momente besonders zu unterscheiden. Ich nenne sie in umgekehrter Reihenfolge. Da finden wir zunächst die Originalität des großen Mannes, den Blitzstrahl des Genius, welcher erleuchtet und verwandelt. Aber worauf übte dieser Genius seine Wirkung? Wir haben dann zweitens das Christenthun,, worunter ich Alles verstehe, was Paulus durch Offenbarung, Tradition oder irgend welche andere Mittel bezüglich des Lebens, Todes und der Auferstehung Christi offenbar ward. Hierzu kommt Dasjenige, was mit den beiden elfteren Momenten zusammenhängt. Dann haben wir drittens den Hellenismus, ein Element in den paulinischen Episteln, dessen Ausdehnung noch immer discutirt wird. Dieser Hellenismus, wie groß sein Umfang sei, hat eine doppelte Quelle. Einerseits wäre zu nennen directer geistiger Contact des Apostels Paulus mit dem Hellenismus seiner Zeit. Wie weit derselbe reichte, ist strittig und vielleicht überhaupt nicht festzustellen. Andererseits machte sich der Einfluß des durch ein jüdisches Medium gebrochenen Hellenismus geltend. Wenn irgend etwas bezüglich des Briefes an die Römer sicher ist, so ist es der Umstand, daß sein Verfasser die Weisheit Salomonis gelesen und benützt hat. Nun ist dieses Buch mit hellenistischen Elementen getränkt. Diese einzige Thatsache ruft viele Reflexionen wach, sie bietet Möglichkeiten, die hier nicht weiter verfolgt werden können. Ich will nur erwähnen, daß Philo, der ein Zeitgenosse Paulus' war, wie Sie alle wissen, den Stil des Pentateuch l) Briefe an die Thessalonier, Korinther, Galater, Römer und Philipper.