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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-04-05 · 14 (5.4.1901) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
14 (5.4.1901)
Date
1901-04-05
Page
– (sequence 5)
Language
German
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-Nr. 14 Seite 241 Vr. Blvch's der Botschaft, zu ihm gelangt sei — eine übrigens absurde Version, da Schwartzkoppen nicht die Gewohnheit hatte, die Briefe seiner Spione in den Papierkorb zu werfen. So begann die Affaire mit einer Lüge... Die häßlichen Jntriguen, welche ins Werk gesetzt wurden, um den Capitän Dreyfus als den Schuldigen hinstellen zu können, sind bekannt. Jener Dreyfus mußte der Schuldige sein, dessen Conduitenliste eine Sammlung der auserlesensten Lobpreisungen ist; von dem es la83 hieß: „intelligent, voll guten Willens"; 1884: „eifrig und gewissenhaft, intelligent und gebildet, sehr schneidig"; 1885: „sehr activ, ein kühner Reiter, guter Lieutenant"; 1887: „sehr intelligent, sehr geschickt"; 1888: der beste Lieutenant der Batteriegruppen, verdient ununterbrochen die besten Noten" und so fort. Aus der Kriegsschule, in welche er unter «1 Frequentanten mit der Nummer 67 eintritt, geht er als der neunte hervor, und der General Lebelin de Dionne gibt ihm folgende Note: „Hat das Generalstabsdiplom mit dem Vermerk : „sehr gut" erhalten. Sehr guter Officier, lebbafter Geist, faßt die Fragen rasch auf. arbeitet leicht und ist die Arbeit gewohnt, sehr geeignet für den Generalstabsdienst." Im Generalstab selbst lauten seine Noten nicht minder günstig; so jene des Obersten de Germiny für das erste Semester 1893: „Sehr intelligenter Officier, redigirt sehr gut, hat schon sehr ausgedehnte Kenntnisse, vermag viele Fragen mit seinen persönlichen Ideen zu behandeln; will und muß ans Ziel gelangen." Unter den unzähligen Noten, die eine günstiger als die andere, befindet sich blos eine, welche an Dreyfus etwas auszusetzen hat; diese stammt vom Oberst Fabre, der sie aber nicht auf Grund eigener Erfahrung, sondern — wie er selbst vor dem Kriegsgericht aussagte — nach den Informationen, die ihm von zwei Dreyfus aufsässigen Officieren geliefert wurden, ausstellte. Auf Hunderten von Seiten schildert Reinach die Untersuchung und den Proceß. Frohen Herzens, sicher, daß er freigespröchen werde, hatte Dreyfus am Morgen das Gefängniß verlassen, und nun der Abend hereinbrach, war er vor dem Gesetze ein Verräther, der Niedrigste der Menschen. Als er die Zelle bettat und Forzinetti erblickte, rief er ihm entgegen: „Mein einziges Verbrechen ist, daß ich Jude bin!" und mit all der Kraft, die ihm geblieben war, verlangte er nach einem Revolver. Aber Forzinetti, ein guter Mensch, drückte ihm die Hand: er glaubte an seine Unschuld. Es gab also unter dem Himmel noch Güte, Gerechtigkeit und — Hoffnung! Wie Thau fiel es auf diese arme Seele und erfrischte sie. Wäre er innerhalb der vier Wände seiner Zelle allein geblieben, hätte er sich gewiß getödtet; in dieser Stunde, dem Wahnsinn nahe, hätte der Gedanke an Weib und Kinder seine Hand nicht zurückgehalten. Aber Forzinetti sprach zu ihm wie ein Soldat zu einem Soldaten, er hielt ihm vor, daß der Selbstmord einer Bestätigung des Urtheils gleichkäme, daß er, Forzinetti. der Erste wäre, der ausrufen würde: „ Der Verräther hat sich selbst gerichtet." Und' Forzinetti sollte ihn nicht für einen Verräther halten. Großartig und erhebend ist der Eindruck, den wir aus dem Ruche Reinach's von der Gattin des Verurtheilten gewinnen. Vor einigen Wochen noch war sie eine Glückliche unter den Glücklichen gewesen, sie hatte schöne Kinder, einen Gatten, den sie liebte und von dem sie geliebt ward, und den Glanz der Militärcarriöre. Und nun sind selbst die Trümmer dieses kurzen Glückes in die Brüche gegangen. Ihr Mann im Bagno; kein Winkel Frankreichs, wo sein Name nicht verflucht würde, kein Winkel auf der weiten Welt, wo der Name ihrer Kinder nicht geschmäht würde. Welcher Sturz, und in welchen Abgrund! Das unverdiente Unglück hat aber die Tugend, daß es Denjenigen, den es trifft, hoch über die Menschen, ja über ihn selbst erhebt zu Höhen, die zu erreichen er als Glücklicher, als Sieger niemals geträumt hätte. Der Schmerz wird dadurch nicht behoben; er nagt und brennt ohne Unterlaß. Aber die Luftcuren auf hohen Bergesgipfeln sind nicht heilsamer für den Körper als diese (Ähebung durch große Schmerzen für die Seele. Im ruhigen Glück des Familienlebens war diese Seele der Lucie Dreyfus eine einfache kleine Seele, ein wenig passiv, mit kurzen Flügeln. Auf die grausame KMde hin, die ihr ein Verwandter, Dr. Weill, bringt, stößt sie den Schrei eines verwundeten Wildes aus und fällt ihrer Mutter in die Arme. Dann geht sie ohne sichtbare Anstrengung an ihre Pflicht. Hätte sie an ihrem Gatten im Mindesten gezweifelt, sie wäre daran gestorben; aber sie war seiner sicher und sie wollte, daß er lebe. Eine barbarische Verfügung verschloß der Gattin die Pforten des Gefängnisses. Diese beiden unglücklichen Wesen wurden in dem Momente, wo sie darnach dürsteten, mit einander zu weinen, gezwungen, sich aufs Schreiben zu beschränken. Bei Tagesanbruch erscheint ihm die Rata morgana des Selbstmords, die Oase der ewigen Ruhe, von Neuem. Die Lockung war so stark, daß Dreyfus wie der Wanderer in der Wüste ihr fast nachgab; er fühlte, daß er keinen Widerstand leisten könnte, daß er verloren sei. Zu loyal, um es zu verschweigen, ruft er seine Frau zu Hilfe: „Deinetwegen allein habe ich bis heute Widerstand geleistet, Deinetwegen allein habe ich dieses lange Martyrium ertragen. Werden meine Kräfte mir gestatten, bis ans Ende auszuhalten? Ich weiß es nicht. Ich werde versuchen, für Dich zu leben, aber ich bedarf dazu Deiner Hilfe." Sie hatte seinen Gedanken errathen; in derselben Stunde antwortete sie ihm auch schon. Keine großen Phrasen, keine cornelischen Declamattonen, nichts als unendliche Innigkeit. Sie liebt ihn, sie bewundert ihn. Aus der Erinnerung der glücklichen Tage . macht sie in diesem Elend nicht einen Schmerz mehr, sondern den Grund der Hoffnung: „Wir haben fast fünf Jahre des Glücks ver- Wochrnschrifr. bracht. Leben wir von dieser Erinnerung. Eines Tages wird die Gerechtigkeit zur Geltung kommen und wir werden wieder glücklich sein. Die Kinder werden Dich anbeten; wir werden aus Deinem Sohn einen Menschen machen wie Du; ich werde ihm kein schöneres Beispiel wählen können... Du mußt leben für Deine Kinder, für mich." Er hat ihre Hilfe gegen den Tod angernfen; sie ruft ihn zu Hilfe gegen das Leben. Sie kann ohne ihn nicht sein; er allein — schreibt sie — ist ihr Trost. .Der einzige Glücksschimmer, der mir bleibt, ist, meine Tage an Deiner Seire vollenden zu können." Sie kennt diese Mannesseele; das Bewußtsein, eine Pflicht erfüllen zu müssen, wird ihm seine Kräfte wiedergeben. Er erwidert ihr des Nachts: „Maitre Demange hat mir gesagt, wie bewundernswerth Du bist. Du bist mehr Werth als ich, Du bist eine der edelsten Frauen, die es auf Erden gibt. Wenn ich den Kelch bis zur Neige leere, so ist es. um Deines Heldenmuths würdig zu sein." Und in ihrer Antwort heißt es: „Ich weine, ich weine, und ich weine immer von Neuem. Deine Briefe allein trösten mich; sie allein halten mich aufrecht, stärken mich. Lebe für mich, ich beschwöre Dich, theurer Freund. Sammle Deine Kräfte, kämpfe, kämpfen wir mitsammen, bis der Schuldige entdeckt wird Was würde aus mir ohne Dich? Nichts würde mich mehr an die Welt fesseln." Sie spricht ihm von den Kindern, von seinem Sohne, der durch seine lange Abwesenheit beunruhigt ist, von dem Töchterchen, das zu stammeln beginnt und immer schöner wird: „Du wirst sie eines Tages wiederfinden... Du wirst sie liebkosen, anbeten können .. . Wahre Deinen Muth. Ein Tag wird kommm, wo wir alle vereinigt. Alle glücklich sein werden. Unsere Träume, unsere Pläne werden Wiederaufleben." Doch genug aus dieser herzbrechenden Correspondenz und genug aus dem prächtigen Buche Reinach's. welches ein „menschliches Document" bilden wird, wie man es sich grandioser, erschütternder nicht denken kann Es ist eine würdige Einleitung zu dem in wenigen Wochen erscheinenden Buche Dreyfus' selbst, welches den Titel führen wird: „Fünf Jahre meines Lebens" (Cing ans de ma vie) Vas rabbinische Zudenthum und die Briefe des. Apostel Paulus. Rede vor der 8t. Paul’S Association am 2t. November 1900, gehalten von C. G. Montefiore. (Aus „The Jewish Quarterly Review“, Jänner U01.) Mit nur geringem Selbstvertrauen wage ich es, die Gesellschaft, welche ich heute vor mir sehe, anzureden. Ich gestehe, daß ich fast widerstrebend das freundliche Anerbieten angenommen habe, in der 8t. kanl's Association über einen so zarten und schwierigen Gegenstand zu sprechen, wie es mein heutiges Thema ist. Erstens bin ich kein Gelehrter, und hätte ich nicht einen gelehrten Freund, auf dessen unbegrenzte Hilfe ich mich verlassen kann, wäre ich überhaupt außer Stande, die Aufgabe zu übernehmen. Aber ohne Sie weiter durch Verweilen bei persönlichen Mängeln zu ermüden — „zu viel Betheuern" hat einen schlimmen Klang — lassen Sie mich gleich zu den meinem Stoffe innewohnenden Schwierigkeiten übergehen, Schwierigkeiten, welche von jedem wahrhaft Gelehrten empfunden werden und empfunden werden sollten, wie gelehrt und fleißig er auch sein mag. Der genaue Titel für meinen Bortrag würde — wie ich glaube — sein: „Die Beziehungen der Briefe des Apostel Paulus zur jüdischen Religion". Und unter „jüdisch" wäre „r a b b i n i s ch" zu verstehen. Folglich würde das, was ich zu sagen hatte, so weit als mein Vortrag es sagen kann, zwischen den Gebieten zweier anderer Borträge liegen, welche dem meinigen nahe verwandt, aber nicht gleichwerthig find. Mein Bortrag deckt fich theilweise mit den beiden anderen, hat aber nicht ganz das gleiche Ziel. Das eine der beiden anderen Themen wäre: „Die jüdische Religion des ersten Jahrhunderts nach Christi." Dieser Bortrag ist viel weitgehender als der meinige, er würde von der jüdischen Religion als einem Ganzen handeln, und zwar unabhängig von Paulus. Eine Vorlesung oder vielmehr ein Buch müßte geschaffen werden, denn Sie werden zu keiner gerechten oder umfassenden Werthschätzung des frühesten Judenthums gelangen, bis die beständige Bezugnahme auf die Alles beherrschende Gestalt des Paulus aus dem Wege geräumt ist. Aber ich spreche zu einer St. Pauls-Gesellschaft und deshalb geht Ihr Interesse am Judenthum selbstverständlich und gerechter Weise nur so weit, als es Einfluß auf den großen Apostel übte. In Folge dessen hatte ich bei meiner Ausarbeitung das Augenmerk sowohl auf die Episteln als auf die rabbinische Literatur zu richten und mein Bortrag wird, wie viele andere Schriften und Bücher über die rabbinische Religion, die Spur eines Schielens nach beiden Seiten an fich tragen.

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