Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 14 (5.4.1901)
- Date
- 1901-04-05
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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emombib—mwui Sette 240 j&x. Hoch's W-achenschrM Kr. 14 Triebkraft sein, aber die viel zu mächtig gewordene, innere und äußere Entartung herbeiführende politisch-sociale Nolle gewisser. Weltanschauungs-Gemeinschaften, zugleich als Führer, Richter und Büttel, soll zu Ende sein, damit die verschiedenen Weltanschauungen sich in edler Freiheit neben einander entfalten können. Dann werden sie dem Ideal-Leben der Menschen die hohen Wohlthaten endlich rein darbieten, die gerade aus ihrer, sich gegenseitig belebenden und läuternden Mannigfaltigkeit hervorgehen können, wenn sie nicht mit dem Unsegen der groben staatlichen Autoritätsgewalt belastet sind. Die Menschheit, durch Wiffenschast und Kunst und durch die „ästhetische" Erziehung im Sinne Schiller's zur höchsten Freude an jenen großen Geistesgestaltungen der Vergangenheit und Gegenwart und an deren künftigem zartsinnigem Eniwicklungskampfe befähigt und von den verwirrenden Einflüssen der doppelten Moral befreit, wird auch mit den Einrichtungen, die zur ethischen und technischen Ordnung des Zusammenlebens unentbehrlich sind, viel leichter fertig werden, als die gegenwärtigen, noch so sehr der Weisheit und des Mitgefühls ermangelnden Zustände ahnen lassen. Aber wir werden diese bessere Zukunft nur gefährden, wenn selbst das Judenthum, dessen größte Geister von jeher ein dieser Zukunft zugewendctes Antlitz trugen, die rückwärts gewandten Strebungen des nationalen und confesswnellen Geistes sich zum Vorbild macht, wie das z. B. in der erwähnten Schrift „der Judentag von Dr. Kahn" mit der „Macht" des „Katholikentages" geschieht. Ist doch dieses maßgebende Hineinragen confessioneller Gemeinschaftsbildung in das deutsche Staatsleben eine der schmerzlichsten, zerrüttendsten Erscheinungen in den gegenwärtigen Zuständen Deutschlands. Das Eine allerdings können und müssen die Juden Deutschlands verlangen, daß endlich ihre deutschen Mitbürger sich ermannen und gemeinsame Sache mit ihnen machen in der ernsten, unablässigen Verurtheilung und Bekämpfung aller der widerrechtlichen Einschränkungen und Bedrückungen, die man in Deutschland den jüdischen und überhaupt allen den Landeskirchen nicht angehörenden Bürgern zu bieten wagt. Nietzsche, ein Opfer des Antisemitismus. Aus einem von Nietzsche's Schwester, Frau Elisabeth Förster, in der „Zukunft" (Nr. 14, Jahrgang 1900) veröffentlichten Aufsatze über Nietzsche's Krankheit, geht geradezu hervor, daß Nietzsche ein Opfer des Antisemitismus geworden. — Sie weist daselbst zunächst nach, daß von einer erblichen Belastung bei ihm nicht die Rede sein könne, „den wir stammen von väterlicher und mütterlicher Seite aus kerngesunden Familien". Daß deshalb, weil der Vater in Folge seiner Kurzsichtigkeit eine steinerne Treppe rücklings in den gepflasterten Hof hinunterstürzte ' und infolge dieser Gehirnerschütterung nach elfmonatlicher Krankheit starb, ihr damals 5 Jahre alter Bruder. erblich belastet sein mußte, sei doch ein vollkommener Fehlschuß. „Würde man etwa von erblicher Belastung reden, wenn ein Mann an den Folgen eines Beinbruchs stürbe und sein Sohn im später» Leben ebenfalls einen Beinbruch erlitte?" Ueber die Veranlassung zum Ausbruch der Katastrophe äußert sich die liebevolle Schwester wie folgt: „Nach dem unglaublich arbeitsreichen Frühling Md Sommer 1888 ging mein Bruder im Herbst wieder nach Turin, das ihm vom Frühjahr her in der schönsten Erinnerung geblieben war. Hier fühlte er sich außerordentlich glücklich. Er schrieb mir Anfangs Oktober einen begeisterten Bericht von Turin und fährt dann fort: „Ich schreibe in diesem goldenen Herbst, dem schönsten, den ich je erlebte, einen Rückblick auf mein Leben, nur für mich selbst u. s. w." Und die ersten Capitel des Leee homo tragen auch einen diesen Stimmungen entsprechenden Charakter. In diese glückliche Herbststimmung hinein fielen zwei Angriffe gegen meinen Bruder; der eine von überraschender Taktlosigkeit, der zweite aber von einer Bosheit, wie man sie eigentlich für unmöglich halten sollte. Ich will sie nur andeuten. Der erste Fall betraf seinen eigenen Verleger; Herr E. W. Fritzsch in Leipzig hatte gestattet, daß in seinem Musikblatt ein Angriff gegen meinen Bruder veröffentlicht wurde, der niedrige Insinuationen und Unwahrheiten enthielt. Also der eigene Verleger hatte nicht einmal soviel Achtung vor einem Autor seines Berlages, um ihm diesen Angriff zu ersparen! Mein Bruder fühlte sich auf das Tiefste gekränkt und in der Ferne so machtlos und ungeschützt einem Angriff gegenüber, der sozusagen aus den« eigenen Lager kam. Der andere Angriff ging von antisemitischer Seite aus. In einigen anonymen Schreiben wurde auf wahrhaft raffinirte Weise meinem Bruder der Glaube beizubringen gesucht, als ob mein Mann von Südamerika aus einen gegen den „Zarathustra" gerichteten Artckel geschickt hätte uad als ob dieser nur mit seiner und sogar mit meiner Billigung in einem antisemitischen Blatt zum Abdrucke gelangen solle. Der anonyme Briefschreiber wollte sich für einige judenfreundliche und antisemitenfeindliche Bemerkungen meines Bruders rächen; und um dem Einsamsten der Einsamen zu zeigen, daß er selbst die Wenigen verloren habe, die seinem Herzen nahe standen, schrieb er ihm diese boshaften Erfindungen. Mein Bruder fühlte sich tödilich verletzt. Mit keinem Menschen konnte er sich in seiner Verlassenheit aussprechen. Und diese antisemitischen Angriffe müssen sich wiederholt haben — schließlich brachen sie ihm das Herz." Vte Geschichte der Vreyfus-Affaire. Von Joseph Reinach. Joseph Reinach's Histoire de l’affaire Dreyfus ist ein ziemlich umfangreicher, enggedruckter Band von 640 Seiten, der auf Grund von Documenten und anderen authentischen Quellen eine Geschichte des ersten Dreyfus-Processes vom Austauchen der „Affaire" bis zur Einschiffung des unschuldigen Opfers eines der verabscheuungswürdigsten Complotte nach der Tenfelsinsel bietet. ' Man wird mächtig ergriffen durch die Lectüre dieses Buches, das — obwohl es der Natur nach kaum etwas ganz Neues bieten kann — in zusammenhängender, pragmatischer Darstellung eine der erschütterndsten Tragödien, einen der schmählichsten Schurkenstreiche des verflossenen Jahrhunderts schildert, zerfasert, bloßlegt. Kritik übt Reinach absolut nicht, aber was er anführt, bei jedem Satz, jedem Wort die Quelle citirend, aus der er geschöpft, ein Riesenmaterial bewältigend und sich immer nur an die dürre Wahrheit haltend — das Alles spricht für sich selbst und bedarf keines Commentars, keiner Kritik. Meisterhaft leitet er sein Buch mit einer glänzenden Charakteristik des Gmerals Mercier ein, der, am 3. December 1893 zum Kriegsminister ernannt, sich allgemeiner Sympathien erfreut, anfangs auch Erfolge aufzuweisen hat, dann aber bei der Affaire des Erfinders Turpin das erste Fiasco erlebt und durch die ungesetzliche vorzeitige Beurlaubung von sechzigtausend Mann einen Sturm der Entrüstung heraufbeschwört. „Mercier begriff, daß seine Tage gezählt seien, daß man bei der ersten Gelegenheit ihn opfern werde. Da traf im Kriegsministerium ein anonymes Schreiben ein, welches nur von einem ftanzösischen Officier herstammen konnte und das in der deutschen Botschaft gestohlen worden war. Dieses Stück Papier sollte die Rettung sein. Anfangs freilich bereitete das Schriftstück, das später als „Bordereau" so berüchtigt werden sollte, dem General Mercier eher Verlegenheit, aber aflmälig wird die Angelegenheit in die richtige Bahn geleitet, und nachdem es durch die bekannten FÄschüngen,'Unterstellungen rc. gelungen war, den Verdacht auf den „Juden" Dreyfus zu lenken, war die „Affaire" gemacht, welche die Aufmerksamkeit vom wankenden Kriegsminister ablenken und das Gesammtintereffe Frankreichs auf den Hauptmann des Generalstabs lenken sollte, der die militärischen Geheimnisse seines Vaterlands an dessen Erzfeind verkaufte. Woher kam das Bordereau? Ein Agent des Kriegsministeriums, Namens Brücker, war in Ungnade gefallen und befand sich auf der Suche nach irgend etwas, was ihm die Gunst seiner Brotgeber wieder zuwenden könnte. Und er hatte Glück. Eines Tages betrat er die Portierloge der deutschen Botschaft und entwendete einen Brief aus dem Fache des Militär-Attachäs Schwartzkoppen, der sich damals auf Urlaub in Berlin befand. Die Schriftstücke, die der Verräther in diesem Briefe dem preußischen Obersten ankündigte, befanden sich in einem anderen Packet, das an seine Adresse gelangte; sie sind noch jetzt in Berlin. Er öffnet das Couvert und liest. Und er trägt seinen kostbaren Fund noch am selben Tage zu Henry. Dieser hat kaum einen Blick auf das Papier geworfen, erkennt er die Schrift, es ist diejenige eines alten Freundes, den er duzt, eines ehemaligen Kameraden im Kundschastsbureau, seines Gläubigers seit 1876, des Kommandanten Marie-Charles - Fernand Walsin Esterhazy. Esterhazy war vor einem Jahre in die Dienste des Obersten Schwartzkoppen getreten. Um seinen Verrath zu erklären, hatte er in dem Schreiben, in welchem er seine Dienste anbot, nicht allein Geldverlegenheiten angegeben, sondern auch den Umstand, daß er, der Sprößling einer berühmten ungarischen Familie, sich niemals als Franzosen betrachtet habe. (In einer Fußnote bemerkt Reinach, daß er vorläufig die Quelle dieser Mittheilung nicht angeben könne, daß aber das Beweisstück sich im Archiv des deutschen Generalstabs befinde) Um dem Attache zu beweisen, daß er in der Lage sei, ihn zu informiren, zeigte er sich ihm an der Seite eines Generals galoppirend. Bald amusirte er ihn durch die Verve seiner Briefe, seine wüthenden Ausfälle gegen die Chefs der Armee, seinen Haß und seine Verachtung gegenüber Frankreich, bald beunruhigte er ihn durch seine Allüren, seinen Mangel an Vorsicht, seine ebenso kostspieligen, wie meist wertblosen Schriftstücke.' Er ließ sich theuer bezahlen — zweitausend Mark monatlich — und verlangte immer mehr Geld. Zuweilen machte er den Eindruck eines agent provocateur und Schwartzkoppen dachte schon daran, die Beziehungen zu ihm abzubrechen. Die Sache war für Henry bedenklich; zeigte er seinen Freund an, so war er selbst schwer compromittirt. Das Einsamste wäre wohl gewesen, den Brief zu vernichten, aber Brücker hatte ihn gelesen und kannte seinen Werth; er würde sich nicht üm seinen Profit bringen lassen. Er zerreißt also das Schriftstück, um den Schein zu wecken, daß er auf dem gewöhnlichen Wege, nämlich aus den Papierabfällen