Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 14 (5.4.1901)
- Date
- 1901-04-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 288 Dr. Vloch's Wochenschrift. Ar. 14 ruug der Sitten beigetragen, das Ausehen des Staates und seiner Bölker so tief geschädigt, in civilisatorischer und cultureller Beziehung sich als derart rückständig erwiesen, daß endlich in dem Volke selbst -die Erkenntniß reifte, auf diesen! Wege sei weder eine moralische noch eine materielle Besserung zu erhoffen. Wohl ist diese Erkenntniß noch nicht in der Hauptstadt selbst zum Durchbruch gelangt, lange wird aber doch Wien nicht hinter St. Pölten und Wiener-Neustadt zurückstehen wollen, und je brutaler die Mittel sind, mit welchen die Christlich-Socialen ihre politischen Gegner verfolgen, desto eher werden die anständigen Elemente sich von ihnen lossageu. Da nunmehr aber auch im Parlamente das wohlverdiente Strafgericht über ihn und seine Sippe bereits hereingebrochen, so wird es hoffentlich auch außerhalb desselben nicht mehr lange auf sich warten, lassen, und sie werden die Verachtung ernten, die ihr Treiben verdient hat. Welche Gefühle mochten da dieses Herz voll Hochmuth und wilder Machtgier bestürmt haben! An demselben Orte, wo er sich vor wenigen Jahren seine Popularität erstritten oder vielmehr erschrieen und erschimpft hatte, wo einst Minister und Abgeordnete ängstlich seinen Worten gelauscht hatten, an dem Orte seiner größten demagogischen Triumphe vermochte er sich jetzt nicht einmal Gehör zu verschaffen, jeder Satz, den er sprach, erweckte als einziges Echo wilde Schlußrufe. Schließlich entzog ihm der Präsident einfach das Wort. Daß der sonst nicht eben muthige Vetter von der Lilie dies wagte, daraus vor Allem mochte der hoffärthige „Führer des christlichen Volkes" erkennen, wie tief er gesunken ist. Nicht der unbekannteste Neuling wird im Parlamente behandelt, wie ihm geschah. Wir constatiren nur die Erscheinungen mit frohen Hoffnungen. Wir wissen wohl, daß ein Gesundnugsproceß in einem Körper, dem so lange Zeit hindurch Gift eingeflößt wurde, nur langsam vor sich gehen kann, und daß das Gift erst vorsichtig hinansgetrieben werden muß, ehe der Körper wieder für kräftige Kost einpfänglich gemacht werden kann; wir sehen auch noch nicht die umeu Männer, welche die Plätze eiunehmen sollen, die durch die christlich-sociale Sippe verunziert worden sind — aber das Eine steht außer Zweifel fest, daß Dr. Lueger's und seiner Hintermänner Macht gebrochen ist. Für den Anfang ist das genug. A. Wiener. Vom Jahrmarkt des Lebens. Die antisemitische Hetze gegen die Wiener Lehrerschaft. Wien, im April 1901. Die Affaire S e i tz beschäftigt schon geraume Zeit die Oeffentlichkeit im hohen Maße und mit Recht, denn es handelt sich in diesem Falle um einen der bestbekannten Lehrer Wiens, der wegen seiner fachmännischen Begabung von seinen College» in den Bezirksschulrath der Stadt Wien entsendet und mit der Wahrung der Interessen derselben betraut worden ist. Die Affaire Seitz, die soviel Aufsehen macht, hat aber eine Vorgeschichte, ohne welche sie überhaupt unmöglich gewesen wäre. Es muß immer wieder in Erinnerung gebracht werden, die schmachvolle und unwürdige Behandlung, die sich die jüdischen Lehrer seit Beginn der antisemitischen Aera gefallen lassen niüssen. Das Dictum Lueger's, er stelle Alldeutsche und Socialdemokraten nicht an, hat seinen Hintergrund. Alldeutschen und Socialdemokraten erweist er zumindest die Ehre, sie als ebenbürtige Gegner anzuerkennen, die jüdischen Lehrer dagegen sind für ihn Luft, sie rxistiren einfach für ihn nicht. Seit der Herrschaft Lueger's wird kein Jude als Lehrer in communalen Diensten ausgenommen und die von früher angestellten jüdischen Lehrer werden systematisch präterirt und hintangesetzt. Heber diese Beeinträchtigung der wohlerworbenen Rechte der jüdischen Lehrer hat es aber Niemand der Mübe werth gefunden, auch nur ein Wort zu verlieren, weder von Seite der freisinnigen Lehrerschaft, noch von Seite derjenigen Organe und Functionäre, die in dieser Richtung berufen sind, ihr C6teram censeo ertönen zu lassen. Und hierin liegt der Kern der Sache, der springende Punkt. Mit der Präterirung der jüdischen Lehrer ist ein Präcedenz und Präjudiz geschaffen worden, llockie midi, «ras tibi. Hat man ruhig und ohne Widerspruch hingenommen, wie die jüdischen Lehrer in ihren Interessen verkürzt worden sind, so muß man es sich gefallen lassen, am eigenen Leibe mit der Zuchtruthe behandelt zu werden. Wir wollen der freiheitlich gesinnten christlichen Lehrerschaft, die heute ebenfalls sich in trauriger Lage befindet, mit dem Vorwurfe nicht kommen, daß gerade sie es am meisten waren, welche Dr. Lueger in den Sattel gesetzt und zum Siege geführt haben. Noch weniger liegt es in unserer Absicht, sie zu beschuldigen, daß sie an der Spitze derjenigen gestanden sind, die den Abfall von der liberalen Richtung propagirten. Hoffentlich werden sie aus der Situation, die zu schaffen sie mitgeholfen haben, die einfach richtige Moral ziehen. Eduard Beer. Dr. Grabmayr gegen die Christlich-Socialen. In der Rede, welche der Abgeordnete Dr. Grabmayr im Abgeordnetenhause hielt, um die gegen den Abgeordneten Lehrer Seitz angewendete Disciplinarmaßregel zu brandmarken, befindet sich folgende Stelle: Die große Majorität wird mit mir wohl überemstimmen, wenn ich auf das Lebhafteste den schroff n und leidenschaftlichen Ton bedauere, der leider in die Verhandlungen dieses Hauses eingerissen ist. (Zustimmung.) Da können wir aber nichi umhin, es etwas merkwürdig zu finden, daß sich in. jüngster Zeit gerade jene Fraction über diese Umwandlung des Tones bitterbeschwerthat, diediesen Ton zuerst in diesem Hause ein geführt hat. (Lebhafte Zustimmung.) Wenn wir je zu einer Reform der inneren Verhältnisse des Hauses gelangen sollten, muß sich diese Reform in der Richtung bewegen, daß sie der Privaten Ehre, den Ständen und auch den Confessio nen Schutz gewährt. (Lebhafter Beifall.) Meinem Gefühle und Empfindungen widerstrebt es ganz gleich, wenn man die katholische, die jüdische oder eine andere C o n f e s s i o n angreift. Und gerade jene Fraction, die sich gegen gewisse, von mir nicht gebilligte Angriffe in letzter Zeit so außerordentlich nervös gezeigt hat, war seinerzeit ganz ruhig, wie in einer-ähnlichen, ebenfalls ganz unzulässigen Weise gegen die jüdische Confessio n hier losgegangen wurde. (LebhafteZustimmung.) Ich schäme mich nicht einer gesunden Reaction gegen Rohbeit und Zügellosigkeit. Die Volksvertretung soll' nicht nur nach Oben, sie soll auch nach Unten nockensteif sein. Es gibt nicht nur einen Servilismus nach Oben, sondern auch einen S e r v i l i s m u s nach Unten, der eines wahren Volksv e r t r e t e r s n i ch t w ü r d i g i st. Die ganze Stelle trifft mit Keulenschlägen die chrisilich.- sociale Partei, insbesondere die Wiener Couleur derselben! Bon unwiderstehlicher Komik ist es aber, wenn wir heute im „Deutschen Bolksblatt" lesen, daß „das Parlament am-Ende nicht dazu da sei, daß einige Leute unter dem Schutze der Immunität sich den Ruf schneidiger Politiker erwerben." Wir möchten wohl wissen, wer die Immunität schamloser und gewissenloser mißbraucht hat, wer in der Beschimpfung Abwesender Unerhörteres geleistet, wer sich als größerer Meister in der Denunciation, Verleumdung und Verdächtigung erwiesen, als die sogenannte christlich-sociale Partei? Wenn wir die eblen Namen der römischen Bolkstribunen nicht durch diesen Vergleich herabzuw '-rdigeu fürchteten, wir möchten ausrufen: „Seht die Graccheu, welche sich über Aufruhr beklagen!" Ucber die Poesie des Baumes in den althebräischen heiligen Schriften. In der P h i l o m a t h i e zu Gleiwitz hielt Herr Rabbiner Dr. Wilhelm Münz einen interessanten Vortrag. In den einleitenden Worten führte der Redner aus, daß der Baum als der hochragende Vertreter der Pflanzenwelt von jeher die Aufmerksamkeit der Menschen auf sich gezogen. Sein aufstrebender Stamm, seine rauschende Blätterkrone, der süße Dust seiner Blüthen, fei i köstlichen Früchte, die Kühlung und Erquickung, die der Müd: nach des Tages Last und Hitze in seinem Schatten findet, haben den Baum zu einem Gegenstände der Bewunderung und des Entzückens im Volksliede und in der Kunstpoesie gemacht. So liegt es denn nahe, daß auch in der heiligen Schrift, die von dem göttlichen Hauche reiner, unverfälschter Poesie durchzogen ist, der Baun, in seiner vom poetischen Lichtschimmer verklärten Gestalt auftritt und in Bild, Metapher und Gleichniß zur Jllustra-