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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-03-29 · 13 (29.3.1901) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
13 (29.3.1901)
Date
1901-03-29
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 280 Dr. Blvch's Wt-chenschrifi- «r. 13 Blättert man diese letzten Seiten nochmals durch, so amüsirt man sich wieder über das merkwürdige Erlebniß Josef Hamelns in Lissa. Josef war, wie bereits erwähnt, lernbegierig und fleißig, und Frau Glücke! bemühte sich natürlich, ihrem Sohne eine möglichst umfaffende, jüdische Bildung zu ermöglichen. Da erscheint eines Tages ein jüdischer Melammed aus Posen und fordert Frau Glücke! auf. ihm das Kind anzuvertrauen; in zwei Jahren will er einen tüchtigen Gelehrten aus ihm machen. Glücke! geht darauf ein und Josef zieht mit seinem Lehrer nach Lissa, aber nach einiger Zeit, als Frau Glücke! schon dem weisen Melammed einmal Geld gesendet, trifft ein seltsamer Brief des jungen Weisheitsbeflissenen ein. In rührenden Worten bittet er seine Mutter, ihm eine größere Summe unverzüglich zu senden, da die Gemeinde Lissa, von einer fürchterlichen Schuldenlast bedrängt, den Plan gefaßt habe, die deutschen Schüler den christlichen Gläubigern zu verpfänden. Sein braver Lehrer aber wolle ihn retten, die Mutter möge nur das nöthige Geld dazu hergeben. Der Brief kommt Freitag Abend an; nach Ausgang des Sabbaths macht sich der älteste Sohn der Glücke! auf den Weg nach Lissa, um seinem gefährdeten Bruder beizustehen, doch trifft er Josef bereits auf der Hälfte des Weges und erfährt, daß jener von dem Schreiben gar nichts wisse, und nur weil er von seinem Melammed bestohlen worden, aus Lissa geflohen sei. Interessant ist auch die Erzählung, wie ein christliches Ehepaar und seine Magd, die einen Hamburger Juden ermordet haben, durch eine tapfere kluge Frau entdeckt und überführt werden. Dieses Ereigniß, das die ganze Gemeinde in begreifliche Spannung und Aufregung versetzte und eine Gefahr für alle Juden bedeutete, fand im Jahre 1687 statt und in einem Anhänge wird noch eine zweite Aufzeichnung darüber, die des Samuel b. Meir Hekscher, mitgetheilt. Glücke! selbst erzählt alle diese und ähnliche Geschichten nur nebenher, die Hauptsache bildet für sie ihr Heim und ihre Kinder, für die sic mit innigster Liebe und Treue sorgt. Aus diesem Grunde mag gerade in diesem Abschnitt ihres Lebens und ihrer Schriften manchem Leser sie und ihre Arbeit etwas prosaisch erscheinen; es fehlen hier sowohl das falsche Pathos des ersten Buches wie die zuweilen so reizenden und entzückenden Schilderungen ihrer Jugend- und Ehejahre, aber bei näherem Zusehen entdeckt man doch, wie rührend und wie bewundernswerth ihr Aufgehen in ihre mannigfachen Pflichten ist und wie groß ihre künstlerische Veranlagung gewesen sein muß, wenn sie trotz aller Mühe, trotz aller Arbeit ihre Aufzeichnungen fortsetzte und so ein beachtenswerthes Werk schuf, zu dem jeder anderen, nur geschäftlich tüchtigen Frau sowohl die Lust als auch die Ausdauer gefehlt hätte. Eine seltsame Geschichte erzählt die Glücke! gegen Ende des fünften Buches und sie sagt ausdrücklich, daß sie sich jedes Urtheils über diese wunderbare Begebenheit enthalte und die Thatsacheu nur so mittheilt, wie sie sich zugetragen haben. Bella Cohen, die Gattin eines angesehenen und gelehrten Mannes, Berend Cohen, war schwer krank und lag im Sterben. Sie ließ zwei-Männer. Anschel Hamburg und Samuel Orgels, zu sich kommen und vor ihnen mußte ihr ihr Mann versprechen, falls sie sterbe, die Waise Glücke! zu heiraten, die eine Nichte und Pflegetochter des Ehepaares war. Berend Cohen sagte Alles zu, die beiden Zeugen entfernten sich und nach einiger Zeit starb Bella Cohen. Der Witwer zögerte nun sein Versprechen zu erfüllen und die Waise Glücke! zu heiraten, trotzdem ihn die beiden Zeugen und die Verwandten seiner verstorbenen Gattin mahnten und drängten. Endlich, nach vielen Ausreden erklärte Berend Cohen, er könne die Glücke! nicht zur Frau nehmen, er wolle ihr aber eine reichliche Mitgift geben und sich bemühen, sie zu versorgen, wenn sie ihm sein Wort Zurückgaben wolle. Seine Vorstellungen und Bitten waren vergeblich, die Waise pochte auf ihr Recht, die Verwandten zürnten ihm, und er konnte sich zu dieser Heirat dennoch nicht entschließen. Als man in Hamburg erfuhr, Berend Cohen wolle die Glücke! nicht heiraten, wurden dem Witwer viele Mädchen angetragen, unter ihnen auch Freudchen, die Tochter der Glücket von Hameln. Allein Berend Cohen hatte schon längst gewählt, sein Herz gehörte Tewele Schiff's Tochter, und nachdem er noch oft vergeblich versucht hatte, sich mit der Waise Glücke! zu verständigen, und das erzwungene, übereilte Verlöbniß rückgängig zu machen, vermählle er sich mit dem geliebten Mädchen und nach einem Jahre wurde ihm ein Söhnchen geboren. So schien Alles gut und erfteulich, da starb einer der Zeugen eines plötzlichen, jähen Todes, bald darauf auch die junge Frau Berend Cohens und der zweite Zeuge. Alle Leute waren entsetzt und unheimliche Gerüchte flüsterte man sich zu. Glücke! fällt, wie erwähnt, kein Urtheil, sie theilt blos die Thatsachen mit, die auch sie erstaunlich und seltsam findet. Glückels Tochter, Aeudchen, die beinahe die Gattin Berend Cohens gewordemivar, vermählte sich später mit Mardochai, dem Sohne Mose b. Löb in Altona und zog mit ihrem Gatten nach London. . . ' Mose, der letzte Unversorgte Sohn Glückels, heiratete die Tochter des bekannten Samson, aus Baiersdorf und wirkte später in dieser Gemeinde als Rabbiner. So wird es stiller in Glückel's Heim; nur noch eine Tochter, Mirjam, ist im Hause bei der allmählich müder werdenden Mutter und mit dem fünften Buche schließt die Geschichte der jungen Glücke!, der Glücke!,^ die uns lieb geworden ist, trotz aller ihrer kleinen'Schwächen, die uns selbst in den ödesten Stellen ihres Berichtes, durch ein. , gutes, kindliches Wort, durch eine köstliche humorvolle Darstellung, durch ein scheues Forschen nach den unbekannten Gesetzen der Ewigkeit, gefangen nimmt. Was nun folgt, ist die traurige und enttäuschende Erzählung, wie sich die alternde Frau noch einmal auf den Weg macht, um ein neues Glück zu finden und auf diesem vergeblichen Pilgerzuge nicht nur das Ziel nicht erreicht, sondern auch, ohne es zu bemerken, die besten Schätze ihrer Seele verliert und bettelarm zurückbleibt in der fremd und kalt gewordenen Welt. Die Glücke! wurde alt: Die freudige Tapferkeit, mit der sie trotz ihres Leides dem Schicksal entgegentrat und den oft so ermüdenden Kampf mit dem Leben aufnahm, schwindet langsam, sie sehnt sich nach einem ruhigen Geschick, ihre Heiterkeit verliert sich, die Erinnerungen verblassen, sie fühlt ihre Kraft erlahmen und sucht nach einem Stabe, aber der zerbricht zwischen den zitternden Händen. Das sechste und siebente Buch erzählt die Geschichte ihrer zweiten Ehe, der Ehe mit Hirz Levy in Metz. Das seltsame Gemisch von Anklagen und Borwürfen, von Beschuldigungen und Selbstvertheidigungen, das das Buch einleitet, ist so peinlich und verstimmend wie nichts anderes in den ganzen Memoiren. Glücke! bereut und bejammert diese unglückliche zweite Verbindung mit dem dumpfen Groll des Ohnmächtigen, sie fühlt sich geschädigt und betrogen und verliM in diesem Gefühle jede Haltung Es ist nicht so betrübend, daß die Glücke! ihr Geld verlor, aber daß sie dadurch arm wurde, das ist traurig. Ihre Geschäfte und ihr Geschäft in Hamburg gingen also schlechter, sie fühlte, daß sie nicht mehr lange im Stande sein werde, allen Anforderungen gerecht zu werden, und wollte doch nicht gern ihren Kindern zur Last fallen. Da wurde ihr der Antrag gestellt, den Witwer Hir^Levy, einem berühmt reichen Banquier in Metz, die zweite Gattin zu werden und nach einigem Ueberlegen „resolvirt sie sich zu der Partie". Als sie nach Metz kommt, wird sie glänzend empfangen, der künftige Gatte sendet ihr einen Reiter entgegen, in einer Kutsche empfangen sie drei vornehme Frauen — unter ihnen die Rabbinerin und die reiche Verwandte Jachet Krumbach-Schwab — vor den Thoren und sie findet im Hause ihrer Tochter bis zur Hochzeit eine liebevolle Aufnahme. Trotz alledem ist Glücke! traurig, bedrückt, sie fühlt sich fremd und haltlos in der neuen Umgebung, und wenn sie das auch nicht direct ausspricht,, so zeigen doch einige ihrer Berichte die innere Verlassenheit, in der sie in diesen Tagen dahinlebte. So sitzt sie am Sonnabend Vormittag, als alle anderen im Gottehaus sind, allein zu Hause, als ein paar artige Kinder kommen, die sie höflich willkommen heißen. Sie kennt ihre. Besucher nicht und es ist Niemand da, ihr die Namen zu nennen. Endlich fragt sie die Kinder selbst, von wem sie denn gesandt seien und diese rufen voller Erstaunen: Wie, Ihr kennt uns nicht, Ihr sollt doch unsere Mutter werden! Und ein andermal berichtet sie, daß die vornehmsten Leute sie begrüßen kamen und sie nur traurig war, nicht französisch zu können, um Rede und Antwort zu stehen,, aber ihr Gatte habe für sie gesprochen. - Im Hause des Hirz Levi ist Alles aufs Glänzendste eingerichtet. Für Glückels sparsamen Sinn wird da direct Verschwendnng getrieben, aber wenn sie das äußert, so lächelt man über sie und sa t, ihr Blümchen (die erste Gattin Hirz Levi's) habe das so gewollt und eingerichtet und Glücke! muß sich bescheiden und schweigen. Auch in ihrer Ehe ist sie nicht sehr glücklich, sie, die gewöhnt war, ihrem Chajjim Beratherin und Gefährtin zu sein,

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