Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 13 (29.3.1901)
- Date
- 1901-03-29
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 13 Seite 229 Br. DLoch's Wochenschrift. sigen jüdischen Gemeindebeamten Herrn Lazar Mandl. Obwohl die Verblichene selbst stets in bescheidenen Verhältnissen lebte, kannte ihre Mildthätigkeit dennoch keine Grenzen, und kein Armer sprach bei ihr vergeblich vor. Jedem, ohne Glaubensunterschied. gab sie in echt jüdischer Weise mit freundlicher Miene und vollen Händen. Mit besonderer innerer Befriedigung und oft mit Selbstvergessenheit unterstützte sie jene Bedürftigen, die sich mit Thorastudium befassen: Ihre Söhne — sie erzog 10 Kinder zu gottesfürchtigen geachteten Leuten — führte sie alle, ehe sie sich ihren verschiedenen Berufen zuwendeten, zuerst in das theologische Studium ein. Zu ihrem Leichenbegängnisse erschienen corporativ der Gemeindevorstand, der Frauenverein und viele Hunderte von Theilnehmern. An ihrer Bahre hielten ihr ehrenvolle und ergreifende Nachrufe Bezirksrabbiner L. M a r m o r st e i n. Rabbinatsassessor Feuer und der Sohn der Verblichenen Rabbiner Dr. Simon Mandl (Neutitschein). Ihr ältester Sohn, Bürgerschullehrer und Religionsprofessor Bernhard Mandl (Budapest), der mit seinen Brüdern Heinrich Mandl Arzt, in Verbü, Josef und David Mandl Kaufleute (Wien) ebenfalls herbeigeeilt war. der unvergleichlichen Mutter die letzte Ehre zu erweisen, war durch eine heftige Jufluenza verhindert, ihr Abschiedsworte kindlicher Pietät nachzurufen. Ehre dem Andenken dieser wackeren Frau. Malniö. Am Erew Rösch Chodesch Nissan fand in der hiesigen Synagoge ein feierlicher Trauergottesdienst zu Ehren zweier Männer statt, die im Laufe dieses Jahres ihr thatenreiches, den höchsten Idealen geweihtes Leben abgeschlossen und eine Zierde des Judenthumes gebildet haben. In erster Reihe galt die Trauerfeier dem verewigten Rabbinats-Assessor der Wiener Hultusgemeinde. dem Rabbiner Jakob Fleißig, der auf talmudischem Gebiete als einer der bedeutendsten und hervorragendsten Gelehrten anerkannt und gefeiert wurde In wahrhaft schwungvoller Weise und in begeisterten Worten schilderte Herr Rabbiner Dr. Wohlstein die Geistes- und Eharaktergröße des Verewigten und zollte aus Herzenstiefe seinem Heimgegangenen Lehrer und Meister den Tribut inniger unauslöschlicher Dankbarkeit für die Kenntnisse und herrlichen Geistesgenüsse, die er ihm in reichem Maße verdankte. Wenn dieser hervorragende Gelehrte durch Forschen und Lehren um die altjüdische Wissenschaft sich verdient gemacht, so hat der zweite, bedeutende Mann, dem die Trauerfeier galt, Baron Wilhelm v. Rothschild, als Mäcen derselben sich große unvergängliche Verdienste erworben, der jüdische Lehranstalt« in allen Ländern reichlich unterstützte und förderte. Er war ein Menschenfreund in des Wortes schönster Bedeutung, wie er auch durch seine strenge, peinliche Gesetzcstreue. die sich trotz aller Versuchungen des Reichthumes glänzend bewährte, die Verehrung und Bewunderung aller seiner Glaubensgenossen sich errungen. Mit einem El mole rachomim, den der hiesige Cantor Horovitz mit seiner herrlichen Stimme mächtig ergreifend recitirte, schloß die erhebende Trauerfeier. Feuilleton. Einiges ans den Memoiren der Glücket von Hameln. Von L« Asaye. (Schluß.) Nach einer beschwerlichen und kostspieligen Rückreise beginnt in Hamburg wieder das gewohnte Leben, zuweilen find es unangenehme Geschehnisse, ungünstige geschäftliche Verbindungen, wie mit Moses Helmstädt, die die häusliche Ruhe ein wenig beeinträchtigen, dann bringt wieder eine günstige Constellation reichlicheren Gewinn. Alles in Allem wird uns ein ruhiges, behagliches, arbeitsreiches Leben gezeichnet und die Zeit vergeht für Glücke! und ihre Familie still, geräuschlos und fast unmerklich. Selbst die wenigen, wirklich traurigen Ereignisse, von denen in diesem Buche berichtet wird, der Tod von Glückel's Vater und Schwiegervater, werfen keine ernsteren Schatten auf das Leben unserer Erzählerin. Bald wird aus der Trauer eine stille Wehmuth und auch die wird verscheucht durch das Lärmen und Lachen der wachsenden Kinderschaar. Noch drei ihrer Kinder verheiraten sich, die Tochter Channa mit ihrem Vetter Samuel, der Sohn Nathan mit Mirjam, der Waise Elia Ballins, eines reichen und angesehenen Mannes, und Mardochai mit der Tochter Mose b. Nathans. Eine andere ihrer Töchter, Esther, wird mit Moses Kcumbach-Schwab verlobt. Aber in Glückel's Hause wird es deswegen nicht stiller. Immer neue kleine Ankömmlinge (Josef, Hendelchen, Samuel, Moses, Freudchen, Miriam) stellen immer neue Anforderungen an ihre mütterliche Sorgfalt und Liebe, mancherlei Mühe, aber auch viele Freude wird ihr zutheil und in ruhiger, vertrauensvoller Zufriedenheit lebr fie den Tag und hofft auf den kommenden. Und dieses friedliche Heim, diese glückliche Familie wird auf einmal von einem wirklichen, schweren, unüberwindlichen Leide betroffen. Wie weiße Baumblüthen beim Gewittersturm, so flattert alles Glück und aller Frohsinn mit einemmale aus Glückel's Hause. Chajim Hameln stirbt. Sie nennt das folgende fünfte Buch »das Buch der Klage", fie findet erschütternde Worte in dem Jammer um ihren verlorenen Gatten, »der Freude ihres Herzens, der Krone ihre- Haupte-". Glückel hat ihren Chajjim nach dreißigjähriger Ehe verloren, Hand in Hand gingen Beide all diese Jabre hindurch ihren Lebensweg und haben kaum jemals an das Ende, an die Tren- ,m g gedacht. Und ganz plötzlich ist alles vorbei, ganz plötzlich st ht sie an einem offenen Grab und hat kaum Zeit, sich ihrem Schmerz hinzugeben, so viel ernste Arbeit, soviel neue Pflichten warten ihrer. An einem eisigen Wintertage holte man Gttickel von ihrer Mutter nach Hause und als sie ihre Wohnung betrat, stand Chajjim bleich und zitternd am Ofen, unfähig, sich allein zu bewegen und zu entkleiden. Ec war über einen spitzen Stein gefallen und hatte sich eine schwere Verletzung zuqezogen, die umso gefährlicher war, da er keinen Arzt kommen lassen wollte und kaum zu bewegen war, sich in einem warmen Zimmer niederzulegen. Als aber das Leiden immer schlimmer wurde und Glückel mit Bitten nnd Thränen nicht nachließ, wurden doch Aerzte und Barbiere herbeigeholt, unter ihnen der portugiesische Chirurg Lopez und der berühmte Abraham de Fonseca, aber alle Hilfe war vergeblich, nach jammervollem Leiden starb Chajjim Hameln uub der letzte Wunsch, den er ausspcach, war: „Tröstet mein Glückelchen!" Und nun erzählt Glückel, wie unendlich einsam sie zurückbleibt in dem verwaisten Hause, wie ihr Schmerz immer größer und größer wird und über ihr zusammenschlägt, wie die finsteren Wellen über ein verlorenes Schiff. Alle Trostes Worte laffen sie ihr Leid nur immer peinigender und herber empfinden, und rührend klagt sie, daß nach allen schönen Reden die Tröster in ihr glückliches Heini zurückkehrten und fie allein ließen mit ihrem grenzenlosen Jammer. Und nach einiger Zeit hört auch diese Theilnahme auf, das Leben geht weiter, als wäre nichts geschehen, nur Glückel vermag nicht zu begreifen, wie es denn möglich ist, an ihr entsetzliches Leid zu vergeffen, und ist erstaunt und voll Bitterkeit, wenn sie die gleichgiltig gewordenen Worte und Mienen selbst ihrer Verwandten bedentt. Und doch war es für sie nothwendig. dem Tag und seinen Pflichten gerecht zu werden, ihr allein oblag jetzt die Sorge um das Haus und die Kinder, und mit bewundernswerthem Muthe tritt sie an diese schwere Aufgabe heran. Sie „macht die Bilanz" und sieht, daß die Schuldenlast des Geschäftes 20.000 Reichsthaler beträgt, daares Geld ist fast nicht vorhanden, das ganze Vermögen rst in Maaren angelegt. Glückel veranstaltet nun einen Ausverkauf und nach einem Jahr ist es ihr gelungen, die Schulden abzuzahlen. Sie verheiratet und versorgt ihre Kinder, den Sohn Löb mit der Tochter des Hirsche! Ries in Berlin, eine Verbindung, die ihr später noch viel Kummer und Kränkung ge rächt hat die Tochter Esther mit Moses Krumbach-Schwab. Ihr Lieblingskind Hendelche verheiratete sich wie Löb ebenfalls nach Berlin, stirbt aber schon 18 Wochen nach ihrer Hochzeit. So wechseln in Glückel's Leben traurige und freudige Ereignisse, immer aber fühlt und empfindet sie den entsetzlichen Verlust, den sie erlitten, und beklagt den geliebten Gatten, den sie verloren. Mit staunenswerther Energie widmet sich Glückel dem Geschäfte, fie handelt mit Juwelen, mit Maaren, hat sogar ein offenes Geschäft und einandermal spricht sie von einer Strumpffabrik. Auch ihren Kindern geht es gut, sie sind tüchtige Geschäftsleute geworden, bis auf Löb. der ihr manche trübe Stunde bereitet. Ihr Sohn Josef, ein begabtes, lerneifriges Kind, vermählte sich mit der Tochter Meir Stadthagens und ließ sich in Kopenhagen nieder. Bon entscheidendem Einfluß auf Glückels Leben wäre beinahe die Verbindung geworden, die ihr Sohn Samuel mit der Tochter Mose Wertheimers aus Bamberg einging. Glückel sollte nämlich damals nach Wien zu dem Onkel der Braut ziehen, dem berühmten Samson Wertheimer, der ihr bereits einen Pr.ß versorgt und zwei Zimmer seiner großen Wohnung eingeräumt hatte. Glückel war auch bereit, des großen „Rischus" wegen, das in Hamburg herrstite, diese Uebrrsied nng vorzunehmen und versorgte sich mit reichlichen Mitteln, ihrem Sohne zuliebe aber gab sie den Plan auf.