Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 13 (29.3.1901)
- Date
- 1901-03-29
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Sir. 13 Seite 227 Br. Blocht WochenschrM» ciation gründet in allen Ländern Colonien, und sollte dereinst das Ideal eines Judenstaates verwirklicht werden, so wird auch sie das zu dessen Verwirklichung Erforderliche thun. Die Jewish Colonisation Association ist keine Wohlthätigkeits-Gesellschaft, sie gewährt nur Credit, aber keine Wohlthaten. Einige Colonisten in Argentinien beginnen bereits ihre Schulden abzulragen. In Betreff der Colonisation Palästinas warten Sie es nur ruhig ab. Die Jewish Colonisation Association wird Sie schon dem gewünschten Ziele entgegenführen. Um die Taglöhner muß sich aber das Judenthum schon ganz allein kümmern. Die Zionisten können da eine Probe ihrer Leistungsfähigkeit ablegen und dadurch auf die Jewish Colonisation Association einen großen Einfluß ausüben. Mag doch der Zionismus beweisen, daß seine Kraft nicht allein in großen Worten und im Kritisiren Anderer besteht. Die Kritik allein genügt nicht. Möge er doch auch handeln und dadurch beweisen, daß er schöpferisch thätig zu sein vermag!" (Nach dem „Woschod" und „Hameliz".) a. Petersburg. (Vorlesungen über den Ta lm u d.) Am 18. März begann I. G. T r o i tz k i, Professor der Theologie an der Petersburger geistlichen Akademie, eine Serie von öffentlichen Vorlesungen über den Talmud, welche von einem distinguirten Publicum überaus zahlreich besucht wurde. In der Einleitung sprach der berühmte Gelehrte jedem Christen, der nicht die jüdische Geschichte und Literatur eingehend studirt hat, das Recht ab, sich über die Juden und die Judenfrage zu äußern. Nach dieser für alle Antisemiten, welche bekanntlich vom Judenthum wie der Blinde von den Farben sprechen, recht peinliche Einleitung verbreitete sich Redner über die Geschichte des Talmuds und seiner Entstehung und kam schließlich auf die Karaiten zu sprechen. Bei dieser Gelegenheit erwähnte er die gewiß Vielen unbekannte Thatsache, daß General Fürst Bagration, der 1812 an Stelle des Feldmarschalls Kutusow die russischen Truppen gegen Napoleon I. commandirt hat, ein Karaite war. Seine Glaubensgenossen behaupten von ihm sogar, daß er in dirrcter Linie von Anan Ben David, dem Stifter der karaitischen Secte, abstammt. Am 1. April wird Professor Troitzki eine zweite Vorlesung über denselben Gegenstand halten. Der Hunger in Südrußland weist unter der dortigen jüdischen Bevölkerung immer traurigere Erscheinungen auf, je länger die Zeit der Noth die Kräfte der Schwergeprüften, als auch die Leistungsfähigkeit der Helfenden erschöpft. Das Verproviantirungs-System der russischen Regierung ist bekanntlich so formulirt, daß der Nutzen der Getreidevertheilung nur der ländlichen, resp. der bäuerlichen Bevölkerung zugute kommen soll. Da die selbst in den Dörfern angesiedelten jüdischen Familien jedoch ursprünglich als Stadtbürger registrirt und die meisten gerade jetzt so hart vom Hunger bedrängten Juden überhaupt in kleineren Städten wohnhaft sind, ständen sie wehrlos dem Verderben entgegen, wenn nicht die jüdischen Gemeinden im Osten und Westen des Landes — durch Wohlthätigkeit ihre entsetzliche Lage zu mildern bemüht wären. Laut authentischen Mittheilungen aus Kischinjew beträgt die Zahl jüdischer Hungerleidender in den Kirchdörfern des Bezirkes Soroksk 1400 Familien oder 1774 Seelen, für deren Unterhaltung bei 1 Pfund Mehl pro Person täglich 220 Rubel die Woche für alle erfordert. Außerdem muß jede Familie mindestens 1 Pud Holz bekommen, um Brot backen zu können. Im Ganzen bietet der Bezirk von Soroksk noch mit das freundlichste Bild vom jüdischen Leben in Beßarabien. Hier begegnen wir vielen jüdischen Ackerbauern, die sich sowohl mit dem Getreideals auch mit den Tabaksbau beschäftigen. Mit Stolz dürfen wir auf diese Colonien als auf kulturhistorische Siege blicken und der „Verein zur Förderung der Bodencultur unter den Juden Deutschlands" weist mit vollem Recht auf die landwirthschaftlichen Erfolge der südrussischen Juden hin, die zur Evidenz darlegen, wie sehr die Juden zur Agricultur befähigt sind. — Wenn es auch nicht ganz in den Rahmen dieser Ausführung zu gehören scheint, so möge doch das Urtheil einer in den Colonisativnsfragen maßgebenden Persönlichkeit hier einen Platz finden. „In sämmtlichen südrussisch-jüdischen Colonien, heißt es bei Julius Elk,*) werden die Accker und Felder sorgfältigbestellt und reichliche Ernten erzielt; die Viehzucht wird mit vielem Nutzen betrieben, alle landwirthschaftlichen Besitzungen befinden sich in durchaus befriedigendem Zustande, das moralische Leben der jüdischen Colonisten wurde vom kaiserlichen Colonialbeamten *) „Die jüdischen Colonien in Südrußland". selbst als ein vorzügliches gerühmt; der physische Zustand der Colonisten läßt keinen Zweifel aufkommen, daß die früher verschiedentlich von hohen Beamten verfochtene Ansicht, der russische Jude sei wegen seiner physischen Schwäche zum Beruf des Ackerbaues ganz ungeeignet, eine durchaus irrige gewesen ist!" Kehren wir nach dieser kleinen Abschweifung zu den Colonisten Beßarabiens zurück, so finden wir, daß auch sie natürlich ein Opfer der vorjährigen Mißernte waren. Fehlt es ihnen auch nicht an Brot, so fehlte es Bielen doch an der nöthigen Aussaat für die eigene Scholle und auf arrendirtem Boden macht sich der Mangel an Mitteln für die Aussaat sowohl, als für die Pacht geltend. Von der Nothlage gedrängt, haben im vorigen Herbste viele kleine Grundbesitzer ihre Aecker bei der Bank verpfändet, um die ärgste wirthschaftliche Krisis abwenden zu können. Jetzt tritt nun gerade der Zahlungstermin für die Zinsen von 25 Rubel eii', die im Frühling und im Herbst zu begleichen sind. An das Hilfscomite in Kischinjew treten allerdings die mannigfaltigsten Pflichten heran, die seine Kräfte fast über die Grenzen der Möglichkeit hinaus in Anspruch zu nehmen scheinen. Doch in richtiger Erkenntniß der zwingendsten Forderungen hat das Comite eine Enquete unter den jüdischen Landwirthen eingeleitet, um die Zahl der Unterstützungsbedürftigen festzustellen und um jedenfalls zu verhüten, daß die Leiden dieser Mißernte nicht durch die Schrecken einer nächstfolgenden noch übertroffen werden. Bon 2800 ländlichen Familien sind 530 als durchaus hilfsbedürftig verzeichnet worden, die in den Dörfern rund um die Stadt Orgejew angesiedelt sind. Mit immer steigender Intensität verfolgt aber der Hunger seine Opfer in dem Podolsky'schen Gouvernement. Zum vierzigjährigen Jubiläum von Abraham Jakowtewitsch Harkavy. Am 4. März feierte der Forscher und Gelehrte A. I. Harkavy zu St. Petersburg sein 40jähriges literarisches Jubiläum. An diesem selben Tage erschien im Jahre 1861 im „Roßwet", dem ersten jüdisch-russischen Organ, seine erste Abhandlung. Seitdem hat Harkavy unverdrossen auf dem Gebiete der jüdischen Geschichte und Literatur gearbeitet, und sich nicht nur in Rußland, sondern weit über die Grenzen seines Vaterlandes hinaus einen Namen erworben. Er war auf seinem Arbeitsfeld der erste Pionnier und durch seine Forschungen in der arabischen und altrussischen Literatur hat er viele handschriftliche jüdische Gefchichtsdocumente aus dem Kaukasus, der Krim, Chasarien und Krem zu Tage gefördert und sie mit wichtigen Commentarien versehen, die an sich schon eine bedeutende Arbeitssumme darstellen. Auch der Geschichte der polnischlithauischen Juden widmete er eingehende Studien. Dank seiner unermüdlichen Vertiefung hat sich auch das Schicksal der Karaimen geklärt, deren Vergangenheit durch die falsche Beleuchtung von Firkowitsch völlig verworren und entstellt war. Von unschätzbarem Werth für das Judenthum ist, die vom Jubilar herausgegebene und erläuterte Sammlung jüdischer Literaturwerke, die sich in der kaiserlichen öffentlichen Bibliothek zu St. Petersburg befanden. Auch gegenwärtig noch ist Harkavy mit dem Studium wichtiger Handschriften beschäftigt. Als eine seiner hervorragendsten Werke ist die Ergänzung der Grötz'schen Geschichte zu kennzeichnen, die Schaphar ins Althebräische übersetzt hat. Biel Dank und Anerkennung ist die jüdische Gesellschaft dem Gelehrten Harkavy schuldig, der sein Leben und seine Thatkraft in den Dienst der jüdischen Geschichtsforschung gestellt und die Zahl der jüdisch historisch-literarischen Denkmäler wesentlich vermehrt hat. Es bleibt nur zu wünschen, daß die frische Kraft und Energie, deren er sich erfreut, ihm noch lange erhalten bleibe. M. B. Vermischtes. Wien. (Verlobung.) Sonntag am 17. d. M. fand die Verlobung des Fräuleins Hermine Königsberger. Tochter des Bethaussecretärs Herrn N. Königsberger, Armenrath des!I. Wiener Bezirkes, mit Herrn Ludwig Rothmüller aus Budapest statt. Bei der Verlobung waren anwesend: Der I. Secretär der israel. Cultusgemeinde, kaiserl. Rath Dr. Lieben sammt Gemahlin, Amtsvorstand Gustav Wiener sammt Gemahlin, Secretärstellvertreter Dr. Adler, Fciedhofamtsleiter Bäcker. Obercantor Guttman«, Dr. H e r z f e l v sammt Gemahlin und viele Verwandte und Freunde der Familie.