Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 13 (29.3.1901)
- Date
- 1901-03-29
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 18 »x* Moch's Wochenschrift. «jette £25 von ihnen aufgeputzte Geschichte ist thatsächlich folgende: Die hiesige Kaufmannsgattin Frau David hatte vor ungefähr drei Wochen ein Dienstmädchen Namens Anna K l a s ch e k ausgenommen, welches ani verflossenen Dienstag wieder austreten sollte. Am Sonntag Abends waren ihre Neffen bei ihr zu Besuch und fuhren noch am selben Abend zur Assentirung nach Muglitz. Anna Klaschek erhielt von ihnen ein Trinkgeld. Im Hause war an diesem Abende kein Tropfen Wein vorhanden. Am Dienstag Morgens trat das neue Dienstmädchen ein und Anna Klaschek ging um 8 Uhr weg. Sie hatte vorher Frau David gezeigt, daß sie am Arme Verletzungen wie von einem Spennadelstiche habe, ohne daß sie angeben könnt«-, woher diese Verletzungen rührten, die Hautabschürfungen zeigten. Auf die Frage, ob Frau David ihr trotzdem ins Büchel eintragen könne, „gesund entlassen", gab sie eine zustimmende Antwort. Dem neuen Dienstmädchen sagte sie, daß sie weggehe, weil ihr die Arbeit zu viel und sie zu schwach sei. Sie spüre am Arme ei en Schmerz, wievon einem Schnitte. Als Herr David nach Hause kam und dann hörte, daß die Klaschek allerlei Gerüchte über die Art, wie ihre Verletzungen erfolgt seien, verbreite, ging er aufs hiesige Polizeiamt, um die Anzeige zu erstatten. Merkwürdig ist es nun, daß die Klaschek, die ihrer Dienstgcberin von weiteren Verletztlngen nichts mittheilte, sich von einem Zahnärzte untersuchen ließ und daß nun eine weitere Zahl von Verletzungen am Fuße und in den Weichtbeilen constatirt wurde, und daß daraus die vom „Pozor" mitgetheiltc „Sensationsaffaire" entstand. Die eingeleitete gerichtliche Untersuchung wird die Wahrheit gewiß au den Tag bringen, und cs wird sich zeigen, wie man eine „Sensation" macht. Wir erfahren weiter über die Affaire, daß die Anna Klaschek, ehe sie zum Zahnarzte ging, bei Dr. S t u ch l sich untersuchen ließ, von diesem jedoch mit dem Bemerken weggeschickt wurde, sie habe sich die Hautritzungen mit einer Nadel gewiß selbst zrigefügt. Kozläw. Der jüdische Religionsunterricht in den galizischen Mittelschulen wird derart vernachlässigt, daß der jüdische Schülerohne jegliche Kenntniß unserer Religion aufwächst, ja sogar das vom Hause mitgebrachte hebräische Lesen vergißt. Warum soll diesem Bedürfniß nicht wie in den anderen österreichischen Ländern Rechnung getragen werden? Es wurde vor etwa einigen Monaten in diesen Blättern der Vorschlag gemacht, beim Unterrichtsministerium vorstellig zu werden, um dem Nebel abzuhelfen, daß die jüdischen Schüler an Sabbath- und Festtagen schreiben müssen. Wer hat sich aber um diesen gekümmert? Hat man vielleicht gehört, daß man in dieser Angelegenheit etwas gethan hat? Mit nichteu! Wenn es sich um die Einführuug der polnischen Sprache als Amtssprache in den galizischen Cultusgemeinden handelt, so wird eine Versammlung nach Lemberg einberufen, über dieses hochwichtige Thema darf man aber nicht ein Wort verlieren! Dies ist sehr beklagenswerth! Es w ä r e d a h e r s e h r e r w ü n s ch t, wenn unsere Repräsentanten diesen Uebeln zu steuern suchen würden. Sie würden sich um die Sache des JudenthnOAsehr verdient machen. Prag. Ueber Einladung des Vereines „Aflke Jehuda“ hielt Rabbiner Dr. G r ü n einen Bortrag über das Thema „Was uns die Grabsteine auf bemalten jüdischen Friedhofe erzähle u." Der Vortragende machte die Grabsteine, die aus dem 16. Jahrhundert stammen, zum Gegenstand seiner Besprechung. Der T'tel des Vortrages hätte eigentlich auf eine rein historische Darstellung schließen lassen. Doch ließ es sich Herr Dr. Grün nicht nehmen, auf eine culturhistorische Beleuchtung der Lage der Juden in Böhmen zu der angebenen Zeit näher einzugehen. In klarer fesselnder Weise erzählte er von dem Rabbiner Avigdor, dem Autor mehrerer Gedichte, die die Judenverfolgung in Böhmen um das Jahr 1541 zum Gegenstände haben. Im Jahre 1527 hatte Avigdor im Namen seiner Glaubensgenossen dem Kaiser Ferdinand I. anläßlich dessen Kaiserkröttttng in Prag gehuldigt. Der Kaiser hatte ihm die Zusicherung gegeben, er werde den Juden stets ein gnädiger Herr bleiben. Schon vierzehn Jahre später erließ er das Edict, das die Ausweisung der Juden aus Böhmen verfügte. Man hatte ihnen verschiedene Brandstiftungen zur Last gelegt. Noch im selben Jahre jedoch stellte sich die Unschuld der Juden heraus und es erfolgte die Zurücknahme des Edictes. Der Vortragende ging hierauf zur Darstellung der Biographie des „hohen Rabbi Löw" über, dessen Grabstein im Lause der Jahrhunderte die mannigfachsten Schicksale erduldete. Seine gegenwärtige Gestalt hat er im Jahre 1824 erhalten. Rabbi Löw, um dessen Leben und Wirken sich ein Legendenkreis gebildet hat. so z. B. die Sage von dem thönernen, künstlich belebten Menschen, wird von seinen Zeitgenossen als einer der hervorragendsten Vertreter seiner Nation geschildert. Es ist bezeichnend für sein Wirken, daß er, voll Bewunderung für die Leistungen der zeitgenössischen christlichen Gelehrten, seine Jünger auf das Studium der Naturwissenschaften verwies. Die kritische Forschung hat die Anfeindungen und Verleumdungen, die die Gestalt dieses ausgezeichneten Mannes verdunkelten, hinweggeräumt. Mit einem warmen Appell an die zahlreich Erschienenen, den Tobten auf dem alten jüdischen Friedhofe als Zeugen einer längst entschwundenen leidvollen Zeit ihres Volkes herzliche Pretät zu wahren, schloß Dr. Grün seinen Vortrag. Reicher Beifall lohnte den Redner und der Vorstand des Vereines, Dr. 2 a l u d sprach ihm den Dank für seinen so anregenden Vortrag aus. Zugleich sprach Dr. 2alud sein Bedauern darüber aus, daß die Fachgenoffeu des Redners diesen bei seinen mühevollen Arbeiten und Urkundenforschungen nicht unterstützen. Franzensbad, den 26. März 1901. (Israelitische C u l t u s g e m e i n d e.) Infolge der hohenorts genehmigten neuen Statuten hat eine Neuwahl des Vorstandes stattgefunden. Dieselbe fiel auf die Herren Ignaz Adler, Jacob Kohn, Bernhard Kraus, Dr. Josef Kraus, Salomon Löwy, Friedrich Rauch, Jacob Schneider und Theodor Spiegl. Zum Vorsteher wurde Herr Theodor Spiegl wiedergewählt. Aus dem soeben herausgegebenen Ausweis über das in der Verwaltung der israelitischen Cultusgemeinde stehende und derselben gehörige Kaiser Franz Josef JubitänmS-Hospltal für arme cnrbediuslige Israeliten ist zu entnehmen, daß in der Saison 1900 109 Curbedürftige, theils mit vollständig freier Cur inclusive freier Wohnung und Verpflegung im Hospital, theils mir Bädern, Kost oder Geldbeträgen unterstützt wurden. Die genannte Anstalt erweist sich von Jahr zu Jahr als großer Segen der leidenden Menschheit und als Hinnaüitätsanstalt ersten Ranges und sollte ohne Zweifel von allen größeren jüdischen Gemeinden und allen Freunden wahrer Woplthätigkeit unausgesetzt und ausgiebig unterstützt werden. Preßburg. (Ovation für den Rabbiner der israelitischen C u l t u s g e m e i n d e D r. Funk.) Aus Preßburg theilt man uns mit, daß die Mitglieder beider Gemeinden in den nächsten Tagen dem in Preßburg so allgemein beliebten Rabbiner Dr. Funk eine feierliche Ovation darbringen werden, da Dr. Funk durch seine anläßlich des gegen den antisemitischen westnngarischen „Grenzbote" angestrengten Preßprocesses gehaltene" Schlußrede in einer geradezu großartigen Weise für die verletzte Ehre des Judenthums und seines Standes eingetreten ist. Vor einem Jahre hatte der „Grenzbote" anläßlich des Polnaer Procefies in fast alltäglichen Artikeln das scheußliche Blutmärchen ausgetischt. Diese Richtung hat der „Grenzbote" schon zur Zeit des Tißa-Eßlar-r-Procesfes eingeschlagen und die Hetzartikel dieses Blattes waren die Ursache der damaligen Judenplüuderungen in Preßburg. In einem Vortrage bemerkte Dr. Funk, daß es mit der Ehre des Judenthums unvereinbar sei, wenn Juden — wie dies leider in Preßburg der Fall ist — dieses Blatt durch Abonnements unterstützen. Der „Grenzbote" brachte hieraus verschiedene Hetzartikel gegen Doetor Funk. Die Gemeirrde, welche sich der verdienten Würde Dr. Funk's bewußt war, und dieses sein der Ehre des Judenthums dienende Auftreten lobend»billigte — veranlaßte nun Dr. Funk, die Preßklage zu erheben. Am 18. März erfolgte die Schlußverhandlung, bei welcher die jüdischen Geschwornen ausgeschieden wurden. Der Vertreter des Privatklägers, Advocat Theodor von Rochlitz, erhob gegen die Competenz des Geschvornengerichtes die Nichtigkeitsbeschwerde, welcher sich auch der Staatsanwalts anschloß. — Bei der in Preßburg herrschenden antisemitischen Strömung erfolgte, was sicher vorauszusehen war, die Freisprechung des Angeklagten, gegen welche der Vertreter des Privatklägers, den Intentionen der Gemeinde, entsprechend, ebenfalls die Nichtigkeitsbeschwerde anmeldete. Der gewaltige und über alles zu schätzende moralische Erfolg war die großangelegte Schlußrede Dr. Funk's, in welcher er vom Gesichtspunkte der unverfälschten ungarischen Staatsidee, welche Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit kündet, den die Staatsidee zersetzenven Einfluß des „Grenzbote" überzeugend nachgewiesen. Diese vom Geiste vornehmer, priesterlicher Toleranz durchwehte Rede Dr. Funk's bleibt den Preßburger Juden ein unvergeßliches Denkmal für das heroische Auftreten eines Rabbiners, welcher auf der Höhe seines idealen Berufes steht. Die „Preßburger Zeitung" hatte diese Rede nach stenographischem Bericht abgedruckt mit dem Bemerken, daß durch dieselbe der Preßburger Schwurgerichtssaal ein denkwürdiger geworden sei. — Dr. Funk, der für das in Preßburg so tief gesunkene Prestige des Jndenthums so Großartiges geleistet, wird nun in den nächsten Tagen