Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 13 (29.3.1901)
- Date
- 1901-03-29
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Sette 224 T>v. BIv "17 WorlrenschrifL Nr. IS den des Alfassi erinnert. AlS ein Euriofum müssen wir eines Werkes erwähnen, das von einem jüdischen Renegaten stammt. Es führt den Titel: ^rbLLb Abu« Giiionim, d. h. die vier Evangelien, und wurde im Aufträge der Congregatio Propaganda fide zu Rom von Johann Baptist Jona — der Verfasser nennt sich auf dem Titelblatt : Jochanan Hatübel Jonah — zu Ehren des Papstes Clemens IX. italienisch und hebräisch in Großfolio herausgegeben. In einer mächtigen hebräischen Vorrede erzählt der Verfaffer die Entstehungsgeschichte seines Buches. Wir müßten den hier gebotenen Raum zu weit überschreiten. um Alles, was auf jüdisäie Geschichte, Exegese, Ritus, Sprachwiffenschast 2t. Bezug hat, anznführen und verweisen daher auf die durch Herrn Deinard selbst (ll. Rembrandtstraße 80) erhältliche vollständige Liste der Sammlung. Wir können aber bei der Genugthuung, die uns dieser Bericht bietet, denn doch den schmerzlichen Gedanken nicht unterdrücken, daß die meisten dieser bibliothekarischen Schätze höchst wahrscheinlich wieder in das Ausland zu wandern bestimmt sein werden. Der Privatgelehrte hat in der Regel nicht die erforderlichen Mittel, um für sein Studium kostspielige Werke zu beschaffen und findet nur seine Zuflucht in den öffentlichen Bibliotheken. In diesem Punkte sieht es bei uns übel aus und werden wir vom Auslande geradezu beschämt. Während Oxford, London. Cambridge, Petersburg, Paris, selbst München und Berlin große Büchersammlungen in Hebraica au^uweiscn haben, die Jedermann zugänglich sind, haben wir hierzulande, die beiden großen Bibliotheken des kaiserlichen Hofes und der Universität ausgenommen, nur sehr dürftige Collectionen Man kann behaupten, daß sich größere Bibliotheken eher in einzelnen Privatbäusern befinden. Was vollends jüdische Wiffenschaft betrifft, leiden selbst die größten Wiener Bibliotheken sehr großen Mangel. Und hier tritt eine große gebieterische Ehrenpflicht an unsere reichen jüdischen Gemeinden in Wien, Berlin, Frankfurt, Budapest, Lemberg und anderen Centren der Juden in Deutschland, Oesterreich und Ungarn heran, doch auch etwas pro domo zu thun, um für unsere eigenen Institute und Gemeindebibliotheken in gemeinnütziger Weise zu sorgen und werthvolle Denkmäler jüdischer Wiffenschaft zu erwerben. Gerade bei uns in Oesterreich-Ungarn rmd in Deutschland wird ja noch, wie in den polnischrussischen Gemeinden, die allerdings allen andern in Europa vorangehen, jüdische Wiffenschaft und Forschung intensiv gepflegt und dabei stehen wir, was Bücher und Ouellenmaterial betrifft, gegen kleinere englische oder amerikanische Gemeinden sehr weit zurück. Viele unserer Gemeinden sind in munificenter Weise bei nicht gerade jüdischen Dingen freigebig genug; nur für interne literarische Angelegenheiten und Lebensfragen des Geistes sind sie höchst indolent. Diese betrübende Erscheinung ist größtentheils dem Umstande zuzuschreiben, daß die Männer, welche in den gemeindlichen Sectionen und Vertretungskörpern sitzen, bei aller ihrer Ehrenhaftigkeit doch kein Verständniß für Erhaltung und Restauration der jüdischen Literatur, Geschichte und Archäologie besitzen. Wien und Berlin machen da die einzigen Ausnahmen! Wie oft aber bietet sich die Gelegenheit, das Begonnene zu erweitern und^nuszubauen, ohne daß sie benützt wird. So hat sich beispielsweise auch d^ große Lemberger Gemeinde vor einigen Jahren die^Lon b l u m'sche Bibliothek entgehen laffen, die ebenfalls in^H^WW»^uandert ist und von der nur Ueberreste zurückgebliebenWme WDWgleich nbyllinischen Büchern mit dem doppelten Preise bezahlt werden. Sapienti sat. _ I. Beruh. Straffer. Correspondenzen. Aus der Sitzung des Vorstandes der Wiener israelitischen Cnltusgemeinde vom 24. März 1901 unter dem Vorsitze des Ersten Vieepräfldenten Herrn Dr. Alfred Stern. Beginn der Sitzung ‘/211 Uhr Vormittags. Der Vorsitzende eröffnet die Sitzung und gibt seinem Bedauern Ausdruck, infolge seiner Abwesenheit von Wien der letzten Plenarsitzung, in welcher die Reform der inneren Verwaltung beschlossen wurde, nicht beigewohnt zu haben und daher verhindert gewesen zu fein, seinem oppositionellen Standpunkte gegen die geplante Statuten-Revision, gleichwie er denselben in den voraus- .egangenen Comitßsitzungen geltend machte und begründete, auch in öffentlicher Plenarsitzung Ausdruck zu geben. Hieran anschließend führt Redner weiter aus: Der Kritik sei der Vorstand selbstverständlich unterworfen; eine sachliche Kritik seiner Beschlüße sei nicht nur gerechtfertigt, sondern auch zu begrüßen. Wenn aber die Grenzen einer sachlichen Kritik überschritten werden, wenn in der Oeffentlichkeit, in Versammlungen oder in der jüdischen Presse aus Anlaß unserer Berathungen und Beschlüsse persönliche Angriffe gegen einzelne Vorstandsmitglieder erfolgen, so sei dies bedauerlich, entziehe sich jedoch der Jnaerenz des Vorstandes. Wohl aber sehe er sich veranlaßt, der Ueberzeugung Ausdruck zu geben, daß derartige persönlich gehässige Angriffe auf Vorstandsmitglieder nicht von Vorstandscollegen a,:-^-?ar>.gen oder inspirirt worden seien. ES sei eine gute Tradition des Wiener Cultusvorstandes, sowohl in den Sitzungen als auch außerhalb derselben gegenseitig die üblichen Umgangsformen zu wahren, und — möge die Meinungsverschiedenheit welche immer sein — den guten Glauben in der Vertretung der verschiedenen Standpunkte anzunehmen, er gebe seiner Ueberzeugung Ausdruck, daß der Cultusvorstand diese seine altbewährte Tradition auch ferner einhalten werde. An Spenden werden bekannt gegeben: Als Legat des seligen Herrn Josef Marco Altschech zur Bertheilung an Arme am Beerdigungstage . K 200.— Von Frau Amalie Herrnstadt, anläßlich der Beerdigung ihrer seligen Mutter, Frau ErnestineBandmann, für Arme.K 200.— Von Frau Katharina Brunner zur Bertheilung an 20 Pfründner des Versorgungshauses . . . . K 100.— Von Herrn Moriz Traube für die Brigittenauer Schulküche. K 20.— Von Herrn Leopold Ehrlich, anläßlich des einjährigen Bestandes seines Geschäftes, für Arme ... K 20- Von F. Boskowitz für Arme. K 20.— Von Frau Rosa Abeles für arme Wöchnerinnen K 10.— für arme Waisenkinder. K 10.— C. B. für Waisen.? . . K 20.— Bon der Redaction des „Neues Wiener Tagblatt" für die Brigittenauer Schulküche. K 24.— Von Herrn Eduard Berger für den Verband zur Unterstützung armer israelitischer Wöchnerinnen K 10.— Von Herrn Dr. Dagobert Rybaczewski als Buße in einem Ehrenbeleidigungsprocesse für Arme . K 10.— Von Regine Arnstein für arme Waisenkinder . . K 10.— Von „Anonymus" für Arme.K 448 Bon Herrn Leopold Keppich für den Verband zur Unterstützung armer israelitischer Wöchnerinnen K 4.— Von Herrn Adelmar Heimtherw für den Armenfond K 2 — Aus den Sammelbüchsen im Währinger Tempel für die Chewra-Kadischa und den Frauen-Berein K 17616 Bon Herrn Ludwig Friedmann Bücher für das Bersorgungshaus. Von Frau Katharina Fleischmann ein Elektrisir-Apparat für das Versorgungshaus. Gegenstand der Tagesordnung bildete die Erledigung von Personalien. (Schluß der Sitzung 7a2 Uhr Nachmittags) * .Das Blutmärchen in Mähren. Brünn, 24.März. Die Erzeuger von Blutmärchen scheinen sich in jüngster Zeit unser Kronland zum Tummelplatz ihres verruchten Treibens ausgesucht zu haben. Unserer wackeren, fortschrittlichemWresse ist es zu danken, daß diesen gewissenlosen Fanatikern und Störem unseres Glaubensfriedens bald das „blutige" Handwerk gelegt wurde. So schreibt das in Olmütz erscheinende „Mähr. Tagbl." unter dem Titel: „Die Mordgesellen". Wir meinen damit nicht etwa drei prächtige Gesellen, die Jedem gefallen könnten, auch nicht drei Männer, die den Mord zu ihrem Metier erkoren haben. Nein, unsere Geschichte von den drei Mordgesellen ist viel harmloser. Sie handelt don drei Kirchenlichtern, die es sich zur Aufgabe gemacht, Sensation um jeden Preis zu erregen. Die drei großen Geisteskinder fanden, daß die Bevölkerung in Olmütz viel zu ruhig sei, daß selbst die czechischen Treibereien den Frieden nicht allzu empfindlich stören; es mußte somit etwas geschehen, um die Bevölkerung aufzurütteln. Sie setzten sich also zusammen und erfanden ein Dienstmädchen, nicht etwa ein gewöhnliches Dienstmädchen, das die Zimmer reinigt und am Sonntag mit ihrem Soldaten spazieren geht, o nein, ein besseres Dienstmädchen, das am Sonntage seinen Wein trinkt, und wenn es dann einen Schwips hat und am Montag sich etwas schwach zur Arbeit fühlt, sich ihrer angeborenen czechischen Herrlichkeit bewußt wird und aus dem Dienste läuft. Aus diesem Dienstmädchen, welches eines der drei Geisteskinder ärztlich untersuchte, wurde mit Zuhilfenahme des nahenden Osterfestes ein Märchen construirt, das man ritualmordmäßig aufputzte. Den Aufputz besorgten ein Advocatursconcipient, der die Anzeige erstattete, daß das Mädchen verletzt gewesen, als der Arzt sie untersuchte, und ein Redacteur, dessen Devise lautet „Sensation um jeden Preis". Der Redacteur des „Pozor" hatte schon vorher durch Affichen der Bevölkerung mitgetheilt, daß er ein Extrablatt mit einer sensationellen Nachricht herausgeben werde, um die Aufmerksamkeit zu erregen. Aber die Staatsbehörde spielte ihm einen bösen Streich. Sie confiscirte die ritualmordmäßig aufgeputzte Geschichte. Die drei Mordgesellen kamen um ihren Effect. Jetzt sitzen sie betrübt und klagen über den Staatsanwalt, der ihnen das klug ausgesonnene Stückchen verdarb. Sie hätten sich so gerne gesonnt im Glanze des Ruhmes, Wächter des Volkes zu sein. Statt dessen werden sie bald als lächerliche Narren sich entpuppen, denen man freilich das Spielen mit der: Volksleidenschaften etwas empfindlich austreiben sollte. Die