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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-03-29 · 13 (29.3.1901) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
13 (29.3.1901)
Date
1901-03-29
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr 13 Dr. Bwch's WochenlÄrrifl. Seite 219 zum Georgsritterfeste in St. Petersburg weilte, ließ er sich vom Fürsten Gortschakvff zur Zusage bestimmen, das Freihandelsprivilegium der Stadt Brody baldigst ausheben zu lassen. Diese Zusage ersolgte voreilig, ohne Vorbehalt, ohne Gegenleistung, aus purer Freundlichkeit sür den Gastgeber, cavalierement; sie trug dem Grasen Andrassy ein verbindliches Lächeln und der preisgegebenen Stadt Brody die Beschleunigung ihres Verfalles ein. Umsonst waren alle Petitionen und Deputationen; unerhört verhallte der Nothruf der Bevölkerung — „Es ist eine wohlerwogene Maßregel meiner Regierung", sagte uns der Kaiser, „an der nichts mehr geändert werden kann". Damit war jede Discussion geschlossen, jeder weitere Schritt vergeblich und am ersten Tage des Jahres 1880 das Urtheil an Brody vollzogen. Es war ein Trauertag sür die Stadt, ein Fest sür das Land, dem das bis dahin exterritoriale Brody wirthschaftlich incorporirt wurde. Die Sommitäten der polnischen Delegation im Reichsrathe, unter ihnen Grocholski, Graf Heinrich Wodziki, Zimialkowski, versprachen uns, nunmehr für die Sanirung und das Wohlergehen Brodys zu wirken; dieselbe Zusage machte uns der Ministerpräsident Graf Taaffe uud der Leiter des Finanzministeriums Baron Chertek. Es war ein Lichtschimmer in finsterer Zeit — ein Irrlicht. Das Einschreiten der Handelskammer wegen Errichtung staatlicher Eutrepots wurde abgewiesen, ebenso die Bitte um Creirung einer Bankfiliale; das Ersuchen der Gemeinde wegen eines Collegialgerichtes und einer Cigarrenfabrik fand keine Berücksichtigung; Zollcredite wurden nicht bewilligt; dagegen beschloß später der Polenclub, die Regierung zu veranlassen, die Handels- und Gewerbekammer von Brody nach Tarnopol zu verlegen — ein Beschluß, der dann infolge der Bemühungen von Jaworski und Zaleski reassumirt wurde. Die Landwehr wurde abbezogen; die Getreidedifferentialtarife, die zu Gunsten Brodys bestanden, aufgehoben und die gerichtliche Sequestration über die Stadt verhängt. Das kaiserlich-russische Consulat wanderte nach Lemberg — es war vollbracht. 8ie transit gloria mundi! Auf Jemand, der diese Stadt in ihrer ehemaligen Bedeutung, in ihrem nun verwichenen Wohlstand, in der intellectuell hervorragenden Qualität ihrer Bevölkerung kannte und sie jetzt sieht, macht es den schmerzlichen Eindruck, wie man ihn empfindet, wenn man einen Menschen den man in früh er n Zeiten als angesehen und wohlhabend gekannt, in einem Altersasyl findet. Die Männer, die dort leben, zehren von den Erinnerungen an vergangene schönere Tage, die Vermächtnisse ihrer Vorfahren hütend, und in der That ist die Pietät zu bewundern, mit der sidiese fromme Aufgabe vollführen. Die Humanitären und culturellen Institute vergangener Tage: die israelitische Volksschule, der Schülerbekleidungsfond, das Waisenhaus, das Spital, das Siechenhaus, die Volksküche, der Krankenunterstützungsverein, sind nicht nur gegen die Ungunst der Zeit und der -Verhältnisse geschützt, sondern anerkennenswerth, ausgedehnt, vermehrt, verbessert und leistungsfähiger, gemacht worden. So viel Kraft aus der Jugendzeit fließt noch in den Adern Brodys, so viel ist noch von dem Gemeinsinn der Männer, die dagewesen und gewirkt, zurückgeblieben, daß die monumentalen Schöpfungen besserer Perioden unerschüttert dastehen, mitten unter Ruinen und den Stürmen feindlicher Geschicke! Leo Herzberg-Fränkel. Meran, Mitte März. Die galizische Schulstiftung des Vsron Hirsch und die politische Agitation. - Wir erhalten folgende Zuschriften: Tarnow, 20. März. Mit großem Jntereffe verfolgen wir die Artikel des Herrn Dr. M. Hofmann in der „Wochenschrift" und haben wir aus ihnen zu. unserer großen Ueberraschung entnommen, daß Dr. Leo Kellner nunmehr plötzlich sein Herz auch für die Stiftungsschulen entdeckt hat. Herr Kellner ist ein hiesiges Kind, er war während der letzten Jahre wiederholt hier. Es ist noch nicht lange her, daß er in dem hiesigen zionistischen Verein gesprochen, aber um die hiesige Baron Hirsch-Schule, die jeden, selbst den durchreisenden Juden interessirt, hat er sich niemals gekümmert, er hat sie niemals gesehen, niemals sich nach ihr erkundigt. Natürlich, die Stiftungsschulen waren ja bis auf den heutigen Tag den Zionisten ein Dorn im Auge, besonders darum, weil sie ihnen bis auf den heutig-n Tag nicht nahekommen, die Hände nicht nach ihnen ausstrecken durften. Die Stiftungsschulen waren bis auf den heutigen Tag für diese frommen Zionisten unnahbar! Nun hören wir mit einemmale, daß Herr Kellner den frommen Wunsch hat, m das Curatorium einzutreten, um. wie er sich ausdrückt, den Schulen seine pädagogischen Erfahrungen (vermuthlich die Erfahrungen, die er sich als Lehrer der englischen Sprache in der Realschule erworben) zu widmen. Diese plötzliche Umwandlung des Saulus in einen Paulus oder vielmehr umgekehrt, ha* uns hier sehr überrascht, wahrlich das ist sehr schön von unserem Landsmann Kellner, daß er sich der Hirsch'schen Schulen erbarmen will, der armen Baron Hirsch-Schulen, die so lange im Stillen blühten und sich so schön entwickelten, bis es den Zionisten gefiel, sich ihrer allnehmen zu wollen. Nun ja die Slfftungsschulen stehen fertig da. sind gut ausgebaut, der Tisch ist gedeckt, schaut sehr appetitlich und einladend aus, warum soll man nicht zugreifen? Wahrlich das ist recht schön von unserem braven Landsmann Kellner — das kann aber nun erst recht schön werden. A. R. Kolomea, 22. März 1901. An die geehrte Redaktion der „Oesterr. Wochenschrift" Wien. In Nummer 11 der in Berlin erscheinenden „Jüd. Presse" wurde gegen die Stiftungslehrer der Borwurf politischer Agitation erhoben. Mit Rücksicht auf die Bedeutung unserer Stiftung, habe ich mich veranlaßt gesehen, nachfolgende Entgegnung der „Jüd. Presse" zuzusenden und bitte Sie, derselben auch in Ihrem geschätzten, vielgelesenen Blatte Raum zu geben. Hochachtungsvoll Wilhelm Grünes, Jnspector der Baron Hirsch-Stiftungsichulen. Kolomea, 22. März 1901. Sehr geehrte Redaction! Zur Steuer der Wahrheit ersuche Sie, folgende Entgegnung auf den in der Nummer 11 Ihres geschätzten Blattes erschienenen Artikel „Die Baron Hirsch'schen Stiftungsschulen" gefälligst veröffentlichen zu wollen. Im Gegensätze zu der Behauptung des Herrn Doctor S. R. Landau hat sich die polnische Presse — mit Ausnahme des in allen hiesigen Kreisen berüchtigten und gemeinen Revolverblattes „Monitor" — stets lobend über die Stiftungsschulen und Lehrer ausgesprochen, und erst letzthin that dies ebenfalls dos verbreitetste und angesehenste, in Lemberg erscheinende polnische Journal „Slowo Polskie". Es ist ferner bekannt, daß fast jede Stiftungsschule alljährlich schriftliche Belobungen von den k. k. Bezirksschulräthen nach den Visitationen durch die k. k. Bezirksuud Landesschulinspectoren erhält, was wohl am besten von der Fähigkeit und Tüchtigkeit der Stiftungslehrer, wie auch von den erzielten Unterrichtsresultaten zeugt. Ganz ungerechtfertigt und grundlos sind die Beschuldigungen, daß die Stiftungslehrer in vielen Städten anläßlich der politischen Wahlen die Corruption fördern und selbst sowohl in Gemeinderäthen als auch in Cultusvorständen Mandate zu ergattern bestrebt find. Es ist vielmehr wahr, daß die Stiftungslehrer und Leiter erst dann Ehrenstellen in der Gemeinde annehmen, wenn sie sowohl von der jüdischen als auch christlichen Bevölkerung darum bestürmt werden und das Curatorium. von diesen Bestrebungen der Bevölkerung, denen die Stiftungslehrer ganz fernstehen, überzeugt, seine Erlaubniß hiezu ertheilt. Mit derselben Post, mit der ich Kenntniß von den Angriffen gegen die Stiftungslehrer in Ihrem geschätzten Blatte erhielt, bekam ich fast gleichzeitig zwei Zuschriften von Schulleitern, deren wortgetreue Uebersetzung*) ans dem Polnischen ich mir zu citiren erlaube, um die Unvoreingenommenen von der Wahrheit meiner Behauptungen zu überzeugen. * Der eine Brief lautet: Solotwina, den 15. März 1901. Sehr geehrter Herr Jnspector! Verzeihen Sie, wenn ich mich in folgender wichtiger Angelegenheit an Sie wende, und mir Ihren wohlgemeinten Raih erbitte. Heute erschien bei mir eine Deputation, bestehend ans den angesehensten jüdischen und christlichen Bürgern, und er- *) Die Originalbriefe übersende gleichzeitig dem Curatorium in Wien mit dem Ersuchen, dieselben der geehrten Redaction über Ver? langen zur Verfügung zu stellen.

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