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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-03-29 · 13 (29.3.1901) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
13 (29.3.1901)
Date
1901-03-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Sette 218 Nr. 13 Dr«. Bloch's WoüMschrM „(Keine Nation vermag zu existiren, wenn sie von aller Welt verachtet wird. Eine Naticn geht nicht blos durch Kanonen und Bajonette zu Grunde', sondern auch durch dir allgemeine Mißbilligung.)" Rumänien trifft jetzt mit vollem Rechte der Tadel, den sein bester eigener Staatsmann der VergangrnheitProphezeit hat; wenn auch Bratiauu und Carp politische Gegner waren, in dieser Auffassung stimmten sie überein. Nur war Carp der Consequentere. Er zog aus seinen Grundsätzen auch die richtigen Schlußfolgerungen und wollte, daß die Nation sich zu der sittlichen Höhe erhebe, ohne die es keinen Bestand gibt. Bratiauu stellte nur den Grundsatz auf und widersprach ihm in seinen Handlungen. Deshalb konnte auch nach seinem Tode sich die liberale Partei nicht mehr erheben, und da die couservative Partei aus chauvinistischen Rücksichten es ihr gleich thun zu müssen glaubte, so hat auch sie ihren wohlgemessenen Schuldantheil an dem Niedergang Rumäniens. Rumänien hat seine übernommenen culturellen und politischen Pflichten nicht erfüllt, und solange diese Schuld nicht abgetragen ist, fällt es der Verachtung der Völker anheim. Plotke verdient den höchsten Dank, die vollste Anerkennung, daß er aus den Acten, wie aus den Tagebüchern des Königs Carol das Material zusammengetragen hat, aus dem mit unwiderleglicher Beweiskraft jeden: Factor in Rumänien das Schuldmaß zugesprochen wird, das auf ihm lastet. A. W. Vrvdy*) (Die Geschichte einer Stadt.) Klagl. I. V. In Amerika brauchten Chicago und San Francisco nicht mehr Zeit, sich aus kleinen Niederlassungen zu ihrer jetzigen gewaltigen Bedeutung emporzuarbeiten, als die Stadt Brody brauchte, um sich von ihrer ehemaligen Bedeutung zu ihrem gegenwärtigen Niedergang hinunter zu arbeiten, und es thut wahrlich weh, denken zu müffen, daß die Regierung niemals daran dachte, niemals dazu gebracht werden konnte, eine stets loyale, culturell vorgeschrittene, commerziell entwickelte, Verkehrs¬ und volkreiche Stadt vor dem rasch nahenden Ruin zu bewahren. Ist es doch die Pflicht eines jeden Staates, einzelne Individuen thunlichst zu erhalten, umsomehr ein großes lebenskräftiges Gemeinwesen von dreißigtausend Seelen, wie es Brody ehemals war! Diese Stadt theilte das Schicksal der meisten Schöpfungen des Kaiser Josef ll., man ließ sie fallen. Als der geniale Monarch bei seinem Regierungsantritte die der Stadt Brody schon von der großen Kaiserin Maria Theresia verliehenen Privilegien bestätigte und ausdehnte, bezweckte er, den russischen Ex- und Jmporthandel, dem damals noch keine Dampfschiffe und Schienenwege zur Verfügung standen, über die Cvmmerzialstraße Brody—Wien zu leiten. Und diese Absicht ist auch gelungen. Wer einen älteren Brockhaus aufschlägt, findet dort Brody als die wichtigste Handelsstadt Oesterreichs nächst Triest bezeichnet; an Bevölkerung als die dritte im Königreich Galizien, mit einem sehr ausgedehnten Verkehr und vielen Großhandlungen, jüdische, deutsche, griechische, armenische und russische, welche aus Brody einen großen Tauschhof für russische Producte und westländische Fäbricate machten, den Handel der damaligen Donaufürstenthümer heranzogen und die großartigste Spedition einrichteten, die vor dem Zeitalter der Eisenbahnen denkbar war. Odeffa war noch nicht erstanden; der Norden Rußlands, von Kiew bis Moskau, holte seinen Bedarf -an Sensen, Sicheln, Ackerbauwerkzeugen, Quincaillerie-, Glas-, Porzellan-, Schnitt- und Colonialwaren in Brody und schickte dagegen seine Wolle, Häute, Felle, Talg, Wachs, Honig und Brennöl — es war ein ewiger Markt; die Fuhren kamen beladen und kehrten beladen zurück. Der Geldverkehr war weniger *) Gelegentlich des Resultates der letzten Volkszählung, welche eine abermalige Abnahme der Bevölkerung um 1100 Seelen ergab. erheblich, im Tauschgeschäft lag der Gewinn für die einheimischen Kaufleute, deren Wohlstand im steten Wachsen war. Auf dem engen Terrain der von Wäldern umrahmten Stadt, tummelten sich die verschiedenen Typen entfernter Völker aus dem europäischen und asiatischen Rußland, an welchen die Cultur nichts von ihrer Ursprünglichkeit abgestreift. Kazappen aus dem Wolga- und Dnieper-Gebiet, aus Sibirien und dem Ural, Tscherkessen vom Kaukasus, mehr verschlagen als naiv, mehr listig als ehrlich, begegneten hier dem vornehmen deutschen Handelsherrn und dem biegsamen Franzosen, und zwischen ihnen stand vermittelnd und ausgleichend der Jude, die goldenen Aehren einsammelnd, die da auf fruchtbaren Boden sproßten. So kam von allen Seiten der Wohlstand in die von russischen und öfterreichischen Cordons umgebene Stadt, deren Handelsstand durch seine internationalen Beziehungen zu einer geistigen Entwicklung reifte, wie sie damals im übrigen Galizien nirgends noch zu finden war. Den Höhepunkt seines Erfolges erstieg er. aber zur Zeit der napoleonischen Continentalsperre, wo die Kauffahrteischiffe sich nicht ins offene Meer wagten und der gesammte Waarenverkehr aus den Landweg, auf die Brodyer Commerzialstraße, beschränkt war. Ein monatelang dauernder, intensiver Goldregen ging über Brody nieder, wo kaum genug Magazine für die angekommenen Güter, kaum genug Quartiere für die Fremden, kaum genug Hände für die Arbeit und kaum genug Taschen für das Geld vorhanden waren. Das war die Periode des Glanzes und des Reichthumes für das galizische Jerusalem — eine Periode, die sich in verjüngtem Maßstabe in den Jahren 1853 und 1854 wiederholte, als während des Kcim-Feldzuges dem russischen Handel seitens der Westmächte die Seewege versperrt wurden und derselbe, wie damals, die Ausfuhr über Brody nehmen mußte. Nach dem Sturze Napoleons nahm der Verkehr die frühere Wasserstraße wieder auf; die Bedeutung Brodys ging erheblich zurück; die angewachsene Bevölkerung stand vor minder ergiebigen Quellen und spähte nach einem günstigeren Terrain aus. Da entstand Odeffa mit seinem großen Hafen und einem Freihandelsprivilegium und bot unter der Leitung des aus Frankreich in den Dienst Rußlands getretenen Generalgouverneurs Herzogs von Richelieu den Immigranten bedeutende Begünstigungen: Naturalisation, Steuerfreiheit, Befreiung vom Militärdienst. Und so zogen ganze Karawanen von Kaufleuten und Handwerkern,' mitunter sehr wohlhabende und intelligente Leute, mit Ihren Familien und ihrer Habe, an die fernen Ufer des Schwarzen Meeres, um sich dort auf noch jungfräulichem Boden eine neue Heimat und eine neue Existenz zu sckaffen, wozu sie ihre Erfahrungen, ihre Geschästskenntniffe und ihre früher» Verbindungen vorzugsweise befähigten. Diese Brodyer Colonie bildete und bildet noch jetzt nächst den griechischen Kaufleuten den Hauptstock des Odeffaer Handelsstandes. Diese Stadt war noch lange der stete Abzugscanal für Brody; Brody nahm ab, Odeffa wuchs; Brody verarmte, Odeffa gedieh. Hat diese Schröpfung Brodys zu Gunsten der Hauptstadt Neurußlands nachtheilig eingewirkt, so gab der Ausbau der Warschau-Wiener Eisenbahn, später jener über Eydtkuhnen und Wyrballen, Königsberg, Podwoloczyska dem Handel Brodys einen Todesstoß. Der Verkehr glitt über andere Geleise; der früher breite Strom war zum Rinnsal geworden. Im Leben der Staaten, der Städte, der Menschen gibt es ein rapides Sinken der Kräfte, eine Asthenie in Folge des Alters oder ungenügender Ernährung; es kollert abwärts, unaufhaltsam, unabwendbar. Spanien war unter Philipp E, unter Carl V. die erste Macht der Erde, ein Staat, in dem die Sonne bekanntlich me unterging; es besaß die größten und reichsten Colonien im neuen Welttheil, unerschöpfliche Schätze, gewaltige Heere und eine mächtige Flotte. Dank der Pfaffenwirthschaft und einem blutrünstigen Regierungssystem, welches „Menschenleiber rösten ließ", ist Spanien heute ein politischer Cadaver; kraftlos und verarmt liegt das alte Königreich zwischen Europa und Afrika hingestreckt und träumt von seiner entschwundenen Herrlichkeit. Als Stadt hat Brody einen gleich traurigen Weg gemacht. Die Bevölkerungszahl ist auf die Hälfte zurückgegangen, der Wohlstand auf einen kleinen Bruchtheil reducirt, der Geschäftsverkehr auf ein Minimum eingeschrumpft — die Stadt ist zum Städtchen, der internationale Handel zum Localeonsum geworden! Diese so bedauernswerthe Degringolade haben nicht blos die veränderten Berhältniffe, sondern zum nicht geringen Theile auch die Regierung und das Land verschuldet. Als im Jahre 1878 der damalige Minister des Aeußern Graf Julius Andraffy

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