Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-03-22 · 12 (22.3.1901) · page 16

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
12 (22.3.1901)
Date
1901-03-22
Page
– (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021385-3021398--10722-3035218
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

GfeB&SCäOEiSZäE Sette 212 Vr° Ustro«. (Israelitischer Bethaus-Berein.) Das vom israelitischen Bethaus-Berein veranstaltete Purimkränzchen, welchem der wohlthätige Zweck zu Grunde lag, den Baufond des hier zu erbauenden israelitischen Bethauses zur erforderlichen Höhe bringen zu helfen, hat einen unerwartet hohen Reinertrag ergeben, der die Summe von 600 Kronen beträgt. Der Besuch des Kränzchens war ein so zahlreicher, daß die Lokalitäten dicht gefüllt und Theilnehmer aller Confessionen, wie Herr Hüttenverwalter P r i ck n e r mtt Frau Gemalin und Bedienstete der erzherzoglichen Werke und der Bahn, Gäste aus Teschen, Skotschau, Bielitz und der hiesigen Umgebung zu finden waren. Die so rege wohlwollende Theilnahme von allen Seiten an dem Zustandekommen des so nothwendigen, eine Wohlthat gewährenden Bethausbaues verdient öffentlich anerkannt zu werden, sowie herzlichen Dank. Feuilleton. Einiges aus den Memoiren der Glückel von Hameln. Von L. Afaye. (Fortsetzung.) Bei Beginn des dritten Buches ist die Glücke! 25 Jahre; ihre Erinnerungen sind Legion, sie weiß kaum, was sie wählen soll aus der Fülle von Ereigniffen und Bildern, die sich ihr zudrängen; alles scheint wichtig, alles bedeutungsvoll und es ist zu bewundern, wie sie dennoch mit sicherem Jnstinct eine gewisse Beschränkung walten läßt und mit ordnender Hand ihren Stoff gruppirt. Dieses dritte Buch ist die Geschichte der kleineren und größeren täglichen Begebenheiten, die in ihrer Gesammtheit das Leben find, das Leben, das wie ein gewelltes Bild bunt , und farbenprächtig genug aussieht und dennoch nur aus armseligen kleinen Wollsäden besteht. Aber in diese Kleinigkeiten und Kleinlichkeiten, in das Mühen um das tägliche Brot, in das Geschrei der Kinder, in das Gezänk der Großen, in all das Hasten und Jagen und das karge Herddämmerglück mischt sich zuweilen ein seltsamer Ton, ein Widerhall von dem gewaltigen Chore, der wett draußen in der Welt die Melodien singt, die noch den Kindeskindern in den Ohren klingen. Zuwellen erhebt sich hinter den Geschehnissen des Tages das Schattenbild eines finsteren Verhängnisses, eines düsteren Ereignisses, zuwellen werden die Geschichten der Glücke! zur Geschichte, zuwellen glauben wir nicht nur ein Capitel aus dem Leben einer Judenfrau zu lesen, sondern ein Capitel aus der Tragicomödie der Menschheit. Der Name jenes geheimnißvollen Mannes, der wie ein Zaubertrank die Gemüther aller Menschen berauschte und verwirrte, der wie keiner je vor ihm eine schwärmerische Raserei, eine wahnsinnige Begeisterung erweckte, dem die zitternden Hoffnungen, der schluchzende Jubel eines gehetzten, gequälten, gemarterten Volkes galt, das seine Erlösung nahe glaubt, diesen Namen hören wir auch von der Glückel nennen, auch von ihr vernehmen wir, wie ungewöhnlich, wie märchenhaft, wie grotesk sich der Glaube an den neuen Messias, an Sabbatai Zebi, äußerte. Zuerst berichtet die Glückel die traurige Geschichte ihres Haus- und Geschäftsgenoffen Mordochai aus Polen, sie spricht von der Geburt ihres Töchterchen Mate, von Tausenden anderen nebensächlichen Ereignissen und auf einmal nennt sie den Nanien des merkwürdigen Propheten. Um diese Zeit, erzählte sie, begann man von „Schabse Zwi" zu sprechen. Sie weiß, welch' ungeheures Aufsehen die Verkündigung der neuen Heilslehre gemacht hat, sie weiß, welch' fanattsche Anhänger, welch' unversöhnliche Gegner dem morgenländischen Propheten entstanden, der die Juden erlösen und nach Jerusalem führen wollte und in seinen Ftterstunden von der weißen Königstochter Meliselde geträumt hat, sie weiß, wie viel über diese Dinge geschrieben wurde, und sie verweist auf diese weltbekannten Berichte. Sie schildert nur, was fie selbst gesehen und erfahren, sie erzähtt, welcher Jubel Wochenschrift» 13 herrschte, wenn ein Brief oder eine Botschaft von Sabbatai Zebi eintraf, wie die Sepharadim, die am häufigsten solche Nachrichten erhielten, unter Trommel und Pfeifenklang in das Gotteshaus zogen und sie dort öffentlich vorlasen; wie sich die Mitglieder der anderen Gemeinden in den sepharadischen Tempel drängten, um auch die Heilsbotschaft zu vernehmen, und wie sich die jungen Männer breite, grünseidene Bänder umbanden, um die Farben ihres Messias zu tragen. Welcher Taumel, welche Raserei muß unter den stillen, ruhigen, gedrückten, vernünftigen Juden geherrscht haben! Wie rührend ist dieser Glaube, dieser Begeisterungsfähigkeit nach Jahrhunderten des Elends und der Verfolgung! Die Erlösung schien mehr als möglich, beinahe war sie zur Gewißheit geworden, das „übers Jahr in Jerusalem" wurde nun wörtlich genommen, alle waren in fieberhafter Thätigkeit damals, man rüstete zum Aufbruch, zum Zug in die Freiheit. Eines Tages trafen bei der Glückel zwei große Fäffer ein. Ihr Schwiegervater, dieser grundgescheite, liebenswürdige Mann sandte sie und sie enthielten außer dem verschiedensten Leinenzeug auch allerhand Lebensmittel, wie Erbsen, Bohnen, gedörrtes Fleisch, Aepfelschnitze u. s. w., Proviant für die große Reise, die morgen oder übermorgen oder nächste Woche nach dem heiligen Lande angetreten werden sollte. Wer kann über diesen alten Mann und über sein grenzenloses Vertrauen lachen! Und warum hätte er auch nicht glauben sollen? Ist nicht sein Volk auch aus Egypten geführt worden, sind nicht schon oft Wunder geschehen, war nicht sein Volk, war nicht er selbst das größte, seltsamste, unbegreiflichste Wunder? Aber die Zeit verging, und als ein Jahr vorbei war, oder mehr als ein Jahr, da setzte er sich seufzend nieder und schrieb der Glückel, sie möchte die Eßwaren aus den Fässern nehmen. — Es dauerte doch ein wenig lange mit der Erlösung und dem Exodus. Aber die Hoffnung war deswegen nicht getödtet. Mehr als drei Jahre standen die Fäffer in Hamburg, mehr als drei Jahre war er täglich bereit, für das große Ereignitz, und erst dann verlosch seine Zuversicht, wie ein Feuer erlischt, wenn das letzte Scheit herabgebrannt. Das war Sabbatai Zebi. das waren seine Anhänger, das war das Ende einer glänzenden leuchtenden, flammenden Hoffnung. Eine kummervolle Zeit kam für Glückel und ihre Familie. Erst war es nur ein dumpfes Gerücht, ein unbestimmtes Murmeln und Munkeln, aber auf einmal wurde es offenbar, daß die schreckliche Pest in Hamburg wüthete und ein allgemeiner Schrecken, eine allgemeine Flucht begannen. Meistens zogen die Juden nach dem nahen Altona, aber Chajjim und Glückel entschlossen sich, wohl aus Sorge um ihre drei kleinen Kinder, nach Hameln zu reisen und dort das Erlöschen der Seuche abzuwarten. Das Laubhüttenfest verlebte sie in Hannover. Glückel erzählt, welch entsetzliche Tage das für sie waren; wie durch einen unseligen Zufall ihr kleines Töchterchen von der grausigen Krankheit befallen scheint, wie man das Kind von ihr trennt und nach einem kleinen Dorfe. Hainholz bringt, wie die Festtage unter Kummer und Thränen endlich vergehen und wie an Simchas Thora das genesene Kind „die Jungfer von Hainholz" zurückkehrt. In Hameln lebten sie weltabgeschieden und still im Hause ihrer Schwiegereltern; wenn ein Brief aus Hamburg eintrifft, so berichtet er nur von Krankheit und Tod, Tod und Krankheit, kaum daß man das Schreiben mit vorsichtigen Fingern berührt, nachdem es zuvor „beräuchert" ist, — traurige Tage für die ganze Welt, die auch noch heute unvergessen sind. Nur „Grin Mosche", ihr Geschäftsreisender und Compagnon. schreibt, Chajjim möge nach Hamburg kommen, die Seuche sei erloschen, das Geschäft erfordere es. Und als Chajjim nicht kommt, da tritt er an einem kalten Wintertage mit einer dichten Kapuze verhüllt in das Zimmer. zu den Eheleuten, die ihn wie einen Geist anstarren, nicht begreifend. wie es ihm möglich war, in die Stadt zu gelangen/ vor der man jeden Reisenden scharf examinirte. „Grin Mosche" nimmt Chajjim Hameln mit sich nach Hamburg, die Glückel mit den Kindern bleibt noch einige Zeit in Hameln, bis ihr Mann ihr endlich einen Boten schickt, der sie nach Hamburg bringen soll. Dieser Bote „Jakob", eine Art Reisemarschall. und die ganze tragikomische Fahrt überhaupt ist reizend und lebensvoll geschildert, weit amüsanter zu lesen als zu erleben. In Hamburg beginnt wieder das gewohnte Leben; das Geschäft nimmt das hauptsächlichste Interesse in Anspruch,, es. gewinnt an Ausdehnung, der Gewinn wird größer, aber auch die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.