Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 12 (22.3.1901)
- Date
- 1901-03-22
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Beil. 208 WychenlÄMk ai. 13. auf Baurath Stiaßny und die »Union". Geistvoll und apologetisch markirte er die Stellung der Kunst in der mosaischen Lehre and besonders imKunstgewerbe: »Meisterhafte Weisheit des Herzen8* bekundet eine »Fülle vom Geiste Gottes'', haben wir in unserem heutigen Wochenabschnitte gelesen. Er kam weiter auf Weckung und Wahrung des jüdischen Geistes im Herzen unserer Jugend . . . Wir Alle sind Denkmäler des Judenthums." Diese Ausführungen erregten eine kleine Debatte und ernteten allseitige Anerkennung. Präsident kaiserl. Rath R u L i c k a, kennzeichnete die Aufgabe der »Union" und gab der Hoffnung Ausdruck, daß in dem angestrebten jüdischen Vereinsamst auch dem jüdischen Museum ein würdiges Heim erstehen werde. Wie». (Ein Beschützer der Religion.) Vor einigen Tagen war, der Mediciner Berthold Bodansky des Vergehens gegen § 303 St.-G. wegen unziemlichen Benehmens in der Servitenkirche angeklagt und wurde zu einer Woche Arrests verurtheilt. Bon den ihm zur Last gelegten Handlungen nahm der Gerichtshof nur als strafbar an, daß er sich während der Wandlung nicht von seinem Platze erhoben hatte. Als Kronzeuge wurde der junge antisemitische Journalist Eduard B u k o v i c vernommen. Er hatte den kränklichen Bodansky, der von scheuem und furchtsamem Wesen ist, aufgefordert, die Kirche zu verlaffen, ihm außerhalb der Thür eine Obrfeige gegeben und dann die Anzeige wider ihn erstattet. Unterstützt wurde die Aussage dieses Zeugen durch einen Kellner. Schon während der Verhandlung wurde im Zuschauerraume mit Bestimmtheit erzählt, daß gegen Vukovic bei dem Bezirksgerichte Leopoldstadt ein Verfahren wegen Betruges schwebe. Dem Bertheidiger war dies mitgetheilt worden, doch hatte dieser aus Vorsicht die Zeugen bei der, Vernehmung nicht darüber befragt. Heute fand vor dem Appellsenate eine Strafverhandlung gegen Eduard Vukovic statt, jedoch nicht wegen der erwähnten, dem Vernehmen nach gegen ihn anhängigen Sache, sondern um anderer strafbarer Handlungen willen. Vukovic hatte in der Verhandlung gegen Bodansky als Zeuge über sein Vorleben angegeben, daß er wegen Theilnahme am Zweikampfe und zweimal wegen Ehrenbeleidigung verurtheilt worden sei. Er verschwieg dabei, daß über ihn bezirksgerichtlich wegen zweier Betrügereien in Kaffeehäusern zehn Tage Arrests verhängt worden seien. Im Cafe Staudinger hatte er eine Zeche von 60 H. gemacht, war dann flüchtig geworden, von dem ihn verfolgenden Kellner eingeholt und auf' eine in der Nähr befindliche Wachstube gebracht worden. Er bedrohte auf dem Wege den Kellner mit Ohrfeigen — zu deren Ertheilung er große Neigung zu haben scheint — und benahm sich auf der Wachstube unanständig. In gleicher Weise war Vukovic im Cafe Kugel mit einer Zeche durchgegangen. Wegen dieser beiden. Prellereien wurde er vom Bezirksgerichte, wie gesagt, zu zehn Tagen Arrests verurtheilt. Dies war der energische Wahrer des Anstandes und der Frömmigkeit in der Kirche. Zur heutigen Appellverhandlung fand sich Vukovic, der die Berufung angemeldet hatte, nicht ein, obwohl er kurz vorher auf dem Corridor vor dem Gerichtszimmer gesehen worden war.. Der Gerichtshof, unter Vorsitz des Vicepräsidenten Dr. Klissenbauer, wies die Berufung als unbegründet zurück. Wenige Tage darauf war Vukovic, der auch das Adjectiv Edler v. Beregszay führt, abermals angeklagt, und zwar vor dem Strafrichter der Leopoldstadt, Gerichtssecretär Dr. Heberdey, wegen Amtsehrenbeleidigung. Gleichzeitig wurde constatirt, daß gegen ihn eine Untersuchung wegen einer Erpressung schwebe. Am 10. v. M. um halb 3 Uhr Nachts entstand in einem Praterwirthshause, wo der katholische Verein »Hoch Habsburg" ein Costümfest abhielt, zwischen einigen Festtheilnehmern und Vukovic ein Stteit, der sich auch theilweise auf der Sttaße abspielte. Der Wachmann Robert I o r d e wollte Ordnung machen. Da sich ergab, daß, die Streitenden Bekannte waren, stand er hievon ab. Vukovic forderte den Wachmann auf, einen der Männer zu arretiren, was der Wachmann unter Hinweis auf seine Instruction ablehnte. Er bemerkte, Vukovic möge den Herrn wegen Ehrenbeleidigung klagen. Daraufhin ließ sich Vukovic mit dem Wachmanue in einen Wortstreit ein und wurde mit der Arrettrung bedroht. Bukoviv verlangte nun seine Arretirung, und als der Wachmann ihn höflich ersuchte, nach Hause zu gehen, schrie Vukovic: »Nachdem Sie mich nicht arretiren, erkläre ich, daß Sie Ihren Dienst nicht verstehen. Sie werden keine drei Tage mehr bei der Wache sein. So, jetzt habe ich eine Wachebeleidigung begangen, die mich nur zehn Gulden kosten wird. Aber jetzt muffen Sie mich doch arrettren." Jorde forderte Vukovicauf, sich zu legitimiren, und da dieser es nicht that, erhob er dessen Nationale bei dem Obmanne des Vereines »Hoch Habsburg". Die Arretirung Vukovic' wurde jedoch nicht vorgenommen. Der Wachmann Jorde gab an: Vukovic hatte mit vier Herren im Clown-Costüm auf der Straße einen Streit, und er wollte die Masken nicht arretiren, um kein Aufsehen zu erregen. Im Tanzlocale hatte Vukovic, wie der Bereinsobmann ihm erzählte, Streit herbeigeführt. Er wollte im Festcotnits eine Function, und als ihm eine solche nicht zugetheilt wurde, störte er die Ruhe und ohrfeigte (schon wieder!) ein Comitämitglied. Vukovic, bemerkte der Zeuge, wollte den Streit vor dem Polizei-Agenten im Locale austragen. Daraufhin spielte sich der in der Anzeige geschilderte Vorfall ab. Nach durchgeführter Verhandlung trat der Richter den Act dem Landesgerichte zur Einbeziehung in eine dort anhängige Verbrechens-Untersuchung ab. Vukovic hat nämlich vor Kurzem beim Bezirksgerichte Leopoldstadt dem wegen Wachebeleidigung verurteilten Fabrikantenssohn Gustav Hirschfeld unter der Vorspiegelung, er sei Mitarbeiter der Corresondenz »Gerichtshalle", fünf Gulden herausgelockt mit dem Versprechen, er werde die Verurtheilung nicht publiciren. In Folge dieser Affaire ist Vukovic wegen Erpressung in Untersuchung. Mährisch-Oftrau. Die Geschichte des entführten Kindes, welches hier nach neun Monaten bei der Händlerin Brandsilber aufgefunden wurde, wird von dem in Troppau erscheinenden deutsch-radicalen Blatte „Deutsche Wehr", wie nicht anders zu erwarten war, zu antisemitischen Zwecken ausgeschrolet. Das edle Blatt sagt, Frau Brandsilber sei die Witwe nach einem Schächter, welcher erst i n October v. I. gestorben ist, und glaubt ein neues Ritualmordmärchen dichten zu können. Hiezu fehlen alle Voraussetzungen. Zunächst ist kein Zweifel darüber, daß das 2V,jcihrige Kind der Bielitzer Werkmeistersgattin Löffelmann, als diese im Mai v. I. nach Wien gereist war, von einer christlichen Reisebegleiterin entführt und zur Frau Brandsilber gebracht wurde. Man kennt Wch schon so ziemlich die Person aus der Beschreibung der Fra» Löffelmann und der Frau Brandsilber. Man weiß sogar, daß sie Aloisia Marek heißt und sich zwischen Mährisch-Ostrau und Neutitschein herumtreibt. Der Gendarmerie dürfte es bald gelingen, der Abenteurerin habhaft zu werden, und dann - wirdinan erfahren, welchen Zweck sie mit der Entführung des Knaben verfolgt hat. Wahrscheinlich hat sie damit ejne Erpressung oder einen Betrug vollführt. Was aber den verstorbenen Gatten der Frau Brandsilber betrifft, so war er allerdings vor etwa zehn Jahren Schächter in Neudorf bei Mährisch-Ostrau, da ihm jedoch hiezu die Autorisation und die Befähigung fehlte, so wurde ihm vom hiesigen Cultusvorstand das Handwerk schon damals gelegt. Er übersiedelte dann nach Mährisch-Ostrau, und da er kränklich war, so lebte er von dem Gemüse- und Geflügelhandel, den seine Gattin mit Hilfe seiner Tochter betrieb. Im Uebrigen ist der Mangel einer bösen Absicht seitens der Familie Brandsilber dem Kinde gegenüber schon dadurch erwiesen, daß Frau Brandsilber schon im November v. I. im hiesigen Polizeiamte meldete, daß ihr ein fremdes Kind ins Haus gebracht wurde, und bat, man möge das Kind in einem Waisenhause unterbringen. Sie erschien wiederholt im Polizeiamte mit diesem Ersuchen, da sie jedoch weder einen Taufuoch einen Geburtsschein des Kindes mitbringen konnte, wußte der Polizeireferent nicht, was mit dem Kind zu machen sei und glaubte, der armen Frau nicht helfen zu können. Erst als das Kind vorige Woche erkrankt war, ging Frau Braudsilber direct zum Bürgermeisteramt und hier erst kam man auf den Gedanken, daß der kleine Patient das vielgesuchte Bielitzer Kind sein könne. Das Kind ist übrigens jetzt schon ganz gesund und wurde von der Frau Löffelmann nach Bielitz abgeholt. Frau Löffelmann wurde zuvor noch mit der Brandsilber im Gemeindeamte confrontirt, wobei es sich herausstellte, daß beide Frauen einander nicht kennen. Es ist also bewiesen, daß Frau Brandsilber nicht die Entführerin war, und daß sie sich auch einer anderen Person nicht bedient hat, dies geht aus allen anderen ob angeführten Umständen klar hervor. Es wird also den Berufsantisemiten absolut unmöglich sein, diesen Fall zu Gunsten der Ritualmordmärchen auszubeuten. - Prag. (Vortrag.) Im Centralvereine zur Pflege jüdischer Angelegenheiten sprach vor Kurzem Herr Dr. E. W e r n e r aus München über einzelne Partien aus der jüdischen Geschichte der neuen Zeit. Er begann mit einer begeisterten Würdigung Mendelssohn's, des Pionniers der Aufklärung, und definirte die Aufklärung selbst als das Postulat der selbstständigen Neuerwerbung des Wissens durch Nachdenken. Mendelssohn bildet im