Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 12 (22.3.1901)
- Date
- 1901-03-22
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 13 Sette 203 Br. Bloch's WochrnfchrM- Bemerkung über jüdisches Capital weniger befremden, als gerade bei Herrn Holstein. Herr Holstein ist als Großindustrieller selbst Kapitalist und besitzt die Intelligenz und das Berständniß, sich ein Urtheil darüber zu bilden, was eigentlich Capital zu nennen ist und wo und in welchem Besitze sich eigentlich das Capital befindet. Herr Holstein ist Fabrikant von Moll- und Seidenstoffen und dadurch in der Lage, mit jüdischen Kaufleuten kleinen, mittleren und größeren Calibers zu verkehren; da dürfte er wohl die Erfahrung gemacht haben, wie vergänglich alles Irdische ist Die eigene Anschauung dürste Herrn Holstein zur Ueberzeugung geführt haben, daß diese vielbeneideten jüdischen Kaufleute mehr oder minder ein von äußern Glanz und Schimmer wohl umgebenes, innerlich aber kümmerliches Dasein fristen. Es dürfte Herrn Holstein auch weiters bekannt sein, daß diese um ihren angeblichen Reichthum vielumworbenen jüdischen Kaufleute sich von früher Jugend an schinden und plagen und daß das Facit davon im reiferen Alter Armuth und der Bettelstab ist. Nun die andere Seite der Medaille. Im Egerländchen, der Heimat des Abgeordneten Holstein, längs dem Erzgebirge, dem Riesengebirge, Sudetengebirge bis zu den Ausläufern der Karpathen. ' ist eine Unzahl Industrieller ansässig, deren Vermögen nach Millionen zählt. Diese Industriellen sind aber ausschließlich Arier. Die jüdischen Geschäftsleute und Hausirer Böhmens, Mährens, Schlesiens, Ungarns, insbesondere aber die vielverspotteten galizischen und bukowinaischen Händler und Binkelträger haben den obenerwähnten Industriellen Böhmens, Mährens und Schlesiens thatsächlich zu ihren Millionen verholfen. Bon Frühmorgen bis spät in die Nacht sind die jüdischen Hausirer und Händler auf den Beinen, um den arischen Industriellen deren Fabrikat in Betrieb zu setzen. Die jüdischen Händler und Hausirer bleiben dabei nach wie vor arme Leute oder Bettler, die arischen Fabrikanten dagegen befanden sich dabei sehr wohl, sie wurden Millionäre. Herr Holstein ist zufällig auch Präsident des „Creditorenvereines" und dürste Einsicht genommen haben, welch trauriges Los dem jüdischen Kaufmanne nach mehrjähriger Thätigkeit bevorsteht und daß das Ende vom Liede in der Regel der Bettelstab ist, nach dem er greifen muß, wenn sich nicht Kinder oder Verwandte der Versorgung annehmen. Seitens einiger Mitglieder des Creditorenvereines ist wegen dieses Zwischenrufes des Herrn Holstein eine Action beabsichtigt. Wenn man im Egerlande, der Brutstätte des Antisemitismus, zu Haus ist, sich jahraus, jahrein in einem antisemitischen Milieu bewegt, darf es da Wunder nehmen, wenn einem in einem unbewachten Momente eine antisemitische Floskel entschlüpft? Es gibt der gottbegnadeten Menschen eben nur wenige, die im Stande sind, das Borurtheil der Erziehung abzustreifen und das durch Umgang und Gewohnheit und durch böses Beispiel) eingesogene Gift auszuscheiden. Und zu diesen scheint Herr Holstein zu zählen. Sanitätsrath Dr. Neumann in Berlin. hat in der Generalversammlung des Abwehrvereines folgende interessante und auch für uns in Oesterreich wichtige Rede gehalten: Sanitätsrath Dr. N e u m a n n : Der Herr Vorsitzende hat seinen Vortrag mit einem energischen Rechtsprotest geschlossen: nicht blos als liberaler Mann, sondern auch als Christ beanspruche er es als sein Recht und seine Pflicht, gegen die Antisemiten und für die Juden zu kämpfen. Die beiden folgenden Redner, ein Profossor der evangelischen Theologie und ein berühmter Kanzelredner, haben ihren christlichen Standpunkt dargelegt. Es wäre wie Unwahrheit zwischen uns, wenn aus diesem Kreise kein Jude ein Wort des Dankes oder der Entgegnung zu sagen hätte. Da Berufenere schweigen, so ergreife ich das Wort. Im vorigen Jahre mußte ich und gerade von jüdischer Seite schwere Vorwürfe hinnehmen, weil ich gewagt hatt, darauf hinzuweisen, daß unser Verein seinen ursprünglichen, d. h. interconfeffionellen Charakter eingebüßt zu haben scheine, Heute, meine Herren, darf mein erstes Wort ein Dank an den Herrn Vorsitzenden und die beiden Herren Vorredner sein dafür, daß sie im Kampfe gegen den Antisemitismus lediglich ihre Christenpflicht zu erfüllen bestrebt sind. Nun, meine Herren, der Herr Vorsitzende hat nicht blos selbst durch seinen eigenen, ausführlichen Vortrag den Ritualmord zum Thema der heutigen Versammlung gemacht; Herr Professor Strack hat uns außerdem auch roch eine Anzahl von Thesen über den Ritualmord vorgetragen. Auf eine derselben komme ich alsbald noch zurück. Ich habe vor dem orthodoxen Standpunkt und ebenso vor seinem Eifer für die Ehre Christi, wir er solche hier bei uns ausdrücklich bekannt hat, aufrichtige Hochachtung; ich anerkenne ohne jeden Rückhalt und als Jude auch mit Dank, daß seine Arbeit über den Ritualmord aus der reinsten Absicht entsprungen und nur der Wahrheit gewidmet ist. Aber bei dem Ritualmord darf nicht mehr die Schuld oder Unschuld der Juden in Frage kommen, diese Frage ist längst entschieden. In Wahrheit handelt es sich lediglich um die Ehre des Christenthums und der Kirche. Ich würde den Ausspruch, den ich zu thun im Begriff bin, an dieser Stelle vielleicht unterlassen, wenn ich mich blos auf meine Ueberzeugung berufen müßte; „der jüdische Ritualmord ist lediglich eine christliche Lüge", so lautet das Urtheil Luthe r's, das hat e b e n s o vor 200 Jahren Johann Christoph Wagenseil, ich glaube, auch Professor der evangelischen Theologie, jedenfalls ein heftiger Antisemit, wie zugleich eifriger Judenbekehrer bezeugt. Sie können es auf der ersten Seite seiner „Unwidersprechlichen Widerlegung der entsetzlichen Unwahrheit"*) lesen, wie „dem Glaubensbekenntniß" durch diese Lüge ein „Schandfleck" angeheftet wird. Das führt mich zu den Bemerkungen, die der zweite evangelische Vorredner, Herr Pastor Schmeidler, über die Taufen gemacht hat. Die Taufen seien plötzlich im Jahre 1878 — in der Hochfluth des Antisemitismus — seltener geworden, weil die Täuflinge es nicht so leicht überwinden konnten, gerade in solcher Zeit ihre bisherigen Glaubensgenossen zu verlassen. Herr Schmeidler wollte damit, so glaube ich ihn verstehen zu sollen, die jüdischen Täuflinge loben. Nun, das führt mich wieder zum Ritualmord: Wagenseil, in seiner Abhandlung über die Lüge des Trientiner Ritualmordes, sagt es einfach, aber derb, wie solche Lügen und Unwahrheiten, mit denen man die Juden belegt, es bewirken müssen, daß sie vor der Religion der Christen einen Abs ch e u haben. Damit die Taufpraxis in unserer gegenwärtigen Zeit zu vergleichen, muß ich mir natürlich hier versagen : aber ich hätte nur die Hälfte der Wahrheit gesagt, n enn ich über das so viel genannte und so weit verbreitete Buch von Herrn Professor Strack: »Das Blut im Glauben und Aberglauben der Menschheit" nicht noch sagte, was ich auf dem Herzen habe; es zu sagen, wird mir um so leichter und wird mir durch seine Anwesenheit zur Pflicht. Herr Professor Strack hat sich durch die thatsächliche Darstellung und unbefangene Kritik der sogenannten historischen Fälle von Ritualmord um die Wahrheit wohl verdient gemacht, er hat der Lüge keinen Raum gelassen und er hat sich sicherlich in der Geschichte eine dauernde Stelle erworben. Dagegen muß seine Theorie vom Blutaberglauben als ein Jrrthum entschieden bekämpft werden. Der berühmte Judenmissionar Biesenthal hat vor sechzig Jahren, als die Damaskusaffaire die Welt bewegte, es aller Welt klar gemacht, so klar, daß es von Niemandem mißverstanden werden kann, wie die erste Anklage wegen Ritualmordes in der Geschichte von den Römern gegen die Christen erhoben worden ist. So wenig wie die Psychologie, liefert die Geschichte irgend welchen Anhalt für diese Aberglaubensthorie. Das ergibt sich am leichtesten und unwiderleglich aus dem Buche von Herrn Strack selbst. Gewiß, Herr Strack hat mit seiner Theorie vom Blutaberglauben die Ankläger treffen wollen — in Wirklichkeit ist mit dem Blutaberglauben ein Stichwort geschaffen worden, das Böswilligen zur Beschönigung dient, oder Leichtgläubige oder Unverständige irre führt. Ich beschränke mich, auf Könitz hinzuweisen und will nur ein und das andere Beispiel aus dem Kreise der Gebildeten und Autoritativen hervorheben. Der Konitzer Landrath hat — so wenigstens ist es in der Presse mitgetheilt worden — in einer Versammlung ausdrücklich erklärt, für seine Konitzer Juden stehe er ein, diese hätten die Mordthat nicht begangen, wohl aber erachte er es für möglich, oder gar wahrscheinlich, daß fremde Juden aus A b e r g l a u b e n die Mörder seien. In der gelegentlich der Todtenfeier für den Er- *) Der ausführliche Titel lautet: „Unwidersprechliche Widerlegung der entsetzlichen Unwahrheit, daß die Juden zu ihrer Bedürfniß Christenblut haben müssen, welche soviel tausend dieser unschuldigen Leute um Haab, Gut, Leib und Leben gebracht, Leipzig 1705 Auf derselben Se te (129) wie die W a g e n s e i l'schen Citate befindet sich der Ausspruch Luther's: „Aber nun wir sie (die Juden) mit Gewalt treiben, und gehen mit LügentHeizungen um, geben ihnen Schuld, sie müssen Christenblut haben, daß sie nicht stinken, und weiß nicht was des Narrenwerks mehr ist, daß man sie gleich für Hunde hält, was sollten wir guts an ihnen schaffen?"