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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-03-22 · 12 (22.3.1901) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
12 (22.3.1901)
Date
1901-03-22
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Sette 202 Vr. Bloch's Wochrnschrifk, Str. 13 gewöhnlicher Supplicant nach langwierigen Unterhandlungen, bei denen es mehr als ein Opfer des Intellektes gekostet haben mochte, bei der «Juden- und Rothschildbahn" eine Tariferinäßigung für Gaskohle, die dem Budget der Gasanstalt die verhältnißmäßig namhafte Erleichterung von 200.000 fl. jährlich brachte. Ist es bloßer Zufall oder ist es ein Ausfluß antisemitischer Dankbarkeit, daß der Präsident des Verivaltungsrathes der Kaiser Ferdinands-Itordbahn, von der man nahezu kniefällig eine Bonification in verhältnißmäßig großem Betrage erbettelte, und der Präsident des »Philanthropischen Vereines", den man in wenig taktvoller Weise die Thüre vor derNafe schloß, in der Person identisch sind! Wem antisemitische Undankbarkeit befremdlich erscheint, ist ein sonderbarer Schwärmer, der verdient, nach Arcadien in wohlverdienten Ruhestand versetzt zu werden Eduard Beer. Wiener Herren. Herr Gregorig ist ein einflußreicher Mann im Wiener Bezirksschulrath. Er, eines der ungebildetsten, schulfeindlichsten und unintelligentesten Mitglieder der Partei entscheidet dort über Wohl und Wehe der Lehrpersonen, belohnt und bestraft nach seinem Gutdünken, „erzieht" die Lehrer zur christlichsocialen Weltanschauung In einer der letzten Sitzungen dieser Körperschaft hat Herr Gregorig über das Ansuchen eines kranken Lehrers um Krankenaushilfe folgendermaßen referirt: Er — der Lehrer hat über den Bürgermeister und den Gemeinderath geschimpft. Darum kriegt er nichts! Darauf replicirte ein Bezirksschulrath ganz richtig, indem er darauf hinwies, in den Acten, die ja allein maßgebend seien, stehe nichts Nachtheiliges über den betreffenden Lehrer, und weiters Herrn Gregorig fragte, woher er von einem Vergehen des Lehrers etwas wisse. Abgeordneter Seitz ries hier dazwischen: „Von seinen Spitzeln!" Da stand Herr Gregorig auf, hob die rechte Hand und stürzte mit der Absicht, den Zwischenrufer Eine „herunterzuhauen", auf den Abgeordneten Seitz los. Die Anwesenden legten sich ins Mittel, und der christlichsociale Schuldirektor G u g l e r suchte auf Herrn Gregorig dadurch besänftigend einzuwirken, daß er ihm zurief: „Kommen Sie, Herr Gregorig, beschmutzen Sie sich nicht an dem da." Es folgte eine aufgeregte Scene mit Zwischenrufen hinüber und herüber und die Folge ist, daß eine Disciplinar-Untersuchung eingeleitet wurde. Gegen wen? Gegen — den Abgeordneten Sech! Die Actio» gegen das Hausir- und Agentenwesen. Alle rückschrittlichen Parteien, in erster Linie die christlichsociale, haben das Verlangen, ihren Wählern ein Osterei zu bringen. Schöne Seelen finden sich immer zusammen, namentlich wenn es gilt, eine Action einzuleiten, deren Spitze gegen die Juden gerichtet ist. Uud so' war es auch die erste That des von der Obstruction heimgesuchten und deroutirten Abgeordnetenhauses des Reichsrathes, den berüchtigten Antrag auf Abänderung der berüchtigten §§ 59 und HO der Gewerbeordnung ohne jede Debatte dem Gewerbeausschusse zur Vorberathung zuzuweisen, ohne daß ein Widerspruch seftens der fortschrittlichen Parteien dagegen erhoben worden wäre. Die erwähnten beiden Paragraphen bezwecken nämlich die Drosselung des Agentenwesens und die gänzliche Vernichtung der Hausirer. Die antisemitischen und andere mit ihnen liirte Fractionen des Abgeordnetenhauses sind bekanntlich von dem Wahne befangen, daß Agenten und Hausirer mit Juden identisch sind, und übersehen dabei, daß die Juden in diesen beiden kaum beneidenswerthen Erwerbsclassen relativ und absolut die Minderzahl bilden. Es handelt sich hiebei offenbar nur um agitatorische und parteipolitische Zwecke. Man will den Wählern mit einer That kämmen und Ihnen etwelche materiell todtgeschlagene Juden auf dem Präsentirteller bringen. Man ist in den erwähnten Kreisen sich dessen wohl bewußt, daß mft der neuesten Ergänzung der Gewerbeordnung ebensowenig eine Hilfe für die darniederliegenden Gewerbe geschaffen werden wird, als mit der seinerzeitigen Einführung des Befähigungsnachweises, welch letzterer zu einem Kampfe des Einzelnen gegen Alle, und Aller gegen Alle geführt hat. Auf der Wahlstatt dieser Kämpfe blieben nicht nur jüdische, sondern in der großen Mehrzahl auch arische Existenzen. Sollte gegen alles Erwarten der Antrag auf Abänderung der §§ 59 und 60 der Gewerbeordnung Gesetzeskraft erlangen, so werden hiebei nicht nur Juden, sondern weit mehr Arier die Leidtragenden bilden. Diese Ueberzeugung steht bei allen denjenigen fest, die mit einem Feuereifer, der einer besseren Sache werth wäre, für die neueste Action ans Werk gehen, aber man opfert mit frivoler Brutalität, mü chnischem Gleichmuth Tausende von Existenzen, wenn nur eine kleine Zahl jüdischer sich darunter befindet. Der Sachlage nach wird der Entwurf der Gewerbegesetz-Novelle in dieser Session kaum zur Berathung gelangen. Allein es dürste sich empfehlen, sich vorzusehen und sich von Zwischenfällen nicht überraschen zu lassen Die Gruppirung im Abgeordnetenhause ist derart, daß alle gegen die Juden gerichteten Actionen als Compensationsobjecte ausersehen werden. Früher oder später dürsten die gegen die Agenten und Hausirer gerichteten Drangsalirungen doch Gesetzeskraft erlangen, daher alle diejenigen, die hievon in ihrem Erwerbszweige Einbuße erleiden sich bei Zeiten vorzusehen haben würden. Eduard Beer. Sigl und fern Bertheidiger. Das »Deutsche Bolksblatt" -ries jüngsthin Herrn Doctor Sigl als den »ältesten Antisemiten". In der Monatsschrift »Im deutschen Reich" finden wir folgendes Eingesendet: Vor kurzer Zeit stand der Redacteur des „Bayerischen Vaterlandes", der Juden- und Preußenfresser Dr. jur. Sigl, von einer seiner früheren Köchinnen wegen Vaterschaft und Alimentation verklagt, vor dem hiesigen Amtsgericht I. Sein Rechtsbeistand war der hiesige jüdische Rechtsanwalt Doctor Bernheim., Soll man sich mehr darüber wundern, daß Doctor Sigl sich als Rechtsbeistand einen Juden wählte, oder mehr darüber, daß sich ein jüdischer Rechtsanwalt gefunden hat, der bereit war, Dr. Sigl zu vertreten?! München. I. G. Goethe und die Juden. Die Leser der »Ostdeutschen Rundschau" dürften ein erstauntes Gesicht gemacht haben, als sie in ihrem dem Racenantisemitismus bis zur Bewußtlosigkeit stöhnenden Leibblatte vor einigen Tagen die schwungvolle Anpreisung eines Buches fanden, dessen Autor — Hermann L e v i heißt. Da hieß es unter Anderem: »Gedanken aus Goethe's Werken". Gesammelt von Hermann L e v i — Hermann Levi. der edle Mann und vortreffliche Musiker, den Richard Wagner für die Orchefterleitung seines „Parsifal" auserlesen hattes hinterläßt uns hier ein zweites Denkmal seiner genauen und liebevollen Kenntniß deutscher Literatur. Die bei Cotta im vergangenen Sommer erschienenen »Gesammelten Erzählungen und Märchen von Goethe" habe ich hier schon warm empfohlen; das Buch dürfte in keinem deutschen Hause fehlen, denn es bringt Perlen ans Tageslicht, welche sonst unbeachtet in Tiefen ruhen, wo die meisten unter uns — leider — wenig oder gar nicht heimisch sind". Es ist eine Liebesthat, ein Geschenk. Die Werke, die ein Jeder liest, weil die träge Sitte ist in das eurrieuluni einer angeblichen »Bildung" ausgenommen hat, läßt Levi unberücksichtigt. Was sollen uns Worte aus Faust und Tasso, die Jedermann auswendig kennt und die dadurch die anregende Kraft des unerwarteten Ausdrucks eingebüßt haben. Die weniger gelesenen Schriften und die einem größeren Publ cum völlig unbekannten Briefe sind seine Hauptquelle. Dazu kommt mancher Vers, der zu tief war, um bisher volksthümlich zu werden. Niemand' kann dieses Büchlein in die Hand nehmen, ohne zu staunen über den Reichthum und die Tiefe dieses erhabensten aller deutschen Männer; Niemand wird dieses Büchlein täglich in die Hand nehmen, ohne selber weiser und besser zu werden. Bedauern wird Mancher mit mir, daß man den 365 Sprüchen nicht den Charafter des Abreißkalenders gelassen und auf 365 Seiten gedruckt hat, mit dem Datum in deutlichen Lettern. Ko wäre ein sanfter Zwang entstanden, sich jeden Tag einen Spruch in's Gedächtniß einzuprägen, während man jetzt blättert und Gefahr läuft, zerstreut zu werden, wo gerade ernste Sammlung bezweckt war. Ich möchte ratyen, sich die Tage am Rande zu merken. Bedauern muß ich auch, daß die sogenannten naturwissenschaftlichen Schriften so gut wie gar nicht herangezogen sind; dieser Schatz bleibt ungehoben und doch ist Keiner in dem fast unübersehbaren Vermachtniß reicher und Keinem kommt so sehr die Bedeutung eines Samens für zukünftige Ernte zu. Doch, was sollen solche Einwände? Kein Einzelner vermag es, den Goethe'schen Geist zu umspannen. Was Levi uns hier bietet, ist reiche Nahrung für ein ganzes Jahr. Unergründliche Tiefe der Gedanken, hinreißende Schönheit des Ausdruckes: sie blicken, uns von jeder Seite an. Möchte dieser Blick nicht stumm bleiben, das heißt, nicht tauben Ohren begegnen, Menschen, welche sehen, doch gleich weiter eilen, ohne daß ein Klang in ihrer Seele weiter hallt. Ehre dem Volke, das einen Goethe gebären konnte! Doch jede Ehre umschließt als ihr inneres Leben die Pflicht. Und man schlage hier S. 84 nach, was der" Dichter der Deutschen ihnen zuruft: Was bringt in Schulden? Harren und Dulden! Was macht gewinnen? Nicht lange besinnen! Was bringt zu Ehren? Sich wehren! Houston Stewart C h a m b e r l a i n. „Jüdisches Capital". Bei einer die Erbauung der Tauernbahn betreffenden Debatte hat der Abgeordnete Holstein sich den Zwischenruf geleistet »Jüdisches Capital". Bei niemandem andern würde die

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