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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-03-22 · 12 (22.3.1901) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
12 (22.3.1901)
Date
1901-03-22
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 13 Br. Vloch's Wortzrnschrifr. Sette sor von der praktischen Seite dieses Berufes, und zudem fehlte es an der Einrichtung zur Heranbildung, zur Verwendung und zu dauernder Versorgung. Das soll jetzt neu geschaffen werden. Man muß also erst abwarten, wie sich auf dieser Grundlage die Anmeldungen gestalten und die Angemeldeten verhalten werden, wenn nicht nur ihnen, sondern der ganzen Bevölkerung eine vollständig von der bisherigen Beurtheilung der „Wärterin" verschiedene Darstellung der Pflegerin und deren socialer Situation zur Erkenntniß kommt. In anderen Städten hat sich diese Wandlung bereits vollzogen und hat die günstigsten Resultate gezeitigt. Und wenn man dennoch im Zweifel beharrt, so können wir mit einem stärkeren Argument kommen, um ihn zu besiegen: Es haben sich schon Frauen und Mädchen gemeldet, die den inneren Beruf haben und den äußeren sich aneignen wollen! Den Aengstlichen, die vor den Kosten zurückschrecken, möchten wir sagen, daß auch sie sich eine falsche Vorstellung machen. Der Anfang soll , nd muß ein kleiner sein. Es darf nicht gleich eine „große Anstalt" geschaffen werden. Es pll nun zuerst eine kleine, aber richtige Organisation vorbereitet werden. Es genügt zum Beginne eine kleine Zahl von Personen, aber gleich von Anfang an müssen die zweckmäßigsten Einrichtungen getroffen werden und schrittweise muß die Ausgestaltung vor sich gehen, damit nichts überstürzt, nichts im Keime verdorben werde, damit das Pflänzlein nicht an der Wurzel erkranke, das Bäumlein keine schiefe Richtung erhalte. Und darum wird man auch mit den Kosten nicht gleich verschwenderisch zu Werke gehen. Aber Eines wird man haben müssen; Liebe zur Sache einerseits, .Vertrauen in die Sache anderseits, und daß es daran nicht fehlen wird, ist unsere vollste Ueberzeugung. A. Wiener. Vom Jahrmarkt des Lebens. Großfürst Sergius und Redakteur Suworin. Fast zur selben Stunde, in welcher in Moskau eine nach Tausenden zählende Menge dem Großfürsten unter tobendem Lärm die Fenster einwarf — man höre und staune, einem Großfürsten! — und einen Steinregen auf sein Haus mederprasseln li ß, hat eine andere Menge in der kaiserlichen Residenz dem allgemein verhaßten Chefredacteur der „Nowoje Wremja", Herrn Suworin. eine Katzenmusik dargebracht, und so wie der Herr Redacteur sich nicht auf die Gasie wagte, weil er den Zorn der von ihm beleidigten Studenten fürchtete, so blieb auch Großfürst Sergius einige Tage zu Hause, um sich der Moskauer Bevölkerung nicht zu zeigen, die ihn geradeso liebt, wie die Petersburger den Suworin. Nemesis der Geschichte! Des Großfürsten Sergius erste That, als er das General-Gouverneur-Amt von Moskau antrat, war — eine Judenverfolgung! Er verjagte brave jüdische Arbeiter von dem Werke, an dem sie beschäftigt waren, er ließ die Synagoge sperren, er ordnete die Vertreibung der Juden an, die sich angeblich „unberechtigt" im heiligen Moskau anfhielten. Moskau sollte rein von Andersgläubigen sein — blos die Rechtgläubigen sollten in seiner Nähe athmen. Der Großfürst selbst bekommt jetzt die Resultate dieser Volkserziehmkg zu verkosten. Mit dem humanen Sinn des Kaisers Nikolaus II. stehen die Judenverfolgungen in Widerspruch, und es soll zur Ehre dieses Kaisers gesagt werden, daß während seiner Herrschaft sich keine der brutalen Scenen ereignet hat, welche die Seiten der russischen Geschichte mit Haß und Verfolgung, mit Raub und Mord beflecken. Auch die Judenverfolgungen in Moskau haben sich lange vor dem Regierungsantritt Nikolaus II. ereignet. Was jetzt die Menge so aufreizte, daß sie selbst einem Großfürsten die rohe Volksgewalt zu erkennen gab, war nicht, wie es sonst in Rußland üblich ist, ein arrangirter Angriff, sondern endlich einmal eine ethische Erregung. Nicht als ob wir Volksaufstände billigten, wir wissen, daß die losgelaffene Menge keine Grenzen kennt. Aber es war diesmal doch der Aufschrei eines getretenen Volkes. Die brutale Gewalt war von den Behörden ausgegangen und an den Kindem des Volkes, den Studenten, geübt worden. Diese künftigen Beamten, Lehrer, Aerzte, Rechtsanwälte werden von knechtischen Vorgesetzten mißhandelt und sclavenmäßiger Disciplin unterworfen; von der Polizei mit Stöcken und Peitschen geschlagen; zu Hunderten in die chinesischen Garnisonen verschickt. Gegen dieses barbarische Verfahren bäumt sich das Gefühl der Bevölkerung auf. Kaiser Nicolaus II. hat zu wiederholten Malen kundgegeben, daß er für dre Studenten wohlwollende Empfindungen hegt, er hat sie sogar m Schutz genommen, der Widerstand kann sich also gar nicht gegen den kaiserlichen Willen richten. Aber die Organe der Verwaltung traktiren die Studenten in der unbarmherzigsten Weise, und das sonst so geduldige russische Volk findet diese Behandlung unerträglich. Tausende wagen nicht nur Besitz und Freiheit, sondern sie setzen ihr Leben aufs Spiel, nur um zu demonstriren. Ein praktisches Ziel erreichen sie ja doch nicht. Mehr wie je wird die Gewalt ihre „Autorität" geltend machen und wehe den Verhafteten! Auch die Demonstration gegen Suworin hat gleichen Ursprung. Mit Suworin dem Judenhasser, dem Hetzer gegen den europäischen Frieden, dem Handlanger für jede volksfeindliche Maßregel haben wir heute nichts zu schaffen. Er tritt nunmehr nur als Studentenfeind in den Vordergrund. Während der Kaiser Milde für die Studenten gebot, hatte die „Nowoje Wremja" nicht blos Hohn und Spott für die Universitätsjugend, sondern sie machte sich zu » Organ der wüthendsten Studentenverfolgung. Anständige russische Streife gaben nicht nur das Abonnement dieses Schmutzblattes auf, sondern es machte sich eine lebhafte Bewegung geltend, dasselbe immer mehr vom Verkehr auszuschließen. Es war also nur sehr begreiflich, daß die Kundgebung der Studentenschaft, die Herrn Suworin am 25. Jahrestage seiner Redactionsführung ihre Verachtung öffentlich bezeigte, nicht vereinzelt blieb, sondern daß sich ihr Tausende von Petersburger Bürgern anschlossen. Die Polizei hat selbstverständlich diese Kundgebung auch unterdrückt. Aber die Thatsache bleibt doch in der Geschichte verzeichnet und so ganz ohne Einfluß wird sie doch nicht bleiben. JvanAbramowitsch. Der Boyeott gegen den Philanthropischen Verein in Wien. Seit einer langen Reihe von Jahren besteht in Wien der „Philanthropische Verein". Von der Existenz dieses Vereines dürste nur die unendliche Zahl der Bittsteller Kenntniß haben, die bei demselben um eine Unterstützung oder Aushilfe ansuchen. Die Zahl der Mitglieder dieses Vereines ist eine sehr beschräntte, trotzdem an ungefähr 200 000 K jährlich zu wohlthätigen Zwecken in der verschiedensten Form und Weise zur Verwendung gelangen. Es ist ein öffentliches Geheimniß. daß der „Philanthropische Verein" ad hoc gegründet worden und die Gründung des Vereines dem Umstande zu verdanken ist, daß hochherzigen Menschenfteunden die Möglichkeit geboten werden sollte, pseudonym die Uebung von Wohlthun zu ermöglichen. Ebenso ist es ein öffentliches Geheimniß, daß zu den hervorragendsten Mitgliedern des „Philanthropischen Vereines" die Wiener Häuser Rothschild und G u t m a n n zählen, die nahezu den größten Theil des Vereins-Etats bestretten. Als Präsident des Vereines fungirt ein hochherziger Wiener Cavalier, Markgraf Alexander P a l l a v i c i n i. der mit einer in der Gegenwart seltenen Aufopferungsfähigkeit die schönen Ziele und hehren Zwecke des Vereines fördert. Im Hinblick auf die edle Tendenz wurde diesem Vereine unter dem früher liberalen Regime ein Local im neuerbauten Rathhause angewiesen. Man kann sich die Ueberraschung der Leitung des Philanthropischen Vereines vorstellen, die ihr dadurch bereitet wurde, daß sie angewiesen wurde, das Vereinslocal binnen 14 Tagen zu räumen. Nicht die materielle Seite des Arles kommt in Betracht, sondern der moralische Effect und die inhumane Tendenz Man geht wohl nicht fehl, die Schroffheit, die in der Ausweisung aus den „heiligen Hallen" des Magistrates liegt, auf die antisemitische Strömung zurückzuführen, die in alle Poren dringt. Den dem „Philanthropischen Vereine" Fernstehenden dürfte glaublich erscheinen. daß derselbe philosemitische Zwecke verfolge; dem ist aber durchaus nicht so. Es ist richtig, daß die Vereinsbeiträge zum allergrößten Theile von jüdischen Mitgliedern geleistet werden; ebenso unbeftriiten ist es. daß der „Philanthropische Verein" ein interconfessioneller ist, was mit anderen Worten heißen will, daß er bei Gewährung von Unterstützungen bei den Bittstellern einen Unterschied in der Confession nicht macht. Es ist aber nothwendig, zu constatiren, daß sich der „Philanthropische Verein" der größten Objectivität befleißigt. Diese Objectivität besteht darin, daß mit Peinlichkeit darauf Bedacht genommen wird, jüdische und arische Supplicanten nach dem Percentsoche der Bevölkerung zu berücksichttgen. Es ergibt sich daraus, daß der Löwenantheil von den zur Vertheilung gelangenden 200.000 K. arischen Bittstellern zufällt, während die jüdischen Bedürftigen sich mit einem minimalen Antheile zufrieden geben müssen. Die Ausweisung des „Philanthropischen Vereines" aus seinem Heim kann daher nicht damit motivirt werden, daß er ein „Juden-Unterstützungsverein" ist. Den Machthabern im Rathhause dürste es vielmehr ein Dorn im Auge sein, daß der Vereinspräfident Markgraf Pallavicini und der Vereins-Vicepräsident Dr. Daum es bisher hartnäckig unterlassen haben, sich auf die antisemitische Fahne einschwören zu lassen. Bei dieser Gelegenheit ist es wohl am Platze, eine Episode in Erinnerung zu bringen, die bereits der Vergessenheit anheimgefallen ist: Als vor Jahren settens der antisemitischen Mehrheit des Wiener Gemeinderathes der Beschluß gefaßt wurde, der englischen Gas-Gesellschaft den Garaus zu machen und eine eigene communale Gasanstalt zu errichten, konnte man sich der Thatsache nicht verschließen, daß die Commune mit diesem Beschlüsse ein schlüpfriges Terrain betreten hat und daß als Consequenz hievon arge materielle Verlegenheiten unvermeidlich sein werden. Das antisemitische Gemeinderathspräfidium betrat nun den Weg nach Canossa und erwirtte als ganz

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