Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 12 (22.3.1901)
- Date
- 1901-03-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 198 Dr. Vloch's Wochrnfchrist. Nr. 13 ausgeht, da es sich um die religiösen Empfindungen einerS consessiouellen Mehrheit handelt, findet man sie gerechtfertigt^ Wir erklären uugescheut, daß auch wir, sowohl vonN Gesichtspuukt der religiösen Duldung, als auch von jenem^ der Helligkeit des Gesetzes, eine solche Beschränkung, — nichts der parlamentarischen Freiheit, sondern der parlamentarischen^ Zügellosigkeit, für begründet erachten. Aber was dem Einen recht ist, muß dem Andern billig sein! Und wir sind der Meinung, daß der Schutz der religiösen Empfindungen allen Coufessiouen in gleichem Maße gewährt werden müsse und daß man nicht gleichmüthig den Juden gegenüber dulden dürfe, was mau den Katholiken gegenüber verdammt. In der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 13. März brachten die Abgeordneten Breznovsky und Genossen eine Interpellation an den Justizmiuister wegen der Confiscation einer czechischen Broschüre ein, die den Titel führt: „Ein Rabbiner gegen die Gojim." Diese Broschüre ist ein jämmerliches antisemitisches Machwerk. Die Fälschung ist aus jeder Zelle ersichtlich. Sie enthält die angebliche Rede eines Rabbiners, in welcher den „Brüdern in Israel" — aus dieser einen Wendung allein ist schon die dummdreiste Fälschung sofort zu erkennen — der Rath gegeben wird, sich aller ertragreichen Fonde, aller industrieller Unternehmungen, der Laudwirthschaft, der Presse, der öffentlichen Aemter, des Uuterrichtes, der Advocatur, der Börse rc. zu bemächtigen, die Einführung der Mischehe, den gesellschaftlichen Umsturz, die Entzweiung der Völker anzustreben, um so die Weltherrschaft Israels aufzurichten und die Andersgläubigen umso sicherer zu unterdrücken. Alle jene Lügen, mit welchen die teuflische Boshell der Autisemiten die Juden zu den schlimmsten Feinden des Staates und der christlichen Nationen zu stempeln sucht, werden in dieser literarischen Büberei einem ungenannten Rabbiner in den Mund gelegt. Die Broschüre bedeutet uns iusoferue einen Fortschritt, als hier nur ein Anonymus als Zeuge für die staats- und gesellschaftsfeindlichen Bestrebungen der Juden angerufen wird, während man m früheren Fallen feile jüdische Convertllen dazu gebrauchte oder einen exotischen Namen, wie jenen des „Rabbi Moldavo" zu diesem Zwecke erfand. Durch die Interpellation des Herrn Breznovsky ist dieses erbärmliche Pamphlet immunisirt worden. Wir bitten, das Datum zu beachten. Sie wurde vollinhaltlich am 13. März verlesen, lauge nachdem der Präsident Graf Vetter aus dem Titel der Schonung religiöser Empfindungen für sich das Recht der Unterdrückung anstößiger Stellen reclamirt hatte. Der Präsident ist also in einem Falle, wo es sich „nur" um die Juden handelte, einem feierlich verkündeten Grundsätze, den er mit zäher Beharrlichkell verfochten hat, untreu geworden. Aber nicht der Präsident Mein hat eine bedauerliche Jncousequenz begangen. Unter all' jenen frommen Herren, dre so entschieden für den Schutz der religiösen Empfindungen eingetreten sind, rührte sich Niemand, um gegen diese Beleidigung der religiösen Empfindungen der Inden sein Wort zu erheben. Von den Christlich-Socialen wollen wir nicht sprechen. Aber wo waren die Polen, wo die Deutsch-Couservativen, die sich über die Entstellung der Lehren des heiligen Liguori so sehr entrüsteten, als diese schamlose Fälschung zur Verlesung gelangtes Wie können sie für chren eigenen Glauben Ehrerbietung verlangen, wenn sie den Glauben einer anderen, staatlich anerkannten Religiousgesellschast derart besudeln und mit Füßen treten lassen? Haben sie denn nicht bedacht, daß sie mit der Duldung solcher Niedertracht ein Präjudiz schaffen, auf das sich die „Los von Rom"-Leute bei nächster Gelegenheit berufen können? Die religiösen Empfindungen der Herren Graf Vetter, Graf Wodzicki und Dr. Kathrein in Ehreu, aber wenn sie es als ihren Beruf ansehen, die Religion zu schützen, dann mögen sie diesen gewiß edlen Beruf auch Andersgläubigen gegenüber üben. > „Des Buben Steinwurf." I Von Dr. M. Hoffmann, Hof- und Gerichtsadvocat in Wien. i Hinc illae lacrimae! Also daher die Thränen! Weil ich rin meinem schweren Kampfe — nicht gegen den Zionismus, ^sondern gegen oie Führung desselben — gegen den Gottes- und ^Religionsverächter Dr. Nocvau und gegen den ihm „in gesinnungsgenöffischer Treue und Dankbarkeit ergebenen" Dr. Herzl es gewagt habe, diesen Herren und ihren Wortführern „den Weg ms Curatorium der Baron Hirfch'schen Stiftung zu verlegen", darum weint Herr Professor Dr. Leon Kellner, der diesen dornenvollen Weg zu wandeln schon erwählt, wenn auch nicht berufen schien. Darum vergießt er heiße Thränen, darum steigt in ihm dre Erinnerung an jenen fremden Christenbuben auf, der ihm in semer Jugend einen Stein nachgeworfen, trotzdem er ihn niemals kannte, und seine Phantasie zaubert ihm das Bild der Mutter vor und er gedenkt heute ihrer damals gesprochenen klugen Worte. Die Geschichte ist gewiß sehr rührend und hat ihre Wirkung auch auf mich nicht verfehlt. Umsomehr, als ich selber jüngsthin Zeuge eines solchen Geschehnisses war, welches mir in die Seele schnitt; ich habe sehen müssen, wie ein Junge Steine geworfen, — nicht gegen einen Gymnasialcollegen, sondern gegen die eigene Mutrer — leider war es kein Cyristenknabe, der so Schmähliches verübte, sondern ein Sohn des Judenthums, und das arme greise Mütterlein ist unser unglückliches Volk. Ist der Schimpf, welchen Herr N o r d a u unfern Vätern im Grabe zugeschleudert, .sie hätten die Gleichberechtigung „erkrochen und er-. schlichen", „erwinsett und erbettelt" unter fatschen Vorspiegelungen erschwindelt — nicht ein Steinwurf gegen die Mutter? Sind solche unserer armen gemeinsamen Mutter hinterrücks nachgeworfene Steine nicht weit mehr geeignet, uns brennenden Schmerz in der Seele zu wecken und nicht etwa Thränen einer Jugendremimscenz, die dato versiegen, sondern, wie dem Propheten Bäche von Thränen unseren Augen entquillen zu lassen. Ja, so lange Ihr für diesen unserer Mutter zugesügten Unglimpf, für diesen Frevel nicht eine eclatante öffentliche Sühne geboten, so lange Ihr unter der Führung eines Max N o r d a u einyerschreitet, wird das brennende Brandmal auf Eurer Stirne flammen. Als Max Nordau — der die Verwegenheit hatte, unser ganzes jüdisches Schriftthum, vor Allem die Bibel, zu schmähen, als mtnoerwerthig gegenüber allen Geisteserzeugnissen anderer Völker hinzustellen, der die jüdische Moral eine „empörende" nennt und die Frage stellt, ob es denn überhaupt wahr sei, daß unsere heutige Moral mit ihren Begriffen von Gut und Böse eine Erfindung der Juden sei, der solcherart den hehreu Kranz vom Haupte unserer schmerzensreichen, gramgebeugten Mutter reißt, um ihn muthwillig m den Staub zu treten, — als dieser Herr den Versuch unternahm, die Führung des jüdischen Volkes an sich zu reißen, — wo waren Sie da, Herr Professor Kellner, um als treuer Sohn des Judenthums für die von ihm verunglimpfte und geschmähte Mutter einzutreten? Tragen Sie als Parteimann nicht mtt die schwere Last der Verantwortung für solche Blasphemien, solche Verhöhnung unseres Volkes, seines Gottes und seiner Religion? Wer sündigt mehr? Ich, der ich mitten aus meinem Volke frei und unabhängig, kein Parteimann und kein „Lohnschrelber", aus reiner Begeisterung, nur aus warmen jüdischen Empfinden hervorgetreten bin, um ganz allein den Kampf gegen jenen Mutterverächter zu führen, — oder. der, der ihn und ferne ihm „in gesinnungsgenöffischer Treue und Dankbarkeit ergebenen Freunde" vertheidigt? Welche Thorheit, welch lächerliche Verblendung, daß Ihres wagt, mich jetzt vor em I n q ui f it i o n s tr i b u n a l Eurer Partei zu citiren! Ernstlich bildet Ihr Euch ein, es könnte der Gewaltthätigkeit auch das gelingen, den Aufschrei des empörten Gewissens zu unterdrücken, die Strmme der Wahrheit zum Schweigen zu bringen. „Sie verschlucken Kameele und seihen Mücken durch"; — dieses uralte Wort erfährt doch täglich neue Bekräftigung. Die schweren und furchtbaren Anklagen, welche ich in einer Reihe von Artikeln gegen Max Nordau und die Parteileitung der politischen Zionisten vor der Oeffentlichkeit erhoben, haben die Betroffenen über sich ergehen lassen ohne Erwiderung, die h at das Aetionscomitö ruhig verschluckt. Der blos episodische Versuch aber, den Schleier von den Zielen und Absichten der unwürdigen,