Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 12 (22.3.1901)
- Date
- 1901-03-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. tt Dr. Bloch S Jahrgang XVIII. emi Tentrslorgsn für die gefsmmlen Interessen des Iudenthums. Wien, 22. Mär; 1901. Erscheint jeden Freitag. -4-«—^- Bricf-Adreffe: Wien, IX/1, Berggaffe 39. Tcleyromm-Adresse: Bloches Wochenschrift, Wie«. 3K-- -. =:K SejugaprEl» Jör Sestrrrrich: Halbjährig 8 Krone». Einzelexemplare 56 Heller. Für'» Ausland: Halbjährig 10 Krone». Ganzjährig 20 , Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 24 Heller. M —— ■ ■ —1.- m B. ft. F o ft fparcassen-Anrt j* Clearing -Verkehr Nr. 810.976. Ledaction und Administration: lV irn IX/1, Verggaffr Nr. 39. Telephon Nr. 14.847. Inhalt. Leitartikel: Literarische Bübereien im österreichischen Parlament. — „Des Buben Steinwurf". — Jüdische Pflegerinnen. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Großfürst Sergius und Redacteur Suworin. Der Boycott gegen den Philanthropischen Verein. Wiener Herren. Die Action gegen das Hausiruud Agentenwesen. Sigl und sein Vertheidiger. - Die Juden in Rumänien. — Korrespondenzen: Plenarsitzung des Wiener israelitischen Cultusvorstandes. Wien, Mährisch-Ostrau, Prag, Troppan, Jechnitz, Berlin, Dresden. — Vermischtes: Wien, Wien-Ottakring, Krems, Prag, Proßnitz, Jglau, Bielitz, Jägerndorf, Budapest, Ustron. — Feuilleton: Einiges aus den Memoiren der Glücke! von Hammeln. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Literarische Bübereien im österr. Parlament. Im reichsräthlichen Polenclub wurde jungst eine herzbewegliche Klage angestimmt. Der Sproß eines der ältesten, angesehensten und frommgläubigsten Adelsgeschlechter, ein Cavalier nicht nur den Namen sondern auch der Gesinnung nach, Graf W o d z i c k i, beschwerte sich darüber, daß der neugewählte Präsident des Abgeordnetenhauses eine ganze Reihe von Interpellationen zugelasseu habe, deren Inhalt die religiösen Empfindungen der katholischen Bevölkerung auf das Tiefste verletzte, und Graf Wodzicki forderte eine strengere Handhabung der Censurgewalt des Präsidenten. Diese Episode im Polenclub reflectirt nur eine Stimmung, welche auch in anderen parlamentarischen Kreisen, nanientlich unter den Deutsch'Couservativen und Christlich-Socialen, anläßlich gewisser Interpellationen der Alldeutschen, zu stürmischem Ausdrucke gelangte. Wir werden uns hier in eine Erörterung der Frage, was zum Wesen der Religion gehört und was — um die alldeutsche Terminologie zu gebrauchen — als „Auswuchs der Religion" anzusehen sei, nicht einlassen. Es muß jeder Confession überlassen werden, zu bestimmen, welche ihrer Religionsschriften und wie weit dieselben einen unantastbaren Theil ihres Glaubensschatzes bilden. Die Herren Schönerer und E i s e n k o l b führen den Kampf gegen Rom nahe nach demselben Muster, nach welchem die Herren Schneider und B r e z n o v s k y den Kampf gegen die Juden führen. Sie haben in der Moraltheorie des heiligen Liguori einen „katholischen Talmud" entdeckt und zu gehässigen Zwecken ausgemünzt. Die katholischen Gelehrten behaupten, daß der Urtext falsch übersetzt, daß einzelne Sätze aus ihrem Zusammenhänge gerissen und entstellt und ein Buch, das auf das Verständniß der Theologen zugeschnitten ist, in unverantwortlicher Weise prosanirt und der mißverständlichen Deutung einer urtheilslosen Menge preisgegeben wurde. Die Herren Schönerer und Eisenkolb haben eine Reihvon Sittlichkeitsverbrechen, welche einzelne Priester begangen haben oder begangen haben sollen, zusammengestellt, zu dem durchsichtigen Zwecke, den ganzen katholischen Clerus als unsittlich und verderbt erscheinen zu lassen. Die Kampfesweise ist also nahezu dieselbe, deren sich die Antisemiten gegen die Juden bedienen. Die Zeitungsartikel, die jenen Interpellationen zur Grundlage dienten, hatte der Staatsanwalt confiscirt; die Herren Alldeutschen aber haben, wieder nach berüchtigtem Muster, jene confiscirten Artikel durch die wortgetreue Aufnahme in ihre Interpellationen immunisirt und auf dem Wege der parlamentarischen Tribüne das Preßgesetz und das Strafgesetz umgangen! Die Empörung über diesen Mißbrauch der parlamentarischeu Freiheit hat dazu geführt, daß man sich mir der Frage der Censurgewalt des Präsidenten näher beschäftigte uud dieselbe fester umschrieb. Man vindicirte dem Präsidenten das Recht, solche Stellen aus einer Interpellation, welche gegen die Gesetze verstoßen, zu ullterdrückeu oder die Verlesung solcher Anfragen nur in geheimer Sitzung vornehmen zu lassen, so daß dieselben im stenographischen Protokolle keine Aufnahme finden. Die Entrüstung über das Verfahren der Alldeutschen hat sogar manch drollige Episode herbeigeführt: Pater Scheicher z. B. erklärt: „Ein deutscher Mann achte die religiöse Ueberzeugung seiner Mitbürger", so daß sich Jeder fragen mußte, ob Herr Scheicher sein Deutschthum etwa aufgegeben habe. Oder wenn dieser selbe Herr Scheicher die Lehre predigt: „Die Christen, die wirklich an den Herrn glauben, wollen Liebe und Duldung", so bekennt er damit zugleich, daß seine gesammte politische Wirksamkeit bis heute eine Verleugnung des Herrn war. So wurde denn die Forderung nach einer Censurbefugniß des Präsidenten gestellt. Wäre diese Forderung von den Juden ausgegangen, die seit Jahren unter dem Schutze der parlamentarischen Immunität ungestraft beschimpft und verleumdet wurden, so hätte man über unerträgliche Anmaßung, über Mischen Terrorismus gezetert. Da sie aber jetzt von katholischer Seite