Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 11 (15.3.1901)
- Date
- 1901-03-15
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 11 Vr. BLvch's Wochenschrift Sette ISS Botoseani. (Rumänien.) Auf Anordnung des geehrten Oberrabbiners Herrn L. M. Landau wurde am Vorabende des 7. Adar in der hiesigen großen Synagoge in Anwesenheit einer großen Anzahl jüdischer Bevölkerung eine Andacht für das Seelenheil des in Gott eingegangenen Freiherrn Wilhelm Carl v. Rothschild aus Frankfurt a. M. abgehalten. Nach beendigtem Gebete bestieg Se. Ehrwürden die Kanzel und hielt dem hoch-, edlen Verblichenen einen überaus warmen Nachruf, schilderte mit großer Beredtsamkeit das Leben und Wirken dieses großen Mannes, verglich denselben im Allgemeinen mit Simon den Gerechten, denn auch dieser Fromme hatte die drei welterbauenden Dinge: „Thora, Gottesdienst und Wohlthätigkeit" zu seinem Lebensziele gemacht. Feuilleton. Einiges aus den Memoiren der Glücket von Hameln. Von L. Nsaye. (Fortsetzung.) Erst im zweiten Buche beginnt sie wirklich mit der Geschichte ihrer Memoiren. Wieder erzählt sie, wie sie nach dem Tode ihres Mannes, der ihr ein treuer Hüter und Schützer war, und der „um ihrer großen Sünden willen" von ihr genommen wurde, zum Schreiben ihre Zuflucht nahm. Und sie beginnt ihre Erzählung bei ihrer Geburt. Sie ist eine Hamburgerin, 1645 geboren und sie war über 45 Jahre alt, als sie mit ihren Aufzeichnungen begann. Sie muß wohl schön oder doch mindestens hübsch gewesen sein, wenigstens sagt sie, daß sie ihrem Schöpfer dankt und lobt, der sie nach seinem Wohlgefallen geschaffen hat, und dieser Dank klingt so warm und herzlich, daß er nicht blos ein religiöses Gebot zu erfüllen scheint. Es ging den Hamburger Juden nicht allzu gut damals. Als die Glückel etwas über zwei Jahre war, mußten alle Juden nach Altona auswandern und erst nach mancherlei Bemühungen und Bittgängen durften sie sich wieder in Hamburg niederlafsen. Schließlich litten die wohlhabenden Familien noch weniger, aber für die Armen, denen das Geld mangelte, einen Paß zu lösen, und die deswegen oft heimlich in der Stadt verblieben, waren es recht traurige Zeiten. Glückel erzählt, daß ihre Eltern wohlthätig und freigebig waren und daß, wer hungrig das Haus betrat, es gesättigt verließ. Auch wäre — fährt sie fort — ihr Vater bedacht gewesen, seine Kinder, sowohl Söhne wie Töchter, nach Möglichkeit unterrichten zu lassen. Dennoch ist es nicht wahrscheinlich, daß die Glückel zu viel studirt hat, aber wenn auch nicht das Wissen selbst, so besaß sie doch die große Achtung vor dem Wissen, die alle Juden auszeichnet. Wie aus einer alten, wunderschönen Chronik klingen die Berichte über den Krieg zwischen Schweden und Dänen. Die Glückel war noch recht klein zu dieser Zeit, so zehn Jahre, und hat nicht sehr viel gesehen, da sie „den ganzen Tag in dem Cheder hat sitzen müssen". Aber sie erinnert sich doch, welch' ein strenger Winter damals herrschte; seit Menschengedenken war eine solche Kälte nicht dagewesen, und man nannte noch lange nachher diesen Winter den „schwedischen". Eines Nachts — sie wohnten damals noch in Altona — ertönte der Ruf: „der Schwed kommt!" Und „nackigt" sind sie aus den Betten gesprungen und in die Stadt (Hamburg) geflüchtet, alle die Männer, Frauen und Kinder, eng aneinander gedrückt, zitternd vor Furcht und Kälte. Dann erzählte sie wieder köstlich naiv und amüsant von der Hamburger Khille. Der Angesehenste, d. h. der reichste Mann war Chajjim Fürst „ein Mann von 10.000 Reichsthalern". Der Vater der Glückel stand in der gesellschaftlichen Werthschätzung einen Grad tiefer, er besaß blos 8000 Reichsthaler, dafür zeichnete ihn eine Menge vortrefflicher Eigenschaften aus, er war weltklug und gottvertrauend, fleißig und geschäftstüchtig, und wenn ihn nicht das Zipperlein geplagt hätte, so würde er noch viel mehr erreicht haben. Ein Mann hatte sogar nur 2000 Reichsthaler, aber dafür hat er sich sehr schön „geführt" und wurde deswegen mit für voll genommen. Aber selbst der, erzählt die Glückel, der nur 120 Reichsthaler im Vermögen hatte, hat es sich ganz wohl sem lassen und die wohlhabenden Juden haben besser gelebt, als die Reichen unter den Andersgläubigen. Geradezu begeistert spricht sie von der Hochzeit ihrer Schwester Handelche, die den Sohn von Gumpel aus Cleve geheiratet hat. Niemals vorher war solch eine Mitgift (1600 Reichsthaler) gegeben worden und alle Welt sprach von diesem großen „Schidduch". Trotz dieser nur zu natürlichen Werthschätzung des Geldes war die Mutter der Glückel ein armes vaterloses Mädchen. Der Vater hatte schon vorher eine Frau gehabt, eine Witwe, die ihm ein Kind mit in die Ehe gebracht hat. Dies ist die berühmte Halbschwester der Glückel, die schon als Kind französisch und Clavier gekannt hat und von der Prof. Dr. David Kaufinann sagt: „Die feinere Sitte hatte darin (in Glückels Vaterhaus) längst eine Heimstätte; eine Halbschwester Glückels war als Kind bereits im Französischen unterrichtet worden." Es ist aber doch ein Bischen gewagt, aus den Kenntniffen eines Mädchens, das einen andern Vater und eine andere Mutter hatte, auf die Kenntnisse der Glückel zu schließen. Auch Glückel erzählt viel Liebes von dieser Halbschwester. Sie soll ein ungewöhnlich schönes und kluges Mädchen gewesen sein und hat einmal ihrem Stiefvater einen artigen Dienst geleistet. Als sie einst am „Klaffzimmer" (Clavier) stand, traten zwei Männer in die Stube, die auf ein Pfand warteten, das sie auslösen wollten. Sie beredeten sich nun „auf französisch" das Pfand zu nehmen und damit forrzulaufen, ohne das geborgte Geld zu bezahlen. Das Mädchen verstand Alles und als der Stiefvater hereinkam, sang sie ihm zu: „Gib das Pfand nicht heraus!" — Glückels Vater hat dieses Stiefkind sehr geliebt und es ganz wie ein eigenes bettachtet. Er verheiratete sie später mit Callmann Aurich, einem angesehenen und wohlhabenden Manne, aber die' schöne junge Frau starb schon nach der Geburt des ersten Kindes. Nun trägt die Glückel eine richttge Gespenstergeschichte einfach und packend vor: die arme schöne Frau war also begraben, da kamen Leichenräuber, zerrten sie aus ihrer Gruft und stahlen die Leichengewänder. In ver Nacht erschien die Todte einer Frau, erzählte, wie man sie in ihrer Ruhe gestört und bat um neue Kleider. Man eilte auf den Friedhof, und als man sich überzeugt hatte, daß wirklich eine Todtenberaubung vorliege, setzten sich die Frauen zusammen, um für die Leiche neue Gewänder zu nähen. Als sie noch arbetteten, trat eine Magd ins Zimmer und schrie entsetzt auf: „Eilt euch, ihr Frauen, seht ihr denn nicht, daß das „Meß" unter euch fitzt und wartet!" Als man dann die Todte wieder bestattet hatte, fand sie Ruhe und wurde niemals mehr gesehen. Eine seltsame Frau muß auch die Großmutter der Glückel, Mate, gewesen sein. Sie und ihr Mann Nathan Mehlreich waren mit ihren Kindern aus Detmold, von wo man sie vertrieben hatte, nach Altona gekommen und hatten sich dort angefiedelt. Sie brachten viel Geld und edle Steine mit sich und hatten sich ganz gut in der neuen Heimat eingerichtet. Ein Sohn und eine Tochter waren bereits verheiratet, da kam die schreckliche Pest, die Niemanden verschonte, auch vor dem reichen Chajjim Fürst nicht zurückwich, und tödtete Nathan Mehlreich und einige seiner Kinder. Als die Seuche endlich erlosch, blieb Mate mit zwei Kindern verarmt zurück, ihr Haus war geplündert, chr Geld verschleudert. Nach Jahren der Noth und Entbehrung gelang es ihr, ihre Tochter Ulik zu verheiraten, die andere Tochter (Glückels Mutter) war eine geschickte Spitzenklöpplerin geworden, die sich und ihre alte Mutter durch ihrer Hände Arbeit erhielt. Als sie später Löb Pinkerle heiratete, kamen für die beiden Frauen beffere Tage. Glückel's Vater hat die Mutter seiner Frau sehr liebevoll im Hause ausgenommen und ist von keiner Meffe zurückgekommen, ohne ihr ein Geschenk mitzubringen. Die alle Mate lebte angesehen und geachtet bei ihren Kindern, und war schon gegen 74 Jahre, als polnische Flüchtlinge aus Wilna nach Hamburg kamen, verhungert, elend und mit ansteckenden Krankheiten behaftet. Biele lagen damals krank im Hause Löb Pinkerles, auch zwei seiner Kinder, darunter Glückel, ergriff die Krankheit, am ärgsten aber ttaf es die alte Großmutter. Als fie ihr Ende nahen fühlte, ließ sie alle Kinder und Kindeskinder kommen und sprach zu ihnen: „Du, mein lieber Schwiegersohn, hast mtt nicht nur Nahrung und Kleidung gegeben, sondern auch oftmals Geld geschenkt, damit ich es nach meinem Gefallen verwenden möge. Ich habe dieses Geld nicht verbraucht, sondern auf kleine Pfänder verliehen und so 200 Reichsthaler erspart. Von rechtswegen gehört nun dieses Geld Dir, aber wenn Du darauf verzichten wolltest, so möchte ich es den armen Kindern meines Sohnes