Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 11 (15.3.1901)
- Date
- 1901-03-15
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Sette 190 Nr. 11 Dr. Bloch's Wochenschrift. die in diesen herrscht, wie über die Culturarbeit der Alliance Überhaupt. Der Deputirte Lasies, der diese kurz vorher so scharf angegriffen, schwieg bei diesen Ausführungen mäuschenstill. London. (2) öS Board of guardians und die rumanischen Juden.) Das Board ok gnarckians hat eben seinen 42. Jahresbericht veröffentlicht. Der Caffenbestand belief stch am 1. Jänner 1900 auf 1653 Pfd. St., die Einnahmen des Brrichtjahres betrugen 137,881 Pfd. St., während die Ausgaben 140.330 Pfd. St. beanspruchten, so daß das Board mit einem Fehlbetrag von 3048 Pfd. St. abschließt. Die großen Ausgaben wurden durch das plötzliche Anwachsen der Einwanderung rumänischer Juden nach England verursacht, wodurch die Zahl der Nothleidenden im Londoner Ghetto die ganz enorme Höhe von 5439 erreicht hat, und die Caffe des Boards zeigte trotz erheblicher Mehreinnahmen sehr bald eine bedenkliche Ebbe. Zwar wehrte sich das Board gegen das planlose Auswandern nach Leibeskräften, der Vorstand machte „hieben wie drüben" bekannt, daß die hilfesuchenden rumänischen Juden vom Board unweigerlich nach Rumänien zurückgeschickt werden, allein diese Bekanntmachung hat wenig genützt. Die Comitäs in Rumänien crmuthigten die Auswanderer nach Kräften, und die Gemeinden des Continents schoben die ihnen aufgehalsten Emigranten weiter ab, bis diese schließlich an die See gelangten, wo sie nach England eingeschifft wurden. Zu den rumänischen Emigranten kamen sehr bald noch zahlreiche Auswanderer aus Rußland und Polen hinzu und selbst viele seit lange in London ansässige ruffische Juden gaben sich für rumänische Auswanderer aus, in der Hoffnung, vom Board nach Canada geschickt zu werden. Im Ganzen kamen beim Board 2903 Fälle vor, davon wurden 375 geeignete Personen auf Kosten der Jewish Colonisation Association außerhalb Europas untergebracht, 1129 Personen, von denen zu erwarten war. daß sie sich in England weiter selber helfen werden, wurden gehörig unterstützt. Der Rest, bestehend aus 1399 Familien mit 1900 Seelen, wurde nach Rumänien zurückgeschickt. Der Bericht tadelt die Kopflosigkeit der rumänischen Comites, welche die überstürzte Auswanderung gefördert haben. Das zwecklose Hin- und Herfahren hat ganz nutzlos 8000 Pfd. St. .verschlungen, ganz abgesehen von den großen Leiden, die 1900 jüdische Seelen auf der Hin- und Rückfahrt auszustehen hatten. London. (Die Anglo Jewish Association) hat sich in ihrer jüngsten Mouatssitzung ebenfalls mit den rumänischen Juden beschäftigt. Stellvertretender Vorsitzender Mr. Herbert G. Lousada constatirte, daß die Lage der Juden in Rumänien trostlos und in absehbarer Zeit nicht die mindeste Aussicht auf Besserung vorhanden sei. Dennoch erklärt Redner es geradezu als ein Verbrechen, die rumänischen Juden zur Auswanderung aus Rumänien veranlassen zu wollen. L-ute, die weder ein Handwerk besitzen, noch die Sprache des Landes, in das sie auswandern, verstehen, sollen lieber zu ,Hause bleiben. Leider werden die rumänischen Juden von gewiffen Leuten znm Auswandern verleitet. Diese haben nichts zu riskiren, machen schlimmsten Falles eine Spazierfahrt, sehen sich ein wenig die Welt an und haben überdies noch die Chance, daß der Zufall oder die Vorsehung vielleicht für sie sorgen werde. Redner exemplificirt auf Anatolien, wohin einige hundert jüdische Familien ausgewandert waren. Ihre Noth daselbst ist unbeschreiblich, die Armen hungern, frieren in ihrer neuen Heimat und werden alle zurück nach Rumänien befördert werden müffen. Die Kosten der Repatriirung werden sich auf 3200 Pfd. St. belaufen. Diese Summe, sowie die vom Board ok guardians für Zurücksendung von 1900 Personen aus London ausgegebenen Beträge hätten ebensogut ins Wasser geworfen werden Wunen. Der East-End Londons ist bereits derart überfüllt, daß seine jüdischen Insassen sehr schwer um ihre Existenz zu ringen haben. Wesentlich dasselbe läßt sich auch von New- Zork sagen. Es steht zu befürchten, daß, falls die rumänischen Juden ohne gehörige Vorbereitung in' großen Schaaren nach New-Iock auswandern sollten, die Vereinigten Staaten überhaupt vor den Juden ihre Thore schließen werden. Was Canada betrifft, so besteht daselbst zweifellos eine große Nachfrage nach landwirthschaftlichen Arbeitern, aber nur nach solchen Arbeitern, nicht jedoch nach Pedlars und Kleinhändlern. Auch können nicht alle rumänischen Juden den an einen canadischen Landarbeiter gestellten Ansprüchen genügen. Der Landärbeiter in Canada hat einem heißen Sommer und einem unbarmherzigen Winter zu widerstehen. Nebenbei sind die landwirthschafttichen Bedingungen in Canada so eigenartig, daß selbst Juden, welche es in Rumänien durch die Landtvirthschaft zu einer'armseligen Existenz gebracht haben, noch keineswegs dessen gewiß sein dürfen, es auch in Canada soweit zu bringen. Gegenwärtig wohnen in Rumänien über 250.000 Juden, die alle mehr oder weniger von der Verfolgung zu leiden haben. Der größte Theil von ihnen muß in Rumänien bleiben. Es ist einmal ein Naturgesetz, daß die Schwächsten an die Wand gedrückt werden, und es wäre zwecklos, gegen die Naturgesetze kämpfen zu wollen. Das Volk müsse Vertrauen zu der Jewish Colonisation Association haben, die zwar langsam aber sicher vorgeht. Die Jewish Colonisation Association wünscht auf's Lebhafteste den rumänischen Juden zu helfen, allein es müsse ihr gestattet sein, dieses zur rechten Zeit und mit den ihr geeignet erscheinenden Mitteln zu thu-i. Es sei nicht opportun, sich über die Pläne der Jewish Colonisation Association in Bezug auf die rumänischen Juden zu äußern. Allein man nehme an, dieselbe würde monatlich 200 jungen, tüchtigen und arbeitssreudigen rumänischen Juden zur Auswanderung aus Rumänien verhelfen, so würde der jährliche Verlust von 2400 tüchtigen Leuten der rumänischen Regierung die Augen öffnen und sie veranlassen, ihre für das ganze Land und dessen Finanzen verderbliche Politik der Intoleranz und Verfolgung aufzugeben. Florenz. Der neue italienische Finanzminister Leone Wollemborg ist 1859 in "Padua geboren und entstammt einer sthr begüterten, aus Deutschland oder Oesterreich eingewanderten Familie. Er studirte die Rechte und widmete sich nach Erlangung des Doctorgrades hauptsächlich dem Studium der Nationalökonomie, worin das Problem der darniederliegenden italienischen Landwirthschaft ihn in erster Reihe beschäftigte. Zur Lösung der Frage gründete er in seiner Heimatsprovinz landwirthschastliche Banken, die billigen Credit gewähren und sehr gut functioniren. (In Deutschland schließt man die Juden vom Bund der Landw rthe aus.) Aus Dankbarkeit schickte ihn Citadella (Provinz Padua) ins Parlament, in dem er als einer der jüngsten Abgeordneten sich auch als einer der arbeitsfreudigsten erwies und besonders in Finanz- und Landwirthschaftsfragen sich sehr hervorthat. Bor zwei Jahren bereits war er Unterst aatssecretär im Finanzministerium, gab aber damals wegen Differenzen mit dem Minister seine Demission. Heute tritt er in einem für italienische Verhältnisse erstaunlich niedrigem Alter (das Ministerium Saracco hatte nur Leute von 65 bis 80) ins Ministerium ein. Obwohl die Opposition gegen das neue Cabinet sehr groß ist, hat man gegen Wollemborg kaum ein paar Worte, da seine Tüchtigkeit und Sachkenntniß allgemein anerkannt ist. Daß er gerade jetzt Finanzminister ist, ist sehr bedeutsam, weil augenblicklich die Frage der Steuererleichterung im Vordergrund der Berathungen steht. Bezeichnend ist, daß man einen anderen Juden, Luzzatti, sehr dringend bat, das Schatzministerium zu übernehmen, ebenso wie der Minister des Auswärtigen Prinetti den Generaldirector Senator Malvano auf keinen Fall verlieren wollte und ihn dringend ersuchte, ihn ja nicht zu verlassen. Wie denken die preußischen Junker über das Interesse der italienischen Bevölkerung? Malvano ist Derjenige, mit dem die Regierungen Deutschlands und Oesterreichs werden über die Verlängerung des Dreibundes und des Handelsvertrages verhandeln müssen. Vermischtes. Wien. (Israelitische C u l t u s g e m e i n d e Wien. Oeffentliche Plenarsitzung des Vorstandes der israelitischen Cultusgemeinde Wien (I., Seitenstettengasse 4, II. Stock) Sonntag den 17. März 1901, Vs 11 Uhr Vormittags. Tagesordnung: Bericht des Comitäs (91 für die Reform der inneren Verwaltung: Aenderung einzelner Paragraphe der Statuten.*) (Referent Herr Ober-Finanzrath Dr. Rappaport). Wien. (Politischer Volksverein.) Dem Amtbslatte der „ Wiener Zeitung" entnehmen wir die Ausschreibung der Generalversammlung des „Politischen Volksvereines", welche Donnerstag den 28. d. M., 1/,8 Uhr Abends, im Saale des Restaurants Khuner mit nachfolgender Tagesordnung stattfindet: 1. Bericht des Vorstandes, erstattet durch den Vereinspräsidenten Herrn Dr. F i a l la. 2. Bericht der Cassarevisoren. 3. Neuwahl des Präsidenten. 4. Neuwahl der Vorstandes und der *) Bei Anwesenheit von mindestens 24 Vorstandsmitgliedern und einem Mitgliede des Präsidiums.