Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 11 (15.3.1901)
- Date
- 1901-03-15
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Rr. 11 Dr. Bloch's Wochrnschrifl. Sette 189 zahlreiche, von weit und breit herbeigeeilte Menge von Leittragenden, darunter auch die Schwiegersöhne und -Töchter, das letzte Geleite gaben. Olmütz. Der vom Senate der königlichen Akademie der Künste, Section für Musik, in Berlin für das laufende Jahr ausgeschriebene zweite Michael Beer-Preis, bestehend in einem Stipendium von 2250 Mark zu einer einjährigen Studienreise, war hart umstritten. Sieben jüngere Musiker rangen um den Preis, die ihre Studien theils an Privatconservatorien, theils an Staatsanstalten begonnen und vollendet hatten. Als Sieger im Wettbewerb, für den „Eine viersätzige Symphonie in elastischer Form" als Aufgabe gestellt worden war und der soeben zur Entscheidung gelangte, ist der Musiker Siegfried Fall hervorgegangen, der sich bereits rübmlichst bekannt gemacht hat. Fall, am 30. November 1877 zu Olmütz als Sohn des Capellmeisters Moritz Fall geboren, zeigte frühzeitig Talent und Neigung für Musik, deren Anfangsgründe ihm sein Vater einstudirte. Nach der Uebersiedlung des Letzteren nach Berlin setzte der junge Künstler seine Studien auf der Hochschule für Musik in Berlin (1895- 1899) fort, errang in der Zwischenzeit den Mendelssohn- Preis und fand besonders durch ein Trio für Pianoforte, Violine und Bioloncell die Anerkennung der Fachgenossen. Gegenwärtig setzt der Componist, der auch als ausübender Künstler thätig ist, seine Compositionsstudien in der akademischen Meisterschule für musikalische Composition unter Professor Dr. Max Bruch fort. Olmütz. Der verstorbene Stadtverordnete Herr Eduard Hamburger hat letztwillig verfügt, daß aus seinem Nachlasse u. A. erhalten sollen: Die israelitische Cultusgemeinde Olmütz 3000 fl. zur Gründung eines jüdischen Siechen- und Bersorgungshauses. 1000 fl. dieselbe Cultusgemeinde behufs alljährlicher Vertheilung der Zinsen dieses Betrages am Sterbetage des Spenders an israelitische Arme. 500 fl. an dieselbe Gemeinde mit der Bestimmung, daß am Sterbetage des Spenders von dem jeweiligen Rabbiner das Kadischgebet zu verrichten sei. Dieser hat aus den Zinsen fünf Gulden zu erhalten, der Rest soll der „heil Brüderschaft" zufallen, welche dafür ein Seelenlicht am Sterbetage beizustellen hat. 100 fl. dem Frauen- Wohlthätigkeitsvereine. 100 fl. dem Armen- und Krankenunterstützungsvereine. Auch sonst hat Hamburger Stiftungen und Spenden angeordnet, aus denen zu ersehen ist, wie sehr dem Hingeschiedenen das Gedeihen der verschiedenen Olmützer Wohlthätigkeits-Jnstitutionen am Herzen lag. Agram. Nach heftigen Kämpfen im Schoße der hiesigen Gemeinde ist endlich Ruhe und Frieden in die Gemüther eingekehrt. Alle Parteien waren darüber einig, daß das bisherige mehr als 30 Jahre alte Gemeindestatut den modernen Bedürfnissen nicht mehr entspricht, daß unsere Gemeinde zu einer Großgemeinde herangewachsen und daß nach dem Muster so vieler Großgemeinden die schwerfällige, sich alljährlich wiederholende Generalversammlung abzuschaffen sei. Aber eine kleine rührige, jedoch gleichfalls von den besten Intentionen beseelte Opposition glaubte das Princip der Jnteressen-Vertretung auf's Heftigste bekämpfen zu sollen, weil sie fürchtete, der kleine Steuerträger werde von der Plutokratie majorisirt werden. Durch kluges Nachgeben der Majorität unter Führung des verdienstvollen Vorstehers Josef Siebenschein wurde ein nach allen Richtungen befriedigendes Kompromiß geschlossen, wodurch alle Parteien befriedigt sein können. Die Wahlen in die Gemeindevertretung erfolgen in zwei Wahlkörpern, von denen der zweite doppelt so viel Vertreter entsendet als der erste Wahlkörper der Höchstbesteuerten; hierdurch ist den kleinen Steuerträgern die Majorität gewahrt, während die Höchstbesteuerten durch Wahl eines Drittels der Vertreter sich denn doch ihren berechtigten Einfluß gewahrt haben. — Der hiesige Oberrabbiner Herr Dr. Hosea Jacobi, der durch mehr als 30 Jahre in verdienstvoller Weise den gesummten Religionsunterricht in sämmtlichen Volks- und Mittelschulen ertheilte, war nicht mehr in der Lage, den gesteigerten Anforderungen gerecht zu werden, und schon seit Jahren ging das Streben der Gemeindevertretung dahin, denselben zu entlasten; die Landesregierung war gleichfalls bereit, einen jüdischen Katecheten mit dem Titel und Gehalt eines Professors anzustellen, wenn derselbe befähigt ist, den Religionsunterricht in croatischer Sprache zu leiten. Die Anstellung erfolgte vom Staate, das Repräsentationsrecht stand der Gemeinde zu; die Wahl fiel auf Dr. G. Schwarz, ehemals Rabbiner in Carlstadt. Wir können uns zu dieser Acquisition nur gratuliren. Der Ernannte ist ein junger strebsamer Gelehrter, der unsere Jugend zu guten Juden heranbilden wird. Der Verdienste des bisherigen Religionslehrers Dr. Jacobi gedenken seine nach Hunderten zählenden Schüler in treuer Dankbarkeit. — Unser literarischer Jünglingsverein gedeiht und entwickelt sich, und man nimmt an ihm allenthalben ein lebhaftes Interesse, welches sich durch zahlreichen Besuch manifestirt. Nicht blos die Mitglieder des Vereines besuchen fleißig die Vorlesungen; unter den Zuhörern ist stets eine größere Anzahl von Erwachsenen aus den besten Gesellschaftsclaffen zu bemerken, ja sogar ein Kranz, junger Damen zierte jüngst bei einer Vorlesung die Galerie. Es wird eine solche Fülle des Interessanten und Schönen geböten, daß man allwöchentlich mit Befriedigung den Vortragssaal verläßt. Professor Dr. Schwarz hielt zwei interessante Vorträge, den einen über „Die Makkabäer als katholische Märtyrer", den zweiten über „Heine und sein Verhältniß zum Judenthum", und erntete stets reichen Beifall. Verdiente Anerkennung fand auch eine gediegene Studie des Abiturienten H. Rosenfeld. Der junge Mann zeigte, daß er Gutes und mtt Verständniß gelesen hat. — Ein intereffantes jüdisches Manufcript aus dem Ende des vierzehnten Jahrhunderts wurde hier entdeckt. Es ist dies eine aus Pergamentblätter geschriebene Bibel mit Initialen, daran reihen sich die Hasthora, Megiloth und sämmtliche Gebete für das ganze Jahr. -- Am 5. MäH fand ein Purimball statt, für welchen sich allenthalben auch in christlichen Kreisen lebhaftes Jntereffe kundgab; das (Somit e bestand aus einer Anzahl junger Leute aus den besten jüdischen Familien und verlief das Fest sehr schön. ' Berlin, 4. März. Auf Einladung des vorbereitendett Comites fand gestern hier eine Zusammenkunft von Bertreteru einzelner Gemeinden und Corporationen statt, welche die von der Delegirten-Bersammlung am 26. v. M. beschlossene Schaffung einer Organisation für die deutschen Juden zur Ausführung bringen sollte. Die Berliner jüdische Gemeinde hatte die Entsendung eines Vertreters abgelehnt. Es waren insgesamnit siebzehn Herren anwesend, darunter für den Verband badischer Israeliten Herr Rabbiner Dr. A p P e l-Karlsruhe, für die Gemeinde Frankfurt a. M. Herr Philipp Schiff. Im Vordergründe der Berathungen stand abermals der „Judentag", dessen Berufung von den Herren Justizrath Breslauer, Landtagsabgeordneten Dr. Wolfs, Rechtsanwalt Eugen Fuchs und Rabbiner Dr. Appel nachdrücklich gefordert, von Herrn Schiff und anderen Rednern gleich nachdrücklich bekämpft wurde. Nach mehrstündiger Debatte wurde beschlossen, diejenigen Körperschaften, welche bisher ihren Beitritt zu der geplanten Organisation abgelehnt haben, zum Anschluß zu bestimmen. Die auch in dieser Versammlung kundgewordene Stimmung gegen die Berufung eines „Judentages" wird hoffentlich dazu beitragen, daß die dahingehende Propaganda, welche bereits zu so unliebsamen Auseinandersetzungen in der Oeffentlichkeit geführt hat, von den besonnenen Befürwortern eingestellt wird. Für die Versammlung war der „Entwurf eines Statuts für den Verband der Israeliten Deutschlands" ausgearbeitet worden, der aber nicht mehr zur Berathung gelangte. In dem Statut wird als Zweck des Verbandes „die Vertretung der Gesammtinteressen" der Israeliten Deutschlands", als Organ desselben „der Delegirtentag" und der „Ausschuß" bezeichnet. Ersterer soll sich aus den Delegirten der Gemeinden und denen der Verbände zusammensetzen, der Ausschuß aus fünfzehn Mitgliedern bestehen, von denen elf durch den Delegirtentag gewählt, je zwei von dem „Central-Verein Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" und von dem Deutsch-Israelitischen Gemeindebund entsendet werden. Der „Delegirtentag", welcher alle zwei Jahre zusammentreten soll, wird gebildet von je fünf Vertretern des Centralvereines und des Deutsch-Israelitischen Gemeindebund, sowie von je zwei Vertretern der Verbände (Rabbiner, Lehrervereine, Logen, Bayr. Landesverein, Confistorium des Ober-Elsaß, Bereinigung badrscher Israeliten, des Confistoriums von Deutsch-Lothringen, der sechs Provinzial- und der vier Bezirksverbände jüdischer Gemeinden Preußens). Paris. In der französischen Kammer geht es jetzt genau so zu wie im deutschen oder österreichischen Parlament. Die Juden find beständig auf der Tagesordnung. Nur treten die Gegner dort nicht so offen mit ihren abenteuerlichen Wünschen und Plänen auf und die Sprache ist, nicht so roh, wie z. B. die der österreichischen Antisemiten. Im Senat beklagte der Senator Depechel kürzlich den antisemitischen Geist, der in die Lyeeen eingekehrt sei, wo kürzlich ein Lehrer sogar die Inquisition vertheidigt habe, und deren Zöglinge fast stets unter den Banden zu finden seien, die „Tod den Juden" auf der Gaffe schreien. In einer früheren Sitzung beklagte der Kriegsminister General Andre wieder den Geist der Zwietracht und des Haffes, der in die Armee eingedrungen und die Kameraderie unter den Soldaten desselben Regiments oft völlig zerstört hätte. Eine schöne Revanche erlebte in einer der letzten Sitzungen die Alliance Israelite universelle, indem der Deputirte Rozet das civilisatorische Wirken derselben, ihre Schulen und den Geist, der in diesen lebe, in der glänzendsten Weise und unter lautem Beifall der Majorität darstellte. Rozet hat die Alliance-Schulen im Orien wiederholt besucht und ist des Lobes voll über die Disciplin