Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 11 (15.3.1901)
- Date
- 1901-03-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Dr» BLoch's WpchrnfchrifL. Rr. 11 Correspondenzen. Wien. Unser geschätzter Mitarbeiter, Herr Dr. Marcell Hoffmann, Hof- und Gerichtsadvocat in Wien, hat nachstehendes Schreiben erhalten: Wien, 6. März. Euer Wohlgeboren! Ihre gehässigen Angriffe in Dr. Bloch's ^Wochenschrift" gegen hervorragende und verdienstvolle Männer unserer Partei erfüllen jeden gut gesinnten Zionisten mit aufrichtiger Trauer und finden die Mißbilligung jedes aufrichtigen Juden überhaupt. Die Unterzeichnete Leitung des Einzelvereines „Wien" des Zion, dessen Mitglied Euer Wohlgeboren sind, gibt hiemit im Namen des Gesammt-Ausschusses ihrer entschiedenen Mißbilligung Ausdruck; da der Ausschuß außerdem es nicht im Jntereffe des Vereines findet und auch nicht in Einklang mit Ihrem Auftreten zu bringen vermag, daß Euer Wohlgeboren auch fernerhin einem zionistischen Vereine als Mitglied angehören sollen, so wird der Ausschuß die Ausschließung Euer Wohlgeboren vor seinem Schiedsgericht beantragen. Dieses Schiedsgericht wird sich Mittwoch den 13. d. M. um 8 Uhr Abends im Vereinslocale versammeln und wir laden Euer Wohlgeboren ein, vor demselben zu erscheinen. Hochachtend Einzelverein „Wien" des Zion Wien, II., Schwarzingergasse 2. Der Schriftführer: Der Vice-Präsident: M. Zellermayer. Cohen. Die Hetze der christlich-socialen Lehrerschaft gegen die jüdischen Schulkinder. Man möchte es kaum glauben, aber es ist doch so, daß es in Wien Lehrer gibt, die nicht nur die Judenhetze, sondern auch die Hetze gegen jüdische Kinder zur obersten Aufgabe ihres Programmes machen. Diese christlich-sociale Lehrersippe ist in Wien numerisch so stark, daß sie ihr eigenes Organ ^Die deutsche Schulzeitung" besitzt. In diesem Organe können sie ungestört ihren Haß gegen Alles, was Jüdisch heißt, niederlegen. In einem Leitartikel dieser „Deutschen Schulzeitung" wird dorribüe dictu allen Ernstes der Grundsatz ausgestellt, man müffe dahin streben, den Kindern schon in der Schule wieder sagen zu dürfen: Hütet Euch vor den Juden! Dieser Prachtleitartikel, in welchem diese obscüre pädagogische Forderung aufgestellt wird, schließt mit dem Satze — „dies hat die Schule in diesem Kampfe zu leisten". An einer anderen Stelle desselben Blattes wiederholen die Prachtexemplare von antisemitischen Lehrern die Forderung mit den Worten: „Unsere Schule wird erst dann wieder gesund sein, wenn wir Lehrer unseren Schülern wieder sagen dürfen, Kinder, hütet Euch vor den Juden!" Ist es nicht schon herrlich weit gekommen in dem lieben Oesterreich, wenn Lehrern, deren Aufgabe es ist, die zarten Kinder sittlichreligiös zu bilden und zu erziehen, gestattet ist, so tiefen brutalen Haß zu predigen, ohne vom Staatsanwalte, noch weniger aber von den zur Schulaufsicht berufenen Organen im Mindesten gehindert zu werden? Wir sind lange nicht so sentimental, die vom niedersten Haß erfüllten antisemitischen Wiener Lehrer an ihr Christenthum zu erinnern. Derartig sentimentalen Anwandlungen sind nun Antisemiten, ob sie nun zufällig Lehrer oder Gemeinderäthe sind, nicht zugänglich. Wo bleibt aber dann die vielgerühmte Pädagogik, auf die diese Herren ihre Grundsätze basiren? Ist es mit den pädagogischen Lehrsätzen vereinbarlich, wenn Lehrer einem Kinde gegenüber Worte, wie die oben citirten, über ihre Lippen bringen? Und wer eine solche Niedertracht der Gesinnung, eine solche Rohheit des Gemüthes und Versteinerung des Herzens besitzt, hat der noch Anspruch darauf, sich Lehrer zu nennen, darf er fürderhin noch dem heiligen Berufe des Jugendbildners sich widmen in dem Augenblicke, da derart wüste und barbarische Gedanken seine Brust beherbergen und in seiner Seele Rumor machen, Es darf nicht befremden, wenn die antisemitische Wühlarbeit der christlich-socialen Lehrerschaft Wiens den ungehinderten Lauf nehmen kann, denn die Organe, welche dazu berufen wären, ihnen das Handwerk zu legen, sind mit diesen Grundsätzen auf's Innigste verwachsen; aber höchlichst befremden muß es, wenn die Vertreter der Judenschaft die bestialischen Angriffe auf unsere, im zarten Alter stehenden Kinder ruhig gewähren lassen, ohne auch nur im Geringsten Widerstand zu leisten. Man scheint die Folgen nicht zu bedenken, die nothwendiger Weise entstehen müssen, wenn schon in die zarteste Kindesseele Haß und Zwietracht gesäet werden, die dann in die üppigsten Saaten aufgehen. Die antisemitische Strömung, so mächtig sie auch derzeit sein mag, müßte, den Naturgesetzen folgend, über kurz oder lang einer nüchternen Auffassung Platz machen. Wenn aber die Kinder, die die spätere Generation bilden werden, zur bestialischen Judenhetze systematisch erzogen worden sind, dann ist eine Wiederkehr normaler Zustände ganz und gar unmöglich. Darf man da wohl hoffen, daß der Paroxismus, der mit dem Acte der antisemitischen Bestialität und Brutalität den Höhepunkt überschritten hat, in ruhigere Bahnen einlenken wird, daß ein Funken von Gefühl und Verstand übrig geblieben, der sie zur Erfüllung ihrer heiligen Pflichten ermahnt! Kann man da der Erwartung Raum geben, daß die Factoren, deren Aufgabe es ist, die Durchführung der Gesetze zu überwachen, in irgend einer Weise der Forderung der Vereinigung der christlichen Lehrer Wiens, die in dem Satze culminirt „Juden 'raus", entgegentreten werden! Es bedarf wohl nicht des Hinweises darauf, daß die Heiligkeit des Lehrberufes und die Hochachtung und Verehrung, die jeder Mensch, auch der Barbar, der reinen Kindesseele schuldig ist, mit Lehr- und Grundsätzen, wie sie von der antisemitischen Lehrerschaft Wiens propagirt werden, unvereinbarlich sind. Edua rd Beer. Gründungsfeier des „Meifels-Lktd-SumlärLsek". (Orig.-Corr.) In den Lehrräumen des Bethaus-Verein?s BetN-Israel versammelte sich am verflossenen Schuschau-Purim neben dem verdienstvollen Obmanne Herrn Samuel Meisels und zahlreichen Vorstandsmitgliedern des geachteten Vereines eine erlesene Schaar von Thorakennern zu einer höchst bedeutsamen Gründungsfeier. Es handelte. sich um die Begründung eines Betd-Hamidi-aseli, welches die Bestimmung hat, einen geistigen Mittelpunkt für die weitesten Kreise zu bilden und von wo aus Kenntniß der Thora und der gesummten jüdischen Wissenschaft in echt religiösem Geiste in die hiesige jüdische Bevölkerung getragen werden soll. Nach dem Minchagebete ergriff Se. Ehrwürden Herr Rabbiner Meiersohn das Wort zu einem sehr gediegenen halachischen Vortrage. Wie immer, waren auch diesmal seine Ausführungen von einem erstaunlichen Scharfsinne getragen. Alle Künsteleien und Haarspaltereien verschmähend, verstand er es, die Schwierigkeiten in den behandelten Problemen spielend zu bewältigen, so daß sich die ganze Materie selbst für den gründlichen Kenner in einem völlig neuen Lichte zeigte. Zum Schluffe gedachte Redner des jüngst hier verstorbenen Herrn Dr. v. Gutmann, dessen Hinterbliebene dem Betd-Hawidraseli eine bedeutende Geldsumme zugewendet und dem Verewigten dadurch ein unvergängliches ehrenvolles Andenken gesichert haben. Es wurde ferner die energische und umsichtige Thätigkeit des Obmannes Herrn S. Meisels rühmend hervorgehoben. Seinem opferwilligen Wirken habe das Beth-Hamidrasch in erster Linie die Entstehung zu verdanken. Derselbe habe seinen vielfachen Verdiensten schließlich noch dadurch die Krone aufgesetzt, daß er aus seinem eigenen Vermögen zur Gründung des BetL-llarnidrasell eine sehr bedeutende Geldsumme beigesteuert hat. Er wisse seinen Dank für dies Alles nicht besser auszudrücken, als dadurch, daß er beantrage, das Beth-Hamidrasch nach seinem größten Wohlthäter zu benennen und demselben den Namen „Meisels-Betli-HamidrascN" beizulegen. Die Einweihung, schon seit längerer Zeit geplant, mußte in Folge verschiedener Hindernisse bis auf den heutigen Tag verschoben werden. Auch darin sei ein bedeutungsvolles Omen zu erblicken, denn es findet heute gerade die Jahrzeit des verewigten Oberrabbiners Berusch Meisels von Warschau, des berühmten Vaters unseres Bereinsobmannes, statt. Auf Ersteren kann man mit Fug und Recht das Wort anwenden, mit welchem die Megilla am Schluffe den Ruhm ihres Helden Lstgkdechai dahin zusammenfaßt: „Mordechai der Jehudi war ein Vertrauter des Königs Achaschverosch, ein Großer unter den Jehudim, der bei den meisten seiner Brüder beliebt, der das Gute für sein Volk erstrebte und den Frieden für dessen Generationen förderte." Wer wüßte es nicht, wie Rabbi Berusch Meisels bei Königen und Fürsten im höchsten Ansehen gestanden und von ihnen in allen jüdischen Angelegenheiten zu Rathe gezogen worden? So war er auch einer der von der Judenschaft in den constituirenden Reichsrath zu Kremsier entsendeten Vertreter. Nichtsdestoweniger zählte er zu den gefeiertsten wissenschaftlichen Größen