Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-03-15 · 11 (15.3.1901) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
11 (15.3.1901)
Date
1901-03-15
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3020846-3021385-3021397--10694-3035189
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr 11 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 185 Ruhe.) Ich halte noch hinzuzufügen, daß wir gemeinsame Bekannte hatten, daß zwischen uns hin und wieder Worte gewechselt seien, wobei ich ihn persönlich nicht kennen lernte, so daß icy sagen konnte: Ich kann sein Gefickt nicht wieder erkennen. Ich bin nie in persönliche Berührung mit ihm gekommen und habe privatim nicht mit ihm unterhandelt." Präsident: Können Sie sich der Vorgänge in der Versammlung in der Tonhalle erinnern? Zeuge Stöcker: „Ich erinnere mich ganz genau der Vorgänge, daß Jemand dort auftrat und hinausgeführt wurde. Aber ich habe mit Tausenden von Arbeitern zu thun, man schwört doch nur mit Wissen und Willen." Aus dieser objektiven Darstellung geht hervor, daß Stöcker in einem Saale mit Ewald gesprochen hat, daß er ihm in einem anderen Saale das Wort ertheilt hat, indem er ihn ausdrück l i ch als Vergolder Ewald bezeichnete, daß schließlich dieser Ewald in Gegenwart Stöcker's aus dem Saale entfernt wurde, lauter prägnante Thatsachen. Man kann sich nicht auf die Großstadt Berlin berufen, denn der Schauplatz.ist nicht die Stadt Berlin, sondern ein Saal in Berlin, also ein begrenzter Raum. Trotzdem ist die Vertheidigung des Stöcker nicht von der Hand zu weisen, obwohl er, sehr weitgehend, beschworen hatte, er habe Ewald nie vorher gesehen; er war sich, nach seiner Angabe, eben im Augenblicke des Schwörens nicht bewußt, daß er Ewald kenne. Wie liegt nun die Sache bei Moritz L e w y? Er beschwor bei der Voruntersuchung in Sachen Winter, er habe Winter nicht gekannt. Im Proteste Maßloff sagte er aus, er habe seines Wissens Winter nicht gekannt. Als Zeugen bekundeten, daß sie ihn mit Winter zusammengesehen hätten, antwortete er, er könne sich nicht darauf besinnen, gerade wie Herr Stöcker sich vertheidigte, man schwört doch nur „mit Wissen und Willen". Nun sind die Beweise, die gegen Stöcker Vorlagen, viel prägnanter und klarer; er hatte Ewald persönlich gekannt und, indem er wußte, daß es Ewald war, wiederholt mit ihm gesprochen. Winter wurde nur mit Lewy von jungen Leuten gesehen; daß er ihn wirklich persönlich gekannt, indem er wußte, daß dieser Mensch Ernst Winter heiße, konnte Niemand eidlich bekunden. Selbst der Vater Winter's konnte nur bekunden, daß Lewy im Wirthshause mit Winter gesprochen habe. Jeden Tag kommt es vor, daß Leute, die sich nicht kennen, im Wirthshause mit einander einige Worte wechseln. Auch auf der Straße kommt es häufig vor, daß Einer den Andern nach dem Weg, nach der Uhr fragt oder eine Bemerkung über das Wetter macht und eine Strecke weit nebenher geht. Alles das sind keine Beweise, daß man sich kennt. Dazu kommt, daß alle Bekannten und Freunde Winter's, auch Professor Prätorius, ein würdiger Mann, der Lehrer Winter's, der 3—4mal täglich durch die Danziger Straße ging,-Winter nie in Gesellschaft Lewy's sahen. Ferner ist zu erwägen, daß in Könitz die Bevölkerung antisemitisch h y p n o t i s i r t i st. In solchen Zuständen will Mancher hinterher etwas gesehen oder gehört haben, was nicht immer objektiv richtig ist. Auch das Wort der Martha Lehmann geb. Hofmann: „Wir müssen Moritz Lewy meineidig machen" ist eingehend zu würdigen. Nachdem man Stöcker, trotz Prägnanter Beweise, geglaubt hat, daß er zur Zeit des Schwures sich der Bekanntschaft mit Ewald nicht erinnert habe, könnte man auch annehmen, daß Moritz Lewy, gegen den Beweise wie gegen Stöcker nicht vorliegen, vielleicht mit Winter gesprochen hat. ohne ihn zu kennen. Insofern halten wir den Proceß Stöcker eontra Bäcker für seh r l e h r r e i ch. („Laubhütte.") Au« der Vergangenheit für die Gegenwart. Zeitgernäße Gedanken über ein altes Thema. Wer nur einigermaßen mit den Quellen des Mittelalters vertraut ist, der weiß es wohl, daß die damaligen Culturvölker in einen Pfuhl von Lastern versnnken waren, von denen wir uns heute kaum eine rechte Vorstellung machen können. Mst scholastischer Weisheit und Gelehrsamkeit befaßten sich nur Wenige, die dem geistlichen Stande angehörten, die niederen Schichten des Volkes blieben in der Regel unwissend und roh. Erst nach und nach wurde die geistesfeindliche Despotie der katholischen Kirche gebrochen und der menschliche Verstand durch die Renaissance und Reformation von den beengenden Fesseln befreit. Katholiken und Protestanten suchten in gleicher Weise durch Gestaltung neuer Sitten und durch Aneignung wahrer Kenntnisse die alte Rohheit abzustreifen, und seit dieser Zeitepoche ist ein stetes Wachsen von Bildung und Gesittung zu constatiren. Die Juden dagegen wurden von diesen Veränderungen um sie her nur wenig bewegt, waren sie ja stets gewohnt, ein von aller Welt abgeschlossenes Einsiedlerleben zu führen. In ihren alten, festen Ueberzeugungen wurzelnd, waren sie den Illusionen abhold, denen die Völker der verschiedenen Jahrhunderte nachjagten. Uno wie sie nichts zu thun hatten mit dem religiösen Fanatismus des Mittelalters, nichts mit den Spitzfindigkeiten seiner Wissenschaft, so kümmerten sie sich auch nicht im Geringsten um die christliche Reformation. Erst als eine selbstständige Philosophie erstand, die jedwede theologische Basis perhorrescirte, trat das alte Judenthum in die äußere Welt hinaus, um sich an ihrer geistigen Arbeit zu betheiligen. Die Früchte, die einst Mendelssohn und L e s s i n g für die geknechteten und gedrückten Juden gesäet hatten, begannen zu reifen, und in rührendem Wetteifer traten die der Sclavenketten Ledigen in den Kreis ihrer alten Herren. Seit dieser Zeit sind die Mauern des schmutzigen Ghettos gefallen, und die in den dunklen Judengaffen eng eingeschloffen waren, nehmen heute — wenn auch nicht überall — einen würdigen Platz in der menschlichen Gesellschaft ein. Anfänglich vorsichtig prüfend, gaben sie ihren alten Sitten soviel als möglich moderne Färbung, ihren eigenen Kindern deutsche Bildung, und es währte gar nicht lange, da übertrafen sie selbst alle übrigen Classen ihrer Zeitgenoffen an Scharfsinn und Intelligenz. Doch mit den gesellschaftlichen Formen der modernen Welt zogen auch deren Laster und Untugenden in die jüdischen Familien ein; gar bald rissen die vom Glanze der neuen Gegenwart Geblendeten ihre häuslichen Märe nieder, indem sie, leicht entschloffen, das Erbe ihrer Väter Preisgaben für die zweifelhafte Anerkennung des machthabenden Volkes. Der Umstand jedoch, daß wir nun gebildet und zeitgemäß geworden, daß uns die aalglatte Höflichkeit vornehmer Kreise so geläufig ist, hat uns nicht bester gemacht als unsere Väter. Stehen wir denn heute noch auf demselben hohen, sittlichen Standpunkt früherer Tage, da das enge Zusammenleben unserer Väter im Ghetto sie einer gegenseitig-überwachenden Controls unterwarf? Fast will uns das Gegentheil scheinen; uns will es scheinen, daß wir durch das Jagen und die Sucht nach moderner Bildung und zeitgemäßer Geartung unsere ureigenste Persönlichkeit, das innerste jüdische Wesen, aufgegeben haben, daß durch das Buhlen nach fremdem Beifall, durch (die) Nachahmung fremder Sitten und Gebräuche die echt jüdische Familientrene, diese heiligste Sitte unseres Volkes, geschwunden ist. Was ist nun zu thun? Sollen wir uns wieder absondern von der Außenwelt? Sollen wir wieder ausbauen die gesunkenen Thore und Mauern der Judenviertel? Das wäre wohl thöricht! Nie können wir dem Zeitgeist widerstehen; schon unsere Alten sagen: „Kol mi scheomed keneged haschooh, nofel bejodoh“. „Wer der jemaligen Zeitrechnung schroff gegenübersteht, der fällt — als willenloses Opfer — in ihre mächtige Gewalt". Doch mit unserer Freiheit das Leben für Gott und die Ewigkeit vereinen, zu unserer modernen Bildung unsere göttliche Religion gesellen, das können, das müssen wir. Unsere so düster scheinende Gegenwart gebietet uns, wieder zurückzukehren in das Haus unserer Väter, das uns so fremd geworden im Trubel moderner Sinnenlust; an uns ist es jetzt, gleich unseren besseren Vätern, die Religion als den Mittelpunkt des Lebens anzusehen, dann, aber erst dann, wenn wir uns wieder gefunden, das jüdische Haus mit seinen Tugenden wiederhergestellt haben, können wir wieder hoffnungsfroh in die Zukunst blicken, trotz Haß und Verunglimpfung, trotz Druck und Verfolgung. B i s e n z. Rabbiner Dr. Josef Hoff.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.