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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-03-08 · 10 (8.3.1901) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
10 (8.3.1901)
Date
1901-03-08
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 170 Dr° Vwrtz^s Wochrnsttzrifl. Str. 10 Aber ich denke mir: was vom Herzen kommt, das geht ja zum Herzen, und so bitte ich Sie, geehrte Herren, mir für einige Augenblicke geneigtes Gehör zu schenken. Es ist heute gerade ein Jahr, daß ich aus dem Oelberge stand und jene unvergleichliche Aussicht genoß, die sich nach Westen auf Jerusalem, von unseren Glaubensgenoffen »das trauernde Jerusalem" genannt, und auf die Höhen der Berge Juda's; — gegen Osten auf das Jordanthal erstreckt. Ich konnte mich damals eines gewiffen Eindruckes nicht erwehren, daß von dem Glanz und der Herrlichkeit des jüdischen Reiches, von dem uns die Geschichte erzählt, so wenig oder gar nichts zu sehen ist. Die einzige Mauer, die Klagemauer genannt, ist von dem großen Salomonischen Tempel übrig geblieben, und es beschlich mich ein Gefühl der Wehmuth, wenn ich an die großen, tausendjährigen Bauwerke der egyptischen Cultur, angefangen von den Pyramiden von Gizeh bis zu der durch ihre architektonischen Schönheiten ausgezeichneten Tempelgruppe von Karnak, sowie an die wunderbaren Kunstwerke der alten Griechen, die uns theilweise in ihrer claffischen Schönheit bis heute noch erhalten find, zurückdachte. iE Aber ein Gedanke war es, der mich tröstete, und er verdient gerade hier in diesem Kreise festgehalten zu werden, das waren jene ausgezeichneten Humanitätsanstalten, die Krankenhäuser, Waisenasyle, Handwerkerschulen u. s. w., die edle Glaubensgenoffen und Menschenfreunde in der Zionsstadt errichtet haben. (Lebhafter Beifall.) Und sehen Sie, meine Herren, das schöne Wort der Nächstenliebe, es ist uns treu geblieben in allen Phasen unserer Geschichte bis auf den heutigen Tag. Und so haben wir auch heute in unserem Wien einen großen Kreis edler Männer und Frauen, die an der Spitze großer Humanitäts-Institute stehen und in liebevollem Eifer bestrebt sind, Thränen zu trocknen, Elend zu lindern und Hilfsbedürftigen zur Seite zu stehen. Ich habe heute bereits in der Generalversammlung darauf hingewiesen, wie sehr wir jenen wackeren Männern zu Dank verpflichtet sind, die in selbstloser Weise arme Kranke in den Spitälern aufsuchen, sie, wenn sie es wünschen, mit ritueller Kost verpflegen und ihnen Worte des Trostes spenden. Aber auch aller Anderen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, in traditioneller Weise sich in den Dienst der Wohlthätigkeit zu stellen, sei heute hier ehrend gedacht. In diesem Sinne, meine Herren, will ich mein Glas erheben, um auf alle jene Humanitätsvereine, die in unserer Vaterstadt so segensreich wirken, zu trinken, mit dem Wunsche, daß sie blühen, wachsen und gedeihen zum Wohle der Menschheit bis in die spätesten Zeiten. (Lebhafter, langanhaltender Beifall.) Präsident der „Union", kaiserl. Rath Ruzieka. Geehrte Festversammlung! Herr Dr. Spitzer hatte die Güte, den jüngsten Mitgliedern der Chewra-Kadischa im Namen der Versammlung seinen Gruß zu entbieten; in diesem Gruße liegt die Aufforderung, die Tradition der Vorfahren, welche in diesem Vereine zu allen Zeiten, in allen Gemeinden aller Zonen, in Betätigung pietätvollen Wirkens festgewurzelt ist, zu bewahren — und im Namen dieser jüngsten Mitglieder leiste ich das Ge-> löbniß, diese altehrwürdige Tradition treu zu behüten und unseren Nachfolgern in dem gleichen Geiste zu übergeben, in welchen wir sie vorgefunden. (Beifall.) Ich möchte jedoch den Anlaß unseres Zusammenseins nicht vorübergehen laffen, ohne die Aufmerksamkeit der geehrten Festversammlung für einige Augenblicke nach Außen zu lenken; gehen Sie durch die Straßen Wiens, da finden Sie in allen Theilen der Stadt Häuser, welche den Concentrationspunkt einzelner Gefellschaftsclaffen bilden, von dem Adelscasino bis zu den kath. Gesellenvereinen herab; nun sehen Sie sich weiter um, in dem ganzen Bannkreis von Wien finden Sie nicht eine Stätte, welche der Bereinigung unserer Glaubensgenoffen bestimmt wäre — trotz der 150.000 jüdischer Seelen (Beifall), unter denen das gütige Geschick Manche mit irdischen Glücksgütern gesegnet hat, gewiß zu unserer innigen Befriedigung! Ich bitte Sie, die Räume der israelitischen Allianz zu besichtigen, geradezu unwürdig in ihrem Bestände; sehen Sie die Räume der Gemeindebibliothek an, welche Bücher in Kisten liegen hat, die unzulänglichen des Museums für historische Denkmäler des Judenthums, in denen kein Raum für die Aufstellung des dermaligen Besitzes, geschweige eines zukünftigen sich befindet; betrachten sie den Mangel an Stabilität für die ungezählten jüdischen Vereine, die Oesterr.-Jsrael. Union mit ihrem Rechtsschutzbureau, der Polit. Volksverein, der Bnei Brith, das Ferienheim und viele viele Andere! Wie wenn der Fluch des ewigen Juden hier sich zeigen wollte — immer unstät, kein Heim, keine Zufluchtsstätte! Und doch handelt es sich um kein Capital k fond perdu, jedes Haus trägt Zins und das zu investirende Capital, wenn Anteilscheine zu mäßigem Zinsfuß placirt werden, wird und muß verzinst, in absehbarer Zeit auch rückgezahlt sein. Die ehrenwerthen Männer der heutigen Festversammlung, sie sind ohne Ausnahme die Männer der Charakterfestigkeit, Männer, die an der Ueberlieferung der Eltern und Voreltern fest und treu halten, und öffentlich es documentiren wollen — und damit das Angedenken ihrer Vorfahren in der einzig möglichen Weise ehren — sie sind diejenigen, in deren Hände ich den Gedanken lege. Fürchten Sie nicht, daß dies in Form eines Subscriptionsbogens geschieht, nichts anderes als die Frage ins Rollen zu bringen, ist der Zweck meiner Worte; wenn Männer aus der heutigen Festversammlung sich fänden, die Frage concret zu erwägen, dann müßte der Propaganda die That bald folgen, und ein Denkmal würde für alle Zeiten erstehen, welches für die Einheit und die Einigkeit der Judenschaft in rühmlichster Weise dauernd Zeugniß oblegen würde, ein Centralpunkt, in welchem alle jüdischen Angelegenheiten ihre Vertretung fänden! (Beifall.) Von diesem Geiste getragen, danke ich im Namen der jüngsten Mitglieder für den Willkommgruß; mein Glas gilt der Zukunft, gilt dem Einigkeitsgefühle der gesammten Judenschaft! (Lebhafter und andauernder Beifall.) Präsident der Chewra-Kadischa, Moritz Karpeles. Hochgeehrte Herren! Sie haben Ihrem Gefühle für die Chewra-Kadischa in so vielfacher und beredter Weise Ausdruck gegeben, daß ich dem nichts weiter hinzufügen würde, wenn Sie sich auch unserer Frauen erinnert hätten. Indem ich nun daran gehe, unseren Frauen das Wort zu reden, werde ich hiefür nicht, so wie dies seitens unseres hochgeehrten Herrn Oberrabbiners geschehen ist, historische Reminiscenzen wachrufen, um Schlüffe daraus zu ziehen, schon deshalb nicht, weil ja die Frauen im Allgemeinen vom Alterthume nichts wissen wollen. Sie werden ja schon nervös, wenn vom Mittelalter die Rede ist. Zudem begegnen wir in der neuen Geschichte nur einer einzigen historischen Frauengestalt, die uns zu fesseln vermag und auch die soll Jungfrau gewesen sein! Ich meine die »Jungfrau von Orleans", allein, wer von Ihnen kann mir dafür einstehen, daß jene Jungfrau zur Zeit ihres Heldenthumes noch Jungfrau war? Sie werden es mir aber nicht verübeln, wenn ich es in meinem Alter ablehne, mit Damen von zweifelhaftem Rufe anzubinden. Meine Herren! Unsere Frauen ausnahmslos stehen auf einer Stufe der Intelligenz, daß Sie ihren Beruf nicht dahin auffassen, sich damit zu begnügen, uns unsere abgerissenen Knöpfe zu nähen und durchgestoßene Strümpfe zu repariren, sondern viel höher, idealer ist ihr Beruf! Nun meine Herren, wem von uns Männern ist es nicht schon Passirt, daß wir, getrieben von den Widerwärtigkeiten, die das Geschäftsleben mit sich bringt, einmal nahe daran waren, die Flinte i.is Korn zu werfen, und da waren es nun unsere Frauen, die uns aufgerichtet und aufrechterhalten haben. Unsere Frauen mit ihrem feinen Spürsinn haben in solchen Fällen immer das richtige Wort zur rechten Zeit anzuwenden gewußt, und auf diese Weise waren es unsere Frauen, die uns dann zur erhöhten Thätigkeit angespornt haben. Und noch Eines, meine Herren, unser Verein nennt sich »Verein für fromme und wohlthätige Werke", denken wir in dieser Stunde an Jene, die uns an Frömmigkeit und Wohlthätigkeitssinn weit voraus sind : »An unsere Frauen!" Sie leben hoch!!! (Lebhafter Beifall.)

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