Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 10 (8.3.1901)
- Date
- 1901-03-08
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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j>ir. 10 Vr. Blom'e' WoürenjÄML» Seite 169 und Erkenntniß, zu neuen Forschungen, neuen Fortschritten aneifernd und anregend. So verknüpft ein geistiges Band die unter der Sonne Wandelnden mit den dahingegangenen Geschlechtern, von welchen uns die Kluft der Jahrtausende trennt, deren Dasein uns oft nur verwitterte Steine, räihselhaste Inschriften, vergilbte Pergamente verkünden. Dieses Gesetz der allmäligen Entfaltung der organischen Entwicklung beherrscht nicht nur die Gesammlheit in ihrer die Einheit des Menschengeschlechtes, die Solidarität der Racen und Staaten offenbarenden Culturarbeit, sondern auch jedes einzelne Volk in seinem Werden, auf seinem Lebensgange, denn nicht an einem Tage wird ein Volk geboren. Dessen Schicksale auf dem großen Schauplatze der Weltgeschichte, die erleuchteten Geister, mit denen eine gütige Vorsehung dasselbe begnadet, dessen Sprache, Glauben, Stammesgemeinschaft, Volksthum, Sitten, Gewohnheiten und Gebräuche drücken ihm ein unvertilgbares Gepräge auf. geben seinem Fühlen, Denken und Empfinden Inhalt, seinen Bestrebungen, Wünschen und Hoffnungen Ziel und Richtung. Nur im Lichte der Vergangenheit kann die Gegenwart eines Volkes erkannt und gewürdigt werden. In keinem Volke ist das Bewußtsein des innigen unlösbaren Zusammenhanges mit der Vergangenheit so kräftig und lebendig wie im Judenthume. Hoch und heilig halten wir die Tradition, die Seele, den Lebensnerv unseres Stammes, die unversiegbare Quelle, aus der uns stete Verjüngung zuströmt, an der unsere Vorfahren in der Stunde der Bedrängniß sich erfrischt und gekräftigt. Die heiligen Lehren unserer Schrift, die herrlichen Schätze und reichen Kostbarkeiten, welche die Denker, Forscher, Philosophen und Weisen unseres Stammes aus dem unergründlichen Tiefen der Wahrheit und Erkenntniß gehoben und die in den unvergänglichen gigantischen Werken unserer Nationalliteratur, in denen wir den mächtigen Flügelschlag jüdischen Geisteslebens vernehmen, für alle Zeiten aufbewahrt sind, bleiben uns ein uneräußerliches Bermächtniß; die glühenden Worte unrerer Propheten, die von der Höhe ihres weltumspannenden Geistes bald mit Donnerstimme kühn und unerschrocken die Mächtigen aufrüttelten, bald mit ihren Gedankenblitzen in die Nacht der Sittenverderbniß hinein leuchteten oder die Zukunft Israels erhellten, bald mit milden sanften Reden, dem die Natur aus den Banden der Erstarrung lösenden Frühlingshauche gleich, die Gebeugten und Verfolgten aufrichteten, sie wirken noch heute auf uns mit unwiderstehlicher ursprünglicher Gewalt; die unsterblichen Gesänge unserer gottbegnadeten Dichter, in welchen die tiefe Sehnsucht, der Seele geheimnißvollsten Regungen, Schmerz und Freude, Alles, was das bedrückte und freudig erregte Gemüth durchstürmt, in prächtigen Accorden ausklingen, sie erheben uns noch heute über die Niederungen der täglichen Sorgen in die lichten Sphären der reinsten Ideale und verklärter Lebensanschauung; jene alten Gebete, in denen die auf dem tiefsten Grunde der jüdischen Volksseele ruhenden Gefühle und Empfindungen ihren einfachen und erhabenen Ausdruck finden, stimmen uns noch heute zur Andacht, erfüllen uns mit fester Zuversicht und frohem Muthe; die Leiden, Mühsale und Verfolgungen, die über unser Volk dahingezogen, machen noch heute unser Inneres erbeben, zittern noch heute in uns nach. Dies ist der gesegnete, heilige Boden, in dem der jüdische Lebensbaum wurzelt, und wenn dessen Stamm sich stets verjüngt, immer neue Zweige und Aeste ansetzt, neue Blätter, Blüthen und Früchte treibt, die ewig kräftige Wurzel bleibt immer unverwüstlich und unzerstörbar, unveränderlich dieselbe, und wenn, mit unfern Alten zu sprechen, alle Stürme der Welt daherbrausen, sie können sie nicht von ihrem Platze bewegen. Möge es mir am Fest- und Ehrentage der Chewra-Kadischa gestattet sein, Ihnen eine gewaltige Vision des Propheten Ezechiel vorzusühren, die mich stets mit heiligem Schauer erfüllt. Der Prophet, ergriffen von der Hand des Ewigen, wird hinausgeführt auf eine weite Ebene voll verdorrter Menschengebeine. Rach Zwiegesprächen voll poetischer Schönheit entsteht ein Getöse, die Gebeine bewegen, verbinden sich, Sehnen, Fleisch und Haare überziehen sie, ein Lebensodem durchweht, ein Geist beseelt sie, sie erheben sich, eine sehr große Schaar, das Haus Israel. Wenn wir die Vergangenheit mit dem rechten Geiste erfüllen, wenn die vom Glanze des reichen Geistes und tiefen Gemüthslebens der Vorzeit herüberdringenden Lichtstrahlen uns erwärmen und erleuchten, dann ist das Haus Israel ein Haus des Lebens, die dahingeschiedenen Geschlechter bilden ein gewaltiges Heer, uns schützend und schirmend in den Stürmen der Zeit, uns sicher durch die Wogen und Brandungen der Geschichte geleitend. Der großen Gesammtheit, dem angestammten Volke, steht nun der Einzelne gegenüber, gedrängt von dem jeder Menschenbrust innewohnenden starren, unbeugsamen Pflichtbewußtsein, berufen von der göttlichen Stimme der Menschenwürde zum engsten Anschlüsse, zur innigsten Verbindung, sich mit freudiger Begeisterung und hingebungsvoller Aufopferung fördernd, mitwirkend und schaffend als ein lebendiges Glied dem Ganzen einzufügen, in Werken der reinen Menschenliebe sich zu bethätigen, Mensch in vollem edelstem Sinne des Wortes zu sein. Wie Fackeln und Feuerwerk, bemerkt ein großer Philosoph, vor der Sonne verblüffen, so werden alle irdischen Vollkommenheiten überstrahlt von der Güte des Herzens, welche den Menschen hebt, verklärt und ehrt, durch die er sich einen Denkstein setzt und ein Erbe bei der Nachwelt sichert. Die irdischen Güter aller Art hat der Mensch, Liebe und Menschlichkeit, die der Herzensgüte entströmen, das ist der Mensch. Vier verschiedene Bezeichnungen hat in unserer hebräischen, an Tiefe und Schönheit unverglkichlichen Sprache das Wort Welt; sie wird genannt Adumuh, Erez, Tewel, Aulom. Adumuh wird sie vom Urstoffe, aus dem sie gebildet, genannt, Erez drückt ihr Berhältniß zu den andern Himmelskörpern aus, Tewel kennzeichnet die Vergänglichkeit und Wichtigkeit alles Irdischen, und Aulom ist die sittliche, unvergängliche Welt, der Inbegriff aller jener geheimnißvollen geistigen Kräfte, die verborgen sortwirken, in wunderbaren Gebilden und Schöpfungen ans Tageslicht treten und die Menschheit zu immer höherer Vollkommenheit emportragen. Und welches ist die unerschütterliche Grundlage dieser Welt? Das menschliche Herz, in das nach Koheleth diese Welt (Aulom) gesetzt ist, und wodurch wird diese Welt auferbaut und erweitert? Aulom Chessed jiboneh, durch die echte Menschenliebe. Die Chewra-Kadischa ist jene uralte, ehrwürdige Institution, deren ganzes Sein, deren unerschöpflicher Inhalt, deren Wesen und Charakter Chessed schel Emes, desssn Anfang und Ende, Fundament und Eckstein das idealste Menschenthum, deffen erhabenstes Ziel unendliche Liebe zur ganzen Menschheit, Barmherzigkeit und Milde gegen kranke Brüder, echte Pietät gegen di Tobten für alle Zeiten bleiben wird, jene Institution, die selbst unfern Feinden Achtung und Anerkennung abringt, in welcher das jüdische Herz in aller Frische und Wärme pulfirt, die Gesundheit und innere Lebenskraft unseres Volkes am hellsten und glänzendsten sich wiederspiegelt. So schätze ich mich glücklich, jene stattliche Reihe ausgezeichneter Männer, die in letzter Zeit, dem Zuge ihres Herzens folgend, in den Kreis dieser heiligen Bruderschaft eingetreten sind, um mit uns an der Auferbauung der sittliche»! Welt zu arbeiten, mit uns Chessed schel Emes zu üben, im Namen des Vorstandes herzlichst begrüßen zu dürfen. Mögen wir Alle, die Alten wie die Jungen, durchglüht von unerschütterlicher Treue und Anhänglichkeit an unfern angestammten Glauben, begeistert für die Heiligung des göttlichen Namens, in edlem Wetteifer unsere besten Kräfte dafür einsetzen, daß die Chewra- Kadischa, diese Stätte der Humanität, zu immer höherer Blüthe sich entfalte, daß sie sich stolz, Alles überragend, erhebe, ein unbesiegbares Bollwerk gegen unsere Widersacher, ein weithin leuchtendes Wahrzeichen jüdischer Weltanschauung, die Nachtgespenster des Hasses, der Verfolgung und des Vorurtheiles verscheuchend, daß sie zu nie geahntem Glanze emporsteige zum Segen unserer Gemeinde, zur Verherrlichung und Ehre des ganzen Judenthums. In dem Geiste echter Brüderlichkeit lade ich Sie ein, mit mir das Glas zu erheben auf das Wohl unserer neu eingetretenen Mitglieder und mit mir in den Ruf einzustimmen: „Sie leben hoch! hoch! hoch!". Cultusvorstehcr, Nniversitätsdocent Tr. Joses Grünfeld bringt seinen Trinkspruch auf die Rabbinen und die Vertreter der jüdischen Wissenschaft in Wien. Cultusvorstehcr Salo Cohn auf die Humanitäts-Vereine. Sehr geehrte Herren! Erst vor wenigen Minuten habe ich die ehrenvolle Aufgabe übernommen, den geehrten Collegen Baurath Stiaßny, der sich entschuldigen ließ, zu vertreten. Sie werden begreifen, meine Herren, daß ich mit einer großen Befangenheit darangehe, in einem Kreise zu sprechen, der ausgezeichnet ist durch eine Reihe von bedeutenden und geistreichen Berufsrednern.