Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 10 (8.3.1901)
- Date
- 1901-03-08
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 168 Dr. Vloch's Wochenschrift Nr. 10 als die Zedokoh, also weniger Opfer auferlegt, daß die Tefillah, wenn sie nicht im echt jüdischen Sinne Gebet für unsere Mitmenschen ist, im wahren Geiste des Judenthums, das da ist, wie schon Hillel lehrt, die verkörperte Menschenliebe, in gewissem Sinne einen egoistischen Zweck hat, dem Egoismus dient. Das Gebet hebt uns über die Alltäglichkeit des Lebens hinaus, hllst uns manche Unannehmlichkeiten des Lebens vergessen, erhebt uns zu Gott; in Zeiten der Noth, der Bedrängniß, der Trübsal, des Schmerzes, die doch keinem Menschenkinde erspart bleiben, finden wir von selbst in der Tefillah (in dem Gebet) den Ausweg, beten wir von selbst zu unserem Gotte und rufen dessen Hilfe an. Die Tefillah ist keine That, keine freiwillige That — sie ist ein Bedürfniß, ein menschliches Bedürfniß, wie Essen und Trinken, und stellt fich in gewissen Zeiten von selbst ein, ohne daß die Tschabah, welche ich nicht Buße, sondern Umkehr mir übersetze, uns erst dazu bestimmen müßte. Anders bei der Zdoke, welche ich, wie ich die Tefillah als eine Eigenschaft der Chaffidim bezeichnen möchte, eine Eigenschaft der Zadikim nennen möchte, welche ich nicht als bloßes Wohlthuu auffasse, und welches Wort ich mir mit »ausgleichender Gerechtigkeit" übersetze. Sie ist allerdings für die Anderen ein Bedürfniß, ihre Ausübung ist aber leider kein allgemeines Bedürfniß, wenn sie auch Manchem von uns zum Bedürfniß wird; sie ist eine That, eine fteiwillige That, allerdings als Pflichterfüllung, als Befolgung unserer heiligen Lehre, der Thora, wo sie auf jedem Blatt gelehrt und gepredigt wird, wie doch die in unserer Bibel enthaltene Vorschrift über das Verhalten gegen Witwen und Waisen, gegen den Fremdling, gegen die Armen, das Gebot des Zehents und insbesondere die Einrichtung des Jubeljahres, nur der ausgleichenden Gerechtigkeit dienen, jener ausgleichenden Gerechtigkeit, welche den Armen mit dem Reichen versöhnen, den Unterschied, wenn nicht aufheben, aber doch mildern will. Diese Zdokoh als ausgleichende Gerechtigkeit war von jeher als eine der größten Haupttugenden unserer Glaubensbrüder geübt und gepflegt, anerkannt und bewährt im Alterthum, hellleuchtend im Mittelalter, zum Theile auch nach demselben, wo die begüterten Juden alle Opfer brachten, um für ihre ärmeren Glaubensbrüder zu sorgen, wo Gold und Silber zusammengetragen wurde, um bei drohendem Geresch insbesondere den armen Glaubensbrüdern es zu ermöglichen, an der Stätte ihrer theuren Tobten zu verbleiben. Diese Zdokoh als ausgleichende Gerechtigkeit hat es auch zuwege gebracht, daß Neid und Mißgunst unter unseren Glaubensbrüdern nur in sehr geringem Maße vorhanden waren und'sind und daß der arme Jude nicht mit Neid, sondern mit Befriedigung, ja mit Stolz den reichen Glaubensbruder als Mitglied seiner Glaubensgemeinschaft feiert. Der eingangs meiner Tischrede genannte Spruch nanwri njnan rkaro Umkehr, Gebet und ausgleichende Gerechtigkeit führen vorbei, verscheuchen das grausame Geschick — ist thatsächlich wahr geworden; wenn zeitweilig eine Verfinsterung, eine Trübung dieser Idee der ausgleichenden Gerechtigkeit im Alterthum, im Mittelalter, in der Neuzeit eingetreten ist, dann ist auch thatsächlich bald darauf die Roa Hagzeroh gefolgt, nicht etwa als Strafe, sondern als eine naturgemäße Folgeerscheinung, und da ist die Tschuvoh nicht Buße, sondern Umkehr auch immer wieder das richtige Mittel gewesen, die Roa Hagzeroh, das böse Geschick, abzuwenden oder zu mildern. Wehmuthsvoll muß deshalb der Zeit gedacht werden, wo diese Zedokoh allen Juden als heilige Pflicht galt, mit Befriedigung aber auch der Zeit, wo nach eingetretener Abschwächung dieser Pflichterfüllung die Teschuwoh, die Umkehr, erfolgte, durch welche die Verhältnisse nicht blos der armen Juden, sondern der Gesammtjudenheit geb-ffert erscheinen, weil die Zdokoh, als ausgleichende Gereä ..eit im Gegensätze zum bloßen Wohlthun GemilaS Chafadim, nicht blos auf materielle Unterstützung beschränkt war und ist, sondern auch auf das mannhafte Eintreten der einflußreichen Glaubensbrüder für die Interessen der Juden fich erstreckte. In dem Wechsel der Zeiten, wo ab und zu diese ausgleichende Gerechtigkeit allgemein zum Ausdruck kommt, ab und zu weniger geübt wird, ragten die Institutionen der Chewra- Kadischas, der ehrwürdigen Bruderschaften, als stetiger, nie schwankender Träger der Zedokoh hervor. Sie wurden überall dort geschaffen, wo sich auch nur einige Juden vereinigt niederließen, sie wurden geschaffen, bevor die Juden noch zu . einer Gemeinde fich vereinigten, bevor jüdische Gemeinden entstanden. Sie waren immer der Zdokoh, der ausgleichenden Gerechtigkeit, geweiht, die den Unterschied zwischen Arm und Reich versöhnend überbrückt, und unter diesen ehrwürdigen Bruderschaften nahm immer und nimmt auch heute unsere Wiener Chewra-Kadischa einen hervorragenden Ehrenplatz ein, fie sorgt, die Leiden der Kranken und Bresthaften zu mildern, die Thränen der Unglücklichen und Bedrückten zu trocknen, den Lahmen eine Stütze zu geben, den Bemitleidenswerthen, bei denen das Augenlicht zu erlöschen droht, durch künstliche Mittel und Behelfe den Schimmer zu erhalten, den Sterbenden Tröstungen zu spenden. Sie gibt insbesondere auch Trost den Hinterbliebenen unserer armen Glaubensbrüder, indem sie neben unserer Gemeindeverwaltung für die würdige Bestattung und für die würdige Begleitung des theuren Tobten sorgt und auf diese Weise den Hinterbliebenen unserer armen Glaubensbrüder das schmerzliche Gefühl ihrer Armuth und Vereinsamung in solchen niederdrückenden Momenten lindert. Unsere Chewra-Kadischa ist aber umso bewundernswerther, als sie bei der leider viel zu geringen Zahl ihrer Mitglieder einen harten Kampf kämpfen muß und die Kunst zuwege zu bringen versteht, bei der Beschränktheit ihrer Mittel in reichlichem Maße Zdokoh, die ausgleichende Gerechtigkeit, zu üben. Und wem, geehrte Festgenossen, dankt unsere Chewra- Kadischa, danken wir diese ausgezeichneten Leistungen — zunächst und hervorragend wohl jenen wackeren Männern, welche an der Spitze derselben stehen, in selbstloser Opferwilligkeit sich persönlich in den mühevollen Dienst derselben gestellt, ihrem wackeren Vorstand, unter Führung ihres ausgezeichneten Präsidenten Herrn Moriz Karpeles und seines Stellvertreters, meines geehrten Freundes Dr. Marcus Spitzer, welche Beide, wie alle ihre unermüdlichen Mitarbeiter im Vorstände, die Alten und Jungen, dem anregenden Beispiele des verewigten Gustav Simon, dem leuchtenden Vorbilde des verewigten Jakob Brandeis nacheifern. Und so wie Gustav Simon als Obmann der Wohlthätigkeitssectivn der Cultusgemeinde und als Präsident unserer Chewra-Kadischa sowohl da wie dort Zdoke übte, wie Jakob Brandeis als Obmann des Bethaus-Vorstandes und Präsiderü der Chewra-Kadischa die Awaudah, den Dienst der Gottverehrung, der Tefillah mit dem Dienste der Zedokoh vereinte, ist der derzeitige Präsident unserer Chewra-Kadischa, gleichzeitig Präsident jener großen jüdischen Institution, in welcher die Lehrer unserer Gemeinden ausgebildet werden, welche berufen sind, in flammenden Worten Zedokoh zu lehren und zu predigen, jene Zedokoh, welche der Vorstand unserer Chewra-Kadischa in so eminenter Weise übt, jene Zedokoh. von welcher es heißt, Zedokoh tazil mimowet, sie allein schützt vor dem Bergeffenwerden; denn was der Mensch im Leben erkämpft, das folgt ihm nicht ins Grab, auch nicht über das Grab hinaus. Dem Herzenswünsche, daß die Uebung der Zedokoh sich immer mehr und mehr ftäftige und verallgemeine, daß die Zahl dieser Zadikim in unserer Gemeinde wachse und daß der Vorstand der Chewra-Kadischa, dessen Mitglieder zu den Besten unserer Gemeinde zählen, in seiner heutigen Zusammensetzung noch viele Jahrzehnte seines segenspendenden Amtes walte. Dem Vorstande unserer Chewra-Kadischa weihe ich mein Glas und lade Sie ein, geehrte Festgenoffen, mit mir in den Ruf einzustimmen: Der Vorstand unserer Chewra-Kadischa, die Alten und die Jungen, er lebe Hoch, Hoch, Hoch!!! (Lebhafter, langanhaltender Beifall.) Vicepräsident Phil. u. Jur. Dr. Marcus Spitzer: Hochverehrte Festversammlung! Wahrhaft glänzend sind die Siege des immer vorwärts strebenden Menschengeistes auf dem Gebiete der Wissenschaft und Kunst, im Reiche der Bildung und Gesittung. Nichts die schöpferische Kraft einer Epoche hat diese Siege errungen, vielmehr haben alle Völker aller Zeiten ihren Antheil an dem gewaltigen Ringen der Geister, an den Kämpfen der weltbewegenden Ideen, ititb auch unserem Volke gebührt, wie wir es mit Stolz aussprechen können, ein Ehrenplatz in der Ruhmeshalle der Geschichte. Eine Generation steht auf den Schultern der vorhergegangenen, ein Jahrhundert überliefert dem andern seine Lehren