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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-03-08 · 10 (8.3.1901) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
10 (8.3.1901)
Date
1901-03-08
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr 10 Dr. Bloch's wvchrnMrrist< Sette 167 einträte, aber gesetzt, es wäre der Fall, dann könnte er mit Recht gleich seinem Confrater in Wallenstein's Lager ausrufen: »Heisa, Jucheia, dudeldumdei, das geht ja hoch her. Bin auch dabei! Jst's jetzt Zeit zu Saufgelagen zu Banketten und Feiertagen?" Und ich würde, Ihre Erlaubniß vorausgesetzt, das Wort ergreifen und ihm sagen. Wahrlich die Zeit und die Umgebung, in der wir leben, ist durchaus nicht darnach angethan, daß wir uns der Freude und dem Behagen eines üppigen Mahles hingäben, aber wir folgen mit diesem Feste einer altehrwürdigen Tradition. Unsere Väter und Altvorderen haben in der trübsten Zeit, in der ärgsten Bedrangniß sich in der heiligen Bruderschaft unserer Chewra-Kadischa zusammengefunden und im stärkenden Gefühle der innigsten Zusammengehörigkeit, der Einheit des Glaubens und des Bundes neuen Muth geschöpft, um den anstürmenden Widerlichkeiten Stand.- zu halten und nicht feige den Kampf aufzugeben. Sie fanden in der brüderlichen Stimmung des Mahles, im Gefühle der Gleichheit wieder ihre Stärke und bethätigten sie so nach Außen; und so versammeln wir uns heute, wo dieser Muth, diese Stärke uns doppelt noth thut, je mehr der Feinde wir draußen gewahren, je mehr Wankende und Zagende unter unseren Glaubensbrüdern wir am Wege finden, und es ist ein deutliches Zeichen der Noth der Zeit, daß in diesem Jahre die Schaar derer sich vergrößerte, welche der freundlichen Einladung des Vorstandes der Chewra-Kadischa folgten, und wir dürfen auch hoffen, daß dieses Mahl nicht nur unseren Körper in ritueller Weise stärken, sondern unseren Muth, unsere Zähigkeit, die Ausdauer im Kampfe neu beleben werde. Es ist an erster Stelle der geheiligten Person unseres erhaben Monarchen gedacht worden, dem wir in unserem geliebten Vaterlande so namenlos viel Gnade und Gerechtigkeit zu danken haben, der uns aus dem Füllhorne seines edlen Herzens die volle Gleichberechtigung gesetzlich gewährte und dessem gütigen Herzen wir, nach seinen eigenen Aussprüchen, wie alle anderen Staatsbürger gleich nahe stehen, und wir können aus der Tiefe unseres Herzens nur den einen Wunsch schöpfen, möge der hohe Sinn unseres erhabenen Monarchen ein Gemeingut aller Bürger dieses Staates iu Palast und in der Hütte sein. Leider ist dem nicht so. In dem uns aufgedrungenen Kampfe um das tägliche Dasein, um unser gutes Recht müffen wir unsere Blicke mehr nach unten, denn nach oben richten. Was immer wir auch thun oder unterlaffen, wir werden verdächtigt, beschimpft, verhöhnt, die verwerfliche That eines Einzelnen wird zum Borwurfe für uns Alle und den Betrug eines Einzelnen von uns, will man damit ahnden, daß man unsere Gesammtheit um erworbene und verbriefte Rechte, um das Recht der Gleichheit Aller vor dem Gesetze zu betrügen versucht oder wirklich betrügt. Und wenn wir jeder Einzelne mit aller uns innewohnenden Kraft versuchen, Gutes zu wirken und zu schaffen, uns der Bedrängten auzunehmen, der Vaterstadt, dem Vaterlande nach besten Kräften zu dienen, so müffen wir früher oder später doch bekümmerten Herzens erkennen, daß all unsere persönlichen Einzelversuche vergebens sind, ein häßliches, veraltet scheinendes Vorurteil zu bannen, welches von Volksbetrügern, welche die kurulischen Stühle ergatterten, eigennützig genährt wird, und daß wir uns zusammenthun und zusammenfinden müssen, um den Gegnern unserer Gesammtheit als eine einige, durch nichts zu trennende Gesammtheit zu begegnen und als Gesammtheit den Kampf durchzuführen. In diesem Kampfe bedürfen wir aber auch als einig gleichgesinnte, durch Nichts zu trennende Bruderschaar geeigneter, d. h. begeisterter Führer, die nicht um der Ehre willen, nicht um in den Besitz von Macht zu gelangen, sondern opferfreudig sich an die Spitze stellen, um in der Stunde der Gefahr die vergifteten Pfeile, die gegen unsere Schaar gerichtet sind, von uns abzuwenden. Und wir haben sie, wir haben sie bei den letzten Wahlen in den Eultusvorstand gefunden. Männer, die, ferne von jeder thörichten Eitelkeit, in ihrem echt jüdischen Herzen erkannten, daß die Noth der Zeit ihnen das Opfer auferlegt, sich an die Spitze der Gemeinde zu stellen, unsere Angelegenheiten zu leiten. Sie haben, selbst aufopferungsfreudig, an unsere Opferwilligkeit nicht vergeblich appellirt und wir erwarten von ihnen, daß sie nicht nur die Hüter und Pfleger unserer kulturellen Traditionen sein werden, daß sie nicht nur bekümmerte Väter unserer heute doppelt hilfsbedürftigen armen Glaubensbrüder sein werden, sondern daß sie auch voll Muth und Entschlossenheit und mit nackenfieifem Rücken allüberall dort ihre Stimme erheben werden, wo es gilt, für unser Ansehen, für unser arg bedrohtes Recht einzutreten. Es läßt sich nicht leugnen, daß ehedem, als die Größe der Gefahr noch nicht voll erkannt war. Manches verabsäumt wurde, daß nach den vielen bitteren Erfahrungen der letzten Jahre ein großer Theil der Judenschaft verzagt wurde, sein ängstlich Ohr nur allzuleicht falschen Propheten lieh und noch heute hypnotisirt in ihrem Banne steht-, daß manche in unseren Reihen entmuthigt und wankend wurden, und diesen Wankenden und Entmutigten, aber auch der Gesammtheit der Glaubensgenoffen möchte ich des großen Goethe Worte »Beherzigung" zurufen: Freier Gedanken Bängliches Schwanken Weibisches Zagen Aengstliches Klagen Wendet kein Elend, Macht Dich nicht ftei. Allen Gewalten Zum Trutz Dich erhalten Nimmer sich beugen, Kräftig sich zeigen, Rufet die Arme Der Götter herbei. Aber schon sehe ich das schöne Antlitz unseres hochverehrten Herrn Oberrabbiners ob dieses heidnischen Citates sich in Falten legen und ich beeile mich, es laut zu bekennen — Ich glaube nicht an die Götter. — Aber ich glaube an den großen gewaltigen Gott, der in jeder jüdischen, in jeder Menschenbrust schlägt, der vernehmlich schlägt in der Brust der Mitglieder des Cultusvorstandes, der laut und mächtig vocht in der bescheidenen Brust unseres hochverdienten Herrn Präsidenten. An diesen Gott glaube ich. auf diesen Gott setze ich, setzen wir unsere Hoffnung und diese Hoffnung gibt uns das Recht auf dieses Fest und die Festesfreude, und wir erheben unsere Gläser und leeren sie auf das Wohl ves Vorstandes unserer Cultus- Gemeinde, auf das Wohl des Präsidenten derselben, des Herrn kais. Rathes Klinger, in der Ueberzeugung. daß sie. unsere Führer, erfüllt und begeistert von diesem Gotte, kräftig sich zeigen, nimmer sich beugen, allen Gewalten zum Trutz uns erhalten. Der Eultusvorstand und der Präsident Herr kais. Rath Klinger, sie leben hoch. (Lebhafter, langanhaltender Beifall.) Trinkspruch des Herrn Bicepräfidenten der israelitischen Cnltnsgemeinde Dr. Gustav Kohn. Geehrte Fe st genossen! Hochaniehnliche Versammlung! Seit sechzehn Jahren wurde ich regelmäßig durch die ehrende Einladung ausgezeichnet, bei dem von Alters hergebrachten Brudermahle das Wort zu ergreifen und immer war dasselbe Subject Object meiner Tischrede. Eine geraume Pause liegt zwischen dem letzten Brudermahle und heute, und ich könnte vielleicht ohne Gefahr, ertappt zu werden, heute wiederholen, was ich zuletzt gesprochen. Aber zwei Dinge find es, welche Sie vor dieser Wiederholung schützen. Ich habe meine letzten Aufzeichnungen nicht mehr zur Hand, es hat mich aber auch bei der Vertiefung in das mir liebgegewordene Thema, ganz entsprechend der Eigenart unseres Brudermahles, wehmutsvolles Empfinden, gleichzeitig helle Begeisterung erfaßt, wie das Mahl uns fröhlich stimmt, die Brüderlichkeit Wehmuth erzeugt. Ge eh rte Fe st geno s sen! Sie Alle kennen den altehrwürdigen Satz, der an das poetische Gebet .-pir, ransr angegliedert ist, den Satz nb-sm nsiwm »npnsi maavirin roa hagzeroh, welcher in unfern Machsorim zumeist die deutsche Uebersetzung findet: Buße, Gebet, Wohlthun wenden das böse Geschick ab, dessen Sinn und Uebersetzung ich mir, wie gezeigt werden soll, anders zurechtlege. Ich bin kein Schriftgelehrter, und ich werde es nicht wagen, eine Graduirung vorzunehmen, kritisch zu untersuchen, welches von den drei Präventivmitteln in ethischer Beziehung höher steht» welchem von diesen dreien größeres Gewicht beizulegen, die Palme zuzuerkennen ist. Mir steht allerdings in meinem Empfinden, fest, daß die Tefillah, das Gebet, weniger Opferwilligkeit' vorausfitz',

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