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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-03-08 · 10 (8.3.1901) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
10 (8.3.1901)
Date
1901-03-08
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 166 Vr<> BlEs Wochrnf<MZ° R«. 10 zu bestellen, der auf einer Anhöhe, von wo aus er wachsamen Auges Alles.zu übersehen vermag, seinen Standplatz habe. Ohne die treue Wachsamkeit eines solchen verläßlichen Wächters und Hüters würde der Besitzer nicht eine einzige Traube seines ganzen Weinberges zurückbehalten. Zerpflückt, zerplündert. zertreten, von all den Vorübergehenden muthwillig zerstört, würde dieser Weinberg bald das traurigste Bild der Verwüstung darbieten. Ja selbst in stiller Nacht, wo Alles auf weichem Pfuhl in den Armen des Schlafes ausruht, muß dieser wachsame Weinberghüter jeden Schlaf und jeden Schlummer von seinen Augenlidern ferne halten. Nun wie? — so rief der zweite Lehrer — findet nicht auch dies seine vollste Anwendung auf unfern jüdischen Stamm? O wenn dieser Stamm nicht hoch oben seinen treuen Wächter und Hüter bätte, wie unaussprechlich arg wär's um ihn bestellt! Zerpflückt, zerplündert, zertreten von aller Welt, ja, ausgelöscht aus dem Buche des Daseins, wäre keine Spur von diesem ganzen Stamme mehr vorhanden — wenn nicht der allmächtige Hüter Israels, der. stets offenen Auges, nicht schläft imd nicht schlummert, treue Wacht über ihn gehalten hätte! III. Hierauf erhob sich ein dritter Lehrer und sprach Folgendes: Ueber den Wein, als die edelste aller Früchte, die Gott für den Menschen geschaffen, werden drei verschiedene Benedictionen gesprochen. Anders nämlich lautet der Segensspruch über die Weinbeeren, die ungezeitigt von der Rebe gebrochen werden; anders über die ausaereifte süße Traube, und endlich noch anders über den aus den Trauben gepreßten Wein, der in dem Kelche perlt. — Drei verschiedene Segnungen sind es aber auch, die am jüdischen Stamme stets sich versichtbarten und ebensosehr zum Bollwerk nach Außen wie zum nnversiegbaren Quell innerer Beglückung für ihn wurden. Diese drei Segnungen des jüdischen Stammes waren und sind noch immer: die hellerleuchteten Köpfe, die thatkräftig schaffenden Hände und die weichen mitleidigen Herzen. IV. Diesen drei Lehrern schloß sich endlich noch ein vierter an. Die Rebe des Weinstockes, so sagte dieser, trägt nicht nur Trauben, sondern auch Blätter. Und wie prächtig steht die Rebe da in dem Dopvelschmucke ihrer purpurnen Trauben und der grünen Pracht ihrer herrlichen Blätter! Denn das Blatt der Weinrebe ist so schön, so zierlich, wie sonst wenige Blätter der großen Pflanzenwelt. Saftiggrün, feingeädert, gefasert und ringsherum reizend ausgezackt. Ja man erkennt, daß Gott die Rebe zur Königin der Pflanzenwelt erhoben, auch an ihren Blättern, mit denen Gott sie so reich geschmückt hat. Und überdies dienen diese Blätter dem Weinstocke nicht zur bloßen Zierde — nein, Gott gab sie ihm auch zu seinem ausgiebigen Schutze. Denn wahrlich, theils die Sonnengluth des Tages, theils der Frost der Nacht würde die zarten Keime des Weinstockes zerstören. wenn nicht das grüne Blätterdach sich darüber schützend breiten würde. — Und auch aus diesem Grunde, so schloß der vierte Redner, haben unsere großen nationalen Dichter den jüdischen Stamm unter dem Bilde des Weinstockes dargestellt. Die Trauben des Weinstockes stellen uns die edleren Männer unserer Stammesgeschichte dar, die zierlichen und schützenden Blätter der Weinrebe dagegen zeigen uns das Bild der edleren, hochsinnigen Frauen und Mütter unseres Stammes. Denn wenn selbst in den trübsten Zeiten unserer Geschichte die beglückende Innigkeit unseres Familienlebens die gerechte Bewunderung unserer Mitwelt erregte, so daß der fremde, heidnische Seher begeistert ausrief: „Wie schön ist es in Deinen Hütten, Jakob, in Deinen Wohnungen, Israel\" so danken wir dies ja eben nur unseren edleren Frauen und Müttern. Und ebenso auch, daß mitten in den höchsten Stürmen und Kämpfen der Zeit der fromme Geist des Judenthums in unseren Häusern ein uneinnehmbares Asyl fand und Söhne und Töchter uns aufwuchsen, die dem gebeugten und gedrückten Judenthum zur höchsten Ehre gereichten — zumeist nur unseren edleren Frauen und Müllern ist das zu danken! (Lebhafter Beifall.) * * * V. Doch nachdem ich Ihnen hier diese vier älteren Ansichten augeführt, die wohl bereits sattsam begründeten, daß in diesem poetischen Bilde vom Weinstocke durchaus kein bloßer Chauvinismus zu erkennen ist — so sei es nun dennoch auch mir — auch meiner Wenigkeit — gegönnt, noch ein fünftes Argument, uud zwar aus der lebendigen Mitte und Tiefe unserer Zeitgeschichte heraus geschöpft, Ihnen hier vorzuführen. Wenn man in einem beliebigen Lehrbuche der Naturgeschichte über das Wrsen des Weinstockes sich zu belehren sucht, so findet man, daß der Weinstock immer und zu allen Zeiten zahlreiche Feinde hatte — große und kleine Schädlinge, die . sein Wachsthum und Gedeihen zu behindern suchten. Spricht doch schon das Hohelied (2. 15) von den Füchsen, den großen und den kleinen, die den Weinberg zu verheeren suchen. Und noch früher schon spricht Moses von dem bösen Wurm, der die Weinberge zu vernichten sucht (S. C. M. 28, 39). Doch alle diese Feinde des Weinstockes traten früher nur sporadisch auf, allein vor vier Jahrzehnten — genau anno 1863 — erschien plötzlich der gefährlichste Feind des Weinstockes, der ihn bis auf den Grund zu vernichten suchte. Und im Volksmunde hat dieser gefährliche Schädling einen sehr unschönen Namen, wie er ihn eben verdient — sie nennen ihn dieReblau s, die Phylloxera vastatrix. Anfangs gaben sich die Weinbergbesitzer ganz verloren, doch allmälig faßten sie Muth, sie sagten sich, Gott wird wohl seine edelste Pflanze nicht aus dem Buche der Schöpfung vernichten lassen. Sie ließen aber auch ihre eigenen Hände nicht im Schooße liegen, sie gingen dem bösen Schädling hart zu Leibe. Alles Böse in der Natur führt auch ein Gutes mit sich. Man fing jetzt erst an, dem bedrohten Weinberg alle mögliche Sorgfalt zuzuwenden. Man pflanzte junge, edle, kräftige Reben a n, die dem Schädling kräftigen Widerstand bieten werden, und so hofft man, daß für den Weinberg wieder bessere Zeiten kommen werden. Nun, geehrte Herren, ich frage Sie Alle: Werden wir hier nicht mächtig an das heilige Bibelwort erinnert, das uns den jüdischen Stamm unter dem Bilde des Weinstockes darstellt? Fast gleichzeitig mit jenem verheerenden Schädling des Weinstockes kam auch über uns plötzlich jene PKMoxera vastatrix des Antisemitismus. Auch wir verzagten Anfangs, aber dies dauerte nicht lange, wir faßten bald Mutb, wir sagten uns. der uralte Baum der unter dem sichtbaren Schutze Gottes so Vieles überständen hat, wird auch an diesem neuen Schädling nicht zu Grunde gehen. Und wie überall in der großen Gotteswelt brachte das Böse auch manchen großen Segen mit sich. Auch wir fingen an, unseren bedrohten Weinberg größere Sorgfalt zuzuwenden. Ein neuer Geist erwachte in uns, der die Eiseskälte des religiösen Jndifferentismus aus unserer Mitte zu bannen suchte. Wie man draußen die Weinberge mit jungen Reben bepflanzt, so begannen wir unserer Heranwachsenden Jugend die wärmste Sorgfalt zuzuwenden, ihr die großen Schätze unseres heiligen Schriftthums lieb und theuer zu machen. Der größte Segen aber, den wir gerade dieser schlimmen Erscheinung verdanken, ist das immer mehr erstarkende warme Gefühl der Zusammengehörigkeit. Wir wollen Alle zusammen als eine große heilige Vereinigung, als eine Chewra-Kadischa im größten und edelsten Wortsinne dastehen, um durch gemeinnütziges edles Wirken und Schaffen, durch ehrliche Arbeit und Fleiß, durch makellosen Namen, den kein Hauch des Unrechts trübe, und endlich durch mannhaftes doch bescheidenes Auftreten im Leben uns die unverkürzte Werthchätzung der Mitwelt erringen! (Beifall.) * . * * In solchem Sinne und Geiste bringe ich den hier versammelten. hochverehrten Mitgliedern der großen Wiener Chewra- Kadischa ein warmherziges Hoch aus. Dieselbe ragt hoch in die Jahrhunderte hinauf; während angenommen worden ist, daß von dem berühmten R. Simon ben Zemach im Jahre 1418 gegründete Chewra-Kadischa die älteste ihrer Art ist, hat der selige Dr. Gerson Wolf nachgewiesen, daß Spuren einer Chewra- Kadischa in Wien bis 1320 hinaufreichen. Aus vollem Herzen spreche ich herzlichsten Dank für die Freundlichkeit aus, mit der Sie mich zum Ehrenmitgliede dieses großen heiligen Vereines erwählten. Unser allseitiges begeistertes Hoch gilt dem hochverehrten Präsidenten des Vereines, Herrn Moritz K arpeles, der durch sein umsichtiges, thatkrästiges Walten, wie durch sein für alles Gute und Edle warmfühlendes. Herz allenthalben segenfördernd wirkte, und ebenso dem hochverehrten Vicepräsidenten Herrn Dr. Markus Spitzer, der mit seiner juridischen Fachgelehrsamkeit auch eine hervorragende Kenntniß des jüdischen Schriftthums und volle Begeisterung für die Religion und hie Wissenschaft des Judenthums verbindet. (Lebhafter, langanhaltender Beifall.) Trinkspruch des Herrn Gerneiyderathes Donath Zifferer. Verehrte und geliebteGlaubensbrüd er! Es scheint mir wenig Wahrscheinlichkeit dafür vorhanden, daß jetzt ganz unvermuthet in. unsere Versammlung ein> P. Kapuziner

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