Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 10 (8.3.1901)
- Date
- 1901-03-08
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 10 Vr. Bloch's WochrnfchrM. Sette ISS nicht zusammengekommen. Wer aber veranstaltet dieses heitere Fest? Die Chewra-Kadischa, also ein Verein, dessen Thätigkeit nach seiner ursprünglichen Institution das ganze Jahr vom Friedhof in Anspruch genommen ist. Sie sehen also, daß diese Thätigkeit, die ja an sich gewiß nicht erfreulich ist, mit der hier herrschenden heiteren Stimmung sich ganz wohl verträgt. Ich gehe aber noch weiter. Die Chewra-Sude findet herkömmlich am 7. Adar statt, das ist der Todestag unseres größten Propheten, der Todestag Moses. Liegt in dieser Anordnung nicht der Beweis dafür, daß für uns Tod und Friedhof nicht den Charakter des Niederdrückenden, sondern des Erhebenden besitzen? Nun frage ich aber andererseits: Was ist denn die Geschichte der übrigen Menschheit? Darauf darf man die allerdings niederorückende Antwort geben: Sie ist, wenigstens zum weitaus größten Theile, eine Geschichte der Schlachtfelder. In vielen Hauptstädten sind zahlreiche Straßen und öffentliche Plätze nach Schlachtfeldern und den darauf erfochtenen Siegen benannt. Aber die Schlachtfelder sind gewiß nicht die Stätten, auf welche die Menschheit mit Stolz Hinweisen kann. Der Genius der Menschheit muß in ihrem Angesichte sein Haupt vor Scham verhüllen. Dagegen sind die jüdischen Friedhöfe wirkliche Ruhmesstätten des Menschengeistes. Soweit solche noch aus den Tagen des Mittelalters erhalten sind, erzählen ihre Denksteine nicht von großen Feldherren, die Hekatomben von Menschen der Willkür Einzelner hingeopfert haben, aber sie erzählen von Solchen, die sich selbst für ihre Ueberzeugung, für den Kiddusch-Haschem, zum Opfer gebracht haben, sie erzählen von Duldern, die von der Höhe ihrer Erkenntniß tief hinuntergesehen haben auf den Fanatismus ihrer Peiniger, sie erzählen von gefeierten Gelehrten, die Tag und Nacht in den Worten Gottes geforscht, von Männern und Frauen, die ihr Leben mit frommen Uebungen und Wohlthaten ausgefüllt haben, mit einem Worte, sie erzählen von Menschen, die zwar von ihren Mitmenschen verfolgt, geächtet, ausgestoßen waren, die sich aber eine ideale Welt geschaffen hatten, woraus sie keiner vertreiben konnte, eine ideale Welt, die über ihre Umgebung hoch hinausragte, an welche der schwere Dunst des allgemeinen Dunkels, Aberglaubens und Fanatismus^gar nicht hinanreichte. Und weil dem so ist, deswegen sind für uns die Friedhöfe nicht die Stätten des Moders und der Verwesung, sondern sie sind blühende Fluren. In der Aeneide sagt Dido: „Lxoriare aliquis nostris ex ossibus ultor!“, „ein Rächer möge aus unseren Gebeinen erstehen." Diese Blüthe ist aus den auf den jüdischen Friedhöfen ruhenden Gebeinen nicht aufg-'gangen. Aber andere Blüthen. Man hat früher keine Blüthen und Blumen auf die Friedhöfe hinausgetragen, sondern sie sind da. so ungepflegt die Friedhöfe waren, gewachsen. Was denn für Blüthen? Ich will es Ihnen sagen: Der Lebensmuth, der Wagemuth, der Opfermuth, der edle männliche Trotz und die tapfere Beharrlichkeit der Ueberzeugung, die Sehnsucht nach Erleuchtung und Aufllärung, und endlich die schönste Blüthe — das weiche, milde, warme jüdische Herz in der stählernen Brust. Aus diesen Blumen wanden Diejenigen, die auf Kewer Owaus gingen, sich Kränze und nahmen fie mit! Hat aber ein Friedhof, auf dem ein solcher Blumenflor gedeiht, etwas Niederdrückendes? War es nicht vielmehr den Thatsachen entsprechend, daß man den Friedhof bei uns „das Haus des Lebens" nannte? Das war nicht eine antiphrastische Ausdrucksweise, keine bloße Redensart, nein es war die bare Wirklichkeit. Auf den jüdischen Friedhöfen ist der Tod nicht Sieger geblieben, sondern er ist überwunden. Bon daher kam immer neues Leben in die bedrückten Gemüther. Deshalb habe ich gesagt, daß die Geschichte des Judenthums und der jüdischen Gemeinden eine Geschichte der jüdischen Friedhöfe ist. Wenn wir dies erwägen, so dürfen wir trotz aller Unbill der Gegenwart auf die gegen uns ins Werk gesetzten Machinationen verächtlich hinuntersehen. Wie? Mit dem Hausirergesetz will man uns bekämpfen, oder mit der Börsensteuer, oder damit, daß man der Berfaffung eine Nase dreht und uns von den Staatsämtern ausschließt, oder damit, daß man alte Fabeln auffrischt und das Volk noch dümmer macht, als es schon ist? Lächerlich! Uns kann nicht einmal das Begrabenwerden was anhaben. Ich will wie Simson unseren Feinden das Geheimniß verrathen, wie man uns beikommen kann. Man müßte die jüdischen Friedhöfe caffiren und von Staatswegen dictiren, daß sich alle Juden nach ihrem Tode verbrennen laffen — das wäre vielleicht ein probates Mittel, das Judeuthum endgiltig aus der Welt zu schaffen. Aber solange jüdische Friedhöfe existiren, so lange wird das Judenthum immer von Neuem erblühen, werden die jüdischen Gemeinden immer von Neuem erstehen. Wie und woraus ist denn unsere jetzige Gemeinde entstanden? Aus dem Friedhofe in der Seegaffe. Gehen Sie doch einmal in die Seegaffe, da liegt entrückt von der Straße in aller Stille der alte jüdische Friedhof. Aber davor erhebt sich an der Straße das jüngste Wahrzeichen unserer Gemeinde, ein Palast, das Altersversorgungs- und Siechenhaus. Ist dieser Palast nicht aus dem Friedhofe entstanden, der dahinter liegt, aus den Impulsen, die von jenen beredten Steinen auf uns übergegangen sind und uns angetrieben haben, gleich den Vätern, die darunter liegen, treu zu unserem Glauben und zu den jüdischen Tugenden zu halten? Und ist auf dieselbe scheinbar geheimnißvolle. in Wirklichkeit aber ganz natürliche Weise nicht unsere jetzige Gemeinde nach und nach entstanden? „Und neues Leben blüht aus den Ruinen." Für dieses Wort, das auf das Judenthum hätte gemünzt sein können, ist unsere Gemeinde der schlagendste Beweis. Es war ja auch in unserer Gemeinde Manches verwittert, Manches der Auffrischung bedürftig, aber es haben sich nunmehr Kreise der Verwaltung unserer Gemeinde gewidmet, die durch ihre Stellung ihr Gedeihen vorzüglich zu fördern vermögen. So war es einstmals, und so ist es auch jetzt wiederum und diese Wendung ist der jüngste Beweis von der Berjüngungs- und Lebenskraft des Judenthums. Möge diese Berjüngungs- und Lebenskraft in unserer Gemeinde immer sich bewähren, daß sie wachse, blühe und gedeihe. Unsere Gemeinde lebe hoch! (Lebhafter, langanhaltender Beifall.) Chauvinismus? *) (Ein Vortrag, gehalten beim Brudermahle der großen Chewra-Kadischa in Wien, am 3. März 190 l.) Von Rabbiner Dr. A. Schmiedl. Im biblischen Schriftthume wurde der jüdische Stamm unter dem Bilde eines Weinstockes dargestellt. Man vergleiche die poetische Darstellung dieses Bildes im 80. Capitel des Psalmbuches. Da jedoch der Weinstock eine der edelsten Pflanzen ist, mit der Gott unsere Erde geschmückt hat, und da von der Frucht des Weinstockes mit Recht gesagt wurde, daß sie Gott und Menschen erfreue, so entstand schon bei unseren alten Lehrern die Frage, ob es nicht als eine nationale Uebertreibung zu betrachten sei, — alseine Art Chauvinismus nach unserer heutigen Bezeichnung — daß man gerade diese edelste der Pllanzen herauswählte, um unseren jüdischen Stamm damit zu dergleichen? Hierauf folgten nun vier verschiedene Ansichten, um dieses poetische Bild zu rechtfertigen und durch thatsächliche Berhältniffe als geschichtlich begründet nachzuweisen. 1. Der erste Lehrer sprach Folgendes: Wie entsteht denn eigentlich der edle Saft des Weinstockes — der Wein? Dies ist wohl sattsam bekannt. Die Trauben werden gekeltert, d. h. g epreßt, zerdrückt, zerstampft, mit schweren Steinen beladen, ja — buchstäblich — mit Füßen getreten. Der edle Saft dieser zerdrückten, zertretenen Trauben wird aber sodann in Bouteillen gefüllt, in Krystallflaschen geleert und in silbernen oder goldenen Pocalen auf die Tafeln von Fürsten und Königen aufgestellt, wo deffen Bortrefflichkeit Bewunderung erregt, da er jedes Herz erfreut, jedes Auge erleuchtet und die Seelen Muth und Begeisterung aus ihm schöpfen. Und gibt somit dies Alles nicht — so rief dieser Lehrer aus — ein begründetes Bild unseres Stammes? Auch dieser wird gepreßt, zerdrückt, mit Steinen geworfen, mit Füßen getreten — und doch ist das Edelste und Herrlichste, das die Menschheit besitzt, aus diesem StaMme gekommen: die Lauterkeit und Hoheit des Gottesbegriffes, die höchsten Gebote der Menschengesittung, der Völkerveredluug, und eine Literatur, ein Schriftthum, das an Schönheit, an Großartigkeit, an Gedankenhoheit seinesgleichen nicht hat — von deffen Bewunderung daher jeder Mund überströmt und jede Menschenseele sich daran labt und erhebt? IL Nachdem dieser erste Lehrer geendet, kam ein zweiter Lehrer und sprach also: Wenn Jemand im Besitze eines Weinberges ist, dann findet er dringendst geboten, einen Wächter l r- . *) Der Ausdruck Chauvinismus datirt freilich erst aus dem ersten Viertel des vorigen Jahrhunderts, entstanden durch die maßlose Bewunderung und Uebertreibung der napoleonischen Heldenthaten, die sich unter den verabschiedeten Soldaten des Kaiserreiches (Chauvins) kundgab. Aber der Begriff, den man nunmehr mit dieser Bezeichnung verbindet, war längst bekannt.