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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-03-01 · 9 (1.3.1901) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
9 (1.3.1901)
Date
1901-03-01
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 8 Sette 153 Br. Blvch's Wochenschrift hiesigen jüdischen orthodoxen Bevölkerung weit davon entfernt ist, jenen Standpunkt zu theilen. Es kann fernerhin einem Zweifel nicht unterliegen, daß die Tendenz des beabsichtigten Vereines im Allgemeinen auf eine Lossagung von der Cultusgemeinde und ihren rituellen Institutionen hinzielt, was schließlich eine Zerbröckelung in wer weiß wie viel Stücke zur unausweichlichen Folge haben muß. Wir werden dann . ungarischer Zustände, die wir bisher glücklicher Weise vermieden haben, uns erfreuen. Dort mögen allerdings durch die rücksichtslose Neuerungssucht auf der einen und den finstern Fanatismus auf der andern Seite die thatsächlichen Voraussetzungen für derartige Spaltungen vorhanden sein. Wenn nun gewisse Kreise vermöge ihrer angeborenen Neigungen nach Ungarn hin gravitiren, so darf man sie darin ruhig gewähren lassen. Es heißt jedoch entschieden zu viel verlangt, wenn einem zugemuthet wird, der gesammten Gemeindeverfassung einen ungarischen Zuschnitt zu geben. Wir werden dann auch hier in Wien bald zu den neologen, orthodoxen und Ltatusquo- Gemeinden, jede natürlich in wer weiß wie viel Spielarten, kommen. Denn was dem einen recht, ist für den andern nur billig. Es gibt auch hier innerhalb der Gemeinde Gruppen, denen der orthodoxe Standpunkt der Proponenten nicht streng genug, wie es auch an solchen keinen Mangel hat, denen er als viel zu streng gilt. Man soll nur derartige Gelüste wecken und sie alle werden bald mit dem gleichen Ansinnen hervortreten. Unsere Regierung hat aber mit der Schaffung des Gesetzes von der Einheitlichkeit der Cultusgemeinde allen derartigen Gelüsten ein für allemal einen Riegel vorgeschoben. Es sei in aller Kürze ferner darauf hingewiesen, daß der fragliche Verein seinen Einfluß auf alle Gemeinden Oesterreichs auszudehnen beabsichtigt. Solche Bestrebungen greifen weit über die Rechtssphäre des Cultusvorftandes hinaus. Collisionen mit den einzelnen zu Recht bestehenden Cultusgemeinden werden sich kaum vermeiden laffen. Dazu sollte doch unser Vorstand nie und nimmer seine Hand bieten. Wenn bas vorgelegte Statut die Oberaufsicht des Cultusvorftandes scheinbar anerkennt, so kann diese doch ausschließlich nur formaler Natur sein und keineswegs den zur Genüge gekennzeichneten Tendenzen des in Aussicht genommenen Vereines entgegenarbeiten. Scheint es nach dem Gesagten evident, daß der fragliche Verein auf eine Sprengung der Gemeinde hinarbeitet, die schließlich ins Unabsehbare führen kann, so muß dem gegenüber dem Vorstande zugerufen werden: Principiis obsta! Der Antisemitismus tut Wiener Spitale der Barmherzigen Brüder. Die moderne Seuche, die schon nahezu zwei Jahrzehnte ihre verheerende Wirkung übt und alle Kreise der Bevölkerung ergriffen hat, ist auch in Räume gedrungen, die der Barmherzigkeit und der Menschenliebe geweiht sind. Wie uns von einem Patienten, dessen Glaubwürdigkeit außer Zweifel steht, berichtet wird, hat die Judenhetze auch in das Wiener Spital der Barmherzigen Brüder ihren Einzug gehalten. Bis vor noch kurzer Zeit wurde bei der Aufnahme von Kranken in diesem Spitale ein Unterschied in der Confeffion nicht gemacht. Ob Jud oder Christ, ob Mohammedaner oder Fetischanbeter, sie Alle wurden mit gleicher Charitas ärztlich gepflegt und betreut. Seit Kurzem ist aber auch in das Wiener Spital der Barmherzigen Brüder ein neuer Geist eingezogen. Die schon von früher in der Anstalt befindlichen jüdischen Patienten wurden in der Behandlung zurückgesetzt und fortwährend mit dem epitbeton ornans „Judenvolk" apostrophirt. Die jüdischen Patienten mußten sich eine gegen die christlichen Kranken zurücksetzende und verletzende Behandlung gefallen laffen. Das koschere Mittagmahl wurde ihnen allerdings von einem jüdischen Vereine bestellt, dagegen war beim Frühstück und Abendbrot Schmalhans Küchenmeister. Den christlichen Patienten wurde des Morgens der Kaffee und des Abends die Milch in den Krankensaal gebracht, die Mischen Patienten dagegen mußten sich diese holen, trotzdem ihnen ärztlicherseits strenge verboten war, den Krankensaal zu verlassen. Wenn sich die jüdischen Patienten beschwerten, daß sie Hunger leiden, so wurden sie damit abgespeist, daß man für Juden überhaupt nichts habe. Aus der Augenabtheilung wurden die jüdischen Patienten förmlich hinausgejagt, und nur auf eindringliches Verlangen des verdienstvollen und von idealer Humanität beseelten Spitals- Oculisten Dr. T o p o l a n s k y, der sich wiederholt über die rüde und empörende Weise beschwerte, mit welcher den jüdischen Patienten begegnet wurde, wieder ausgenommen. Der Antisemitismus hat im Wiener Barmherzigen-Spitale auch schon zu einer Krise geführt. Da die jüdischen Patienten von der Augenabtheilung neuerlich weggewiesen wurden, erklärte der behandelnde Oculist Dr. TopolanSky, daß er in diesem Spitale, in welchem die Kranken nach ihrer Confeffion differenzirt werden, nichts mehr zu thun habe, und derart muß, wegen einer gemeinen Hetze, eines unserer größten Krankenhäuser einen der hervorragendsten und bedeutendsten Specialisten, wie es Doctor Topolansky ist, entbehren. Nur nebenbei sei erwähnt, daß Juden das Spital der Barmherzigen Brüder materiell reichlich unterstützen und auch nach jeder Richtung hin fördern. Der neue herrliche Tract des Wiener Barmherzigen Spitales ist nahezu ganz von jüdischem Gelde erbaut worden. Die Juden werden nach wie vor die edlen Ziele und humanitären Zwecke des Ordens der Barmherzigen Brüder fördern. Denn es ist wohl außer Zweifel, daß die häßliche Strömung im Wiener Barmherzigen-Spitale von den Ordensobern mißbilligt wird und daß die Uebelstände über kurz oder lang beseitigt werden dürften. Tiefbetrübend ist der Umstand, daß die Judenhetze nach und nach alle Kreise der Bevölkerung inficirt, und es erweist sich als ein Gebot der Nothwendigkeit, dieser die Gemüther verrohenden Seuche maßgebenderseits mit aller Entschiedenheit entgegenzutreten. Eduard Beer. Wien. (Jüdisches Museum.) Samstag Abends fand im Gewerbevereinssaal ein hochintereffanter Vortrag statt, der die „Reise durch Tunis und Algier" durch Vorführung von Skioptikonbildern durch Herrn Josef Beck zur Grundlage hatte. Eine Stunde (leider eine für diesen Zweck zu kurz währende Stunde) waren die sehr zahlreich erschienenen Mitglieder und Gäste der rührigen Gesellschaft nach Nordafrika geladen, und was hier zu sehen war, war von solch' überwältigendem Eindruck, daß es nicht Wunder nimmt, wenn seitens der Zuhörer der Ruf ertönt, Herr Beck möge nochmals diese Serie vorzeigen. Von Marseille aus erfolgte in mondheller Nacht, die ausgezeichnet ausgenommen war. die Abreise nach Tunis, woselbst Herr Beck einen mehrtägigen Aufenthalt nahm, die er zu Aufnahmen höchst charakteristischerBilder benützte. Unter den letzteren waren besonders diejenigen für die Damen von Jntereffe, die ihre Geschlechtsgenoffinnen wiedergeben und die humoristischen Erläuterungen wieder erweckten oft lebhafte Lachsalven. Nach dem Besuche mehrerer Städte, wie Kairuan, Constantine, El Kantal, Oase Bis gan re. wird die Rückfahrt an getreten und bei Eintreffen, diesesmal der Schluß, wird dem Vortragenden eine Ovation durch nicht endenwollenden Beifall bereitet, an der sich die Anwesenden betheiligten, unter welchen zu bemerken waren: Ober- Rabbiner Dr. G ü d e m a n n, die Barone Alphonse und Willy von Rothschild, Hofschauspieler Ober-Regisseur Adolf Ritter von Sonnenthal, Hofrath von S m o l a n, der Bicepräses der Cultusgemeinde Dr. Alfred Stern, Oberbaurath Taufsi g, der Generaldirector der Bodencredit-Anstalt Theodor Ritter von T a u s s i g, Baurath S t i a ß n y. Obercantor Singer, Religionsschul-Jnspector Prof. Dr. K a n i tz, die Operateure Dr. Herzfeld und Dr. Keppich, Cantor Blatt, die Gemeinderäthe H e l b i g und C. M. Mayer, Director Heller, Großindustrieller Filipp B o n d y u. v. A. E. J- Floridsdorf, 27. Februar. Entsprechend der freudigen Tendenz des Monats Adar reiht sich in der hiesigen Cultusgemeinde Fest an Fest. Auf das 25jährige Amtsjubiläum des Herrn Lehrers Ehrenfest folgte gestern die nach jeder Richtung gelungene Feier des 25jährigen Bestandes des religiös-humanitären Vereines „Chewra-Kadischa“. Bei der Tempelfeier, zu der als Vertreter der Wiener Cultusgemeinde Herr Secretär Dr. Adler, ebenso Abordnungen einzelner Nachbargemeinden erschienen waren, hielt Se. Ehrwürden Herr Bezirksrabbiner Dr. Rofenmann eine begeisterte, tiefdurchdachte Gedächtnißrede de.: Manen unseres unsterblichen, großen Propheten, wie auch den verstorbenen Mitgliedern des Vereines, darunter der erste Rabbiner Salomon Hahn seligen Andenkens, gerecht werdend, deren Andenken in pietätvoller Weise erneuernd. Cantor Groß trug, von einem Chore begleitet, das ü liche LI molö raebamim schwungvollst vor. Nahezu die ganze Gemeinde, ebenso einige Ehrengäste versammelten sich Abends in Jöchlinger's Restaurant zum festlichen Brudermahle, bei welchem der Vereinsobmann und Tempelvorsteher Herr Max Neumann die Anwesenden herzlichst begrüßte. Die eigentliche Festrede hielt der allseits beliebte und geschätzte Rabbiner, zugleich an der Hand eines Spruches unserer alten Weisen die löblichen Ziele des Jubelvereines skizzirend, dem feierlichen Moment durch eine actuelle, zündende Apostrophe an die Versammelten Ausdruck gebend. Hierauf hielt Herr Gabr. Dukes, Cassier des Vereines, eine tiefbewegte Ansprache an den vielverdienten Obmann und Tempelvorsteher Herrn Max Neumann, einen der Gründer des Vereines, dem er bereits über 20 Jahre in Eifer und Ehren vorsteht, zugleich als Zeichen der Anerkennung und des Dankes eine von Herrn Dr. Rosenmann verfaßte und von dem bestbekannten Kalligraphen M. Kunstadt prachtvoll auSgeführte Adreffe überreichend, welche die Ernennung zum Ehrenmitgliede enthält, dessen Leistungen registirt. Es folgt nun die Reihe der Toaste, deren Reigen Herr Cultusvorsteher M. Mandl aus Groß-Enzersdorf mit dem auf Se. Majestät, den allverehrten Schützer und Schätzer der Volksrechte, eröffnet, derr Contrast der lichten Gegenwart mit der trüben Vergangenhett hervorhebend. Cultusvorstand Dr. König verliest einen

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